9/2001 | |
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Leitartikel |
Die Fasnacht, der «Vorabend der Fastenzeit», ist mit ihrer
Ausgelassenheit vorbei. Nun ist die Fastenzeit angesagt: «fastan»
aus dem Gotischen bedeutet das Festhalten und Beobachten der Fastengebote.
Auf die Ausgelassenheit der Fasnacht folgt die Zeit der Einkehr, die Aufforderung,
über uns, über unsere Lebensweise nachzudenken.
Für viele von uns ist sie wahrscheinlich nicht die bevorzugte liturgische
Zeit. Es hängt etwas Düsteres, Karges und Schwermütiges an
ihr. Fasten und Verzicht wollen eingeübt sein. Die Kirche lädt
uns ein, diesen Weg einmal mehr auf uns zu nehmen.
Dass in der heutigen Zeit eine blosse Beobachtung der Fastengebote kaum
mehr Sinn macht, ist einleuchtend. Moralisierende Belehrung wohl ebenso
wenig. Vielmehr lädt uns diese liturgische Zeit dazu ein, innezuhalten
und unsere persönliche Lebenssituation im Angesicht Gottes wahrzunehmen.
Vielleicht benötigen wir Gottes Barmherzigkeit und Vergebung, vielleicht
aber auch nur Zeit vor Gott, um uns und unsere Arbeit erneut auf den eigentlichen
Kern unserer Berufungen und Aufgaben hin lenken zu lassen.
Von uns persönlich kann der nächste Schritt zur Frage weiterführen,
wie es mit dem Reich Gottes in Staat und Wirtschaft bestellt ist, wie es
bei uns hier in der Schweiz, aber auch bei unsern Mitmenschen in der Ferne,
aussieht und welchen Beitrag wir und die Kirche leisten können.
Die Fastenaktion «Neue Noten braucht das Geld» möchte dazu
Anregungen und Hilfen anbieten. Pater Josef Bruhin hat deren Gehalt und
Sinn in der SKZ 7/2001 eindrücklich geschildert. Die Frage nach dem
Umgang mit Geld, dem «schnöden Mammon», kann uns Christen
nicht unberührt lassen. Die Gläubigen und die Kirchen sind aufgerufen,
die volks- und weltwirtschaftlichen Prozesse und Strukturen kritisch und
als reife Staatsbürgerinnen und -bürger mitzubegleiten und Einfluss
auf deren Gestaltung zu nehmen. Dazu braucht es nicht nur grossen Sachverstand,
sondern auch ein gerüttelt Mass an Anstrengung, wenn dieses Feld nicht
den Machtinteressen der Welt überlassen werden soll.
«Die Liebe zum Menschen und vor allem zum Armen, in dem die Kirche
Christus sieht, nimmt in der Förderung der Gerechtigkeit ihre konkrete
Gestalt an.»<1> Als reiche Christen
des Nordens ist es Jesus selbst, der uns immer wieder mit seiner extremen
Lebensform provoziert. Mt 6, 1933 mit den Paralleltexten in Lukas können
die biblische Basis der diesjährigen Fastenaktion bilden.
«Sammelt Euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motten und Würmer
sie zerstören. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Euch
soll es zuerst um sein Reich und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch
alles andere dazugegeben.» Es geht darum, ein Mehr an Gerechtigkeit
und Frieden, ein Mehr an Barmherzigkeit und Vergebung in diese Welt hinein
zu säen. Es wird uns nicht gelingen, dadurch die Welt zu erlösen
oder das Paradies zu schaffen, das dürfen wir getrost Gott überlassen.
Wenn sich aber durch das Nachdenken und Umkehren in der Fastenzeit Handlungen
ergeben, durch die sich etwas in der Wirtschaftsstruktur zum Guten hin bewegt,
und wenn durch Werke der Gerechtigkeit und des solidarischen Teilens ein
paar Menschen etwas menschenwürdiger leben können, so ist das
schon genug. Zusammen mit sehr vielen Menschen ausserhalb der Kirche sind
wir so auf dem Weg zu einer lebensdienlicheren Weltwirtschaft<2>,
in der auch das Geld dem Menschen dient und ihn nicht als geldgierigen Scheffler
oder armen Schlucker von sich abhängig macht und versklavt. So betrachtet
bekommt auch die ins Fastensäcklein gelegte Gabe einen tieferen Sinn
sie regt nicht nur zum Nachdenken an, sie bewirkt auch ein wenig mehr
an Gerechtigkeit und ist immer auch ein Puzzlestein im Aufbau des Reiches
Gottes.
In diesem Sinne bittet das Fastenopfer einerseits alle Seelsorgerinnen und
Seelsorger und andererseits alle Katholikinnen und Katholiken herzlich um
ihre grosszügigen Spenden als Zeichen der Solidarität. So kann
dieses Hilfswerk auch in seinem vierzigsten Lebensjahr seinem Wahlspruch
«wir teilen» treu bleiben und seine Mission im Dienste der Kirche
Schweiz und im Dienste der Benachteiligten dieser Welt weiterführen.
Herzlichen Dank!
Antonio Hautle hat heute, am 1. März 2001, offiziell sein Amt als Direktor des «Fastenopfers. Katholisches Hilfswerk Schweiz» angetreten.
1 Centesimus annus, 58.
2 Vgl. P. Ulrich/T. Maak, Lebensdienlich Wirtschaften in einer Gesellschaft freier Bürger, in: P. Ulrich/T. Maak, Die Wirtschaft in der Gesellschaft, Haupt, Bern 2000.