40/2001 | |
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Leitartikel |
Am 21. Oktober feiert die katholische Kirche den Sonntag der Weltmission.
Dieser Tag erinnert wie kein anderer an die weltweite Dimension der Kirche:
Überall auf der Erde gibt es Menschen, die als Christinnen und Christen
ihren Glauben an den Auferstandenen bezeugen und auf ganz unterschiedliche
Weisen Kirche sind. Sei es in Europa, in Asien, Afrika oder Amerika, Kirche
geschieht immer wieder neu. Um dieser wenig konkreten Vorstellung der kirchlichen
Katholizität eine Gestalt zu verleihen, wählt Missio Schweiz-Liechtenstein
jeweils zum Monat der Weltmission ein Gastland.
In diesem Oktober haben die Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz
die Möglichkeit, etwas mehr über ihre Glaubensschwestern und -brüder
im Libanon zu erfahren. Warum aber ist gerade der Libanon Gastland des Monats
der Weltmission? Wenn das Wort «Mission» fällt, denken
viele tatsächlich zuerst an Afrika oder Lateinamerika und nicht an
den Nahen Osten. Der Sonntag der Weltmission aber soll nicht dazu dienen,
festgefahrene Vorstellungen von klassischen «Missionsländern»
oder von der wohltätigen Ersten und der Almosen empfangenden Dritten
Welt zu zementieren. Gerade der Sonntag und der Monat der Weltmission geben
Anlass für einen Blick auf ein Land wie den Libanon, das in der Deutschschweiz
vor allem aus zahlreichen Meldungen über Bürgerkrieg und Terrorismus
bekannt ist. Doch es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen.
Die sechs staatlich anerkannten katholischen Gemeinschaften des Landes widerspiegeln in ihrer Verschiedenheit die während des Missionsmonats thematisierte Vielfalt der katholischen Weltkirche. Abgesehen vom Vikariat der Lateiner gehören diese Kirchen allesamt zu den Unierten. Das heisst, sie stehen wie die unabhängigen orthodoxen Kirchen in der ostkirchlichen Tradition, haben sich aber im Verlauf der Geschichte der römisch-katholischen Kirche angeschlossen und anerkennen den Papst als ihr religiöses Oberhaupt. Die unierten katholischen Kirchen des Libanon weisen darauf hin, dass es nicht nur ein uniformes katholisches Christentum gibt. Vielmehr hat es in der katholischen Kirche Platz für eine ganze Reihe von Lebensformen, die in verschiedenen Gemeinschaften, aber auch in den Orts- und Teilkirchen der Weltkirche verwirklicht werden. Nebst den katholischen gibt es im Libanon vier orthodoxe Gemeinschaften und eine Evangelische Kirche, die der Staat offiziell anerkennt.
Das libanesische Christentum kann nur über seine konfessionelle
Vielfalt verstanden werden. Parallel dazu liegt der Schlüssel zu einem
umfassenden Verständnis des Libanon in der Wahrnehmung seiner religiösen
Vielfalt. Das Verhältnis von Christentum und Islam spielte seit jeher
eine entscheidende Rolle. War die Zusammenarbeit von Christen und Muslimen
nach der libanesischen Unabhängigkeit von 1941 anfänglich noch
sehr eng, geriet das gesellschaftliche Gleichgewicht nach 1948 zusehends
ins Wanken. Die Gründung des Staates Israel führte zur Flucht
vieler arabischer Palästinenser in den Libanon. Die indirekte Folge
davon war der 1975 ausgebrochene Bürgerkrieg, der im Wesentlichen vom
Gegeneinander der Religionen bestimmt war.
Nach über fünfzehn Kriegsjahren ist die Waffenruhe zwar wieder
eingekehrt, doch von einem stabilen Frieden kann noch nicht die Rede sein.
Ein neues, funktionierendes Zusammenleben der ehemals verfeindeten Gruppen
muss erst wieder gefunden werden. Dabei hängt die Zukunft des Libanon
stark vom konstruktiven Miteinander der Religionen und Konfessionen ab.
