24/2001

INHALT

Leitartikel

Wir brauchen einen Neuanfang

von Jürg Krummenacher

 

Seit ein paar Jahren beurteilt das «World Competitivness Yearbook» alljährlich anhand von verschiedenen Kriterien die Wettbewerbsfähigkeit der Nationen. Im vergangenen Jahr lag die Schweiz auf Rang fünf. Seit 1966 hat sie sich jedes Jahr verbessert und vier Plätze gutgemacht. Schwächster Punkt in der Beurteilung unseres Landes war einmal mehr die ungenügende internationale Orientierung. Diese zeigt sich unter anderem in der Einwanderungspolitik, in einer gegenüber Ausländern eher verschlossenen Mentalität oder in der schwachen institutionellen Verankerung unseres Landes in der Europäischen Union.
Will die Schweiz sich also inskünftig im internationalen Wettbewerb noch besser behaupten, kommt sie um eine Korrektur in diesen Politikbereichen nicht herum. Was die Einwanderungspolitik betrifft, deckt sich die Schlussfolgerung mit den Aussagen, die Ökonomen wie Thomas Straubhaar immer wieder formulieren. Eine der Thesen lautet: In den westeuropäischen Staaten dürfte in näherer Zukunft nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an Migration Probleme erzeugen. Thomas Straubhaar steht mit dieser Ansicht unter Wirtschaftswissenschaftlern keineswegs allein da. Schon vor Jahren haben andere Ökonomen darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Schweiz sehr bald mit einem Arbeitskräftemangel konfrontiert sehen wird ­ spätestens dann, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge ins Erwerbsleben eintreten werden.
Wie die meisten weit entwickelten Industrienationen ist die Schweiz aufgrund ihrer demografischen Entwicklung auf Zuwanderung angewiesen. Die Schweiz ist somit ein Einwanderungsland, auch wenn viele dies nicht wahrhaben wollen. Hier aber liegt genau ein schwerwiegendes politisches Problem. Die aus gesellschaftlicher und ökonomischer Sicht notwendige Zuwanderung setzt auch eine entsprechende Aufnahmebereitschaft in der Bevölkerung voraus. Wie aber lässt sich diese angesichts der weit verbreiteten Abwehrhaltung gegenüber den Fremden bewerkstelligen?
Eine Schlüsselrolle kommt zweifelsohne der Asylpolitik und ihrer Darstellung in der Öffentlichkeit zu. Denn spätestens seit Beginn der Neunzigerjahre ist es die Asylfrage, welche die migrationspolitischen Auseinandersetzungen prägt. Diese Auseinandersetzung wird ausgesprochen emotional und unsachlich geführt. Asyl Suchende wurden in den letzten Jahren fast ausschliesslich mit negativ bewerteten Begriffen wie illegale Einwanderung, Missbrauch und Kriminalität in Verbindung gebracht. Nicht zuletzt haben auch die ständigen Verschärfungen des Asylverfahrens den Eindruck verstärkt, der grösste Teil der Asyl Suchenden seien gar keine «echten Flüchtlinge», sondern im besten Fall Arbeitsmigranten, die das Asylrecht missbrauchten, weil andere Einwanderungskanäle verstopft sind.
Diese Entwicklung ist sowohl für die Asyl- als auch die Migrationspolitik insgesamt fatal. Zwar trifft es zu, dass sich unter den Menschen, die in den letzen Jahren ein Asylgesuch gestellt haben, auch Migranten befanden, die auf der Suche nach Arbeit waren. Leider gab es auch eine kleine Minderheit, die das Asylrecht missbraucht hat, um ihren kriminellen Geschäften nachzugehen. Die überwiegende Mehrheit der Asyl Suchenden aber waren «echte Flüchtlinge» ­ Menschen, die vor der Gewalt grausamer Kriege wie in Sri Lanka, Bosnien oder Kosovo geflohen sind oder unter schweren Menschenrechtsverletzungen wie in der Türkei oder im Irak gelitten haben. Ja, kaum je seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren so viele Menschen auf unser Asylrecht angewiesen wie gerade in den Neunzigerjahren. Es ist deshalb unverständlich, dass es den rechten Parteien, allen voran der SVP, ausgerechnet in einer solchen Zeit gelungen ist, das Asylrecht mit ihrer Missbrauch-Behauptung dermassen in Misskredit zu bringen. Dabei hätte doch gerade der Krieg im Kosovo den politischen Behörden und den anderen Parteien die Möglichkeit geboten, die in der Bevölkerung spürbare Solidarität mit den Kriegsopfern aufzunehmen und dem Diskurs der SVP entschieden entgegenzutreten.
Wenn die Asylpolitik und damit auch die Migrationspolitik insgesamt in der Schweizer Bevölkerung wieder eine grössere Akzeptanz finden sollen, ist ein Neuanfang nötig. Die ständigen Verschärfungen des Asylverfahrens bringen uns nicht weiter. Im Gegenteil. Sie sind nur eine indirekte Bestätigung der Missbrauch-Behauptung der SVP und führen letztlich dazu, dass das Asylrecht und die Asyl Suchenden völlig diskreditiert werden. Was wir endlich brauchen ist eine umfassende und kohärente Migrationspolitiik, welche die künftigen Regeln der Zuwanderung, auch für Menschen ausserhalb der Europäischen Union, definiert. Was wir in der Migrationsfrage auch brauchen, ist eine andere, offensivere Kommunikationspolitik. Solange Migration und damit die Fremden, die Migrantinnen und Migranten, Asyl Suchenden und Flüchtlinge in der Öffentlichkeit vorwiegend negativ dargestellt werden, wird sich das politische Klima nicht ändern lassen. Die Solidaritätskampagne für Aidskranke des Bundesamtes für Gesundheit Anfang der Neunzigerjahre hat vorgezeigt, wie eine andere, offensivere Kommunikationspolitik aussehen könnte. Und auch der Slogan des diesjährigen Flüchtlingssonntages, «Respect», nennt die «conditio sine qua non» einer offenen, zukunftsorientierten politischen Kommunikation.
Eines ist sicher: Ohne Neuanfang in der Asyl- und Migrationspolitik wird es kaum möglich sein, die Bedingungen für die Zuwanderung, die wir aus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht künftig brauchen, zu verbessern.


