27-28/2001 | |
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Leitartikel |
Bald auch Badi- oder Tram-Pfarrer? So hiess es in einem Beitrag im Zürcher
Tages-Anzeiger im Kontext mit der neuen Bahnhofskirche im Zürcher Hauptbahnhof.
Dieses ökumenische Projekt versteht sich primär als Ort der Andacht
und Meditation. Ebenfalls stehen die Bahnhofspfarrer für seelsorgerliche
Gespräche zur Verfügung und vermitteln soziale Hilfe. Auch wenn
der Sinn und Zweck einer solchen Einrichtung einiges zu reden gab, stellt
sie bezogen auf andere Länder und ihre theologische Begründung
nichts Aussergewöhnliches dar. Begleitende Pastoral gehört zum
Verkündigungsauftrag der Kirchen und kann gerade heute die klassische
Pfarrei von dem Druck entlasten, sie sei primär für die Sinnfindung
des postmodernen Menschen zuständig bzw. verantwortlich. Eine Kirchgemeinde
heutigen Zuschnitts kann in der Regel nur die vorhandenen Mitglieder erreichen,
die von selbst dabei sein wollen und vielleicht ein paar andere auch. Der
grösste Teil der «Suchenden» braucht zuerst einmal andere
Orte und Impulse.
Die Kirchen haben auch wenn die Begriffe wechselten immer de
facto zwischen territorialer, personaler und funktionaler Seelsorge unterschieden.
Territoriale Seelsorge gehört in den Bereich der traditionellen Kirchgemeinde
bzw. Pfarrei. Personale Seelsorge kennzeichnet die Arbeit unter bestimmten
Gruppen, wie zum Beispiel Fremdsprachigenseelsorge, Krankenhausseelsorge,
Studentenseelsorge usw. Funktionale Seelsorge umschreibt die Tätigkeit
an einem bestimmten Ort, dessen «Gruppe» nicht genau fassbar
ist, wie zum Beispiel die Besucher/Besucherinnen von Autobahnkirchen, Flughafenkirchen,
Campingplatzkirchen, offenen City-Kirchen usw. Im Prinzip entspricht die
funktionale Seelsorge von ihrem Anliegen her der personalen. Während
man jedoch der personalen analog der territorialen ohne Probleme die Bezeichnungen
«Pfarramt» und «Gemeinde» zuerkennt, ist dies bei
der funktionalen eher schwierig, da dort von den Betreuern abgesehen
jegliche Kontinuität und Homogenität fehlen. Eine andere
Begriffsdefinition wäre, dass alle Seelsorge personal (auf den Menschen
bezogen) ist und dabei entweder territorial oder funktional ausgeübt
wird. Es kommt einfach auf die Betrachtungsweise an. Das ändert aber
am Uranliegen nichts: Hinter der territorialen, personalen und funktionalen
Seelsorge steht der Wunsch der Kirchen, an wichtigen öffentlichen Schnittstellen
pastoral präsent zu sein. Während das früher neben der klassischen
Pfarrei primär nur Schule, Krankenhaus und Militär sein konnten,
gehören heute vor allem der Freizeitbereich, der Tourismus und das
Reisen überhaupt dazu. Hunderte von Millionen treten jedes Jahr in
Europa eine Ferienreise an. In vielen Ländern sind am Wochenende 50%
der Bevölkerung unterwegs. Arbeit, Freizeit und Wohnen spielen sich
immer weniger am gleichen Ort ab. Hinzu kommen die vielen, die beruflich
unterwegs sind.
Man kann sich natürlich in einer Zeit, wo es in vielen Kirchen Mitglieder-,
Personal- und Geldprobleme gibt, die Frage stellen, ob es wirklich Sinn
macht, sich im funktionalen Seelsorgebereich derart zu engagieren. Meines
Erachtens gibt es vier Gründe für ein solches Engagement, das
ich mit folgenden vier Begriffen skizzieren möchte: Gastfreundschaft,
Evangelisation, Diakonie und Bedarf. Für Reisende gibt es heute genügend
Hotels und Restaurants. Verloren gegangen ist die biblische Gastfreundschaft
gegenüber Fremden, die in Wüstengegenden sogar über Leben
und Tod entschied. Der fremde Gast wurde als Gott selbst angesehen, der
nicht nur ein Obdach, Essen und Trinken bekam, sondern durch seine Anwesenheit
und das Gespräch auch den Gastgeber beschenkte. Könnten Kirchen
nicht heute solche Orte wieder vermehrt sein? Die beste Mission, Evangelisation
oder wie immer man das Zeugnis des christlichen Glaubens in der Welt nennen
mag, ist die uneigennützige Liebe und Sorge für die Mitmenschen.
In diesem Kontext ist auch diakonische und seelsorgerliche Hilfe möglich.
Hinzu kommt der nachgewiesene Bedarf. Noch nie waren so viele Menschen auf
individueller Sinnsuche ausserhalb der Kirchgemeinden und Pfarreien wie
heute. Und gerade in den Ferien und auf Reisen ist man für Impulse
und Zeichen besonders offen. Auch macht dabei eine Unterscheidung in Pastoral
für Urlauber und eine Pastoral für Geschäftsreisende wenig
Sinn, da die Kirche nur Raum schaffen kann für individuelle Lebens-
und Glaubensfragen. Jeder kann nur dort abgeholt werden, wo er steht.
In diesem Sinne handelt es sich auch um einen dialogischen Prozess, der
der Kirche ein umfassenderes Bild über die religiöse Wirklichkeit
der Gesellschaft gibt wie die klassische Pfarrei.
Am besten wäre es natürlich, eine territoriale Kirchgemeinde,
die entsprechend günstig liegt, mit der funktionalen Seelsorge zu verbinden:
die territoriale Kirchgemeinde und Pfarrei zugleich als Karawansei, Bahnhof
und Oase für die Menschen unterwegs; begleitende Pastoral als ein uneigennütziges
Zeichen christlicher Transzendenz. So wie es auf der Homepage der Autobahnkirche
Maria Schutz der Reisenden bei Augsburg heisst: Willkommen alle, die unterwegs
sind von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, vom Heute ins Morgen, vom Ursprung
zum Ziel. Hier können wir innewerden, dass uns die Liebe Gottes durch
die Fluten der Zeit trägt.
Harald Rein ist christkatholischer Pfarrer in den Zürcher Sprengeln Christuskirche und Winterthur; seine Luzerner Dissertation ist der Tourismuspastoral gewidmet (Grenzen der Seelsorge: die Spannung zwischen territorialer Pfarrgemeinde und funktionaler Seelsorge am Beispiel der Autobahnkirchen in der Bundesrepublik Deutschland, Bern 1987.