33-34/2001

INHALT

Leitartikel

Kirchliche Hilfswerke in einem veränderten Umfeld

von Odilo Noti

 

Rund zwanzig Hilfswerke führen seit fünf Jahren alljährlich eine empirische Erhebung durch, den so genannten Spendenmonitor<1>. Zu den Trägerorganisationen gehören Institutionen aus dem Gesundheitsbereich (Krebsliga, Invalidenverband), aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit (Helvetas, Swissaid, Fastenopfer, Caritas) und aus dem Umweltbereich (WWF Schweiz, Greenpeace). Die Erhebung, die jedes Jahr zum gleichen Zeitpunkt durchgeführt wird, analysiert langfristige Entwicklungen auf dem schweizerischen Spendenmarkt ­ etwa die Einstellungen und das Verhalten von Spenderinnen und Spendern oder das Image der Hilfswerke.
Nonprofitorganisationen und Marktforschung ­ das mag auf den ersten Blick etwas ungewohnt erscheinen. Diese hat aber für Hilfswerke die gleiche Funktion wie für Wirtschaftsunternehmen, wo Marktforschung seit Jahrzehnten ein fest etabliertes Instrument des Marketing ist. Ebenfalls Nonprofitorganisationen müssen Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld vorhersehen, um frühzeitig ihre Tätigkeiten an den veränderten Gegebenheiten ausrichten zu können. Das Diktum Gorbatschows, «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben», gilt auch für Hilfswerke. So erlaubt ihnen die Marktforschung, eine periodische Standortbestimmung vorzunehmen und unternehmenspolitische Entscheide abzusichern. Kurz: Marktforschung hilft, vom diffusen «wir glauben, es könnte so sein» zu empirisch abgestütztem Wissen zu gelangen. Wenn also Hilfswerke Marktforschung betreiben und deren Erkenntnisse richtig nutzen, profitieren schliesslich alle davon: Spenderinnen und Spender, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Führungsgremien, Behörden, Partner usw.

Zwei Drittel der Bevölkerung spenden

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, die Ergebnisse der Spendenmarkt-Analyse der vergangenen vier Jahre zu präsentieren. Es sollen aber stellvertretend einige Fakten und Trends genannt werden. Sie werfen in gewissem Sinne ein Blitzlicht auf den Spendenmarkt Schweiz.
Gut zwei Drittel der Bevölkerung zählen zu den Spenderinnen und Spendern. Ein Drittel gehört zu den Nicht-Spendern. Das Spendenpotenzial ist also nicht ausgeschöpft ­ wenn es gelingt, das Drittel der Nicht-Spendenden anzusprechen. Natürlich fallen dabei jene Menschen ausser Betracht, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht spenden können: Mittellose, sozial Benachteiligte, Jugendliche, Studierende.
Dies führt zur Frage nach dem klassischen Spender oder, präziser, zur typischen Spenderin: «Dieser» ist eher weiblich, vielfach zwischen 51 und 64 Jahren alt, weist eine höhere Bildung auf, hat ein gutes Einkommen und wohnt häufig auf dem Land. Wer spendet, berücksichtigt in der Regel vier bis fünf Organisationen. Im vergangenen Jahr spendete ein Haushalt im Durchschnitt 438 Franken. Damit gehören die Schweizerinnen und Schweizer nach wie vor zu den spendefreudigsten Europäern, sie werden einzig von den Norwegern übertroffen.
Unterstützte ein Spender früher zeitlebens ein bestimmtes, «sein» Hilfswerk, ist in den vergangenen Jahren die «Spender-Treue» signifikant gesunken. Erklärten vor vier Jahren 30 Prozent der Spenderinnen und Spender, sie würden immer dieselbe Organisation unterstützen, so gehörten im vergangenen Jahr noch 16 Prozent zu dieser Gruppe. 34 Prozent erklärten, sie würden abwechseln (früher 20 Prozent), und die Hälfte meinte, sie würde «in der Regel» dieselben Institutionen unterstützen. Der Trend zum «Wechsel-Spender» ist bei jüngeren, eher städtischen Spenderinnen und Spendern mit höherer Bildung ausgeprägter.
Dieser Trend bedeutet für kirchliche Hilfswerke wie die Caritas, dass die Gewohnheit oder Tradition, aber auch der konfessionelle Faktor bei der Berücksichtigung einer Organisation an Bedeutung verloren hat. Entscheidender für die Unterstützung sind heute die Image-Werte eines Hilfswerkes: Ist das Hilfswerk aus der Sicht eines Spenders und einer Spenderin unbürokratisch? Hilft eine Organisation effizient und zukunftsorientiert? Tut eine Organisation die richtigen Dinge? Ist sie sympathisch? Aus der Perspektive des Hilfswerkes ist es also entscheidend, durch solide und professionelle Arbeit und durch eine gute Kommunikation ein positives Image aufzubauen. Die Hilfsorganisation muss, anders gesagt, bei einem «Wechsel-Spender» bekannt und vertrauenswürdig sein, damit sie berücksichtigt wird. Arbeits- und Kommunikationsleistungen werden immer entscheidender.

