15-16/2001

INHALT

Leitartikel

Das Credo - von Bach bis Penderecki

von Alois Koch

 

Seit dem Konzil von Nizäa (325) hat das Credo als deklaratorisches Glaubensbekenntnis, als Bekenntnis auch gegen Häresien, schliesslich als Symbolum (Erkennungszeichen) verbindenden und verbindlichen Charakter für die gesamte christliche Kirche. Ursprünglich als Taufbekenntnis formuliert, fand es zuerst Eingang im Stundengebet und wurde ­ erstmals 1014 anlässlich der Kaiserkrönung Heinrichs II. ­ Bestandteil der römischen Messe. Bald wurden die 17 Glaubensartikel des Credo nach der Intonation des Zelebranten als gemeinsames Bekenntnis von allen gesungen, später auf Schola, Chor und Gemeinde verteilt oder alternierend mit der Orgel aufgeführt. Die ältesten Credo-Melodien zeigen deshalb einen schlichten Verlauf in einfachen Formeln, der Ambitus bleibt begrenzt und im Sinne eines gehobenen Sprechens herrscht Syllabik vor, welche die musikalische Entfaltung bestimmt und beschränkt.<1>
Das gilt auch für die mehrstimmigen Vertonungen dieses wortreichsten Satzes des Ordinarium missae seit dem frühen 14. Jahrhundert bis hin zur Vokalpolyphonie der Renaissance, wobei sich die durchgehende Deklamation des Textes in musikalisch zunehmend differenziertere Abschnitte zu gliedern beginnt. Dies geschieht mit melodischen Figuren (z.B. absteigende Linie auf descendit de caelis) oder mit harmonischen Mitteln (Chromatik und Dissonanztechnik), welche die textlichen Aussagen illustrieren oder intensivieren.
Im konzertanten und rhetorischen Denken des musikalischen Barock entwickelte sich daraus schliesslich die so genannte Kantatenform, was heisst, dass jedem Glaubensartikel eine eigene Gestaltung zukommt. Das künstlerisch herausragendste Beispiel in dieser Hinsicht ist ohne Zweifel J.S. Bachs Credo-Vertonung in seiner H-Moll-Messe BWV 232. Er komponierte diesen Abschnitt seiner «katholischen Messe» um 1748, teilweise auf der Basis bereits bestehender Musik (Umtextierung von Kantatensätzen), teilweise neu und gliederte ihn in neun selbständige Abschnitte. Dabei durchschreitet Bach alle stilistischen und kompositorischen Räume, die ihm am Ende seines Lebens offen standen (Bach starb 1750) und erreicht auf diese Weise mit seinem Symbolum Nicenum (so die Überschrift über den ganzen Credo-Abschnitt der H-Moll-Messe) eine Art Summa seiner konsequent der lutherischen Theologie verpflichteten Kirchenmusik. Diese Summa umfasst die Tradition des Gregorianischen Gesangs (Credo in unum Deum, Patrem omnipotentem), bezieht das Erbe der grossen Vokalpolyphonie (Confiteor), aber auch den barocken Konzertstil (Et resurrexit, Et exspecto) mit ein, verwendet alle Mittel chromatischer Rhetorik und harmonischer Expressivität (Et incarnatus est, Crucifixus) und zeigt ariose Deklamationskunst in höchster Vollendung (Et in unum Dominum, Et in spiritum sanctum).
Ganz anders verfährt Ludwig van Beethoven (1772­1827), letzter Protagonist der Wiener Klassik und in kirchenmusikalischer Hinsicht der Erbe von Mozart und Haydn, in seiner zweiten Messevertonung, in der Missa solemnis in D-Dur aus den Jahren 1819/1823. Das Credo dieses «Hauptwerkes» Beethovens (so verstand der Komponist sein opus 123), obwohl voller Referenzen an Traditionen der Messekomposition, ist keine Summa der klassischen Kirchenmusik, steht in deutlichem Gegensatz zu Bach spezifisch theologischen Überlegungen fern und ist ­ trotz ursprünglicher Dedikation für eine Bischofsweihe ­ eigentlich kein Beitrag für die liturgische Praxis seiner Zeit. Beethovens Credo ist vielmehr das unmittelbare Bekenntnis eines Menschen der Aufklärung, der Textinhalte subjektiv interpretieren und dramatisieren will. Er tut dies