10/2001 | |
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Leitartikel |
Am Ende eines Jahrhunderts kommen wir zusammen, um die Dekade zur Überwindung
der Gewalt: Kirchen für Frieden und Versöhnung (20012010)
zu eröffnen, damit Hoffnung auf Erlösung des neuen Jahrhunderts
wachsen kann. Wir kommen von allen Enden der Erde zusammen in dem Bewusstsein,
dass die Gewalt, die unser aller Leben, unsere Gemeinschaften, unsere Welt
und die ganze Schöpfung beherrscht, dringend überwunden werden
muss. Wir eröffnen diese Dekade, um eine Antwort zu geben auf die tiefe
Sehnsucht der Völker nach dauerhaftem Frieden in Gerechtigkeit...»
Mit dieser Botschaft eröffnete der Zentralausschuss des Ökumenischen
Rates der Kirchen (ÖRK) am 4. Februar 2001 die Dekade zur Überwindung
der Gewalt. Der Zentralausschuss des ÖRK, der in den Jahren zwischen
den Vollversammlungen die 342 Mitgliedkirchen vertritt, tagte anfangs Februar
in Potsdam und in Berlin. Als zentrales Thema war die Auseinandersetzung
mit der Dekade angesagt. Dieses Thema stand aber nicht neu auf der Tagesordnung
und liegt in der Linie der politischen Arbeit des ÖRK. Bereits bei
der Gründung des ÖRK 1948 war die Idee zugrunde gelegt, dass die
Kirchen sich mit ihrer ganzen Kraft dafür engagieren, dass es solche
Kriege und Völkermorde, wie es die beiden Weltkriege waren, nicht mehr
geben darf.
Nach zwanzig Jahren, 1968, war ein Thema beherrschend: die Rassenunruhen
in den Vereinigten Staaten. An dieser Vollversammlung wurde das «Programm
zur Überwindung der Apartheid» beschlossen. Dieses Engagement
bestimmt über Jahre hinaus die Diskussionen in allen Kirchen.
Mit den ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 fällt das letzte
Apartheidregime. Der Zentralausschuss beschliesst, die politische Arbeit
fortzuführen und das Programm zur Überwindung der Gewalt zu lancieren.
1998 wird an der Vollversammlung in Simbabwe für die Jahre 20012010
die Dekade zur Überwindung der Gewalt beschlossen.<1>
Diese soll in der gleichen Zeitspanne stattfinden wie die UNO-Dekade «Für
eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit».
Für den Zentralausschuss des ÖRK blieb die Eröffnung der Dekade aber nicht das einzige Thema. In Potsdam stellte die «Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK» vor, was sie seit ihrer Einsetzung im September 1999 erarbeitet hatte. Darin wird festgehalten, dass die Mitgliedkirchen und nicht der Rat sich um die Suche nach Einheit bemühen sowie lehrmässige und ethische Entscheide treffen. Die Kommission erwartet aber vom ÖRK, dass dieser die Kirchen zusammenführt. Sie stellt sich einen Rat vor, in dem die Mitgliedkirchen Netzwerke für Anwaltschaft und für diakonische Dienste aufbauen. Die «Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK» unter der Leitung des deutschen evangelischen Bischofs Rolf Koppe und von Metropolit Chrysostomus von Ephesus (Ökumenisches Patriarchat) plant ihren Schlussbericht für September 2002. Die Hoffnungen sind gross, dass die vor Harare aufgebrochenen Schwierigkeiten zwischen den orthodoxen und protestantischen Mitgliedkirchen des ÖRK damit beigelegt werden können.
Ein erster Schritt für das von der Sonderkommission genannte Netzwerk
ist mit der Gründung der «Allianz für ökumenische Anwaltschaft»
getan. Im Dezember des vergangenen Jahres wurde in Genf dieses Bündnis
gegründet. An der Gründungskonferenz nahmen 45 Repräsentantinnen
und Repräsentanten aus den Mitgliedkirchen teil. Der Wunsch nach einem
gemeinsamen Forum wurde vor allem von kirchlichen Organisationen und Hilfswerken
geäussert. Die Allianz, die vom ÖRK koordiniert wird, führt
die regionalen ökumenischen Organisationen und Gemeinschaften, kirchliche
Werke, vor allem im Norden, spezialisierte Netzwerke im Süden, internationale
ökumenische und römisch-katholische Organisationen zusammen. In
seinem Bericht vor dem Zentralausschuss weist der Generalsekretär des
ÖRK, Konrad Raiser, darauf hin, dass die Allianz als ein offenes Instrument
gedacht ist, das den teilnehmenden Organisationen erlaube, strategisch zusammenzuarbeiten
zu Prioritäten, die als gemeinsame Aufgabe definiert wurden. «In
vielerlei Hinsicht ist die Allianz eine Antwort auf die neue Situation,
die durch den Prozess der Globalisierung entstanden ist. Um sich auf globale
Strukturen und Entscheidungsprozesse einzustellen, müssen die ökumenischen
Partner über die Begrenzungen ihrer traditionellen Bezugsfelder und
ihrer herkömmlichen Arbeitsweisen hinausgehen und versuchen, einen
wirksamen Rahmen für die Kooperation und die wechselseitige Unterstützung
herzustellen», meint Konrad Raiser in seinem Bericht vor dem Zentralausschuss.
Mit dieser Allianz erhofft sich der ÖRK, ein Netzwerk zu schaffen,
das eine Alternative zum Prozess der Globalisierung darstellt und das auf
Solidarität und Kooperation beruht statt auf Wettbewerb und Konfrontation.
Diese Allianz ist nicht auf formelle Mitgliedschaft ausgerichtet, sondern
auf die Beteiligung auf der Grundlage eines gemeinsamen Engagements. Daran
wird es den Kirchen und kirchlichen Organisationen nicht fehlen. Mit der
«Dekade zur Überwindung der Gewalt» haben sie sich einiges
vorgenommen.
Die Theologin Elisabeth Aeberli ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Wendekreis».
1 Margot Kässmann, Gewalt überwinden. Eine Dekade des Ökumenischen Rates der Kirchen, Lutherisches Verlagshaus, Hannover 2000.