26/2001 | |
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Leitartikel |
Es war Mitte Januar 2001, als ich erstmals in den Sudan reiste, mit 2,5
Millionen km2 das grösste Land Afrikas. Der Himmel war strahlend blau
und es waren +30°C, als wir in Khartoum aus dem Flugzeug stiegen. Seit
Jahren verbinden uns freundschaftliche Bande mit den Christen im Sudan,
einem in Europa fast vergessenen Land. Es sind kaum Touristen auszumachen.
Einige Geschäftsleute aus arabischen Ländern, einige aus Asien
und vermutlich Studenten sind mit uns gelandet. Wir fahren durch die Strassen
der Hauptstadt Khartoum, die zunächst durch die zahlreichen gelben
Taxis und vielen gross gewachsenen Menschen mit intensiv schwarzer Hautfarbe
neben arabisch gekleideten Menschen und Eselsfuhrwerken einen ersten Eindruck
vermittelt. Doch unsere Reiseziele liegen am Stadtrand der Hauptstadt Khartoum,
wo ein Grossteil der Flüchtlinge aus dem Süden lebt. Ihre Zahl
wird auf 2 bis 3 Millionen geschätzt. Im Zentrum der Stadt leben rund
eine Million Menschen der mehrheitlich islamischen Bevölkerung.
Der Bürgerkrieg dauert nun, mit kurzen Unterbrechungen in den Siebzigerjahren,
bereits über 50 Jahre an. Immer wieder schlagen sich Flüchtlinge,
meist Christen oder Animisten aus dem Süden oder Westen in den Norden
durch; doch auch hier geht es um das nackte Überleben. Rund 20 bis
50 km vom Zentrum der Hauptstadt entfernt beginnt die Wüste. Hier leben
die Menschen aus dem Süden in Sackhütten oder selbst gebauten
Lehmhäusern. Die Arbeitslosigkeit beträgt 90%. Die Bedingungen
in der Wüste sind rauh. Das Wasser wird an einigen Stellen aus 150
m Tiefe gepumpt und dann mit Eimern, auf Eselswagen oder Tankfahrzeugen
zu den weit verstreuten Siedlungen gebracht. Im Sommer steigen die Temperaturen
auf über +50°C an. Geregnet hat es im vergangenen Jahr nur wenige
Stunden. Bäume sind weit und breit kaum zu sehen.
Unser Fahrer bringt uns in eine Rakubaschule, so heissen die mit Stangen
und Bambus gebauten offenen Hütten, wo gerade Frühstückszeit
ist. Es ist eine von den rund 100 Schulen der katholischen Kirche, die 45000
bis 50000 Kindern Hoffnung und ein zweites Zuhause bieten. In der achtklassigen
Grundschule treffen wir 50 bis 70 Kinder pro Klasse an, oft sitzen sie auf
dem Boden; Tische, Stühle und Bücher sind Mangelware. Doch die
Kinder lernen eifrig Arabisch als erste Fremdsprache, weil bei den verschiedenen
Stämmen des Südens andere Dialekte gesprochen werden. Die Kinder
ahnen wohl, dass dies vielleicht ihre einzige Chance ist. Hier bekommen
sie an den Schultagen eine Mahlzeit, die von der Organisation «St.
Vincent de Paul Society», organisiert mit Spendengeldern aus der Schweiz,
Frankreich, Österreich und anderen Ländern, finanziert wird. Ob
es zuhause etwas zu essen gibt, ist ungewiss. Der ehemalige Manager und
jetzige Projektleiter Kamal T. kümmert sich vorbildlich mit seinem
Team um die Wasserversorgung, die Ausbildungsprogramme der Lehrkräfte,
Inspektoren, Köchinnen und Sozialarbeiter; um die Nahrungsbeschaffung,
den Transport der Kinder, die oft stundenlange Fusswege zurücklegen
müssen, um zur Schule zu kommen. Wer von den Schülerinnen und
Schülern im 8. Schuljahr die Examen mit Erfolg besteht, der kann theoretisch
in die höheren Staatsschulen wechseln. Vorausgesetzt, die Behörden
lassen die Kinder überhaupt zu den Prüfungen antreten und «St.
Vincent de Paul» kann die Prüfungsgebühren bezahlen, die
von Jahr zu Jahr erhöht werden. Jährlich kommen neue Auflagen
hinzu. Mit Geschick und der Sorgfalt von Kamal und seinem Team ist es bisher
gelungen, mit all den Schwierigkeiten fertig zu werden. Im vergangenen Schuljahr
bestanden 81,5% die Examen für einen Übertritt in die Staatsschulen.
Bereits 58 Strassenkinder haben ein Studium an der Universität in Kharthoum
begonnen, doch auch hier sind die Gebühren hoch und können von
den Studierenden nicht bezahlt werden.
Trotz Hitze und Armut sind die Kinder fröhlich und von tiefer Religiosität
geprägt. Jährlich gibt es hier rund 1000 Erwachsenentaufen, so
viel wie kaum sonst wo. Doch wer meint, hier werde im alten Sinne missioniert,
der täuscht sich. Es ist wohl das Gemeinschaftsleben, das überzeugt
und konkret sichtbar ist. Ein Katechet erzählt, wie sein ganzes Quartier
eines Nachts von den Bulldozern der Regierung niedergewalzt wurde. Um drei
Uhr in der Nacht kamen sie. Für die schweren Maschinen ein leichtes
Spiel, mit Sack- und Lehmhütten fertig zu werden. Wer kein Land besitzt,
wer kein Geld hat, wer nicht zum Islam übertritt, der hat es schwer.
