17/2001

INHALT

Leitartikel

Mitte finden

von Weihbischof Martin Gächter

 

Auch dieses Jahr hat die Arbeitsstelle Information Kirchliche Berufe (IKB) zum Guthirt-Sonntag eine anregende Mappe «Mitte finden» herausgegeben, die Hilfen anbietet zur Förderung von kirchlichen Berufen. Diese Förderung soll und kann nicht nur an einem Sonntag geschehen, sondern während des ganzen Jahres. Die Sorge um die Entdeckung und Förderung von geistlichen Berufungen muss ein wichtiges Anliegen unserer ganzen Seelsorge sein. Um solche Berufungen müssen wir beten, denn Gott beruft die Menschen und Gott zeigt uns die Berufenen. Aufmerksam müssen wir die Berufenen entdecken und sie behutsam begleiten.
Manche Katholiken beten und engagieren sich stark für kirchliche Berufe, andere gar nicht.
Es gibt Pfarreien, in denen dieses Anliegen auch am Guthirt-Sonntag nicht zu spüren ist. Der Ärger über die eingeschränkten Zulassungsbedingungen zur Priesterweihe ist oft spürbar. Manche Frauen und verheiratete Theologen können nicht den kirchlichen Beruf ausüben, zu dem sie sich berufen fühlen.
Im vergangenen Jahr wurde der Zölibat und die Jungfräulichkeit der Ordensleute wieder massiv in Frage gestellt. Mehrfach machte die «Zöfra» (Verein der vom Zölibat betroffenen Frauen der Schweiz) von sich reden. Ihre Präsidentin nannte eine beachtliche Zahl von betroffenen Frauen, mit denen sie schon Kontakt hatte. Dazu behauptet sie, dass «kaum die Hälfte der Priester den Zölibat so lebt, wie die Kirche vorschreibt». Und: «In der Frage des Pflichtzölibates stehen wir vor dem Mauerfall.» Das sind Behauptungen, die sehr vielen Priestern Unrecht antun. Bei manchen Leuten zerstören sie die Wertschätzung des Zölibates noch mehr.
In der Frage des echt gelebten Zölibates wird es für jeden schwierig sein, genaue Zahlen zu nennen. Jeder kann sich nur auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen stützen. Leute, die sich nicht an die Regeln halten, behaupten schnell einmal, «alle andern» würden auch so leben. Das ist bekannt ­ und trotzdem nicht wahr! Neben der «Zöfra» gibt es noch viel mehr Frauen, die den Zölibat der Priester achten und unterstützen.
Diese guten Kolleginnen und Freundinnen der Priester verdienen viel mehr Beachtung! Viele Frauen gehen natürlich und freundlich mit Priestern um, ohne dass es zu unangebrachten sexuellen Kontakten kommt. Herzliche Beziehungen zwischen Männern und Frauen sind heute überall wichtig: bei den Laien ebenso wie bei den Priestern und Ordensleuten. Solche wertvolle und ethisch gute Beziehungen lebte auch Jesus mit seinen Freunden und Freundinnen.
Gewiss kann es bei allen Menschen, bei zölibatären wie bei verheirateten, vorkommen, dass sie sich unerwartet verlieben. Das ist menschlich ­ und auch schön! Doch dann ist es wichtig, dass sich jeder überlegt, was er will und wohin er eigentlich gehört. Wenn er sich entscheiden kann, seine bisherige Wahl (sei es eine Ehe oder den Zölibat) weiterzuleben, kann er menschlich besonders reifen. Sehr viele Christen möchten in der Kirche weiterhin Hochzeiten feiern und dabei das Versprechen lebenslanger Treue ablegen, auch wenn jeder weiss, dass ein grosser Teil der Paare dieses Versprechen nicht einhalten kann. Trotzdem wird die Ehe nicht abgeschafft. Weiterhin wird es den zölibatären Priester geben, selbst wenn er momentan nicht mehr von vielen Leuten geschätzt wird, aber dennoch von der Mehrzahl der Priester gut und treu gelebt wird.

Einsatz für beide Lebensformen

Nicht sinnvoll ist es, nur die Abschaffung des Zölibates zu fordern. Man kann aber wünschen, dass bei uns auch verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden können. Jesus hat ja verheiratete und zölibatäre Apostel berufen. Er selber hat den Zölibat gelebt und ihn auch empfohlen, um frei zu sein für Gott und die Menschen.
Bei uns könnte es neben den zölibatären Priestern auch wieder verheiratete Priester geben. In unserer katholischen Kirche gibt es schon seit langem verheiratete Priester, vor allem in den mit dem Papst unierten Ostkirchen. Im Libanon traf ich bei den Maroniten und Melkiten viele verheiratete katholische Priester. Sie leben im östlichen Ritus und sind mit dem Papst verbunden.
Wir können uns dafür einsetzen, dass auch bei uns wieder beides möglich wird: Die verheirateten und die zölibatären Priester. Voraussetzung wäre allerdings, dass auch bei uns ein ernsthafter Einsatz für beide Lebensformen spürbar würde. Die Ostkirchen befürworten nicht nur die verheirateten Priester, sondern ausdrücklich auch die zölibatären Priester und die Ordensleute. Diese Ausgewogenheit ist bei uns im Westen kaum mehr zu spüren. Da reden die meisten nur von der «Abschaffung des Zölibates», statt von der Förderung von verheirateten und von zölibatären Priestern.
In unseren katholischen Publikationen kann man viel mehr Artikel gegen den Zölibat als für den Zölibat lesen. Das muss wieder ausgewogener werden! In unserer Zeit, da wieder viel mehr Menschen unverheiratet leben und man sich als Single nicht mehr rechtfertigen muss, heute, da viele Singles auch zölibatär und enthaltsam leben, wirkt der Slogan «Abschaffung des Zölibates» beinahe anachronistisch.
Wie die mit Rom unierten Ostkirchen müssen auch wir uns zugleich für Ordensleute, für verheiratete und für zölibatäre Priester einsetzen. Dann könnte in der Weltkirche auch uns diese Vielfalt der Ostkirche zugestanden werden. Da wird die Weltkirche eine grosse Rolle spielen, denn die Päpste entscheiden nicht einfach allein. Unsere Ausgewogenheit wäre dafür die Voraussetzung. Zuerst hängt es von uns selber ab: «Mitte finden»!

 

Weihbischof Martin Gächter ist in der Schweizer Bischofskonferenz der Hauptverantwortliche für die Bereiche Geistliche Gemeinschaften und Geistliche Bewegungen, im Bistum Basel ist ihm das Spezialmandat «Förderung kirchlicher Berufe» übertragen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001