20/2001 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Eine Pendlerin verlässt im Zürcher Bahnhof Stadelhofen den
Zug und macht sich auf den Weg durch die Stadt zur Arbeit. Noch im Bahnhof
werden ihr von freundlichen Leuten in gelben, roten und rotblauen Jacken
drei Gratiszeitungen in die Hand gedrückt. Auf dem Weg zum Tram und
beim Verlassen des Trams trifft sie wieder auf die freundlichen Leute, die
ihr kostenlos ihre gedruckten Neuigkeiten anbieten. Auf dem Büro angekommen,
zählt die Pendlerin die Gazetten: Es sind drei «20 Minuten»,
drei «Metropol» und zwei «Züri express». Hätte
die Pendlerin die Zeitungen auf ihrem Weg ins Büro aktiv gesammelt
und an jeder Auslage von den illustrierten Postillen nur ein Exemplar mitgenommen,
sie wäre mit weiteren 12 Exemplaren beschenkt worden. Die Pendlerin
überlegt sich, was sie mit 20 angeschleppten Gratiszeitungen machen
könnte.
Während des Krieges hätte eine Familie vor 60 Jahren das Papier
zum Heizen gebraucht. Doch der Mangel hat sich verschoben: Er liegt nicht
mehr beim Publikum, das nach Informationen und Wissen dürstet. In der
Informationsflut ist das beschränkte Gut die Aufmerksamkeit.
Wie soll die Kirche die Pendlerin erreichen? Soll sie auch aufs Boulevard
gehen und den Passanten ihre fröhliche Botschaft in die Hand drücken?
Soll sie sich vornehm zurückhalten und darauf vertrauen, bis der Überdruss
die Pendlerin zurück in die Kirche als den Hort der wahren und seligmachenden
Information treiben wird?
Ein zweites Schlaglicht zum Mediensonntag könnte auf die aktuelle
Multimedia-Installation «Big Brother» fallen (vgl. dazu das
Dossier zum Thema im Medienheft [www.medienheft], welches die Reformierten
Medien und der Katholische Mediendienst gemeinsam herausgeben). Der Pendlerin
als mobile und individualisierte Zeitgenossin könnte die offene Spielanlage
der Reality-Show gefallen. Sie ist es sich gewohnt, dass ältliche kirchliche
Kreise ihr Erlebnismilieu miesmachen. Deren ablehnende Kritik an der Sendung
(wegen der Verletzung der Menschenwürde und des sozialen Mobbings)
mag sie beim Start auf das neue Fernsehformat erst aufmerksam gemacht haben.
Der Stil, nach dem die Bewohner im Container ethische Konflikte lösen,
passt ihr: «Ich will im Container etwas erleben, eine gute Zeit haben,
in der es für mich und die anderen stimmt.» Für die Pendlerin
ist «Big Brother» so etwas wie ein Laboratorium der sozialen
Orientierung: Sie kann beobachten und testen, welche Personen ihr gefallen
und welches Verhalten die Akzeptanz der Bewohner im Container, der Fachleute
im Studio sowie der Zuschauenden zuhause findet. «In» sind jene
Selbstdarsteller, welche die Aufmerksamkeit der Beteiligten und der Kameras
auf sich zu ziehen vermögen.
Eine Gruppe älterer Menschen in einer Pfarrei entschied sich kürzlich
im Rahmen ihres Bildungsprogramms für die Auseinandersetzung mit der
Frage: Welche Werte nehmen wir ins anbrechende Jahrhundert mit? Die Beschäftigung
mit den Medien hätte als bestätigende Folie für ein Weltbild
dienen sollen, das die gesellschaftliche Umwelt als feindlich wahrnimmt
und einen sozialen Wertezerfall diagnostiziert. «Big Brother»
hätte als Beweis für diese These herhalten müssen. Wohl etwas
borniert und kleingläubig hätte die Gruppe ihre Werte und ihren
Glauben gegen die (bösen) Anderen hochhalten wollen.
