37/2001 | |
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Leitartikel |
Mit einem Schlussakt in der Berner Offenen Heiliggeistkirche wurde am
1. September die im Januar 1998 durch die Schweizer Bischofskonferenz und
den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund eröffnete Ökumenische
Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz festlich
abgeschlossen. In diesem würdigen Rahmen wurde von Sprechern und Sprecherinnen
aus Politik, Wirtschaft und Kultur das Wort der Kirchen «Miteinander
in die Zukunft» entgegengenommen und in Kurzvoten gewürdigt.
Am bevorstehenden Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag soll dieses
Wort in den katholischen Pfarreien und evangelischen Kirchgemeinden des
Landes aufgenommen werden.
Zu Beginn des Schlussaktes stellten Bischof Amédée Grab und
Pfarrer Thomas Wipf als Vertreter der Bischofskonferenz bzw. des Kirchenbundes
einige wichtige Aussagen des Wortes der Kirchen heraus. Dabei wurde der
Titelbegriff «Miteinander» auf zwei Seiten hin konkretisiert.
Die Ökumenische Konsultation sei «mit einer eindrücklichen
Dialogbereitschaft» ökumenisch durchgeführt worden, wie
sie sich denn überhaupt als «ein Projekt des Dialogs» verstanden
habe. Anderseits sei das «Miteinander in die Zukunft» brüchig
geworden, so dass die Voraussetzungen, auf denen der Staat beruht und mit
denen er sein Handeln begründet, die er sich aber nicht selber geben
kann, gesellschaftlich diskutiert werden müssen. So ist das Wort der
Kirchen ihr Beitrag «zur Diskussion und zur Verständigung über
Ziele und Werte, die unsere gemeinsame Zukunft in der Schweiz und
weltweit für alle lebenswert machen».
Die damit angesprochene Frage der Vermittlung eines Wortes der Kirche in
den gesellschaftlichen Diskurs thematisierte am Schlussakt Bundespräsident
Moritz Leuenberger in seiner Ansprache mit dem vielsagenden Titel: «Gebt
dem Kaiser, was die Kirche denkt». Ausgehend von der Frage, weshalb
er die Kirche dazu ermutige, aktiv und korrigierend Einfluss zu nehmen auf
die Politik statt zwischen Kaiser und Kirche strikt zu trennen, wie es seinem
aufklärerischen Denken entsprechen würde, antworte er als Christ
und als Politiker. Als Christ, als Teil der Kirche erwarte er von ihr, «dass
sie sich gesellschaftlich einbringt, dass sie Verantwortung übernimmt».
Als Politiker stellte er fest: «Ein politisches Manifest hilft...
heute dem Gesetzgeber, der Gerechtigkeit verantwortungsvoll organisieren
will, kaum weiter... Zur Frage der Solidarität und sozialen Gerechtigkeit
bieten die katholische und die evangelische Soziallehre einen viel direkteren
und einfacheren Zugang.» Die Vermittlung dürfe allerdings nicht
in einer religiösen, einer theologischen Sprache erfolgen, sondern
müsse in der Sprache der Aufklärung erfolgen und also mit sachlicher
Überzeugungskraft.
Es wäre indes ein Irrtum, die Kirche solle die Antworten auf schwierige
ethische Fragen geben, etwa bei der Sterbehilfe oder bei der Gentechnologie.
«Dies wären Antworten, die uns die eigenständige Benutzung
unseres Gewissens, die Arbeit ethischer Reflexion, damit aber auch die aktive
Auseinandersetzung mit der politischen Gegenposition abnehmen... Die Kirche
kann uns diese Arbeit aber nicht abnehmen, und wir dürfen sie uns auch
nicht abnehmen lassen.»
Als Mitglied der Kirche will Moritz Leuenberger durchaus, dass die Kirche
zu konkreten Lösungen kommt, auch wenn es da nie eindeutige und einfache
Lösungen gebe «auch wir Christen sind nicht vor Fehlurteilen
geschützt und haben kein Wahrheitsmonopol». So sei im Wort der
Kirchen gerungen worden, zumal die Kirchen in gewissen Fragen verschiedene
Antworten geben. «Gerade diese Tatsache, dass es in keiner Kirche
und daher auch nicht in der Ökumene einfache und unbestrittene
Antworten und Lösungen gibt, unterstreicht einmal mehr, wie wichtig
der Diskurs als solcher, wie wichtig die Befragung und die Schärfung
des Gewissens ist.»
