31-32/2001

INHALT

Leitartikel

Mariä Himmelfahrt

von Franziska Loretan-Saladin

 

Es gibt verschiedene Zugänge zu Maria. Feministische Theologinnen fragen nach Maria als geheimer Göttin des Christentums<1> oder als prophetischer Symbolfigur der Befreiung<2>, wenn sie nach einem positiven Bild der Frau hinter der kirchlich-traditionellen Mariologie suchen. In literarischen Texten des 20. Jahrhunderts begegnet Maria als politische Herausforderung<3>, mit mythisch-psychologischer Dimension, in Macht und Ohnmacht zugleich oder als Verursacherin von Verstörung.<4>
Von zwei Seiten möchte ich mich dem Fest des jüngsten Mariendogmas «Mariä Aufnahme in den Himmel» nähern, von einer persönlichen Erfahrung und über einen literarischen Text.

Persönlicher Zugang

Vor einigen Wochen stand ich am Totenbett meiner Mutter. Der Leib dieser Frau, mit dem ich auf eine einzigartige Weise verbunden war, sollte bald zu Grabe getragen werden. Unser Glaube spricht von Auferstehung, von einem Leben nach dem Tod. Doch wie soll das geschehen? Nie wird diese Frage so konkret wie angesichts eines verstorbenen Menschen. Was bleibt von dieser Frau, diesem Mann? Unsere Erinnerungen, gewiss. Der Ort, an dem der Leib in die Erde gebettet wird, das Grab. Aber wo bleiben die Persönlichkeit, das Lachen und die Träume, der unverwechselbare Charakter, das Glauben, Lieben und Hoffen dieses Menschen? All dies war nur über die leibliche Anwesenheit erfahrbar.
Wenn die Kirche schon in früher Zeit den Glauben an die Auferstehung auf Maria hin konkretisierte, mag dies auch ein Ausdruck dafür sein, was Glaubende für alle Verstorbenen und einmal für sich selbst erhoffen. Von Maria lässt es sich leichter sagen, gilt sie doch als die Frau, die sich in freier Entscheidung vorbehaltlos auf Gottes Ruf eingelassen hat. Wolfgang Beinert formuliert es so: «Wenn die Kirche an die Verherrlichung Marias bei Gott im Dogma der Assumptio glaubt, dann bekennt sie sich zur unvergänglichen Treue Gottes. Seine Liebe übersteigt alle menschlichen Möglichkeiten und Grenzen, auch die der Machtstrukturen, in die uns die Geschichte je eingefügt hat.»<5>
Als biblische Grundlage für das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel gelten denn auch Texte, die von Berufung und Verherrlichung der Glaubenden handeln (Röm 8,30; Eph 1, 3­6), und von der Zukunft derjenigen, die aus der Verbundenheit mit Christus leben: «Gott aber, der voller Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner grossen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben» (Eph 2,5­6; vgl. Kol 3,3­4).
Ein weiterer Kontext spricht dafür, dass mit dem Glauben an die Aufnahme Mariens in die himmlische Vollendung die Hoffnung auf das Leben bei Gott für alle Glaubenden verbunden ist: Die alte Tradition vom Heimgang (Dormitio) Mariens. Sehr anschaulich und konkret berichten die Legenden und die bildlichen Darstellungen vor allem in der Ostkirche vom Tod Mariens. «Der einsam wohnenden Maria erscheint ein Engel mit leuchtendem Palmzweig und verkündet ihr den Tod. Sie bittet, dass die Apostel zugegen sein möchten. Von Wolken herbeigetragen, einem innerlichen Rufe gefolgt, umstehen sie das Lager der Sterbenden; Christus nimmt die kleine Seelengestalt der Entschlafenen in den Arm. Spätere Darstellungen bereichern die Szene durch Raum und Tätigkeit der Apostel mit Sterbekerze und Weihrauch; aus aufgeschlagenem Buch werden die Sterbegebete gelesen.»<6>
Der Tod von Maria wird quasi in das eigene Sterbezimmer hereingeholt und mit ihm die Hoffnung, auch die oder der Sterbende hier werde von den Armen Christi umfangen.
Im jüdischen Gebetbuch «Sefer Hachajim» findet sich ein Sterbegebet, das Maria vor ihrem Tod selber gesprochen haben könnte. Christa Schaffer macht auf die erstaunliche Nähe zu den Aussagen der Marientod-Legenden aufmerksam. Das Gebet lautet: «Gott Israels, in deiner Hand ist der Atem aller Lebendigen und der Geist jedes Menschen. Nun ist der Augenblick gekommen, in welchem ich meine Seele, die du mir gegeben, dir wieder zurückgeben soll. Nimm du selbst sie von mir, dass sie wie vom Kusse reiner Liebe berührt, heiter dahinscheide und die Vorstellung von einem Todesengel mich nicht ängstige, nicht schrecke. Nimm mich auf im Schutze deiner Allmacht, dass ich im Schatten deiner Flügel geborgen sei. Lass meinen Leib und meine Seele stets deine Gnade und deine Treue erfahren. Engel der Barmherzigkeit sollen meine Seele aufnehmen und, begleitet von den verklärten Seelen der Frommen, sie ins himmlische Eden bringen. Meinem Leibe werde ungestörte Ruhe im Grabe, bis dein Ruf ihn zur Auferstehung erwecken wird.»<7>