durchwegs mit grosser expressiver Deklamatorik und mit Einbezug signifikanter rhetorischer Figuren (Et ascendit in coelum), mit bewussten archaischen Anklängen an die Gregorianik (Et incarnatus est), mit Kompositionstechniken der Klassik (thematische Arbeit zu Beginn und in der Reprise) und mit Formen der Vergangenheit (Schlussfuge Et vitam venturi). Dabei fällt auf, dass jene Stellen, die von der Menschwerdung und vom Leiden sprechen, Beethoven ­ und mit ihm die Zuhörer ­ am meisten berühren: Die musikalische Apotheose Et homo factus est ist überwältigend und das anschliessende Crucifixus etiam pro nobis von einer Anteilnahme, welche die «Hauptabsicht» des Komponisten offenbart, «sowohl bei den Singenden als bei den Zuhörenden religiöse Gefühle zu erwecken und dauernd zu machen»<2>.
Auch um religiöse Gefühle, mehr noch um ein kirchlich fest verankertes Glaubensgefühl geht es Anton Bruckner (1824­1896) in den Credo-Sätzen seiner drei kompositorisch relevanten Messen in D-Moll (1864), E-Moll (1866) und F-Moll (1868). Die E-Moll-Messe für Chor und Bläser ist dabei gleichzeitig das vielleicht einzige Meisterwerk der gesamten restaurativen Kirchenmusik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; sie greift, ähnlich wie die damalige Baukunst, bewusst auf Mittel der Vergangenheit (Gotik, Palästrina) zurück und versucht mit einem als «sakral» definierten Stil Neues zu schaffen. Das gelingt dem Genie Bruckners in seiner E-Moll-Messe in überzeugender Weise und das Credo daraus verbreitet durch kompositorische Geschlossenheit und künstlerische Stringenz eine Atmosphäre der Glaubenssicherheit, der sich auch der heutige Zuhörer nicht entziehen kann. Die Messen in D-Moll und in F-Moll sind nicht dieser Stilrichtung verpflichtet, sondern symphonisch angelegt; ihre lapidare und affirmative Wirkung geht nicht zuletzt davon aus, dass Bruckner es versteht, mit grossem Gestus aussagestarke Höhepunkte zu erreichen (Omnia facta sunt, Deum de Deo, Cum gloria) und mit elementarer Dramatik jene Stellen zu gestalten, die inhaltlich dafür prädestiniert sind: Kein Komponist hat überzeugender Grablegung (Et sepultus est) und Auferstehung (Et resurrexit) komponiert und kein Komponist lässt die Zuhörer unmittelbarer das Jüngste Gericht (Et iterum venturus est) erleben, inniger die Freude der Ewigkeit (Et vitam venturi) erahnen. Dabei ist Anton Bruckner ohne Zweifel jener Komponist des 19. Jahrhunderts, der (mindestens in seiner Linzer Zeit) der Kirche persönlich am engsten verbunden war und trotz herrschender restriktiver Ästhetik dennoch seine künstlerische Souveränität voll zu entfalten vermochte.
Da hatten es die kirchenmusikalisch engagierten Komponisten des 20. Jahrhunderts schwerer, weil ­ etwas vereinfachend gesagt ­ nach dem Vaticanum I und insbesondere nach dem Motu proprio Pius' X. (1903) jene Kirchenmusik, die für die praktische Liturgie gefordert wurde und entstand, kaum dem Repertoire der «grossen Musikgeschichte» zugeordnet werden kann; aber auch die Kirchenmusik um und nach dem zweiten Vaticanum (welches sich in der Liturgiekonstitution eingehend mit Funktion und Ästhetik liturgischer Musik beschäftigte) wird, anders als die Motetten Orlando di Lassos, die Kantaten J. S. Bachs und die Messen Haydns und Mozarts, die Zeit wohl kaum überdauern. In Wechselwirkung dazu steht die Feststellung, dass aber auch jene Musik, welche «grosse Komponisten» explizit für die Kirche schrieben (als Beispiel etwa die Messe 1948 von Igor Strawinsky), aus pragmatischen, ästhetischen und funktionellen Gründen keinen Eingang in die Liturgie fand.
