43/2001

INHALT

Leitartikel

Afrikanische Kirchen

von Rolf Weibel

 

Katholische afrikanische Christen und Christinnen in Europa sammeln sich ­ letztlich aus ekklesiologischen Gründen ­ meist in so genannten Sprachmissionen. Christen und Christinnen anderer Kirchenzugehörigkeit kommen hingegen eher in transkonfessionellen afrikanischen Gemeinden zusammen, immer häufiger aber in afrikanisch initiierten Kirchen. Solche Kirchen wurden früher, als sie noch weniger zahlreich waren, im Unterschied zu den historischen Missionskirchen unabhängige afrikanische Kirchen genannt. Da diese afrikanisch initiierten Kirchen die religiöse Landschaft Europas und auch der Schweiz verändern, in der Schweiz haben sich 18 solche Kirchen zu einer Konferenz zusammengeschlossen, liessen sich die Ökumenische Arbeitsgruppe «Neue religiöse Bewegungen in der Schweiz» und der mit ihr verbundene Arbeitskreis der Kontakt- und Beratungsstellen im Rahmen ihrer diesjährigen Weiterbildungstagung über dieses Phänomen kundig machen.
Mit der zahlenmässigen Zunahme afrikanischer Christen und Christinnen breiteten sich in Europa auch afrikanische kirchliche Gruppen und Kirchen aus, die der ghanesische Religionshistoriker Afe U. Adogame «afrikanische neue religiöse Bewegungen» nennt, weil sie in Afrika entstanden und historisch gesehen eine neue Erscheinung sind. Ihre hauptsächlichsten Gründungszeiten sind die 1960er und dann die 1980er Jahre, wobei es in der zweiten Phase vor allem zu charismatischen bzw. pfingstlerischen Gründungen gekommen ist. Die ersten Gemeindegründungen waren zum Teil kurzlebig, weil sich häufig Studenten und Studentinnen zu Gebets- oder Gottesdienstgruppen zusammengeschlossen hatten. Je grösser jedoch der Anteil der Arbeit oder Asyl Suchenden und damit jener, die sich auf einen längeren Aufenthalt einrichteten, wurde, desto stabiler wurden diese kirchlichen Gruppen. Mit zunehmender Dauerhaftigkeit wuchs ihr Verlangen nach kirchlicher Anerkennung.
So schlossen sich die einen als Filialen einer Kirche in Afrika an, während andere selber Filialen in Afrika gründeten oder zu gründen beabsichtigten. Zur ersten Gruppe gehört die Celestial Church of Christ Worldwide, die über die Schweiz in München eingeführt wurde;<1> afrikanisch initiierte Kirchen mit Hauptsitz in Afrika entsenden nach Möglichkeit Missionare nach Europa (und Amerika). Zur zweiten Gruppe gehört die Christian Outreach Mission Church, die in Hamburg aus einer englischsprachigen Gottesdienstgemeinde herausgewachsen ist und heute in Ghana bereits gut 40 Filialen hat. Der deutsche Missionswissenschaftler Benjamin Simon, dessen Forschungsobjekt die afrikanischen Kirchen in Deutschland<2> und ihre Identitätssuche sind, sprach in Bezug auf diese Kategorien von der Gründungsgeographie dieser Kirchen. Dabei unterschied er zwischen autochthoner und diasporaler Ekklesiogenese, wobei die diasporale Ekklesiogenese eine solche mit oder ohne Gemeindegründungen in Afrika sein kann.
Bei der Betrachtung aller afrikanischen kirchlichen Gruppen und Kirchen legt sich für Benjamin Simon überdies eine linguistische und konfessionelle Unterscheidung nahe. Unter dieser Rücksicht bilden die pentekostal (pfingstlerisch) ausgerichteten Kirchen die grösste Gruppe; das können klassische pfingstlerische Kirchen, charismatische Gruppen in traditionellen Missionskirchen oder afrikanisch initiierte Kirchen sein. Eine zweite Gruppe bilden die «Sprachmissionen» in den historischen Missionskirchen; so finden namentlich katholische Afrikaner und Afrikanerinnen ihre kirchliche Heimat. Eine dritte Gruppe wird von Afrikanern und Afrikanerinnen unterschiedlicher Kirchenzugehörigkeit gebildet, die sich in «transkonfessionellen» Gruppen sammeln, deren Seelsorger ein von der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) angestellter afrikanischer Pfarrer ist.
