3/2001

INHALT

Leitartikel

Communio als Sinn der Unterschiede

von Iso Baumer

 

Vom 18. bis 25. Januar beten wir um die Einheit der Christen. Seit bald neunzig Jahren hat sich diese Gebetswoche, aus bescheidenen Anfängen in den USA, ausbreiten und halten können. 1935 gab ihr der französische Ökumeniker Abbé Paul Couturier einen neuen Impuls und eine neue Richtung; man soll fortan beten «um jene Einheit, wie Gott sie will und mit welchen Mitteln er will».
Wissen wir so genau, welche Einheit Gott will? Eines ist im vergangenen Jahrhundert klar geworden: die Einheit kann nicht erzwungen werden, indem man «die getrennten Brüder und Schwestern» zur «Rückkehr» in den Schafstall Petri zwingt. In Bezug auf die Ostkirchen heisst das: Uniatismus (der Anschluss von einzelnen Gläubigen oder von Minderheiten von Bischöfen an Rom) und Unionismus (Rückgewinnung womöglich des ganzen «dissidenten» christlichen Ostens, wenn auch etappenweise) sind keine geeigneten Mittel, die Einheit der Kirche wieder herzustellen. Das wurde von Vertretern beider Kirchengemeinschaften 1993 in Balamand (Libanon), wenn auch nur in Form eines Konferenzbeschlusses, festgestellt. Seit spätestens dem II. Vatikanischen Konzil bahnt sich ein anderes Verständnis an: der Ökumenismus, das heisst der Versuch, in gemeinsamem Gespräch und Anteilnahme am Gebet und Leben der bisher getrennten Christen eine neue Gemeinschaft wieder zu finden. Wie soll sie aussehen? «Einheit in der Verschiedenheit» oder «Versöhnte Verschiedenheit» sind Stichworte, die einen Weg und ein Ziel andeuten.
Mit den evangelischen und christ-katholischen Mitchristen (und anderswo mit den Anglikanern) hat sich ein Zusammenleben schon längst eingespielt, kirchlich häufig auch eine Zusammenarbeit, vor allem auf sozial-ethischem oder pädagogischem Gebiet. Ziel ist und bleibt die gemeinsame Feier der Eucharistie, denn was immer die verschiedenen Kirchen darunter verstehen, die Eucharistiefeier scheint allen irgendwie Zentrum und Höhepunkt des Kircheseins zu sein. Allerdings muss man auch gleich beifügen, dass diese Zusammenkunft zugleich Sendung beinhaltet, dass also das Sakrament des Wortes und von Brot und Wein zugleich das Sakrament des Bruders/der Schwester meint. Einige möchten sich nicht mit den unauffälligen, auf die jeweiligen persönlichen Umstände abgestimmten Formen zufriedenstellen, die eine gemeinsame Kommunion nahelegen (Mischehen), sondern fordern lautstark die offizielle «Interkommunion» oder gar «Interzelebration». Die Franzosen haben einen schönen Ausdruck dafür: «brûler les étapes» ­ die Zwischenetappen oder Entwicklungsstufen abbrennen, dann stören sie nicht mehr und man kann sie leicht überspringen.
Aber könnten nicht unsere Unterschiede schon ­ indem wir sie vorläufig so belassen und auch klar benennen ­ den Sinn einer (noch nicht voll verwirklichten, aber energisch anzustrebenden) Communio haben? Communio hat auch etwas mit Kommunikation zu tun, innerhalb der eigenen Kirche, zwischen den Kirchen, zwischen den Religionen. Sowohl Communio wie Kommunikation verzichten auf Uniformität. Christus hat ja darum gebetet, dass die Jünger «eins» sein mögen, nicht «gleich».