Die Kirchen wollen mit ihrem Wort aber nicht nur zu diesem Diskurs beitragen,
sie nehmen auch sich selber in Pflicht. Als Teil der Gesellschaft seien
die Kirchen «mitbetroffen von den Fragen, die wir stellen, und verpflichten
sich auch selber, dem nachzuleben, was wir anregen», beteuerte der
Vertreter der Bischofskonferenz bzw. des Kirchenbundes.
In ihrer Ansprache wurden die beiden Kirchenvertreter mit ihren Anregungen
recht konkret bzw. deutlich. Es fehle in unserem Land an einer Familienpolitik,
«die diesen Namen verdienen würde». Glücklicherweise
werde in diesem Bereich jetzt einiges getan; erwartet würden nun aber
rasche Konkretisierungen. Dass es in der Schweiz «sans papiers»
gebe, sei skandalös. «Wie kann es sein, dass diese Menschen und
ihre Familien zum Arbeiten gut genug sind, aber nicht das Recht haben, sich
legal in unserem Land aufzuhalten?»
Die Migrations- bzw. Integrationspolitik wurde natürlich auch von der
Vertreterin der Ausländer und Ausländerinnen, Natalie Diome, angesprochen.
Die Zugewanderten trügen ihren Teil zur wirtschaftlichen Entwicklung
der Schweiz bei und sollten schon deshalb «in den Genuss menschenwürdiger
Arbeitsbedingungen kommen und sich in das gesellschaftliche und politische
Leben integrieren können». Diese Integration wurde auch von der
Vertreterin der Bewegung «Aide à Toute Détresse (ATD)
Vierte Welt», Linda Saffore, angemahnt. Wer wegen Armut ausgegrenzt
werde, der werde um seinen Platz in der Gesellschaft gebracht, dem werde
verwehrt, zum Gemeinwohl beizutragen.
Dass von Armut betroffen auch sein kann, wer arbeitet, daran erinnerten
die Kirchenvertreter mit dem Begriff der «working poor» und
mit der sozialethischen Forderung aus dem Wort der Kirchen: «Jeder
erwerbstätigen Person muss es grundsätzlich möglich sein,
ihren Lebensunterhalt und den ihrer Angehörigen zu sichern. Und die
Einkommensunterschiede dürfen nicht beliebig gross werden» (Nr.
162). Auch der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Paul
Rechsteiner, sprach die «working poor» an und bezeichnete ihre
Existenz als einen Skandal. Für menschenwürdige Arbeitsbedingungen
sprach sich auch der Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes
aus; er räumte sogar ein, dass dieses Ziel in der Schweiz «sicher
noch nicht optimal» erreicht ist; die Arbeitgeberschaft setze aber
alles daran, dem Ziel Schritt für Schritt näher zu kommen, und
lade deshalb ein, «mit der Wirtschaft zusammen in kooperativem Geist
das Ziel anzugehen».
Neben der Parteinahme zugunsten der Schwächeren sei die Ablehnung der
Fatalität eine entscheidende Gemeinsamkeit zwischen Gewerkschaften
und Kirchen, erklärte Paul Rechsteiner. Deshalb erwartet er auch, «dass
die Konsultation und das Wort der Kirchen nicht ein Abschluss, sondern ein
Anfang sind, nämlich ein verbindlicher Einstieg der Kirchen in den
dringend nötigen Prozess für eine soziale Gestaltung der Zukunft».
Als Vertreterin der Schweizer Kirchen an der Expo.02 lud Nationalrätin
Thérèse Meyer-Kaelin alle ein, «den Dialog im Rahmen
der Landesausstellung weiterzuführen. «Die Expo.02 bietet die
einzigartige Gelegenheit, den Alltagstrott hinter sich zu lassen und auf
eine von Gott begleitete, glücklichere Zukunft hinzuarbeiten.»
Auf die Zukunft für die kommenden Generationen schliesslich blickte
Lavinia Sommaruga Bodeo als Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke.
Im Blick auf diese Zukunft ist Nachhaltigkeit gefordert: Wir sind aufgerufen,
«mehr Gerechtigkeit durch nachhaltigen Konsum und massvollen Lebensstil
zu wagen». Mit anderen Worten: Gefragt ist die Tugend der Mässigung
nicht nur am Bettag.<1>
1 Alois Hartmann, Die Tugend der Mässigung, in: SKZ 169 (2001) Nr. 36, S. 485f.