8/2001 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Ich besuche auf einer medizinischen Station einen Mann Mitte fünfzig.
Gleich nach meiner Vorstellung als katholischer Seelsorger sagt er, dass
er mit meinem «Verein» eigentlich nichts mehr zu tun hat, lädt
mich aber ein, einen Moment Platz zu nehmen. Wir kommen in ein angeregtes
Gespräch über seinen Abschied aus der Kirche, Gott und die Welt,
und ich bin froh über die offene Begegnung.
Auch den diesjährigen Krankensonntag am 4. März werden unterschiedlichste
Interessengruppen zum Anlass für ihre Botschaft nehmen. Die Vielfalt
der im «Zentralkomitee Tag der Kranken» vertretenen Organisationen
(zu denen die katholische Kirche nicht gehört) zeigt, dass die christliche
Stimme nur eine ist im grossen Chor all derjenigen, die sich um das Wohl
kranker Menschen bemühen. Solange es nicht um konkrete Fragestellungen
geht, sondern um eine allgemeine Botschaft wie zum «Tag der Kranken»,
ist ihr spezifischer Ton kaum herauszuhören.
Ich sitze an einem Krankenbett, die alte Frau mir gegenüber ist schon
seit Wochen im Spital. Oft hat sie Schmerzen, an eine Rückkehr in ihre
Wohnung ist nicht mehr zu denken. Niemand weiss im Augenblick, wie es weitergehen
wird. «Ja, Herr Pfarrer, man muss es halt tragen wie der Herrgott
es schickt.» In dieser Ergebenheit und in der Vorstellung, ihre Schmerzen
für einen Menschen in Not aufzuopfern, findet die Frau Trost. Das gemeinsame
Gebet und die tägliche Kommunion sind für sie selbstverständlich.
Die Erfahrung des Krankseins machen alle Menschen, sei es in Form einer
harmlosen Erkältung oder einer schwer wiegenden, vielleicht sogar lebensbedrohlichen
Krankheit; sei es als Patientin oder als Angehöriger. Diese allgemein
gültige Feststellung wird im konkreten Fall zu einer einzigartigen
Erfahrung, die die betroffene Person auf ihre Art bewältigen muss.
In unserer Zeit ist Kranksein weniger ein selbstverständlicher Teil
des Lebens als vielmehr Ausnahmesituation, in der Wahrnehmung vieler mehr
«Betriebsstörung» als notwendiger Gegenpol zu Gesundheit.
Andererseits weitet sich langsam der Blick für die je einzigartige
Bedeutung einer Krankheit und dafür, dass sie Ausdruck des Daseins
dieser einzigartigen Person ist.
Um heil zu werden, bedarf es des fundierten Wissens und des praktischen
Könnens genauso wie der Anteilnahme am Schicksal des Menschen gegenüber.
Neben vereinzeltem borniertem Expertengehabe begegnet Kranken heute sehr
viel offene Mitmenschlichkeit und echte Anteilnahme. Auch sie gehören
zu den nicht unerschöpflichen Ressourcen im Gesundheitswesen.
Seelsorge geschieht in vielfältigen Formen und Begegnungen, ist nicht
mehr die exklusive Aufgabe der Vertreterinnen und Vertreter der Religionen.
Als Spitalseelsorger kommt mir von Seiten des medizinischen Personals Skepsis
und Desinteresse genauso entgegen wie die Achtung vor meinem Beitrag und
der Wunsch nach engerer Zusammenarbeit. Bei den Patientinnen und Patienten
bin ich als kirchlicher Seelsorger nicht mehr selbstverständlich willkommen
und sehe mich mitunter gefordert, meine Anwesenheit an diesem Bett zu rechtfertigen.
Doch überwiegt deutlich die Erfahrung von Dankbarkeit für den
Besuch.
Ebenfalls seit Wochen besuche ich eine andere Patientin, deren grosse Wunde
nicht heilen will. Immer wieder gibt es Komplikationen, immer wieder eine
Entspannung der Situation. Ein Höhepunkt des Aufenthaltes ist die Feier
ihres 75. Geburtstages. In unseren Gesprächen erzählt sie mir
viel aus ihrem reichen Leben, und im Lauf der Zeit ist zwischen uns eine
freundschaftliche Beziehung gewachsen. Manchmal beschliessen wir unsere
Begegnung mit einem Gebet, manchmal wird es spät über dem Gespräch
und eine Schwester bringt bereits das Essen oder es wartet Besuch auf sie,
so dass wir uns einfach herzlich verabschieden.
Kranksein ist Unterbrechung der Normalität. Lebenspläne und Gewissheiten
werden erschüttert, bisher Selbstverständliches kann zur offenen
Frage werden. Menschen sind für die Begegnung mit Seelsorgerinnen und
Seelsorgern kaum jemals so ansprechbar wie in der besonderen Erfahrung des
Krankseins und kaum jemals so sensibel. Kirchliche Seelsorge beginnt
mit der Suche nach der Ebene, auf der Verständigung möglich ist:
sei es geduldiges Zuhören, die behutsame religiöse Deutung der
Krankheitserfahrung und gemeinsames Gebet, das Aushalten von Sprachlosigkeit
oder «nur» ein freundlicher Gruss.
Ich besuche eine sehr rüstige ältere Frau, aufgewachsen in traditionellem
katholischem Umfeld. Gemeinsam mit ihrem Mann unternimmt sie tagelange Wanderungen
auf Jakobswegen. Ich bin beeindruckt von ihrer Vitalität und Offenheit.
Eine ihrer Töchter ist mit einem praktizierenden Muslim verheiratet.
In einer unserer Begegnungen spricht sie über ihre Mühe mit den
Aussagen von Jesus als Gottessohn und der Dreifaltigkeit, ihrer Sympathie
für den klaren Monotheismus des Islam.
Das Spannungsfeld, in dem sich christliche Seelsorge bewegt, wird gerne
mit den beiden Polen «Diakonie» und «Verkündigung»
bezeichnet. In der Praxis geschieht das eine im anderen. Es wäre vermessen
zu behaupten, erst mit der Seelsorge würde Gott ans Krankenbett kommen.
Vielmehr geht es darum, sein Dasein in der aktuellen Situation miteinander
zu entdecken. Im Dienstleistungsunternehmen Spital wird auch die Seelsorge
zu einer Dienstleistung, die sich am Gegenüber orientieren muss, die
überhaupt erst gemeinsam mit dem Gegenüber zustande kommt. Christliche
Seelsorge steht noch zu oft im Ruf, heteronome Seelsorge zu sein: zu reden
statt zuzuhören, zu moralisieren statt zu unterstützen. Eine Zukunft
wird sie auf längere Sicht nur haben, wenn sie die Autonomie ihres
Gegenübers achtet, wenn sie die Menschen in ihrem individuellen religiösen
Ausdruck wahrnimmt und ernst nimmt. Dazu gehören die Spannungen und
Gräben, die sich auftun zwischen der religiösen Auffassung der
einzelnen Menschen und dem, was als «fest zu Glaubendes» vorgelegt
wird. Nur eine hörende Kirche wird auch übermorgen noch eine verkündigende
Kirche sein können.
Kranken Menschen nahe zu sein und die Botschaft des Evangeliums zu repräsentieren,
bleibt die Herausforderung für christliche Seelsorge. In den alltäglichen
Begegnungen wächst die Gewissheit, dass ihre Präsenz in unserer
Gesellschaft not-wendig und heilsam ist.
Jürgen Heinze ist Seelsorger im St. Claraspital in Basel.