7/2001 | |
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Leitartikel |
In den letzten drei Jahren hat sich der Anteil der Aktienbesitzer in
unserm Land auf 1,7 Millionen verdoppelt. Jeder Dritte mischt an der Börse
mit und der Trend dürfte anhalten. Ist diese Entwicklung nicht zu begrüssen?
Sie scheint doch einem alten Postulat der katholischen Soziallehre nach
einer gerechteren Verteilung des Eigentums und einer verstärkten Beteiligung
der Arbeitnehmer/Arbeitnehmerinnen am Produktivvermögen Genüge
zu tun. Könnte sie nicht sogar den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital
zum Verschwinden bringen?
Die Entwicklung hat ihre guten Seiten, dies sei nicht bestritten. Dass immer
mehr Menschen über ihren Lohn hinaus Anteil am Gewinn der Unternehmen
erhalten, ist sicher erfreulich. Dass viele einen vertieften Einblick in
die Wirtschaft gewinnen und die Interessenlage der Unternehmer kennen und
ein Stück weit teilen lernen, ist auch von Vorteil. Indes sind wir
von einer «ausgeglichenern» Vermögensverteilung noch einiges
entfernt, da ja in der Schweiz die 300 Reichsten ein Vermögen von 374
Mrd. Franken besitzen, also ein Fünftel des gesamten Volksvermögens.Wie
viel das Aktiensparen allein daran verändern kann, wird sich weisen,
wobei es gewiss nicht darum gehen kann, dass alle in der Liga der Millionäre
mitspielen können.
Ein anderer Aspekt, der mit dieser neuen Art des Sparens verbunden ist,
bereitet aus sozialethischer Sicht gegenwärtig aber mehr Sorgen: die
Gefahr, dass die vielen neuen Aktionäre anfällig werden für
den zurzeit vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftskurs (maximale unternehmerische
Freiheiten, niedrige Steuern, keine Kapitalgewinnsteuer usw.), wenn nicht
gar für einen kruden Kapitalismus, der nur auf Erzielung von Gewinn
aus ist und sich für alles andere weder zuständig noch verantwortlich
weiss. Statt dass das Machtgefüge zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichener
wird, verschiebt es sich noch mehr zu Gunsten des Kapitals. Im Abstimmungsverhalten
des Souveräns ist doch bemerkenswert, dass seit 1998 27 von 28 Abstimmungen
im Sinne der Parolen des Dachverbandes Economiesuisse ausgegangen sind.
Der Wirtschaft fällt es leichter ihre Anliegen durchzusetzen. Je mehr
Aktionäre, desto neoliberalere Wirtschaftspolitik.
Allein schon der eben geschilderte Trend ökonomisch-gesellschaftlicher
Entwicklung verweist auf die Notwendigkeit, die heutige Finanzwirtschaft
in breiten, ja allen Kreisen zu diskutieren. Gerade wir Christen/Christinnen,
die wir uns der Botschaft der Gerechtigkeit und der Befreiung der Armen
verpflichtet haben, können uns der Aufgabe nicht entziehen. Sozialenzykliken
und gemeinsame Worte der Kirchen zur sozialen und wirtschaftlichen Lage
blieben tote Buchstaben, würden wir uns nicht aktiv mit der höchst
ambivalenten gegenwärtigen Entwicklung auseinandersetzen. Je mehr wir
in die globalen Strukturen hinein verflochten werden, umso mehr dürfen
uns die «strukturellen Sünden», die dem gegenwärtigen
Wirtschaftssystem inhärent sind, nicht gleichgültig lassen. Wir
alle tragen unseren Teil der Verantwortung.
Die diesjährige Fastenkampagne «Neue Noten braucht das Geld»
will uns helfen, unserem Auftrag nachzukommen. Gewiss wollen «Fastenopfer»,
«Brot für alle» und «Partner sein» möglichst
viele Noten in ihre Opfersäcklein sammeln. Aber das ist nicht ihr einziges
Ziel. Ihre Absicht ist es ebenso, einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung
zu leisten, mit der Umkehr und Busse, säkular ausgedrückt: Reform
und Verhaltensänderung verbunden sind. Eine gedeihliche und vor dem
Gewissen der Menschheit verantwortbare Wirtschaftsentwicklung der armen
Länder ist nur möglich, wenn in den Ländern der Ersten Welt
die entscheidenden Weichen gestellt werden. Liberalisierung des Handels
kann nicht heissen, dass die Schranken für unsere Exportprodukte fallen,
während wir uns vor den Produkten der Dritt-Welt-Länder abschotten.