Das heisst nun nicht, dass im 20. Jahrhundert die Geistliche Musik bedeutungslos geworden wäre ­ mit Blick auf das konzertant gepflegte historische Repertoire, aber auch mit Blick auf Werke der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart ganz im Gegenteil! In dieser Hinsicht fällt vor allem das Schaffen des Polen Krzysztof Penderecki auf, der seit der Uraufführung seiner Lukaspassion 1966 im Dom zu Münster zu den wichtigsten zeitgenössischen Komponisten zählt und dessen Oeuvre eine bemerkenswerte Reihe Geistlicher Musik umfasst. Seine bisher letzte Komposition dieses Genres ist das 1997/1998 entstandene Credo.<3> Obgleich ein Auftragswerk, erscheinen mir Funktion und spirituell-künstlerischer Stellenwert dieser Komposition innerhalb des Gesamtschaffens von Penderecki wiederum als eine Art Summa ­ ähnlich jener in Bachs Symbolum Nicenum. Darüber hinaus ist der Summa-Charakter dieser Komposition aber auch signifikant für die Situation der heutigen Kirchenmusik als Ganzes, und ich meine, dass dies Penderecki sehr deutlich bewusst ist. So vertont er zwar den vollständigen liturgischen Text des lateinischen Glaubensbekenntnisses, doch treten auch neue Texte hinzu: Die Improperien Crux fidelis und Popule meus aus der Karfreitgsliturgie, der Hymnus Pange lingua, Texte aus der Offenbarung (Factum est regnum), ein polnisches Passionslied und das deutsche Luther-Lied Aus tiefer Not ­ realiter eine Summa der abendländischen Kirchenmusik, eine Summa übrigens auch stilistisch: Penderecki scheut nicht Anklänge an die Gregorianik, an Bach, Bruckner und Strawinsky, er zitiert aber auch sich selber in Cluster-Partien und greift auf das religiöse Volkslied wie auf das evangelische Kirchenlied zurück, kurz: er verwendet nochmals (zum letzten Mal?) alle jene Elemente, welche bisher liturgische Musik definierten. Auffällig dabei ist, dass da ein Komponist, der unter dem polnischen Totalitarismus mit Mitteln der vordersten Avantgarde protestiert und viel bewirkt hatte, nun am Ende des 20. Jahrhunderts in einer freien säkularisierten Welt demonstrativ mit Elementen der Tradition den kirchlichen Glauben (ich sage bewusst nicht seinen kirchlichen Glauben) bekennt.
Verständlich, dass dieses Credo Pendereckis elementare Fragen aufwirft für das 21. Jahrhundert, für die künftige künstlerische Entwicklung generell, für künftige Kirchenmusik, Fragen auch für ein künftiges kirchliches Credo, das ja seit nunmehr weit über tausend Jahren Erkennungszeichen (Symbolum) des christlichen Glaubens ist. Dass eine Summa, ein Abschluss immer auch eine Provokation für die Zukunft ist, weiss keiner besser als Penderecki selbst. Deshalb schrieb er wohl, als er beauftragt wurde, eine ganze Messe zu komponieren, nur dieses abendfüllende Credo, ein Credo, das bestimmt nicht ohne Absicht mit dem Graduale von Ostern schliesst: Haec dies, quam fecit Dominus: Exultemus et laetamur in ea. Alleluja!

 

Dr. Alois Koch ist Kirchenmusiker der Jesuitenkirche Luzern und Prorektor der Musikhochschule Luzern; er studierte Musikwissenschaft, Orgel und Dirigieren und unterrichtet als Titularprofessor für Kirchenmusik auch an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


Anmerkungen

1 Karlheinz Schlager, Musik in Geschichte und Gegenwart.

2 Beethoven-Brief von 1824.

3 Das Credo von Krzysztof Penderecki wurde am Palmsonntag 2001 unter der Leitung des Komponisten in der Jesuitenkirche Luzern erstmals in der Schweiz aufgeführt (Osterfestspiele Luzern). Im Rahmen des Symposiums «Musik ­ Religion ­ Kirche» fand am 7. April in der Musikhochschule Luzern zudem ein öffentliches Gepräch mit dem Komponisten statt. Das Werk ist bei Hänssler classic (Stuttgart) auf CD erschienen (Bestell-Nummer HV 98.311).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001