7/2001

INHALT

Leitartikel

"Neue Noten braucht das Geld"

von Josef Bruhin

 

In den letzten drei Jahren hat sich der Anteil der Aktienbesitzer in unserm Land auf 1,7 Millionen verdoppelt. Jeder Dritte mischt an der Börse mit und der Trend dürfte anhalten. Ist diese Entwicklung nicht zu begrüssen? Sie scheint doch einem alten Postulat der katholischen Soziallehre nach einer gerechteren Verteilung des Eigentums und einer verstärkten Beteiligung der Arbeitnehmer/Arbeitnehmerinnen am Produktivvermögen Genüge zu tun. Könnte sie nicht sogar den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital zum Verschwinden bringen?
Die Entwicklung hat ihre guten Seiten, dies sei nicht bestritten. Dass immer mehr Menschen über ihren Lohn hinaus Anteil am Gewinn der Unternehmen erhalten, ist sicher erfreulich. Dass viele einen vertieften Einblick in die Wirtschaft gewinnen und die Interessenlage der Unternehmer kennen und ein Stück weit teilen lernen, ist auch von Vorteil. Indes sind wir von einer «ausgeglichenern» Vermögensverteilung noch einiges entfernt, da ja in der Schweiz die 300 Reichsten ein Vermögen von 374 Mrd. Franken besitzen, also ein Fünftel des gesamten Volksvermögens.Wie viel das Aktiensparen allein daran verändern kann, wird sich weisen, wobei es gewiss nicht darum gehen kann, dass alle in der Liga der Millionäre mitspielen können.

Ambivalent

Ein anderer Aspekt, der mit dieser neuen Art des Sparens verbunden ist, bereitet aus sozialethischer Sicht gegenwärtig aber mehr Sorgen: die Gefahr, dass die vielen neuen Aktionäre anfällig werden für den zurzeit vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftskurs (maximale unternehmerische Freiheiten, niedrige Steuern, keine Kapitalgewinnsteuer usw.), wenn nicht gar für einen kruden Kapitalismus, der nur auf Erzielung von Gewinn aus ist und sich für alles andere weder zuständig noch verantwortlich weiss. Statt dass das Machtgefüge zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichener wird, verschiebt es sich noch mehr zu Gunsten des Kapitals. Im Abstimmungsverhalten des Souveräns ist doch bemerkenswert, dass seit 1998 27 von 28 Abstimmungen im Sinne der Parolen des Dachverbandes Economiesuisse ausgegangen sind. Der Wirtschaft fällt es leichter ihre Anliegen durchzusetzen. Je mehr Aktionäre, desto neoliberalere Wirtschaftspolitik.
Allein schon der eben geschilderte Trend ökonomisch-gesellschaftlicher Entwicklung verweist auf die Notwendigkeit, die heutige Finanzwirtschaft in breiten, ja allen Kreisen zu diskutieren. Gerade wir Christen/Christinnen, die wir uns der Botschaft der Gerechtigkeit und der Befreiung der Armen verpflichtet haben, können uns der Aufgabe nicht entziehen. Sozialenzykliken und gemeinsame Worte der Kirchen zur sozialen und wirtschaftlichen Lage blieben tote Buchstaben, würden wir uns nicht aktiv mit der höchst ambivalenten gegenwärtigen Entwicklung auseinandersetzen. Je mehr wir in die globalen Strukturen hinein verflochten werden, umso mehr dürfen uns die «strukturellen Sünden», die dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem inhärent sind, nicht gleichgültig lassen. Wir alle tragen unseren Teil der Verantwortung.

