42/2001 | |
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Leitartikel |
Es ist gute Tradition, einen Bibelsonntag durchzuführen. Das Schweizerische
Katholische Bibelwerk und die evangelische Bibelgesellschaft laden jedes
Jahr dazu ein. Sie gestalten dafür ökumenische Unterlagen mit
biblischen Impulsen, Anregungen für Bibelarbeit und Vorschlägen
für Gottesdienst und Predigt. Tradition ist aber auch, dass sich die
Verfasser und Verfasserinnen dieser Unterlagen jeweils über den Sinn
dieser Tradition streiten. Jeder Sonntag ist doch ein Bibelsonntag
oder sollte es mindestens sein. Warum also ein Bibelsonntag?
Die Antwort ist einfach. Wer mit der Bibel lebt und arbeitet, weiss: Nur
zu schnell schleift sich der Alltagstrott auch in den Umgang mit dem alten
Buch ein. Könnte es sein, dass gerade erfahrene Bibelmenschen Opfer
der eigenen Lektüre werden, dass sich die Bibel unter ihren Händen
in einen brauchbaren, aber toten Götzen verwandelt? Weil diese Gefahr
in allem Tun steckt, kann ein gemeinsames Lesen helfen, das offen ist für
Widerspruch, abwägt, gutheisst und verwirft.
Dazu eignet sich der Schrifttext des diesjährigen Bibelsonntags besonders
gut: Dieser Psalm weist über Grenzen, über den Zwang, für
die eigene Ehre zu sorgen, und über die immer gleichen theologischen
Gedanken hinaus. Er zeigt Spuren ins lebendige, tastende Suchen und in die
Ruhe des siebten Tages. Psalm 115 lobt Gott und klagt die Götzen an.
Er bringt Stimmen in und um uns zum Ausdruck: Gott preisen, und doch sehnsüchtig,
ironisch nach Gott fragen, und doch den Götzen dienen, die so ansteckend
leblos sind, und doch wieder die Kraft finden, Gott zu preisen...
Der Psalm lädt uns ein, genau hinzuschauen: Wie lebendig sind wir selber?
Was stärkt unsere Wahrnehmungsfähigkeit? Wo fühlen wir uns
in unserem Sein und Tun wie unter einer leichten Narkose? Der Psalm konfrontiert
damit, dass die toten Götzen ihren Verehrerinnen und Anbetern die Lebenskraft
rauben. Unsere Lebendigkeit zeigt, ob wir Gott oder einen Götzen verehren.
Dabei ist nicht zu vergessen, dass trockene und traurige Momente auch zum
Leben gehören. Manchmal ist es ein Zeichen intensiver Lebendigkeit,
wenn Menschen sich trauen, diese spröden Zeiten überhaupt wahrzunehmen.
Das Psalmgebet erlaubt und schafft wie jede Liturgie Distanz zu unserer
aktuellen Befindlichkeit. Wir können uns auf alte Sätze stützen,
für deren Hoffnung und Lebendigkeit wir nicht einstehen müssen.
Wenn nichts mehr spricht, wenn wir uns tot fühlen, können wir
uns in den alten Worten bergen, sie stellvertretend für uns sprechen
lassen. Dieser «Bluff» kann unserer Lebenskraft wieder auf die
Beine helfen: Es hängt nicht alles von mir und der momentanen Stimmung
ab.
Kurt Marti, von dem der Titel zum Bibelsonntag stammt, beschreibt dieses
lebendig-sinnliche Gotteslob so:<1>
dennoch bibbert
mein barfüssig lob
in kaltluftseen
oder läuft sich
auf asphalt wund
oder stolpert
in fragefallen
Der Psalm in der neuen Übersetzung von Hanspeter Ernst, Lehrhaus Zürich, liest sich so (115,48):
Ihre Schöpfungen, Silber und Gold sind sie,
Produkte von Menschenhänden:
haben einen Mund, aber reden nicht;
haben Augen, aber sehen nicht;
haben Ohren, aber hören nicht;
haben eine Nase, aber riechen nicht;
ihre Hände, aber tasten nicht;
ihre Füsse, aber gehen nicht;
kein Laut spricht ihre Kehle.
Ihnen gleich werden, die sie machten,
alle, die ihnen vertrauen.
Obwohl tot, sind die Götzen alles andere als harmlos. Eine unheimliche Wirkung geht von ihnen aus: Sie verändern jene, die sie schufen, und jene, die auf sie vertrauen. Die Produkte wirken auf die Produzierenden zurück und machen sie ihnen gleich. Menschen verlieren ihre Sinnlichkeit, ihr Gespür für sich selber und für den gemeinsamen Grund. So haben sie zwar einen an sich gut funktionierenden Mund, aber sie können nicht reden. Ihre Füsse, Nase, Ohren, Hände sind intakt, aber sie können sich nicht orientieren, nicht wahrnehmen, nicht tun, was getan werden muss. Das ist die verheerende Wirkung von Götzen: Menschen werden durch ihre eigenen Schöpfungen ihrer Sinne beraubt und Gesetzmässigkeiten unterworfen, deren Ursache sie selbst sind. Und weil sie diesen Götzen vertrauen, glauben sie, dass die Gesetzmässigkeiten auch so sein müssten, unveränderlich und ewig geltend. Wie kann jemand, der seine Sinnenhaftigkeit verloren hat, mitfühlen, sich freuen, die Jahreszeiten wahrnehmen, trauern, weinen, lachen, helfen? Plötzlich bestimmen die Produkte, was zu tun und was zu lassen ist. Die Beziehung zum eigenen Leib wird als Körperkult zur Religion; schlank ist himmlisch, dick ist höllisch. Behinderte Menschen stören. Globale Geldflüsse sind körperlos und willkommen; migrierende Menschen dagegen machen Angst, denn sie sind körperlich, verletzlich, langsamer als das Geld. Entscheidend ist die Leistung, ob sinnvoll oder nicht und wer nicht mehr leisten kann, verschwinde gefälligst von der Bildfläche. Götzen sind tot, in ihrer Wirkung aber erbarmungslos, deshalb rette sich, wer kann.
