17/2001 | |
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Leitartikel |
Auch dieses Jahr hat die Arbeitsstelle Information Kirchliche Berufe
(IKB) zum Guthirt-Sonntag eine anregende Mappe «Mitte finden»
herausgegeben, die Hilfen anbietet zur Förderung von kirchlichen Berufen.
Diese Förderung soll und kann nicht nur an einem Sonntag geschehen,
sondern während des ganzen Jahres. Die Sorge um die Entdeckung und
Förderung von geistlichen Berufungen muss ein wichtiges Anliegen unserer
ganzen Seelsorge sein. Um solche Berufungen müssen wir beten, denn
Gott beruft die Menschen und Gott zeigt uns die Berufenen. Aufmerksam müssen
wir die Berufenen entdecken und sie behutsam begleiten.
Manche Katholiken beten und engagieren sich stark für kirchliche Berufe,
andere gar nicht.
Es gibt Pfarreien, in denen dieses Anliegen auch am Guthirt-Sonntag nicht
zu spüren ist. Der Ärger über die eingeschränkten Zulassungsbedingungen
zur Priesterweihe ist oft spürbar. Manche Frauen und verheiratete Theologen
können nicht den kirchlichen Beruf ausüben, zu dem sie sich berufen
fühlen.
Im vergangenen Jahr wurde der Zölibat und die Jungfräulichkeit
der Ordensleute wieder massiv in Frage gestellt. Mehrfach machte die «Zöfra»
(Verein der vom Zölibat betroffenen Frauen der Schweiz) von sich reden.
Ihre Präsidentin nannte eine beachtliche Zahl von betroffenen Frauen,
mit denen sie schon Kontakt hatte. Dazu behauptet sie, dass «kaum
die Hälfte der Priester den Zölibat so lebt, wie die Kirche vorschreibt».
Und: «In der Frage des Pflichtzölibates stehen wir vor dem Mauerfall.»
Das sind Behauptungen, die sehr vielen Priestern Unrecht antun. Bei manchen
Leuten zerstören sie die Wertschätzung des Zölibates noch
mehr.
In der Frage des echt gelebten Zölibates wird es für jeden schwierig
sein, genaue Zahlen zu nennen. Jeder kann sich nur auf eigene Beobachtungen
und Erfahrungen stützen. Leute, die sich nicht an die Regeln halten,
behaupten schnell einmal, «alle andern» würden auch so
leben. Das ist bekannt und trotzdem nicht wahr! Neben der «Zöfra»
gibt es noch viel mehr Frauen, die den Zölibat der Priester achten
und unterstützen.
Diese guten Kolleginnen und Freundinnen der Priester verdienen viel mehr
Beachtung! Viele Frauen gehen natürlich und freundlich mit Priestern
um, ohne dass es zu unangebrachten sexuellen Kontakten kommt. Herzliche
Beziehungen zwischen Männern und Frauen sind heute überall wichtig:
bei den Laien ebenso wie bei den Priestern und Ordensleuten. Solche wertvolle
und ethisch gute Beziehungen lebte auch Jesus mit seinen Freunden und Freundinnen.
Gewiss kann es bei allen Menschen, bei zölibatären wie bei verheirateten,
vorkommen, dass sie sich unerwartet verlieben. Das ist menschlich
und auch schön! Doch dann ist es wichtig, dass sich jeder überlegt,
was er will und wohin er eigentlich gehört. Wenn er sich entscheiden
kann, seine bisherige Wahl (sei es eine Ehe oder den Zölibat) weiterzuleben,
kann er menschlich besonders reifen. Sehr viele Christen möchten in
der Kirche weiterhin Hochzeiten feiern und dabei das Versprechen lebenslanger
Treue ablegen, auch wenn jeder weiss, dass ein grosser Teil der Paare dieses
Versprechen nicht einhalten kann. Trotzdem wird die Ehe nicht abgeschafft.
Weiterhin wird es den zölibatären Priester geben, selbst wenn
er momentan nicht mehr von vielen Leuten geschätzt wird, aber dennoch
von der Mehrzahl der Priester gut und treu gelebt wird.
Nicht sinnvoll ist es, nur die Abschaffung des Zölibates zu fordern.
Man kann aber wünschen, dass bei uns auch verheiratete Männer
zu Priestern geweiht werden können. Jesus hat ja verheiratete und zölibatäre
Apostel berufen. Er selber hat den Zölibat gelebt und ihn auch empfohlen,
um frei zu sein für Gott und die Menschen.
Bei uns könnte es neben den zölibatären Priestern auch wieder
verheiratete Priester geben. In unserer katholischen Kirche gibt es schon
seit langem verheiratete Priester, vor allem in den mit dem Papst unierten
Ostkirchen. Im Libanon traf ich bei den Maroniten und Melkiten viele verheiratete
katholische Priester. Sie leben im östlichen Ritus und sind mit dem
Papst verbunden.
Wir können uns dafür einsetzen, dass auch bei uns wieder beides
möglich wird: Die verheirateten und die zölibatären Priester.
Voraussetzung wäre allerdings, dass auch bei uns ein ernsthafter Einsatz
für beide Lebensformen spürbar würde. Die Ostkirchen befürworten
nicht nur die verheirateten Priester, sondern ausdrücklich auch die
zölibatären Priester und die Ordensleute. Diese Ausgewogenheit
ist bei uns im Westen kaum mehr zu spüren. Da reden die meisten nur
von der «Abschaffung des Zölibates», statt von der Förderung
von verheirateten und von zölibatären Priestern.
In unseren katholischen Publikationen kann man viel mehr Artikel gegen den
Zölibat als für den Zölibat lesen. Das muss wieder ausgewogener
werden! In unserer Zeit, da wieder viel mehr Menschen unverheiratet leben
und man sich als Single nicht mehr rechtfertigen muss, heute, da viele Singles
auch zölibatär und enthaltsam leben, wirkt der Slogan «Abschaffung
des Zölibates» beinahe anachronistisch.
Wie die mit Rom unierten Ostkirchen müssen auch wir uns zugleich für
Ordensleute, für verheiratete und für zölibatäre Priester
einsetzen. Dann könnte in der Weltkirche auch uns diese Vielfalt der
Ostkirche zugestanden werden. Da wird die Weltkirche eine grosse Rolle spielen,
denn die Päpste entscheiden nicht einfach allein. Unsere Ausgewogenheit
wäre dafür die Voraussetzung. Zuerst hängt es von uns selber
ab: «Mitte finden»!
Weihbischof Martin Gächter ist in der Schweizer Bischofskonferenz der Hauptverantwortliche für die Bereiche Geistliche Gemeinschaften und Geistliche Bewegungen, im Bistum Basel ist ihm das Spezialmandat «Förderung kirchlicher Berufe» übertragen.