2/2001

INHALT

Leitartikel

Zeit und Zeiten

von Felix Dillier

 

Die deutsche Sprache versteht unter Zeit Verschiedenes und Widersprüchliches. Im Neuen Testament wird zwischen chronos und kairos unterschieden. Chronos ist die messbare, die uns zugestandene Zeit, die unerbittliche Frist. In der Antike wurde Chronos bezeichnenderweise mit dem kinderfressenden Kronos verwechselt. Kairos ist die geschenkte Zeit, das angemessene Mass, der günstige Augenblick, die Zeit der Erfüllung und Vollendung. Diese Begriffe widerspiegeln unsere doppelte Erfahrung der Zeit: Chronos, Zeit, die uns davonläuft, uns auffrisst, Zeit des Verschleisses, die uns zum Tode führt; kairos, Zeit, die uns gewährt ist als Zeit des Heiles, der Gnade und des Lebens. Der dritte Begriff von Zeit, aion, meint die unbegrenzte Zeit, die Ewigkeiten.
Die Heilige Schrift nimmt die Einsicht der Philosophen vorweg und erörtert die kurze Dauer des Lebens, den gewährten Aufschub. «Herr, tu mir mein Ende kund und die Zahl meiner Tage! Lass mich erkennen, wie sehr ich vergänglich bin!»<1> Seneca beschreibt unmissverständlich die menschliche Erfahrung: «Jeden Tag sterben wir, jeden Tag wird uns ein Teil unseres Selbst genommen. Sogar während unseres Wachstums schwinden die Tage dahin. Selbst dieser Tag, den wir leben, ist auf der Scheide zwischen Leben und Tod.» Und wie ein Echo ertönt die mittelalterliche Liturgie: «Media vita, in morte sumus... Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.» Wer würde behaupten, für die Alltäglichkeit unserer Existenz wären solche Überlegungen kein Thema?
Nur die Erfahrung des Todes, wenn auch in Raten, weckt in uns den unstillbaren Durst nach Leben. Könnte das entsprechende Heilmittel eine unbewegliche Zeit sein, eine in einem glücklichen Augenblick erstarrte Ewigkeit?
Die Kirche ist zuversichtlich. Sie schlägt eine dynamische Zeit vor, belebt durch das Wirken des Geistes, ausgerichtet nach der Fülle des Heils. «Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!»<2> Die Metapher des Gebärens, häufig verwendet in der Heiligen Schrift, bezeichnet den dynamischen, schmerzhaften und doch hoffnungsvollen Prozess des Werdens der neuen Welt. «Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.»<3> Die Er-Füllung der Zeit ist die Zeit der Be-Kehrung, des Gebärens des neuen Menschen. «Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht schauen.»<4> Die Zeit ist demnach nicht mehr die Zeit des Verfalls, sondern der Wiedergeburt, der Rück-Führung in Gott.
Unsere Zeit ist doppelt erleuchtet. Zuerst durch die Zeit des Evangeliums: «In jener Zeit...» (kairos). Mit diesen Worten beginnt jede Verkündigung der Frohbotschaft Jesu Christi. Wenn wir uns in das lebendige Wort, in die Zeit des fleischgewordenen Gottessohnes vertiefen, dann «ist sie da, die rechte Zeit: ...der Tag des Heils»<5>. Durch die sakramentale Verkündigung des Evangeliums ist die Zeit Christi seit Seiner Auferstehung Gegenwart, Er wird zu unserem Zeitgenossen. Das Evangelium erleuchtet den Nebel unseres alltäglichen Lebens und hilft die «Zeichen der Zeit»<6> zu erkennen. Das wichtigste Zeichen ist Christus selbst: Er gibt unserer Zeit und unserer Geschichte Sinn und Orientierung. In der Liturgie des Kirchenjahres tritt der Mensch «in jene Zeit» und nimmt teil an der Geschichte Jesu Christi. Der sakramentale Mensch ist ein neuer Mensch, ein Spiritueller.<7>
Tod und Auferstehung Jesu Christi zeichnen die Trennungslinie im Ablauf der Zeiten. Als Erfüllung der messianischen Erwartung leitet das Christus-Ereignis die Erwartung der Wiederkunft des Herrn ein, Seine Parusie (Ankunft/Rückkehr). Der achte Tag ist auch der erste. So wird der immer währende Kreislauf der alten Zeit durchbrochen.