Caritas Schweiz in Zahlen

Die Jahresrechnung 2000 der Caritas Schweiz ­ ohne die Rechnungen der Regionalen Caritas-Stellen ­ schliesst mit einem Ertrag von 141 Millionen und einem Aufwand von 143,7 Millionen Franken ab. Fast die Hälfte aller Mittel sind öffentliche Beiträge (47%), gegen ein Drittel Beiträge Dritter (29%), andere Erträge machen 5% und die Spenden 19% (26, 2 Mio. Franken) aus. Die Projekte und Programme im Ausland werden zu 59% durch Beiträge Dritter, zu 23% durch Spenden und zu 18% durch öffentliche Beiträge finanziert; die Aktivitäten im Bereich des Asyl- und Flüchtlingswesens werden zu 95% durch öffentliche Beiträge, zu 3% durch Beiträge Dritter und zu 2% durch Spenden finanziert.
Die Gemeinkosten (administrativen Leistungen) belaufen sich auf 4,8%, die Kosten für die Projektbegleitung der Auslandarbeit auf 6,8%, für die Projekte im Inland und Ausland wurden 126 Millionen Franken aufgewendet. Seit dem offenen Ausbruch der Balkan-Kriege im August 1991 bis Ende 2000 hat Caritas Schweiz 97 Millionen Franken für Nothilfe und Wiederaufbau im Balkan aufgewendet; das Hilfsprogramm für die Länder im ehemaligen Jugoslawien ist damit eines der grössten in der 100-jährigen Geschichte der Caritas Schweiz.
Das nationale Caritas-Netz setzt sich aus der Caritas Schweiz und den 16 Regionalen Caritas-Stellen zusammen; das internationale Caritas-Netz, die Caritas Internationalis, umfasst 154 nationale Caritas-Organisationen.


100 Jahre Caritas Schweiz

Vor 100 Jahren wurde im Rahmen des Schweizerischen Katholikenvereins eine «Sektion» für die Caritas gegründet. Um die katholische Hilfstätigkeit für das kriegsgeschädigte Europa zu organisieren, kam es 1919 zur Gründung der Caritas-Zentralstelle in Luzern und 1927 schliesslich zu einem breiteren Zusammenschluss der Kräfte im Caritasverband. Am 1. Juni 2001 wurde dieser 100 Jahre mit einem Festakt im Kultur- und Kongresszentrum Luzern gedacht. Bundespräsident Moritz Leuenberger bedachte in seiner Ansprache ­ vom alten Begriff caritas ausgehend ­ Möglichkeit und Notwendigkeit, die christliche Nächstenliebe planmässig zu fördern. «Die ÐCaritasð hat ein respektables Alter, das ergibt sich schon aus ihrem Namen: Er ist lateinisch und heisst ÐWertschätzungð oder ÐHerzenswärmeð. Würde die Caritas heute gegründet, hiesse sie wohl Ðwww.help!ð, und was sich Caritas 1901 zum Ziel gesetzt hat, würde heute vermutlich mit ÐSolidarity Promotionð umschrieben. Dieses Ziel hiess: ÐPlanmässige Förderung der christlichen Nächstenliebeð.» Auch der Präsident der Caritas Internationalis, Erzbischof Youhanna-Fouad El-Hague blickte auf die Anfänge der Caritas Schweiz zurück, indem er die Gründungszeit als die Zeit der industriellen Revolution in Erinnerung rief. Heute erlebe die Welt einen ähnlichen Übergang, nur sei der Begriff «Industrialisierung» durch jenen der «Globalisierung» ersetzt worden. Die indische Ordensfrau und Entwicklungssachverständige Stella Delphinal Baltazar schliesslich plädierte für eine Solidarität in der Gestalt der Partnerschaft, wie Caritas sie fördere, für von den Betroffenen getragene Entwicklungsprogramme.

Rolf Weibel


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001