Literarischer Zugang

Auch die Literatur ermöglicht einen Zugang zu Maria, der sich nicht über blasse oder abgegriffene Bilder der hoch gepriesenen Mutter Gottes nähert. Wer die moralisierenden Aussagen über Maria, die viele Frauen in die Aporie zwischen biologisch verstandener Jungfräulichkeit und Mutterschaft hineinführten, hinter sich lässt oder damit gar nie belastet war, kann unbefangen einem starken Symbol begegnen, wie dies Hermann Hesse schildert:
«An Sommerabenden um die Zeit des Sonnenuntergangs ist der kleine Platz vor der Waldkirche der schönste Platz in der ganzen weiten Gegend. Aber das geschieht sehr selten, dass um diese Stunde noch ein Mensch dort oben anzutreffen ist. Hundertmal habe ich diese Madonna belauscht, tausendmal sie von ferne gesehen, mache Dutzend Male ihren grünen Vorplatz und die Mauerbrüstung mit der unglaublichen Aussicht besucht und durch das Fensterlein zu dem goldenen Bilde hineingeäugt. Sie wäre so recht ein Heiligtum für Menschen von meiner Art, und es ist eigentlich schade, dass ich gar nicht Katholik bin und gar nicht richtig zu ihr beten kann. Was ich indessen dem heiligen Antonius und dem heiligen Ignatius nicht zutraue, das traue ich doch der Madonna zu: dass sie auch uns Heiden verstehe und gelten lasse. Ich erlaube mir mit der Madonna einen eigenen Kult und eine eigene Mythologie, sie ist im Tempel meiner Frömmigkeit neben der Venus und neben dem Krischna aufgestellt; aber als Symbol der Seele, als Gleichnis für den lebendigen, erlösenden Lichtschein, der zwischen den Polen der Welt, zwischen Natur und Geist, hin und wider schwebt und das Licht der Liebe entzündet, ist die Mutter Gottes mir die heiligste Gestalt aller Religionen, und zu manchen Stunden glaube ich sie nicht weniger richtig und mit nicht kleinerer Hingabe zu verehren als irgendein frommer Wallfahrer vom orthodoxesten Glauben.»<8>
Der Dichter Hermann Hesse beschreibt hier eine Dimension der Marienfrömmigkeit, die das Herz berührt. Er nimmt vorweg, was an einem Marienwallfahrtsort wie zum Beispiel Mariastein zu beobachten ist: Angehörige verschiedener Völker und Religionen pilgern und beten zur Himmelskönigin. Der Glaube an die himmlische Frau entspricht der Sehnsucht, dass das Göttliche alles umfasst und umgreift: Geist und Natur, Männliches und Weibliches, gläubig und ungläubig, Himmel und Erde.
Das Fest von Mariä Aufnahme in den Himmel ist wie eine Konkretisierung des Satzes von Irenäus: «Gloria Dei, vivens homo. Vita autem hominis, visio Dei». In der Übersetzung von Edward Schillebeeckx: «Die Ehre Gottes liegt im Glück und in der Aufrichtung des Menschen, des niedrigen und erniedrigten; aber die Ehre und das Glück des Menschen liegen letztlich in Gott.»<9> So kann unser Marienfest eine zweifache Absage bedeuten: Eine Absage an die Selbstüberschätzung und Überhöhung des Menschen auf Kosten der Transzendenz sowie eine Absage an ein pessimistisches Menschenbild, das alles Gute ausschliesslich in Gott festmacht.
Maria war ganz Mensch, ganz Frau. Auf sie hat Gott geschaut. Sie preisen selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Grosses an ihr getan ­ bis hin zur Vollendung. «Die Aufnahme in die Herrlichkeit des Himmels zeigt die höchste, letzte Bestimmung des menschlichen Geschöpfes bei Gott und dadurch die Würde und Verantwortung der Person, die sich in Freiheit entscheiden kann, diesem Ziel nachzustreben oder nicht.»<10>

 

Die Theologin Franziska Loretan-Saladin ist Lehrbeauftragte für Homiletik am Dritten Bildungsweg und für homiletische Übungen an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


Anmerkungen

1 Vgl. Christa Mulack, Maria. Die geheime Göttin im Christentum, Stuttgart 1985.

2 Vgl. Catharina J.M. Halkes, Gott hat nicht nur starke Söhne. Grundzüge einer feministischen Theologie, Gütersloh 1980, 110­117: Die prophetische Maria.

3 Vgl. z.B. Kurt Marti, Und Maria, in: ders., Abendland. Gedichte, Darmstadt/Neuwied 1980, 41­44.

4 Zu Maria in der Literatur vgl. Karl-Josef Kuschel, Maria, in: Heinrich Schmidinger (Hrsg.), Die Bibel in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts, Band 2: Personen und Figuren, Mainz 1999, 413­434.

5 Wolfgang Beinert, Unsere liebe Frau und die Frauen, Freiburg i.Br. 1989, 159­160.

6 Legende vom Hinübergang der Jungfrau Maria, Bischof Melito von Sardes (Ý um 180) als Verfasser zugeschrieben. Zusammenfassung nach: Reclams Lexikon der Heiligen und biblischen Gestalten, Stuttgart, 61987, 399­400. Eine Relieftafel des Marientodes (um 1500) findet sich auch in der Hofkirche in Luzern.

7 Zitat bei Christa Schaffer, Aufgenommen ist Maria in den Himmel. Vom Heimgang der Gottesmutter in Legende, Theologie und liturgischer Kunst der Frühzeit, Regensburg 1985, 11.

8 Hermann Hesse, Madonnenfest im Tessin, in: ders., Gesammelte Werke, Band VI, Frankfurt 1990, 332­337, zitiert nach Karl-Josef Kuschel, Maria, aaO. (Anm. 4), 423­424.

9 Edward Schillebeeckx, Die Auferstehung Jesu als Grund der Erlösung, Freiburg i. Br. 1979, 75.

10 Bruno Forte, Maria. Mutter und Schwester des Glaubens, Zürich 1990, 134.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001