Die Familien wurden tiefer in die Wüste hineingetrieben, wo sie wieder
von vorn begannen, Hütte um Hütte zu errichten. Solche Aktionen
kommen immer wieder und ohne Ankündigung vor. Glaube und Hoffnung lassen
sich nicht mit Bulldozern zerstören. Der Glaube lebt hier spürbar
und sichtbar, trotz Bedrohnung von Leib und Leben. Hier verbinden sich die
Erfahrung der Solidarität mit der Frohbotschaft. Eine Schülerin
aus der 8. Klasse erzählt uns, dass sie vor lauter Aufregung und Freude
fast nicht reden könne. Den ganzen Tag habe sie sich auf den Besuch
gefreut. Noch nie sei jemand aus Europa zu ihnen gekommen. Wir sollen von
ihnen erzählen und sagen, dass sie für und mit uns beten. Dann
stimmen die Kinder ein afrikanisches Lied an, das von der Hoffnung erzählt.
Doch unsere Reise geht weiter zu anderen Schulen und anderen Projekten von
«St. Vincent de Paul». Kamal begleitet uns in Heime, wo ehemalige
Strassenkinder leben, die ohne Eltern und von daheim in den Norden geflüchtet
sind. Zwei Bauernhöfe bieten ein wichtiges Refugium, wo die Kinder
und Jugendlichen neben der Schule handwerkliche und landwirtschaftliche
Workshops besuchen können. Die Abschlusszertifikate sind begehrt und
ermöglichen Zukunftsaussichten, um als Elektriker, Schneiderin, Schuhmacher
oder Tischler eine Arbeit zu finden.
Ein feiner Wüstenstaub weht uns ins Gesicht. Viele Fragen können
wir nicht stellen, denn es herrscht ein erbitterter Bürgerkrieg zwischen
dem Norden und Süden. Darüber kann uns auch der Besuch einer Wirtschaftsmesse
in der Metropole nicht hinwegtäuschen, wo es um Investitionen und Geschäftsabschlüsse
mit Firmen aus verschiedenen Ländern der Welt geht. Einem deutschen
Geschäftsmann haben wir unsere Eindrücke von den hunderttausenden
Flüchtlingen in der Wüste erzählt, er hat noch nie davon
gehört. Er erzählt uns, dass der Sudan mit seinen Erdölvorkommen
und anderen Rohstoffen ein interessanter Markt für die Zukunft sei.
Wir haben ihm versprochen, einige Fotos und den Reisebericht zu schicken.
Ich bin glücklich, im grössten Land Afrikas die Hoffnung in tausenden
von Kindergesichtern angetroffen zu haben, das macht Mut, auch wenn die
Aussichten schlecht sind, denn es ist eine biblische Haltung, von denen
zu erzählen, die keine Stimme haben, die hungern und dürsten nach
Gerechtigkeit und Frieden.<1>
(...) Der Krieg ist ein Kampf um Macht, Geschäft und Gier geworden.
Viele herzlose Menschen schlagen ihren Vorteil daraus und bereichern sich
selbst auf Kosten der Armen. Globale Interessen haben nur die sudanesischen
Ressourcen im Auge und nicht das Wohlergehen der Sudanesen.
Religion wird verzerrt und missbraucht für andere Interessen. (...)
Wir, die Comboni-Missionare arbeiten in den befreiten Gebieten des Südsudan
und wir haben beschlossen, das Schweigen zu brechen und unser Engagement
gegen die Ungerechtigkeit zu intensivieren, die den Krieg im Sudan anstachelt.
Wir sprechen alle Kriegsführer an: «Im Namen Gottes legt die
Waffen nieder! Hört auf mit den Kämpfen!»
Wir wenden uns an alle Gutgesinnten: «Brecht das Schweigen und intensiviert
eure Vermittlungen für den Sudan.»
Wir appellieren an die politischen und wirtschaftlichen Mächte der
Welt: «Gebt eure Gier und eure eigennützigen Interessen auf.
Helft dem Sudan seine verlorene Menschlichkeit und Identität wieder
zu erlangen.»
Aus einer Erklärung der Comboni-Missionare,
die in den «befreiten Gebieten» des Südsudan arbeiten
1 Gerne senden Ihnen die Freunde der Sr. Emmanuelle im Sudan eine
Broschüre oder beraten Sie über Hilfsmöglichkeiten und Projekte,
die sie im Sudan unterstützen. Die Spenden werden ohne Verwaltungskosten
durch die Mitarbeit von Freiwilligen zur Gänze an die Hilfsprojekte
im Sudan weitergeleitet. Die Adresse: Freunde der Sr. Emmanuelle im Sudan,
Milackerweg 9, 4655 Stüsslingen, E-Mail alfred.hoefler@gmx.net
Weitere Informationen finden Sie im Internet auf Englisch und Französisch
unter http://asase.org
Sektion Deutschschweiz: Spendenkonto bei der Aargauischen Kantonalbank,
Freunde der Sr. Emmanuelle, Sudanhilfe, Konto-Nr. 42 602.077.98.