8/2001

INHALT

Leitartikel

Vielfältige Begegnungen als Chance und Herausforderung

von Jürgen Heinze

 

Ich besuche auf einer medizinischen Station einen Mann Mitte fünfzig. Gleich nach meiner Vorstellung als katholischer Seelsorger sagt er, dass er mit meinem «Verein» eigentlich nichts mehr zu tun hat, lädt mich aber ein, einen Moment Platz zu nehmen. Wir kommen in ein angeregtes Gespräch über seinen Abschied aus der Kirche, Gott und die Welt, und ich bin froh über die offene Begegnung.
Auch den diesjährigen Krankensonntag am 4. März werden unterschiedlichste Interessengruppen zum Anlass für ihre Botschaft nehmen. Die Vielfalt der im «Zentralkomitee Tag der Kranken» vertretenen Organisationen (zu denen die katholische Kirche nicht gehört) zeigt, dass die christliche Stimme nur eine ist im grossen Chor all derjenigen, die sich um das Wohl kranker Menschen bemühen. Solange es nicht um konkrete Fragestellungen geht, sondern um eine allgemeine Botschaft wie zum «Tag der Kranken», ist ihr spezifischer Ton kaum herauszuhören.
Ich sitze an einem Krankenbett, die alte Frau mir gegenüber ist schon seit Wochen im Spital. Oft hat sie Schmerzen, an eine Rückkehr in ihre Wohnung ist nicht mehr zu denken. Niemand weiss im Augenblick, wie es weitergehen wird. «Ja, Herr Pfarrer, man muss es halt tragen wie der Herrgott es schickt.» In dieser Ergebenheit und in der Vorstellung, ihre Schmerzen für einen Menschen in Not aufzuopfern, findet die Frau Trost. Das gemeinsame Gebet und die tägliche Kommunion sind für sie selbstverständlich.
Die Erfahrung des Krankseins machen alle Menschen, sei es in Form einer harmlosen Erkältung oder einer schwer wiegenden, vielleicht sogar lebensbedrohlichen Krankheit; sei es als Patientin oder als Angehöriger. Diese allgemein gültige Feststellung wird im konkreten Fall zu einer einzigartigen Erfahrung, die die betroffene Person auf ihre Art bewältigen muss. In unserer Zeit ist Kranksein weniger ein selbstverständlicher Teil des Lebens als vielmehr Ausnahmesituation, in der Wahrnehmung vieler mehr «Betriebsstörung» als notwendiger Gegenpol zu Gesundheit. Andererseits weitet sich langsam der Blick für die je einzigartige Bedeutung einer Krankheit und dafür, dass sie Ausdruck des Daseins dieser einzigartigen Person ist.
Um heil zu werden, bedarf es des fundierten Wissens und des praktischen Könnens genauso wie der Anteilnahme am Schicksal des Menschen gegenüber. Neben vereinzeltem borniertem Expertengehabe begegnet Kranken heute sehr viel offene Mitmenschlichkeit und echte Anteilnahme. Auch sie gehören zu den nicht unerschöpflichen Ressourcen im Gesundheitswesen.
Seelsorge geschieht in vielfältigen Formen und Begegnungen, ist nicht mehr die exklusive Aufgabe der Vertreterinnen und Vertreter der Religionen. Als Spitalseelsorger kommt mir von Seiten des medizinischen Personals Skepsis und Desinteresse genauso entgegen wie die Achtung vor meinem Beitrag und der Wunsch nach engerer Zusammenarbeit. Bei den Patientinnen und Patienten bin ich als kirchlicher Seelsorger nicht mehr selbstverständlich willkommen und sehe mich mitunter gefordert, meine Anwesenheit an diesem Bett zu rechtfertigen. Doch überwiegt deutlich die Erfahrung von Dankbarkeit für den Besuch.
Ebenfalls seit Wochen besuche ich eine andere Patientin, deren grosse Wunde nicht heilen will. Immer wieder gibt es Komplikationen, immer wieder eine Entspannung der Situation. Ein Höhepunkt des Aufenthaltes ist die Feier ihres 75. Geburtstages. In unseren Gesprächen erzählt sie mir viel aus ihrem reichen Leben, und im Lauf der Zeit ist zwischen uns eine freundschaftliche Beziehung gewachsen. Manchmal beschliessen wir unsere Begegnung mit einem Gebet, manchmal wird es spät über dem Gespräch und eine Schwester bringt bereits das Essen oder es wartet Besuch auf sie, so dass wir uns einfach herzlich verabschieden.
Kranksein ist Unterbrechung der Normalität. Lebenspläne und Gewissheiten werden erschüttert, bisher Selbstverständliches kann zur offenen Frage werden. Menschen sind für die Begegnung mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern kaum jemals so ansprechbar wie in der besonderen Erfahrung des Krankseins ­ und kaum jemals so sensibel. Kirchliche Seelsorge beginnt mit der Suche nach der Ebene, auf der Verständigung möglich ist: sei es geduldiges Zuhören, die behutsame religiöse Deutung der Krankheitserfahrung und gemeinsames Gebet, das Aushalten von Sprachlosigkeit oder «nur» ein freundlicher Gruss.
Ich besuche eine sehr rüstige ältere Frau, aufgewachsen in traditionellem katholischem Umfeld. Gemeinsam mit ihrem Mann unternimmt sie tagelange Wanderungen auf Jakobswegen. Ich bin beeindruckt von ihrer Vitalität und Offenheit. Eine ihrer Töchter ist mit einem praktizierenden Muslim verheiratet. In einer unserer Begegnungen spricht sie über ihre Mühe mit den Aussagen von Jesus als Gottessohn und der Dreifaltigkeit, ihrer Sympathie für den klaren Monotheismus des Islam.
Das Spannungsfeld, in dem sich christliche Seelsorge bewegt, wird gerne mit den beiden Polen «Diakonie» und «Verkündigung» bezeichnet. In der Praxis geschieht das eine im anderen. Es wäre vermessen zu behaupten, erst mit der Seelsorge würde Gott ans Krankenbett kommen. Vielmehr geht es darum, sein Dasein in der aktuellen Situation miteinander zu entdecken. Im Dienstleistungsunternehmen Spital wird auch die Seelsorge zu einer Dienstleistung, die sich am Gegenüber orientieren muss, die überhaupt erst gemeinsam mit dem Gegenüber zustande kommt. Christliche Seelsorge steht noch zu oft im Ruf, heteronome Seelsorge zu sein: zu reden statt zuzuhören, zu moralisieren statt zu unterstützen. Eine Zukunft wird sie auf längere Sicht nur haben, wenn sie die Autonomie ihres Gegenübers achtet, wenn sie die Menschen in ihrem individuellen religiösen Ausdruck wahrnimmt und ernst nimmt. Dazu gehören die Spannungen und Gräben, die sich auftun zwischen der religiösen Auffassung der einzelnen Menschen und dem, was als «fest zu Glaubendes» vorgelegt wird. Nur eine hörende Kirche wird auch übermorgen noch eine verkündigende Kirche sein können.
Kranken Menschen nahe zu sein und die Botschaft des Evangeliums zu repräsentieren, bleibt die Herausforderung für christliche Seelsorge. In den alltäglichen Begegnungen wächst die Gewissheit, dass ihre Präsenz in unserer Gesellschaft not-wendig und heilsam ist.

 

Jürgen Heinze ist Seelsorger im St. Claraspital in Basel.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001