13/2001

INHALT

Leitartikel

Fastenopfer-Einzug und Eucharistiefeier

von Max Hofer

 

Die Praxis, das Fastenopfer in der sonntäglichen Eucharistiefeier einzuziehen, ist in Frage gestellt. Die Anzahl der Christinnen und Christen, die regelmässig am Sonntag die Heilige Eucharistie mitfeiern, wird immer geringer. Immer mehr Spenderinnen und Spender des Fastenopfers der Schweizer Katholiken zahlen ihr Fastenopfer mit dem Einzahlungsschein.
Macht es angesichts dieser Tatsachen überhaupt noch Sinn, die Gläubigen einzuladen, ihre Geldspende ­ am fünften Fastensonntag oder am Palmsonntag ­ in die Feier der Eucharistie zu bringen?

Christliche Diakonie wurzelt in der Eucharistie

Der Abendmahlsbericht nach Lukas (Kap. 22), die Fusswaschung (Joh 13) als Hinführung zum Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu, das wir in der Eucharistie feiern, Aussagen des Apostels Paulus an die Korinther (1 Kor 11,17­34) zeigen deutlich, dass die Ordnung, Abendmahl zu feiern, eng mit christlichem Leben, auch mit Diakonie, zusammenhängt. Gottesdienstordnung ist Lebensordnung. Seit Eucharistie gefeiert wird, sind nebst Brot und Wein auch Naturalgaben gebracht worden. Speise und Trank, die Gläubige bei jeder Eucharistiefeier brachten, dienten nicht nur für das eucharistische Mahl, sondern auch für den Lebensunterhalt des Klerus und der Armen, besonders der Witwen und Waisen. So ist ­ zum Beispiel ­ für Rom und Nordafrika bezeugt: Bischöfe und Priester nahmen nach dem Wortgottesdienst Brotgaben, Diakone Wein entgegen. Was von diesen Gaben des Volkes nicht unmittelbar für die Messfeier benötigt wurde, wurde guten, karitativen Zwecken zugeführt. Dieser «Opfergang» wurde beibehalten, auch als für die Messfeier nur noch ungesäuertes Brot verwendet und das von Gläubigen mitgebrachte Brot nicht mehr für das eucharistische Mahl gebraucht wurde. Als die Naturalwirtschaft aufhörte, brachten die Gläubigen Geld zur Feier der Eucharistie. Cyprian berichtet, dass mit Geldsummen, die im Zusammenhang mit der Eucharistie gesammelt wurden, Christen, die in Gefangenschaft geraten waren, freigekauft werden konnten.
Gläubige, die Gaben in der Eucharistiefeier zum Altar brachten, waren sich bewusst: wer so an der Eucharistiefeier teilnimmt, wird auf besondere Weise in die Lebenshingabe Christi einbezogen. Der «Opfergang» ist auch Ausdruck dafür, sich mit Christus Gott dem Vater hinzugeben und den Menschen, besonders den Armen, zu dienen.
Aufgrund dieses Tatbestandes ist die Feier der Eucharistie fundamental auch Quelle der Diakonie, also tiefste Motivation für eucharistiebewusste Christinnen und Christen, im Fastenopfer Solidarität mit den Armen, Schwachen und Leidenden zu zeigen, wie es Jesus Christus tat. Tätige Teilnahme an der Eucharistie wirkt sich in der Diakonie, auch im Fastenopfer, aus. Es «drängt die Eucharistie kraft ihres Wesens... zur Bruderliebe» (J. Betz). Darum soll die Eucharistiefeier zu einem Leben befähigen, das «die Teilnehmer, den Herrn lobpreisend, zu ihren guten Werken zurückkehren lässt» (Allgemeine Einführung ins Messbuch 57).

Trotz Bedrohung pastorale Chance

Der aufgezeigte Zusammenhang Gottesdienst mit christlichem Leben, Eucharistiefeier mit Diakonie ist von vielen Seiten bedroht. Zwei davon sind: Immer weniger Gläubige haben einen Bezug zur Eucharistie, feiern regelmässig Eucharistie. Der wachsende Priestermangel verhindert zunehmend, dass Gläubige genügend Gelegenheit bekommen, Eucharistie zu feiern und damit zu erfahren, dass ihre «Opfer» für die Mitmenschen etwas zu tun haben mit der Lebenshingabe Jesu, die in jeder Messe gefeiert wird. Auch unter diesem Gesichtspunkt drängt sich vehement auf, neue Zugangswege zum Ordo zu ermöglichen.
Gerade weil diese Bedrohungen zunehmen, gilt es zu überlegen, wie die Gläubigen, die noch Eucharistie feiern, erfahren können, dass ihr Fastenopfer in die eucharistische Feier der Lebenshingabe Jesu einbezogen wird. Diese pastorale Chance gilt es zu nützen, wenn der Zusammenhang Eucharistie­Diakonie nicht noch mehr aus dem Bewusstsein verschwinden soll. Nahe liegend ist, dass an den so genannten Fastenopfersonntagen in den Eucharistiefeiern mit den Gaben von Brot und Wein auch das Fastenopfer zum Altar gebracht wird (vgl. Allgemeine Einführung ins Missale 101). Weil viele ihr Fastenopfer mit dem Einzahlungsschein abgeben, könnte bei der Gabenbereitung ein Hinweis darauf ­ in Worten oder Zeichen (zum Beispiel mit einem grossen Einzahlungsschein) ­ auf den Zusammenhang Eucharistie­Diakonie aufmerksam machen. Beim sonntäglichen Wortgottesdienst mit Kommunionfeier wird jeweils auf die Eucharistiefeier, aus der das eucharistische Brot stammt, hingewiesen. An den Fastenopfersonntagen müsste dieser Hinweis im dargelegten Sinn ergänzt werden. Vielleicht wird sogar ein Weg gefunden, in Unterlagen des Fastenopfers bei Hinweisen auf das Geldopfer (vielleicht sogar auf dem Einzahlungsschein) eine passende Bemerkung aufzudrucken wie: «Fastenopfer hat mit der Lebenshingabe Jesu, die wir in der Eucharistie feiern, zu tun». Auch das ist eine Chance, der Eucharistiefeier entfremdete Christinnen und Christen auf Wesentliches hinzuweisen.

Motivation zu spenden vertiefen

Spenderinnen und Spender des Fastenopfers der Schweizer Katholiken sind ­ wohl die meisten ­ hoch motiviert, über dieses Werk Menschen, die leiden, in der weiten Welt zu helfen und christliche Solidarität auszuüben.
Ein Motiv ­ vielleicht das Grundmotiv ­ dafür ist die Lebenshingabe Jesu Christi, in die Spenderinnen und Spender hineingezogen werden. Die Feier der Eucharistie, in der der Zusammenhang Lebenshingabe Jesu und Diakonie erfahren wird, kann die Motivation, über das Fastenopfer Geld zu geben, vertiefen. Damit könnte die Eucharistiefeier, auf wohl unerwartete Art, Quelle eines befreienden christlichen Lebens werden.

 

Der im Fach Liturgiewissenschaft promovierte Theologe Max Hofer ist Regionaldekan der Bistumsregion Kanton Luzern.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001