Eine verantwortliche Weltfinanzordnung darf nicht Riesensummen von schnellem
Geld einzig auf der Suche nach immer mehr Gewinn um den Erdball kreisen
lassen. Dies und anderes mögen zwar Binsenwahrheiten sein, noch sind
wir aber weit davon entfernt, unsere Ökonomien danach auszurichten.
Um unsere Verantwortung wahrzunehmen, genügen die sicher notwendigen
Appelle an den Staat und die internationalen Organisationen nicht. In der
Politik ist letztlich nur das durchsetzbar, was sich auf einen breiten Konsens
abstützen kann. «Die Kirchen wollen nicht selbst Politik machen,
sie wollen Politik möglich machen», sagen die deutschen Kirchen
in ihrem Wort «Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit»
(Nr.4). «Der kirchliche Beitrag ist um so erfolgreicher, je mehr es
ihm gelingt, Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern und dadurch
die politischen Handlungsspielräume zu erweitern, und umgekehrt umso
erfolgloser, je weniger er in dieser Hinsicht auslöst und bewirkt»
(Nr.5). Genau auf dieser Linie liegen die diesjährige, wie übrigens
auch die früheren und kommenden Fastenopferaktionen.
Und noch ein Weiteres sollten wir vor Augen haben. Je nach politischem Standort
mögen uns einzelne konkrete Beurteilungen, Programme und Aktionen der
Hilfswerke mehr oder weniger sinnvoll und zielführend erscheinen. Das
ist legitim. Das entbindet aber niemanden davon, seine grundsätzliche
Wertorientierung zu überprüfen und zu fragen, ob sie mit dem Evangelium
übereinstimmt. Deshalb in der Verkündigung darauf abzuheben, dass
Glaube und Gerechtigkeit zusammengehören, dass jedes Eigentum einer
sozialen Verpflichtung unterliegt, dass die Wirtschaft für den Menschen
da ist, und dass in weltweiter Solidarität jene Strukturen umgestaltet
werden müssen, die Liebe verhindern, das kann nie und nimmer heissen,
sich kirchlicherseits ungebührlich in den Bereich der Politik einzumischen.
Das Bauen an einer menschlichen Welt ist nicht «weltlich» in
dem Sinn, dass es ausserhalb von Gottes Plan verliefe, sondern ist zuinnerst
hineingenommen in die Dynamik des Reiches Gottes. So bietet jede Fastenkampagne
noch vor den konkret vorgeschlagenen Handlungsmöglichkeiten
die Chance, die für alle Christen/Christinnen verbindlichen Grundhaltungen
zu erneuern. Eine gute Grundlage für diese Arbeit sind die Beiträge
der katholischen Theologin Astrid Rotner-Sigrist und der Entwicklungspolitologin
Sonja Ribi im Aktionsmagazin 200l.
Tugenden wollen geübt werden, um zu erstarken und zu wachsen. Grundhaltungen
dem Geld und den Finanzen gegenüber wollen in die Tat umgesetzt werden,
um sich mehr als blosses Wunschdenken zu erweisen. Auch dazu offerieren
die Kampagnenmaterialien sowohl auf der individual- wie auf der sozialethischen
Ebene viele Anregungen. Und es geht hier nicht nur um «Übungen»,
sondern um tatsächliche Veränderungen.
Und wir können etwas verändern: Die weltweite Entschuldungskampagne
war ein grosser Erfolg, die «Clean Clothes Kampagne» zeigt Wirkung
und die Weiterarbeit am internationalen Insolvenzrecht (Fairer transparenter
schiedsgerichtlicher Prozess) und an der Tobin Tax lohnt sich gewiss. Das
entwicklungspolitische Gewissen des Staates zu sein, attestiert Bundesrat
Villiger den Hilfswerken, was die Bedeutung der Kampagnenarbeit hier in
der Schweiz genügsam unterstreicht. «Geld und Moral schliessen
sich nicht gegenseitig aus. Der Mensch muss sie in Einklang bringen»
(Kurt Hauri, Präsident der Eidgenössischen Bankenkommission).
Der Jesuit Dr. theol. Josef Bruhin ist Präsident der Theologischen Kommission des Fastenopfers. Katholisches Hilfswerk Schweiz.