Doch es kam anders. Die Seniorengruppe fragte offener und neugieriger: Was
fasziniert sie, was stösst sie ab an dieser Sendung? Welche Fernsehformate
bevorzugen sie (Natursendungen und Tagesschau) und warum? Was könnte
ihre Enkel an «Big Brother» faszinieren und warum interessiert
sich die Enkelgeneration kaum für die Fernsehformate ihrer Grosseltern?
Überraschende Einsichten kamen auf: Viele ältere Menschen stellten
fest, dass sie kaum Kontakt haben zur Generation ihrer Enkel, aber auch
über wenig Kontakt verfügen zur Generation, die aktiv im Arbeitsleben
steht. Unvertraut sind ihnen ihr Lebensstil und ihre Fernsehformate. Diese
Fremdheit kann ältere Menschen ängstigen, zumal sie wirtschaftlich
von den Generationen im Arbeitsleben abhängig sind. Gerade weil sie
die soziale Orientierung der Enkelgeneration nicht kennen, nehmen sie die
augenfälligen Unterschiede im Konsumverhalten wahr. So kommen Zweifel
auf, ob die eher hedonistisch orientierten Jugendlichen sich an den Gesellschaftsvertrag
halten werden oder egoistisch sich nach ihrem eigenen Vorteil in der Konkurrenzgesellschaft
richten.
Die im geschützten Umfeld einer Pfarrei geführte Auseinandersetzung
mit «Big Brother» liess die Senioren zu versöhnlichen Einsichten
kommen: Für die Bewohner im Container ist Solidarität ein Thema.
In ihrer sozialen Orientierung haben sie nicht keine Moral, sondern eine
andere. Diese unterscheidet sich vor allem in ihren ästhetischen Leitwerten
vom Erlebnismilieu der Senioren. Als Spiegel für die Lebensorientierung
jüngerer Generationen bietet die Sendung zudem einen Eindruck, wie
aufwendig individualisierte Zeitgenossen ihr Freizeitverhalten koordinieren
und diskursiv begründen müssen.
Auch für Theologen ist die Sendung eine Knacknuss. Explizit religiöse
(oder auch politische Themen) kommen selten vor. Ausser den verschiedenen
Stilen der Selbstdarstellung gibt es keine Unterschiede (mehr), auf die
es ankäme. Es darf über alles diskutiert werden, aber alle Meinungen
beanspruchen nur persönlich zu sein. Im Container bzw. im Haus darf
deshalb auch alles öffentlich sein. Abgenabelt von der Tagesaktualität
geht Politik als Thema verloren. Und was religiöse Sprachspiele betrifft,
fluchen, schwören und beten die Kandidaten. Doch alles ist Privatsache.
Bei einer kurzen Gesprächssequenz über ein mögliches Leben
nach dem Tod achten die Bewohner sorgsam darauf, dass der Frieden im Haus
nicht gestört und der Glaube der Einzelnen ja deren persönliche
Angelegenheit bleibt. Wie um die Immunität des Formats zu demonstrieren,
gab RTL den Kandidaten der ersten Staffel eine Wochenaufgabe, nach der sie
einander täglich einen Text aus der Bibel vorzulesen hatten. Die heikle
Aufgabe war mit der expliziten Auflage verbunden, sich über den (fremden)
Text nicht lustig zu machen. Entsprechend korrekt und folgenlos entledigte
sich die Gruppe der Aufgabe.
