29-30/2001

INHALT

Leitartikel

Kinder und der 1. August

von Bruno Weber-Gobet

 

Kinder stören die 1.-August-Feiern. Nicht nur durch ihre Heuler und Tunder, die sie zu ihrem Spass loslassen, sondern auch dadurch, dass sie zu einem politischen Thema geworden sind. In der Schweiz gilt nach wie vor der Grundsatz: «Kinder sind Privatsache». Diese Behauptung bekommt Risse. Denn Untersuchungen zeigen: Die materiellen Schwierigkeiten von Familien sind in der Schweiz gravierend. Fast 250000 Kinder leben unter der Armutsgrenze. Über ein Drittel der Familien in der Schweiz sind armutsgefährdet und können das Existenzminimum nur dank einem Zweiteinkommen sicherstellen. Zudem hat sich die finanzielle Lage der Familien in den 90er Jahren noch einmal massiv verschlechtert.
Trotzdem werden viele 1.-August-Redner und -Rednerinnen auf die eine oder andere Art betonen: «Kinder sind Privatsache» und sich politisch gegen eine koordinierte Familienpolitik wenden. Aber zum Glück werden die Kinder durch ihre Heuler und Tunder diese Aussagen übertönen. Denn es ist Zeit, dass sich etwas ändert.
Wenn das Wort Eidgenossenschaft etwas bedeuten soll, dann dies, dass es Werte gibt, die nur durch gemeinschaftliches Handeln geschaffen werden können. Die Eidgenossenschaft hat im letzten Jahrhundert aufgrund von sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Veränderungen die gemeinsame Verwirklichung neuer Werte in ihr Pflichtenheft aufgenommen. Dazu gehören zum Beispiel die soziale Sicherheit im Alter für alle oder der Schutz der Umwelt. Heute ist ein anderes Problem zuoberst auf die politische Traktandenliste zu setzen: die Einrichtung einer gesamtschweizerischen, einheitlichen Kinderzulage auf einem markant höheren Niveau.
Durch die heutigen kantonalen Regelungen entstehen grosse Unterschiede in der Höhe der Kinderzulagen. Zudem hat das heutige System Lücken, da Kinderzulagen oft nur an Vollerwerbstätige ausbezahlt werden. Ferner führt der fehlende Lastenausgleich zwischen den Branchen zu grossen Unterschieden in der Belastung der Unternehmen. Zusammen mit den finanziellen Problemen vieler Familien wird deutlich: Faire Kinderzulagen für alle sind ein neuer Wert, den wir gemeinsam schaffen sollen. «Faire Kinderzulagen» heisst die zentrale politische Herausforderung.
Zwar werden auch andere Wege vorgeschlagen, um die Familien finanziell besser zu stellen. Von Steuererleichterungen allerdings profitieren vor allem jene Familien, die auf eine Entlastung weniger angewiesen sind. Bedarfsleistungen hingegen führen die Empfänger in Abhängigkeiten. Weil Bedarfsleistungen mit dem Einkommen verrechnet werden, verführt es die Empfänger zu unseligen Rechnereien, ob sich ein stärkeres Engagement im Beruf überhaupt auszahlt. Zudem stellen Bedarfsleistungen Familien nicht allgemein besser, da sie nur gerade das Existenzminimum sichern. Steuererleichterungen und Bedarfsleistungen lösen das Problem nicht!

Eckpunkte für eine gesamtschweizerische Kinderzulage

So ist nach Meinung des Christlichnationalen Gewerkschaftsbundes CNG die Einführung einer gesamtschweizerischen Kinderzulage absolut notwendig. Folgende Eckpunkte sind dabei zu beachten:
Die Kinderzulagen müssen allen Kindern zugute kommen. Der Grundsatz «ein Kind, eine Zulage» ist zu verwirklichen. Die heutigen Lücken für Teilzeitarbeitnehmende, Selbständigerwerbende oder Nichterwerbstätige sind angesichts der Leistungen aller Familien nicht akzeptabel.
Die Kinderzulagen sollen in der ganzen Schweiz das gleiche Niveau haben. Die heutigen kantonalen Unterschiede lassen sich nicht rechtfertigen.
Die Kinderzulagen sollen in einem realistischen Verhältnis zu den Kosten und Leistungen einer Familie stehen. Das bedeutet, dass deutlich höhere Kinderzulagen nötig sind.
Kinder stören. Nicht nur an der 1.-August-Feier. Sie sind zu einem politischen Thema geworden, dem viele lieber ausweichen wollen. Mit Argumenten wie «Kinder sind Privatsache» oder «Wir hatten auch keine Unterstützung» kann man sich jedoch das Thema nicht vom Hals halten. Denn es muss zu denken geben, wenn die Gründung einer Familie und das Aufziehen von Kindern in der Schweiz ein markantes Armutsrisiko darstellen und heute für 30 Prozent der Frauen zwischen 20 und 49 Jahren ein zu tiefes Einkommen der Grund dafür ist, keine (weiteren) Kinder zu haben. Sich stören zu lassen von den Kindern ist deshalb das Gebot der Stunde. Für sie hat die Eidgenossenschaft etwas Neues zu schaffen: faire gesamtschweizerische Kinderzulagen.

 

Der Theologe Bruno Weber-Gobet ist Leiter des Bildungsinstitutes für Arbeitnehmende ARC (ARC ist das gemeinsame Bildungsinstitut von CNG, SYNA und transfair).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001