Dass unsere Kirche den Mitchristen nicht immer ein verlockendes Bild von Einheit-in-der-Verschiedenheit und Kommunikation anbietet, zeigt sich leider immer wieder. Unter Einheit verstehen manchmal Bischofskonferenzen nur die vertikale (nach Rom), nicht die horizontale (zunächst in der eigenen Konferenz, dann mit anderen). Wer seine Eigen-Meinung gegen eine Mehrheit durchdrücken will, appelliert mit Erfolg nach Rom, von woher dann die «Einheit» durchgesetzt wird. Ich verzichte auf Beispiele, die jedem sofort einfallen. Oder in Bezug auf die Ostkirchen: Das neue Rechtsbuch für die katholischen Ostkirchen (bezeichnenderweise auf lateinisch verfasst!) hat erhebliche ekklesiologische Mängel: die Rechtsüberlieferungen der untereinander so verschiedenen und im letzten doch einen Ostkirchen wurden untereinander vernetzt; die Initiative wurde stark zum Zentrum (Rom!) verlagert, was zu einem wachsenden Identitätsverlust der Ostkirchen führt; vielfach waren lateinische Rechtsvorstellung leitend, wie einer sorgfältigen Untersuchung entnommen werden kann. Gewisse römisch-katholische Bischofskonferenzen verlangen immer noch, dass für pastorale Tätigkeit unter emigrierten Ostchristen nur zolibatäre Priester zugelassen sind, während die Ostkirchen in ihren Ursprungsländern die alte Tradition der verheirateten Priester kennen. Und das Mindeste, was man über «Dominus Iesus» und die Note über den Begriff der «Schwesterkirchen» sagen kann, ist die Feststellung, dass die Kommunikation darin und darüber verunglückt ist. Sonst müssten nicht monatelang Klarstellungen nachgeschoben werden für ein Dokument, das für sich Klarstellungen in Anspruch nimmt. Dass der Vatikan dem Ökumenischen Patriarchat zu allem Überfluss eine in der Übersetzung abgeschwächte Fassung übersandt hat, ist auch nicht gerade ein Glanzstück gelungener Kommunikation!
Statt derart die unabänderlichen «Wahrheiten» einzuhämmern, müssten die Kirchen wieder mehr versuchen, nicht nur im Wahrheitsanspruch, sondern auch in der Verehrung (Gebet, Liturgie) und im Dienst am Bruder, an der Schwester miteinander zu wetteifern. Versuchen wir, den Dialog nie abbrechen zu lassen, was auch immer für Pannen oder Missgriffe oder Missverständnisse auftauchen mögen. Bei uns sind es oft kirchliche Verlautbarungen, die einen Prozess empfindlich stören (manchmal auch klären), bei den Orthodoxen wird das Wiedererstehen der mit Rom unierten Kirchen leider stets benützt, um den Dialogabbruch anzudrohen oder phasenweise durchzuführen. Wir können noch viel lernen voneinander. Die Gebetswoche, die dazu auch eine Informationswoche sein darf, kann helfen, dass Debatten, wo sie nötig sind, im Geist der gelingenden Kommunikation und der ersehnten Communio vor sich gehen.

 

Die Aufsatzsammlung von Iso Baumer, unter dem Titel «Begegnungen» als Ökumenisches Beiheft 36 im Universitätsverlag Freiburg 1999 erschienen, belegt den Weg des Verfassers von der Sprachwissenschaft über die Volkskunde in die Theologie, zuletzt als Dozent für Ostkirchenkunde an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Zum nebenstehenden Beitrag schreibt er erläuternd: «Ich beziehe mich im Artikel unter anderem auf Medard Kehl SJ, Die Kirche. Eine katholische Ekklesiologie, Würzburg 1992, und Dietmar Schon OP, Der Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium und das authentische Recht im christlichen Orient. Eine Untersuchung zur Tradition des Kirchenrechts in sechs katholischen Ostkirchen, Würzburg 1999, sowie auf die Bücher der algerischen Katholiken Bischof Pierre Claverie und Prior Christian de Chergé, die 1996 mit Mitbrüdern ermordet wurden und ein Modell der Communio/Kommunikation vorzuleben versuchten.»


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001