Bewusstseinsbildung

Die diesjährige Fastenkampagne «Neue Noten braucht das Geld» will uns helfen, unserem Auftrag nachzukommen. Gewiss wollen «Fastenopfer», «Brot für alle» und «Partner sein» möglichst viele Noten in ihre Opfersäcklein sammeln. Aber das ist nicht ihr einziges Ziel. Ihre Absicht ist es ebenso, einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung zu leisten, mit der Umkehr und Busse, säkular ausgedrückt: Reform und Verhaltensänderung verbunden sind. Eine gedeihliche und vor dem Gewissen der Menschheit verantwortbare Wirtschaftsentwicklung der armen Länder ist nur möglich, wenn in den Ländern der Ersten Welt die entscheidenden Weichen gestellt werden. Liberalisierung des Handels kann nicht heissen, dass die Schranken für unsere Exportprodukte fallen, während wir uns vor den Produkten der Dritt-Welt-Länder abschotten. Eine verantwortliche Weltfinanzordnung darf nicht Riesensummen von schnellem Geld einzig auf der Suche nach immer mehr Gewinn um den Erdball kreisen lassen. Dies und anderes mögen zwar Binsenwahrheiten sein, noch sind wir aber weit davon entfernt, unsere Ökonomien danach auszurichten.
Um unsere Verantwortung wahrzunehmen, genügen die sicher notwendigen Appelle an den Staat und die internationalen Organisationen nicht. In der Politik ist letztlich nur das durchsetzbar, was sich auf einen breiten Konsens abstützen kann. «Die Kirchen wollen nicht selbst Politik machen, sie wollen Politik möglich machen», sagen die deutschen Kirchen in ihrem Wort «Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit» (Nr.4). «Der kirchliche Beitrag ist um so erfolgreicher, je mehr es ihm gelingt, Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern und dadurch die politischen Handlungsspielräume zu erweitern, und umgekehrt umso erfolgloser, je weniger er in dieser Hinsicht auslöst und bewirkt» (Nr.5). Genau auf dieser Linie liegen die diesjährige, wie übrigens auch die früheren und kommenden Fastenopferaktionen.
Und noch ein Weiteres sollten wir vor Augen haben. Je nach politischem Standort mögen uns einzelne konkrete Beurteilungen, Programme und Aktionen der Hilfswerke mehr oder weniger sinnvoll und zielführend erscheinen. Das ist legitim. Das entbindet aber niemanden davon, seine grundsätzliche Wertorientierung zu überprüfen und zu fragen, ob sie mit dem Evangelium übereinstimmt. Deshalb in der Verkündigung darauf abzuheben, dass Glaube und Gerechtigkeit zusammengehören, dass jedes Eigentum einer sozialen Verpflichtung unterliegt, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist, und dass in weltweiter Solidarität jene Strukturen umgestaltet werden müssen, die Liebe verhindern, das kann nie und nimmer heissen, sich kirchlicherseits ungebührlich in den Bereich der Politik einzumischen. Das Bauen an einer menschlichen Welt ist nicht «weltlich» in dem Sinn, dass es ausserhalb von Gottes Plan verliefe, sondern ist zuinnerst hineingenommen in die Dynamik des Reiches Gottes. So bietet jede Fastenkampagne ­ noch vor den konkret vorgeschlagenen Handlungsmöglichkeiten ­ die Chance, die für alle Christen/Christinnen verbindlichen Grundhaltungen zu erneuern. Eine gute Grundlage für diese Arbeit sind die Beiträge der katholischen Theologin Astrid Rotner-Sigrist und der Entwicklungspolitologin Sonja Ribi im Aktionsmagazin 200l.

Tatsächliche Veränderungen

Tugenden wollen geübt werden, um zu erstarken und zu wachsen. Grundhaltungen dem Geld und den Finanzen gegenüber wollen in die Tat umgesetzt werden, um sich mehr als blosses Wunschdenken zu erweisen. Auch dazu offerieren die Kampagnenmaterialien sowohl auf der individual- wie auf der sozialethischen Ebene viele Anregungen. Und es geht hier nicht nur um «Übungen», sondern um tatsächliche Veränderungen.
Und wir können etwas verändern: Die weltweite Entschuldungskampagne war ein grosser Erfolg, die «Clean Clothes Kampagne» zeigt Wirkung und die Weiterarbeit am internationalen Insolvenzrecht (Fairer transparenter schiedsgerichtlicher Prozess) und an der Tobin Tax lohnt sich gewiss. Das entwicklungspolitische Gewissen des Staates zu sein, attestiert Bundesrat Villiger den Hilfswerken, was die Bedeutung der Kampagnenarbeit hier in der Schweiz genügsam unterstreicht. «Geld und Moral schliessen sich nicht gegenseitig aus. Der Mensch muss sie in Einklang bringen» (Kurt Hauri, Präsident der Eidgenössischen Bankenkommission).

 

Der Jesuit Dr. theol. Josef Bruhin ist Präsident der Theologischen Kommission des Fastenopfers. Katholisches Hilfswerk Schweiz.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001