6/2001

INHALT

Leitartikel

"Neue Wege"

von Rolf Weibel

 

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Schweizer Protestantismus von kirchlich-theologischen Richtungen geprägt, von denen sich drei bereits im 19. Jahrhundert herausgebildet hatten; so gab es zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Liberalen, die Positiven und die Vermittler. Als sich 1906 eine Gruppe religiös-sozial Gesinnter am Rande einer Konferenz zum (vermutlich) ersten Mal traf, wollten sie keine neue theologische Richtung begründen, sondern einfach zu weiteren religiösen und sozialen Konferenzen einladen. 1911 wurde dann aber doch eine lose Vereinigung gegründet, womit sich aus heutiger Sicht die vierte kirchlich-theologische Richtung gruppiert hatte: die Religiös-Sozialen; in der Bewegung dieser Richtung finden sich allerdings auch Katholiken, der prominenteste war Georg Sebastian Huber, Priester des Bistums St. Gallen. Als Medien dieser Richtung wirkten die 1919 gegründete Wochenzeitung «Der Aufbau» sowie ab 1924 die Zeitschrift «Neue Wege», nachdem Leonhard Ragaz ihr Alleinredaktor geworden war; gegründet worden waren die «Neuen Wege», unter Beteiligung von Leonhard Ragaz, 1906 als «Blätter für religiöse Arbeit» zur Überwindung des Richtungswesens.

Die fünfte kirchlich-theologische Richtung begann sich abzuzeichnen, als sich Karl Barth, nicht ohne Konflikte, von der religiös-sozialen Theologie absetzte und seine eigene Theologie, die dialektische Theologie entwickelte. Leonhard Ragaz warf dieser Richtung eine Verkirchlichung und Entpolitisierung der religiös-sozialen Sache vor; man habe verstanden, dass die Dialektiker «den Kapitalismus und Militarismus in Ruhe liessen», klagte er noch in seiner Autobiographie.

Zu einer Abspaltung innerhalb der religiös-sozialen Bewegung führte der Konflikt um die Beurteilung des real existierenden Sozialismus während des so genannten Kalten Krieges. Eine Minderheit gründete 1950 die «Neue religiös-soziale Vereinigung» mit dem «Aufbau» als ihrem Organ. Nach 1980 begannen die beiden Vereinigungen in der so genannten «Ökumenischen Konferenz Religiöser Sozialisten der Schweiz» zusammenzuarbeiten ­ bis 1988 die «Neue religiös-soziale Vereinigung» aufgelöst wurde und im Jahr darauf «Der Aufbau» sein Erscheinen einstellen musste.

Ein gutes Jahrzehnt vorher, nämlich 1976, war unter dem Eindruck des Militärputsches in Chile in der deutschen Schweiz die Vereinigung «Christen für den Sozialismus (CfS)» gegründet worden. 1977 wurde Willy Spieler, ein prominentes Gründungsmitglied der CfS, in die Redaktion der «Neuen Wege» gewählt, die seit 1971 den Untertitel «Zeitkritische Monatsblätter» trugen. Bald waren die CfS Mitherausgeber der Zeitschrift, und auf ihren Wunsch hin wurde 1980 der Untertitel geändert in «Beiträge zu Christentum und Sozialismus». Folgerichtig schlossen sich die beiden Vereinigungen 1989 zur «Religiös-sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz» zusammen und erklärten die «Neuen Wege» zu ihrem «Organ».

Mit dem 95. Jahrgang erscheinen die «Neuen Wege» neu und gefällig gestaltet mit dem neuen Untertitel «Zeitschrift des Religiösen Sozialismus». Mit diesem Untertitel seien die mit den bisherigen Selbstbezeichnungen ­ «Beiträge zu Christentum und Sozialismus» und «Organ der Religiös-sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz» ­ benannten Anliegen nicht aufgegeben, sondern zeitgemäss aufgehoben worden, versichert Willy Spieler in seiner Rubrik «Zeichen der Zeit». Zum einen möchten sich die «Neuen Wege» wieder vermehrt auf das Erbe des Religiösen Sozialismus besinnen und sich immer aufs «Neue» vergewissern, «wie weit es in der Lage ist, so etwas wie Ðzeitkritische Monatsblätterð zu tragen und den ÐKampf der Zeitð<1> zu führen». Zum andern gehe es ihnen um die kritische Aneignung eines politischen Erbes und damit «für einen demokratischen, ökologischen und pazifistischen Sozialismus». So wollen die «Neuen Wege» die spirituellen, politischen und ökonomischen Bedingungen einer solidarischen Gesellschaft neu denken. Auf dieses Ziel hin gibt es Möglichkeiten «ökumenischer» Zusammenarbeit mit katholischen Kreisen, die ebenfalls, wenn auch von der kirchlichen Soziallehre ausgehend, sozialethische und damit strukturelle Gesellschaftsfragen aufgreifen.<2>


Anmerkungen

1 Nach der 1944 erfolgten Aufhebung der Vorzensur während des Zweiten Weltkrieges nannten sich die «Neuen Wege» «Blätter für den Kampf der Zeit».

2 Die Administration der «Neuen Wege» besorgt Sonja Trummer, Orpundstrasse 66, 2504 Biel, Telefon/Fax 032-3424803.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001