Ein wichtiger Faktor für das Entstehen afrikanisch initiierter Kirchen war, wie Afe U. Adogame erläuterte, eine zweifache Diasporasituation. Zum einen fanden nach Europa ausgewanderte Afrikaner und Afrikanerinnen in den Konfessionskirchen, denen sie in Afrika angehört hatten, nicht nur aus sprachlichen Gründen keine Heimat. Zum andern gewannen andere Immigranten den Eindruck, in der Festung Europa zusammenstehen zu müssen. Trotzdem stehen einige afrikanisch initiierte Kirchen mit europäischen Kirchen in Verbindung und die meisten sind dabei, untereinander Netzwerke zu knüpfen. Wichtig scheinen ihnen jedenfalls überlokale Beziehungen; so führten manche in ihren Namen Adjektive wie international oder global ein, noch bevor sie Filialen gegründet hatten. Neuere Entwicklungen dürften die Suche nach einem europäischen Weg der afrikanischen Identität<3> und die Zuwendung zu praktischen gesellschaftlichen Fragen sein.
Nach der Einschätzung von Benjamin Simon spielt die Identitätssuche eine eminent wichtige Rolle. Auch wenn die Identitätsfindung von der Herkunft und Ausrichtung der jeweiligen kirchlichen Gruppe bzw. Kirche abhängig ist, scheint sie doch in ähnlichen Phasen zu erfolgen: von einer Seklusion über eine Öffnung (zumal in der 2. Generation) zu einer Integration; diese kann so weit gehen, dass es in afrikanisch initiierten Kirchen Gemeinden gibt, deren Presbyterien Europäer angehören. Damit ist eine wichtige Leistung der afrikanisch initiierten Kirchen angesprochen: sie ermöglichen eine positive Identitätsfindung in der Fremde, indem sie in der religiösen Umwelt eine Identifikationsgruppe bilden. Einer engeren Zusammenarbeit mit den europäischen Kirchen bzw. ihren örtlichen Gemeinden steht indes eine nicht unerhebliche Schwierigkeit im Weg: die praktisch allen afrikanisch initiierten Kirchen gemeinsame pentekostale ­ charismatische bzw. pfingstlerische ­ Theologie. Diese Schwierigkeit dürfte eine der grössten Herausforderungen sein, die das afrikanische Christentum in Europa für das europäische Christentum bedeutet.<4>
Ein düsteres Kapitel des afrikanischen Christentums stellte an der Weiterbildungstagung Jean-François Mayer vor, der sich mit seiner Arbeit an der Aufklärung des Massentodes der «Sonnentempler» einen Namen gemacht hat: den Massentod in der ugandischen Sekte «Movement for the Restoration of the Ten Commandements (restauration des dix commandements)». Am 17. Juni 2000 verbrannten in der Kirche dieser Gruppe in Kanungu, im südlichen Uganda, über 350 Mitglieder; in der Folge fand man überdies 6 ermordete Männer sowie an vier verschiedenen Orten Massengräber mit weiteren 444 Opfern.
Bei zwei Besuchen hat Jean-François Mayer Informationen gesammelt und sich ein Bild von der religiösen Landschaft Ugandas im allgemeinen und von der Glaubenswelt dieser Sekte im besonderen machen können. Für ihn ist der Volkskatholizismus in Uganda der Nährboden der Bewegung von Kanungu und eine katholische Subkultur mit Randgruppen der unmittelbare Kontext; die Endzeitbewegung von Kanungu, die bereits am Rand der Kirche begonnen hatte, hat schon bald mit ihrem Bischof gebrochen.
In der Bewegung von Kanungu spielten Visionen, namentlich Marienerscheinungen eine Rolle: die Bewegung scheint erwartet zu haben, dass die Jungfrau Maria am 17. März 2000 die Auserwählten in den Himmel holen wird. Diesbezüglich gab es internationale Verbindungen, während in anderer Hinsicht ein selektiver Traditionalismus lokaler Art zum Tragen kam; so wählte die Bewegung 12 Apostel, von denen die Hälfte Frauen waren. Offen lassen musste Jean-François Mayer die Frage nach der doktrinären Begründung der ausgebrochenen Gewalt; die Apokalyptik hält er für einen perfekten Hintergrund, nicht aber für einen hinreichenden Grund. Offen bleiben mussten auch Einzelfragen, weil Jean-François Mayer bei seinen Recherchen auch auf Schweigen gestossen ist.


Anmerkungen

1 Mit dieser Kirche hat sich Afe U. Adogame eingehend befasst: Celestial Church of Christ: The Politics of Cultural Identity in a West African Prophetic-Charismatic Movement, (Studies in the Intercultural History of Christianity, 115), Bern/Frankfurt a.M. 1999.

2 In Deutschland leben offiziell rund 500000 Afrikaner und Afrikanerinnen, in der Schweiz sind es rund 35000, wovon 20000 aus Schwarz- und Südafrika. Dementsprechend dürfte es in Deutschland über 250 afrikanisch initiierte Kirchen geben.

3 Siehe dazu die Sondernummer der International Review of Mission: «Open Space: The African Christian Diaspora in Europe and the Quest for Human Community» (Vol. LXXXIX, No. 354, July 2000).

4 Zum kirchen- und theologiegeschichtlichen Kontext S. 606 dieser Ausgabe.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001