Persönliche Betroffenheit gibt den Ausschlag

Wie der Spendenmonitor aufzeigt, sind die Image-Werte der Schweizer Hilfswerke mehr oder weniger gut bis sehr gut. Sie erhalten von der Bevölkerung respektable Noten. So gelten die Hilfswerke als sympathisch, kompetent, zukunftsorientiert; sie treffen die richtigen Themen, und sie gelten als professionell. Insgesamt erhalten die Hilfswerke dafür auf einer Skala von 1 bis 5 die Durchschnittsnote 4,2. Sie gelten als mutig (Note 4) und weltanschaulich ungebunden (Note 3,9). Etwas tiefer, aber immer noch gut sind die Image-Werte für folgende Bereiche: Die Hilfswerke sind modern (Note 3,6) und unbürokratisch (Note 3,5), und man weiss, was sie tun (Note 3,4).
Was die genannten Image-Werte betrifft, schneiden die Organisationen aus dem Gesundheitsbereich etwas besser ab als jene Hilfswerke, die in der humanitären Hilfe und in der Entwicklungszusammenarbeit engagiert sind. Dafür sind vermutlich zwei Gründe ausschlaggebend. Zum einen sind Spenderinnen und Spender von den Engagements der Organisationen im Gesundheitsbereich viel stärker und unmittelbarer betroffen. Wer hat in seinem Familien- oder Bekanntenkreis nicht eine Krebskranke, einen Paraplegiker oder ein behindertes Kind? Darüber hinaus: Wer kann schon ausschliessen, dass er oder sie nicht eines Tages selber von einer unheilbaren Krankheit heimgesucht oder mit Invalidität geschlagen wird? Zum anderen: Gesundheitsorganisationen sind in der Schweiz engagiert. Ihre Leistungen und Wirkungen sind augenfällig sichtbar. Das trifft für die Dritte-Welt-Hilfswerke aber nicht zu. Wer hat denn schon Gelegenheit, Projekte eines Hilfswerkes zu besuchen, das ­ zum Beispiel ­ in der Sahelzone den Vormarsch der Wüste bekämpft und mit einer ökologisch orientierten Landwirtschaft die Selbstversorgung schwacher Bevölkerungsgruppen zu verbessern versucht? Statt dessen flimmern immer wieder Bilder über die Mattscheibe, die von Krieg, Flucht, Naturkatastrophen und Hunger handeln.
Am häufigsten haben Spenderinnen und Spender, so gaben sie es zu Protokoll, Kinder unterstützt, dann Behinderte und die Bekämpfung von Krankheiten. Auch hier zeigt sich, dass die ­ mögliche ­ persönliche Betroffenheit ein starker Motor für das Spenden ist. Hilfswerke wie die Caritas, die sich nicht auf ein Thema (z.B. Kinder) konzentrieren und die sich ­ aus moralischen und kirchlichen Gründen ­ auch in der Flüchtlingshilfe engagieren, haben es da schwerer. Ermutigend ist für die Caritas jedoch der hohe Bekanntheitsgrad. Zusammen mit dem Roten Kreuz und der Glückskette gehört sie zum exklusiven Kreis der drei bekanntesten Hilfswerke in der Schweiz. Dies ist angesichts der wachsenden «Wechsel-Spender» ein wichtiger Vorteil. Es gilt, ihm Sorge zu tragen.

Am letzten Sonntag im August wird in allen schweizerischen Bistümern das Opfer für die Caritas Schweiz aufgenommen.

 

Der promovierte Theologe Odilo Noti ist als Leiter des Bereichs Kommunikation Mitglied der Geschäftsleitung der Caritas Schweiz.


Anmerkung

1 GfS-Forschungsinstitut: Spendenmonitor 1997­2000. Eine repräsentative Befragung in der Deutsch- und Westschweiz, Bern-Zürich 1997ff.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001