21/2001

INHALT

Leitartikel

Freiwilligenarbeit - Wer tut sie noch?

von Elisabeth Aeberli

 

Im Februar 2001 gab die «Wendekreis»-Redaktion eine Nummer zum Thema «Freiwilligenarbeit» heraus. Auf diese Nummer zum Internationalen Jahr der Freiwilligen<1> erhielten wir auf der Redaktion einen Brief, in dem unter anderem Folgendes steht: «Es ist schon eine schizophrene Gesellschaft: Da wird von einer habgierigen Elite von Absahnern der alleinige Wert der Shareholder Values gepredigt: ohne Rücksicht auf Verluste im Sozialen oder im Umweltbereich werden Gewinne eingefahren ­ und auf der anderen Seite glaubt noch jemand, dass es welche gibt, die freiwillig umsonst arbeiten sollen. Die Wirtschaft propagiert die totale Rücksichtslosigkeit und das hat Konsequenzen für das gesellschaftliche Zusammenleben: Aufweichung von Solidarität, alle gegen alle, Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums an einige Wenige, Abbau der Sozialleistungen für diejenigen, die den Reichen den Dreck wegräumen zu einem Lohn, von dem keiner mehr leben kann...».
Ist die Freiwilligenarbeit also ein weiteres System zur Ausbeutung? Den Kirchen, die wesentlich vom Einsatz Ehrenamtlicher leben, darf diese (An-)Klage nicht gleichgültig sein. Im Annex der Reformierten Presse (45/2000) schreibt die Zürcher Kirchenrätin Jeanne Pestalozzi-Racine: «Die längste Erfahrung mit Freiwilligenarbeit haben die Kirchen. Das Christentum hat schon so begonnen. Ungezählt sind die Initiativen in Diakonie, Bildung und Mission, welche von Freiwilligen getragen wurden. Heute noch sind die Freiwilligen das Rückgrat der Kirche.»

(Ökonomisches) Rückgrat der Kirchen

Das Bundesamt für Statistik hat errechnet, dass 41 Prozent der in der Schweiz lebenden Personen Freiwilligenarbeit ausüben. Die geleistete Arbeit wird auf 44 Millionen Stunden pro Jahr geschätzt, was etwa 248000 Vollzeit-Arbeitsstellen entspricht. Der Kostenaufwand für diesen Arbeitsaufwand schätzt das Bundesamt auf rund 19,4 Milliarden Franken.
Das Internationale Jahr der Freiwilligen ist nicht nur dazu da, diese Zahlen in Erinnerung zu rufen und die ganze Freiwilligenarbeit zu monetarisieren. Es schadet aber andererseits nicht, wenn wir uns immer wieder daran erinnern, was Ehrenamtliche leisten. «Wer mitmacht, verdient unser Dankeschön!», stand auf den Plakaten des iyv-forums, der Schweizer Organisation des Freiwilligenjahres, zu lesen. Am Koordinationstreffen der diözesanen und kantonalen Seelsorgeräte im Oktober 2000 sprachen sich die Anwesenden für eine «Sozialbilanz» aus. Die Kirchgemeinden sollen sichtbar machen, welche Arbeit ehrenamtlich geleistet wird.

Was wird getan?

Für den «Wendekreis» sind wir auf die Suche gegangen, was in unseren Kirchen und in der Gesellschaft freiwillig geleistet wird. Vorgestellt wurden Initiativen wie zum Beispiel das Integrationsprojekt zweier Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die gemeinsam den Kurs für interkulturelle Animation (AiKA) im Romero-Haus besuchten. Sie organisierten in Emmenbrücke Elternabende für Fremdsprachige, an denen sie das Schweizer Schulsystem, Rechte und Pflichten und anderes erklärten. Der AiKA-Kurs ­ und die Elternabende ­ gaben ihnen die Möglichkeit, sich für etwas einzusetzen, was für sie selbst überlebensnotwendig ist: für die Integration. Bezahlte Stellen gab es dafür nicht, die Freiwilligenarbeit ermöglichte ihnen aber, etwas aus eigener Initiative anzupacken und durchzuziehen.
Ein weiterer Schwerpunkt in der «Wendekreis»-Ausgabe bilden die Freiwilligeneinsätze in den Ländern des Südens. Die Bethlehem Mission Immensee als Herausgeberin des «Wendekreis» hat zurzeit rund fünfzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in elf Ländern. Es sind Fachleute mit abgeschlossener Ausbildung und beruflicher Erfahrung. Sie beziehen ein Salär und Sozialleistungen, die aber nicht dem schweizerischen Standard entsprechen.
In der Schweiz wie in Übersee gibt es noch immer genügend Möglichkeiten für Freiwilligenarbeit, bei der nicht das Auffüllen des Bankkontos, sondern die Solidarität und der Kontakt zu anderen Menschen ­ auch in Notsituationen ­ im Vordergrund stehen. Im «Wendekreis» kamen verschiedentlich Leute zum Wort, die an der Freiwilligenarbeit positiv bewerteten, dass sie Lernfelder hatten und haben, soziale Kontakte, Weiterbildungsmöglichkeiten und Abwechslung zum Alltag.

Skepsis und Ermächtigung

Das Internationale Jahr der Freiwilligen wurde im Dezember des vergangenen Jahres in Bern feierlich eröffnet. Neben Festlichem und Fröhlichem wurden auch kritische Töne angeschlagen. Jana Caniga, Leiterin der Direktion für Kultur und Soziales der Migros, meinte zum Beispiel: «Meine Skepsis stammt vom Eindruck, dass diese Arbeit, diese Kultur der Freiwilligkeit, zu der sich in der Schweiz etwa jeder Vierte bekennt, ein Dasein gleichsam einem Aschenbrödel fristet. Gesellschaftlich notwendige Arbeit lässt sich oft nicht mehr bezahlen, weil andere wirtschaftliche oder politische Prioritäten gesetzt werden. Und diese Arbeit kommt nun auf die Schultern derjenigen zu liegen, die sich mit hoher Motivation engagieren, die jedoch allzu oft spüren, wie sehr sie Lückenbüsser sind, denen die gesellschaftliche Anerkennung, die Wertschätzung für diesen Einsatz aberkannt bleiben.»
Damit wären wir wieder bei der ­ eingangs erwähnten ­ Briefschreiberin. Wenn Freiwilligenarbeit dazu da ist, im öffentlichen Bereich noch mehr sparen zu können, werden die Lasten wiederum einseitig, meist den Frauen, aufgeladen. Die Freiwilligenarbeit ist aber für viele auch eine Möglichkeit, Fähigkeiten einzubringen, die im Berufsalltag nicht gefragt sind. Aber auch das funktioniert nur, wenn bezahlte und unbezahlte Arbeit gerecht verteilt ist ­ auch in den Kirchen!

 

Die Theologin Elisabeth Aeberli ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Wendekreis».


Anmerkung

1 Informationen zum Internationalen Jahr der Freiwilligen: www.iyv-forum.ch; siehe auch: «Wendekreis» 2/2001 (Administration «Wendekreis», 6405 Immensee); Informationspapier des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes (Bestellung: SKF-Zentralsekretariat, Postfach 7854, 6000 Luzern 7).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001