Die Neutralisierung der religiösen und politischen Inhalte ist gekoppelt
mit einer Inflation von religiösen Zeichen. Die erhöhte Kamera
im Garten, an die sich die Bewohner richten und über die sie sich direkt
ans Publikum wenden können, sprechen Bewohner in der jüngsten
Staffel von TV3 mit dem Namen «Maria» an. Ein Kirchengeschädigter
wird im «Sprechzimmer» den postmodernen Ersatz für das
Requisit des Beichtstuhls erkennen. Wenn Bewohner das Sprechzimmer aufsuchen,
verlassen sie die Gruppe, um direkt vor der Kamera ihre geheimen Gedanken
zu äussern und um mit Selbst-Entblössungen «Big Brother»
(in der Doppelrolle als Redaktion und Publikum) um Vergebung und Anerkennung
zu bitten. Das Leben im Container kann zudem als eine Szene verstanden
werden, die ständig schwankt zwischen Himmel und Hölle, zwischen
Paradies und Gefängnis. Nach eigenen Angaben fällt den postmodernen
Eremiten der Verzicht auf ihre Leitmedien wie Handy, Radio und Musikkonserven
am schwersten. Die Sammlung der Zerstreuten macht jedoch den Container zu
einem Hort der intimen Gemeinschaft. Eingesperrt in das Haus der Güte
buhlen die Kandidaten mit dauerhaftem Wohlverhalten um die Gunst der Mitbewohner
drinnen und der Zuschauer draussen. Werden die Bewohner abgewählt,
müssen sie die Schleuse als eine Art «Höllenpforte»
passieren. Sie trennt das Gefängnis der Gemeinschaft, auf welche das
Licht der Scheinwerfer gerichtet ist, von der Kälte und Dunkelheit
der zerstreuten Gesellschaft.
«Big Brother» ist eine populäre Liturgie. Sie bietet dem
«Volk» interessante Rollen an. Gewöhnliche, selbstdarstellungswillige
Kandidaten werden von der Redaktion gewählt und bei der feierlichen
Ankunft als Stars installiert. Doch die kleinen Götter leben nicht
entrückt auf dem Olymp, sondern werden in einen Container verbannt.
Dieser ist im flachen Land so angeordnet, dass die Zuschauenden die Eingesperrten
während 24 Stunden live beobachten können. Die medientechnische
Installation dieser vormals den Göttern zugedachten Blickposition wird
den Zuschauenden angedient. Als grosse Brüder können sie von ihren
kleinen Brüdern im Container alles sehen. Und aus Rache können
die zerstreuten Zuschauer vermittelt über demokratische Prozesse
Gott spielen: Sympathien zuweisen und die kleinen Götter von
ihrer Insel der Glückseligkeit vertreiben hinaus in die Finsternis
der Gesellschaft.
Die Option der in ihrer Immanenz gefangenen Trivialkultur ist selbst nicht
trivial. So votiert die postmoderne Moderne für den Vorrang der Demokratie
vor Kunst, Philosophie und Religion. Die eher angenehme Konsequenz hieraus:
«Friedliche Koexistenz aller Botschaften ohne Gewalt und ohne Gehalt;
die Kultur der Bestenlisten als ewige Wiederkehr des geringfügig Anderen;
Selbstbeschallung der Mediengesellschaft mit dem immergleichen immerneuen
Gemisch aus Nonsense und No-Nonsense; Freiheit der Wahl zwischen verschiedenen
Handelsformen derselben Dekadenz; Emanzipation der Sprecher von der Zumutung,
etwas zu sagen zu haben» (Sloterdijk Peter, 1999: Sphären II,
787).
Was die unangenehmen Konsequenzen des freien Botschaftenmarktes angeht,
Franz Kafka hat sie um 1914 in einer kleinen Parabel beschworen:
Sie wurden vor die Wahl gestellt, Könige oder Kuriere zu sein. Nach
Art der Kinder wollten sie alle Kuriere sein, deshalb gibt es lauter Kuriere.
Und so jagen sie, weil es keine Könige gibt, durcheinander und rufen
einander selbst ihre sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden
sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des
Diensteides.