Der Anspruch dieser «Convivialité», die einer Neuformung
der kulturell und religiös heterogenen libanesischen Gesellschaft gleichkommt,
ist nach dem Bürgerkrieg nicht einfach zu erfüllen. Die wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Folgen des Krieges sind noch immer spürbar.
Aber gerade kirchliche Institutionen und Initiativen arbeiten an der Verwirklichung dieses Ziels und versuchen die Differenzen der Vergangenheit hinter sich zu lassen, auch wenn sich die libanesischen Christen mittlerweile in einer Minderheitenrolle befinden. «Die Leute suchen den Dialog: Sie weisen Egoismus, Vorurteile und Ängste von sich und entdecken das Wertvolle, das jeder Mensch in sich trägt, welcher Religion oder Glaubensrichtung er auch angehört», beschreibt Georges Kwaïter, griechisch-katholischer (melkitischer) Erzbischof von Sidon, den festen Willen der Libanesen zur gegenseitigen Verständigung. Interreligiöse Ferienlager für Kinder oder muslimisch-christliche Gesprächskreise zeugen beispielhaft von den Anstrengungen. Ein Aufruf zum friedlichen Zusammenleben und zur Zusammenarbeit war zudem die Sondersynode der Bischöfe für den Libanon im Jahr 1995 in Rom. Die Versammlung trug den programmatischen Titel «Christus ist unsere Hoffnung; erneuert aus seinem Geist legen wir Zeugnis ab von seiner Liebe». Im postsynodalen Schreiben «Eine neue Hoffnung für den Libanon» betonte Papst Johannes Paul II. 1997 wiederholt die unentbehrliche Mitarbeit der Christen an der gemeinsamen libanesischen Zukunft.
Aufgrund der Situation der Christen im Libanon und im Bewusstsein, dass
ein Zusammenleben ohne Dialog unmöglich ist, formuliert Missio Schweiz-Liechtenstein
das Thema zum Monat der Weltmission 2001: «Miteinander reden
miteinander leben». Im Libanon wurden die ersten Schritte in diese
Richtung unternommen. Doch dieser scheinbar einfache Grundsatz menschlicher
Koexistenz hat auch in der Schweiz Gültigkeit. Jeden Tag begegnen wir
Menschen aus anderen Religionen und fremden Kulturkreisen, mit denen wir
uns über oft tiefe Gräben hinweg verständigen müssen.
Besonders das Gespräch mit dem Islam scheint heute vielen Mühe
zu bereiten.
Der Sonntag der Weltmission ist eine gute Gelegenheit, um uns mit dem Thema
des Zusammenlebens bei uns und mit der Begegnung der Religionen und Kulturen
zu beschäftigen. Wir verstehen Mission nicht mehr als etwas, das sich
irgendwo weit weg ereignet. Im Alltag sind wir gerufen, Christinnen und
Christen zu sein und dieses Bekenntnis zu leben, zu bezeugen und glaubhaft
zu machen. Von der eigenen Situation müssen wir den Blick auf andere
Realitäten lenken. Der Sonntag der Weltmission, der vor allem der Sonntag
der Weltkirche ist, macht darauf aufmerksam, dass wir als Christen und als
Kirche in der Schweiz zu einer weltweiten Gemeinschaft von Kirchen gehören.
Unseren Partnerkirchen gegenüber sind wir sowohl geistig wie materiell
zur Solidarität verpflichtet.
Die Kollekte, die am Sonntag der Weltmission am 21. Oktober von Missio eingezogen
wird, dient dieser weltweiten Solidarität. Mit unserem Beitrag ermöglichen
wir kirchliches Leben rund um den Erdball. Auch im Libanon.
«Dort, wo es im Westen keine orientalischen Priester für die Seelsorge an den Gläubigen der katholischen Ostkirchen gibt, sollten sich die lateinischen Bischöfe und ihre Mitarbeiter Mühe geben, damit in jenen Gläubigen das Bewusstsein und die Kenntnis ihrer eigenen Tradition wachse und sie dazu bestellt werden, durch ihren spezifischen Beitrag aktiv am Wachstum der christlichen Gemeinschaft mitzuwirken.» Papst Johannes Paul II. («Orientale lumen», Nr.26)
Urban Schwegler ist theologischer Mitarbeiter von Missio Schweiz-Liechtenstein.