9/2001

INHALT

Leitartikel

Nachdenken und umkehren

von Antonio Hautle

 

Die Fasnacht, der «Vorabend der Fastenzeit», ist mit ihrer Ausgelassenheit vorbei. Nun ist die Fastenzeit angesagt: «fastan» aus dem Gotischen bedeutet das Festhalten und Beobachten der Fastengebote. Auf die Ausgelassenheit der Fasnacht folgt die Zeit der Einkehr, die Aufforderung, über uns, über unsere Lebensweise nachzudenken.
Für viele von uns ist sie wahrscheinlich nicht die bevorzugte liturgische Zeit. Es hängt etwas Düsteres, Karges und Schwermütiges an ihr. Fasten und Verzicht wollen eingeübt sein. Die Kirche lädt uns ein, diesen Weg einmal mehr auf uns zu nehmen.
Dass in der heutigen Zeit eine blosse Beobachtung der Fastengebote kaum mehr Sinn macht, ist einleuchtend. Moralisierende Belehrung wohl ebenso wenig. Vielmehr lädt uns diese liturgische Zeit dazu ein, innezuhalten und unsere persönliche Lebenssituation im Angesicht Gottes wahrzunehmen. Vielleicht benötigen wir Gottes Barmherzigkeit und Vergebung, vielleicht aber auch nur Zeit vor Gott, um uns und unsere Arbeit erneut auf den eigentlichen Kern unserer Berufungen und Aufgaben hin lenken zu lassen.
Von uns persönlich kann der nächste Schritt zur Frage weiterführen, wie es mit dem Reich Gottes in Staat und Wirtschaft bestellt ist, wie es bei uns hier in der Schweiz, aber auch bei unsern Mitmenschen in der Ferne, aussieht und welchen Beitrag wir und die Kirche leisten können.
Die Fastenaktion «Neue Noten braucht das Geld» möchte dazu Anregungen und Hilfen anbieten. Pater Josef Bruhin hat deren Gehalt und Sinn in der SKZ 7/2001 eindrücklich geschildert. Die Frage nach dem Umgang mit Geld, dem «schnöden Mammon», kann uns Christen nicht unberührt lassen. Die Gläubigen und die Kirchen sind aufgerufen, die volks- und weltwirtschaftlichen Prozesse und Strukturen kritisch und als reife Staatsbürgerinnen und -bürger mitzubegleiten und Einfluss auf deren Gestaltung zu nehmen. Dazu braucht es nicht nur grossen Sachverstand, sondern auch ein gerüttelt Mass an Anstrengung, wenn dieses Feld nicht den Machtinteressen der Welt überlassen werden soll.
«Die Liebe zum Menschen und vor allem zum Armen, in dem die Kirche Christus sieht, nimmt in der Förderung der Gerechtigkeit ihre konkrete Gestalt an.»<1> Als reiche Christen des Nordens ist es Jesus selbst, der uns immer wieder mit seiner extremen Lebensform provoziert. Mt 6, 19­33 mit den Paralleltexten in Lukas können die biblische Basis der diesjährigen Fastenaktion bilden.
«Sammelt Euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motten und Würmer sie zerstören. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Euch soll es zuerst um sein Reich und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.» Es geht darum, ein Mehr an Gerechtigkeit und Frieden, ein Mehr an Barmherzigkeit und Vergebung in diese Welt hinein zu säen. Es wird uns nicht gelingen, dadurch die Welt zu erlösen oder das Paradies zu schaffen, das dürfen wir getrost Gott überlassen. Wenn sich aber durch das Nachdenken und Umkehren in der Fastenzeit Handlungen ergeben, durch die sich etwas in der Wirtschaftsstruktur zum Guten hin bewegt, und wenn durch Werke der Gerechtigkeit und des solidarischen Teilens ein paar Menschen etwas menschenwürdiger leben können, so ist das schon genug. Zusammen mit sehr vielen Menschen ausserhalb der Kirche sind wir so auf dem Weg zu einer lebensdienlicheren Weltwirtschaft<2>, in der auch das Geld dem Menschen dient und ihn nicht als geldgierigen Scheffler oder armen Schlucker von sich abhängig macht und versklavt. So betrachtet bekommt auch die ins Fastensäcklein gelegte Gabe einen tieferen Sinn ­ sie regt nicht nur zum Nachdenken an, sie bewirkt auch ein wenig mehr an Gerechtigkeit und ist immer auch ein Puzzlestein im Aufbau des Reiches Gottes.
In diesem Sinne bittet das Fastenopfer einerseits alle Seelsorgerinnen und Seelsorger und andererseits alle Katholikinnen und Katholiken herzlich um ihre grosszügigen Spenden als Zeichen der Solidarität. So kann dieses Hilfswerk auch in seinem vierzigsten Lebensjahr seinem Wahlspruch «wir teilen» treu bleiben und seine Mission im Dienste der Kirche Schweiz und im Dienste der Benachteiligten dieser Welt weiterführen. Herzlichen Dank!

 

Antonio Hautle hat heute, am 1. März 2001, offiziell sein Amt als Direktor des «Fastenopfers. Katholisches Hilfswerk Schweiz» angetreten.


Anmerkungen

1 Centesimus annus, 58.

2 Vgl. P. Ulrich/T. Maak, Lebensdienlich Wirtschaften in einer Gesellschaft freier Bürger, in: P. Ulrich/T. Maak, Die Wirtschaft in der Gesellschaft, Haupt, Bern 2000.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001