Der Psalm setzt einen Kontrapunkt: Israel, das Haus Aaron und Miriam
und all jene, die den Ewigen fürchten, werden aufgefordert, Gott zu
vertrauen. Litaneiartig werden Gruppen aufgezählt, denen im immer gleichen
Refrain Gottes Nähe zugesagt wird. Es sind leider nicht alle (wir),
sondern kleine Gruppen (ihr), die das Vertrauen in Gott hüten.
Die kleinen Gruppen sollen vertrauend auf ihre Geschichte mit Gott weiter
vertrauen. Der Grund ist klar: Im Unterschied zu den Götzen zeichnet
ihn die Fähigkeit der Erinnerung aus: Die Menschen in ihren Trennungen,
im Unrecht und im Vergessen sind aufgehoben im Gedächtnis Gottes. Nicht
verloren gegeben sind dort auch jene, die noch nicht loben können (sie,
die anderen), die jetzt noch von ihren Produkten/Götzen abhängig
sind. Aus dem guten Gedächtnis Gottes fliesst Segen, aus der Erinnerung
wächst Leben, Leben für Israel, das Haus Miriam und Aaron, für
diejenigen, die Gott fürchten, die Kleinen (zuerst!) und die Grossen.
Selbst die anderen (sie) sind nicht davon ausgeschlossen: Der sehnliche
Wunsch geht dahin, dass aus den getrennten Gruppen sie, ihr
endlich ein wir werde. Die Schöpfung ist so lange nicht zum Ziel gekommen,
als diese Einheit noch nicht ist.
Die Herstellung der Götzenbilder entspringt dem verständlichen
Wunsch, Gott hier auf Erden haben zu wollen, damit er ganz nahe ist. Die
Zwänge, Entfremdungen, Sünde und Not auf der Erde sind das Baumaterial
dieser Götzen. Sie funktionieren nach Gesetzmässigkeiten, die
entfremden und zerstören. Darum betont der Psalm, dass zwar die Erde
weggeschenkt ist, der Himmel jedoch dem Ewigen gehört. Gott allein
übersteigt die Welt mit all ihren Systemen gewaltsamer Entstellung,
mit ihrer Lüge und Fixierung. Aber eben: Gott ist nicht zu «haben»,
sondern lebt im Lobpreis der betenden Gemeinschaft. Sie segnet den Ewigen.
Dieser Gott ist die Kraft, welche die hoffenden, lebendigen Menschen befähigt,
an den Trennungen zwischen den Menschen nicht zu verzweifeln, sondern tastend
auf jenem Weg weiterzugehen, der seit Beginn der Schöpfung vorgezeichnet
ist: Sünde und Schuld zu überwinden, hin zur guten Schöpfung
Gottes, in der unsere Ehre Gottes Ehre und Gottes Ehre unsere Ehre ist.
Die Liturgie schafft Räume, vorauseilend diese Einheit sinnenhaft und
beseelt zu behaupten.
Dieser Psalm ist kein Triumphgeschrei über die Götzendiener und
Götzendienerinnen, sondern formuliert eine tiefe Sorge um die Gemeinschaft
aller, die an Gott glauben. Gläubige müssen wissen, dass ihr Glaube
stets gefährdet ist und dass auch sie in Gefahr sind, den lebendigen
Gott gegen Totes zu vertauschen. Daher ist die gemeinsame Feier des Glaubens
notwendig, denn sie enthebt uns ein Stück weit unserer (religiösen,
politischen, ökonomischen) Fixierungen. Die Liturgie ist subversiv,
denn sie entlarvt menschengemachte Zwänge und erinnert unbelehrbar
an die Schönheit des Lebens.
Die ökumenisch erarbeiteten Unterlagen stehen unter dem Wort «Mein
barfüssig Lob» (Ps 115), einem Lied über die Macht der Götzen
und die Freude des barfüssigen Lobes: Tote Götzen sind nicht kraftlos;
wer sie anbetet, wird ihnen gleich. Sie stumpfen die Sinne ab, rauben den
Kontakt zur Erde. Das Gotteslob ist Zeichen unserer Lebendigkeit und damit
der Lebendigkeit Gottes.
Inhalt des Heftes: Neuübersetzung des Psalms, bibeltheologische Einführung,
Impulse zur Bibelarbeit, Predigtvorschlag und Elemente zur Liturgiegestaltung.
Gemeinsam erarbeitet von: Hanspeter Ernst, Regula Grünenfelder, Urs
Jörg, Dorothea Wiehmann. Mit zeichnerischen Interpretationen des bekannten
Karikaturisten Jals.
Die Unterlagen zum Bibelsonntag wurden an alle katholischen Pfarrämter
verschickt. Weitere Exemplare können für Fr. 8. bezogen werden
bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich,
Telefon 01-2059960, E-Mail info@bibelwerk.ch
1Kurt Marti, Mein barfüssig Lob. Gedichte, Darmstadt/
Neuwied 1987.