Wie soll die Kirche die Pendlerin erreichen? Wie soll sie mit jener Lebensstilgruppe in Kontakt treten, die sich vom Format «Big Brother» angesprochen und ernst genommen fühlt? Wie soll die Kirche die Medien im pluralistischen Umfeld nutzen? Im Rückgriff auf den Pastoralplan Kommunikation und Medien (zu den Grundlagentexten kirchlicher Medienarbeit vgl. www.kath.ch/mediendienst) für die Schweizer Katholiken sollen vier Kriterien in Erinnerung gerufen werden, die für eine offene und verständigungsorientierte Medientätigkeit der Kirchen notwendig sind. Sie werden illustriert mit je einem aktuellen Projekt aus der kirchlichen Medienarbeit.
Die vier Kriterien für eine glaubwürdige und offene Medienkommunikation der Kirche bilden zusammen ein flexibles Gleichgewicht. Wegen finanzieller Knappheit oder aus Gründen der Effizienz auf einen Leitwert zu verzichten, bringt die kirchliche Medientätigkeit in eine Schieflage. Einseitig forcierte Verkündigung wirkt autoritär oder verkommt zu PR. Werden allerdings die Aufgaben der Verkündigung und Information mit unzureichenden Mitteln ausgestattet, können die verantwortlichen Stellen sich nicht entsprechend professionalisieren. Vor allem auf der anonymen sprachregionalen Ebene sind nur gutgemeinte Medienauftritte kontraproduktiv. Um im Wettbewerb um das beschränkte Gut Aufmerksamkeit zu bestehen, muss die Kirche in der Informationsgesellschaft ihr Kommunikations- und Medienverhalten noch vermehrt umstellen: von einer Hol- zu einer Bringkultur.
Der Theologe Matthias Loretan ist Geschäftsführer des Katholischen Mediendienstes und Lehrbeauftragter für Medienethik an der Universität Freiburg.
Radio kath.ch ist das neue Internet-Radio für die Schweizer Katholikinnen
und Katholiken. Ab 27. Mai 2001, dem Mediensonntag der Katholischen Kirche,
kann Radio kath.ch auf Internet abgerufen und gehört werden unter der
Adresse http://radio.kath.ch.
Radio kath.ch ist eine Dienstleistung des Katholischen Mediendienstes und
wird betreut von den Redaktoren Hansjörg Spring, Matthias Müller
und P. Willi Anderau.
Täglich von Montag bis Freitag bringt die Redaktion von
Radio kath.ch Nachrichten aus Kirche, Religion und Gesellschaft. Die Nachrichten
werden bei bedeutenden Ereignissen ergänzt durch den «Special»
mit Interviews, Statements oder Kurzkommentaren. Radio kath.ch will auch
kontroverse Ansichten darstellen und den Hörerinnen und Hörern
Gelegenheit bieten, sich selber eine Meinung zu bilden. Wöchentlich
bringt Radio kath.ch im «Prisma» einen gestalteten Magazinbeitrag
mit Berichten, Reportagen und Hintergründen. Wer einen Beitrag verpasst
hat, findet ihn problemlos im Tonarchiv von Radio kath.ch.
Im Gegensatz zum konventionellen Radio mit festen Programmzeiten erlaubt
das Internet einen gezielten Abruf von einzelnen Programmteilen. Der Benutzer
kann je nach Wunsch und wann immer er Zeit hat die drei- bis fünfminütigen
Nachrichten abrufen, das Prisma mit dem Magazinbeitrag oder den Special
mit dem Kurzkommentar.
Radio kath.ch schliesst in der kirchlichen Medienkommunikation eine Lücke.
Für eigenverantwortete, redaktionelle Beiträge standen der Kirche
bis jetzt lediglich die Printmedien zur Verfügung. Erstmals ist es
in der deutschen Schweiz möglich, kirchliche Ereignisse und Stellungnahmen
rasch und authentisch, radiophonisch aufzubereiten und darzustellen. Für
Menschen, die sich rasch und authentisch über kirchliches Leben in
der Schweiz informieren wollen, gibt es jetzt auf Internet einen neuen Favoriten:
http://radio.kath.ch.