Die christliche Zeit ist nicht eine zyklische Zeit wie das Rad, in der sich alles wiederholt durch ein unvermeidliches und grausames Schicksal. Sie ist auch nicht eine lineare Zeit wie das fliessende Wasser, in der jeder Augenblick den vorausgehenden Augenblick zerstören und vor dem nächsten Augenblick verschwinden würde. Die christliche Zeit ist wie eine Spirale. Es gibt die Wiederholung der liturgischen Zeit, Sonn- und Festtage, Gedächtnis der Heilsereignisse. Doch dieses Wiederholen, wie eine aufsteigende Spirale, hilft den Menschen und der Welt, fortzuschreiten zur Fülle der Zeit. Das Leben des Christen erhält Orientierung durch seine Hoffnung auf die Auferstehung. Die Auferstehung Christi ist ein Ereignis zugleich der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.
Unsere Zeit ist auch erleuchtet durch die Erwartung, die Vorbereitung der künftigen Erfüllung. Sicher hat das ganze Heilsgeschehen schon in Jesus Christus und in der Taufe begonnen. Aber alles ist noch zu verwirklichen durch den Heiligen Geist, in einem Leben offen für Sein Wirken. Durch die Taufe sterben wir der Sünde und sind eingetaucht in das Bad der Wieder-Geburt. «Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.»<8> Dies ist die Zeit der «Schwangerschaft» der Gnade in uns durch den Glauben. «Denn an die Hoffnung ist unsere Rettung gebunden.»<9>
So ist die Zeit kein Circulus vitiosus mehr von unaufhörlichem Neubeginn und ebenso darauf folgendem Tod, vergleichbar mit der Schlange, die sich in den Schwanz beisst. Die Zeit ist keine Kette mehr von nicht wieder gutzumachenden Taten, welche unsere gegenwärtigen und zukünftigen Handlungen bestimmt, wie ein von uns selbst gewobenes Schicksal, dem wir nicht entrinnen können. «Jetzt ist sie da, die rechte Zeit: jetzt ist er da, der Tag des Heils.»<10> Das Kirchenjahr öffnet unsere vergängliche Zeit auf das Heute Gottes (hodie...), auf das aion des Herrn. Es gibt keine, sich in das Verderben stürzende Zeit (chronos) mehr, sondern eine Zeit (kairos), die zur völligen Entfaltung führt, wie zu einer immer währenden Jugend.
Unsere vergangenen Taten sind nicht einfach aufgehoben, als wären sie nie begangen worden. Die Taufe ist nicht bloss Auslöschen der Vergangenheit: Sie ist Ouvertüre, Öffnung zu einer neuen Welt, einer neuen Zeit. Die Reue ist nicht Verneinung unserer Fehler und Sünden, sondern, wie das griechische Wort metanoia ausdrückt, Veränderung, Eindringen des Neuen in das Alte.
«Und wenn auch unser äusserer Mensch vernichtet wird, der innere wird Tag für Tag erneuert.»<11> «Den alten Menschen ablegen» ­ «den neuen Menschen anziehen» ist nicht leicht, geschieht nicht von selbst, sondern nur, wer «wahrhaft gerecht und heilig lebt»<12>. Dann bricht das neue Reich in unseren Alltag ein, ins Heute (hodie), um es zu erleuchten, zu verklären, auszurichten auf die endzeitliche Vollendung.
Trotzdem leben wir zerrissen zwischen chronos, der Zeit der Agenda, Zeit der Mittelmässigkeit, die wir nicht sinnvoll zu erfüllen vermögen oder die sich unserem Griff entzieht, und kairos, gesegnete Zeit unserer Gottesdienste und Feste. Wir sind gleichzeitig Zeitgenossen der täglichen Aktualität und der Ewigkeit. Die Lösung des Dilemmas liegt nicht in einer Schizophrenie, die uns das Banale banal leben lässt und das Religiöse religiös. Wenn bei der Vollendung der Zeit die jetzige Welt vergehen wird, so ist das nicht, weil sie leer und wertlos wäre. Vielmehr weil die Gläubigen, in der Nachfolge Christi, die Welt er-füllt und auf-gewertet haben. Unsere tägliche Zeit mit ihren Höhen und Tiefen, gehaltvoll und gehaltlos, mit den aus Liebe zum Reich Gottes vollbrachten bescheidenen Taten, hat Ewigkeitswert und wird immer in Gottes Gedächtnis bleiben. Wir können nicht unaufhörlich auf zwei Ebenen leben. Wir müssen uns einsetzen, um die gegenwärtige Welt hinüberzuführen in die zukünftige nach dem Willen Gottes, des Vaters, denn «in Christus wollte Er die Fülle der Zeiten heraufführen, in Christus alles vereinen, alles, was im Himmel und auf der Erde ist.»<13>

 

Felix Dillier ist Priester des Bistums Basel, war im Lehrfach und in der Seelsorge tätig, wurde 1992 Grossarchimandrit der griechisch-melkitisch-katholischen Kirche und veröffentlichte unlängst: Kirche am Wendepunkt. Gedanken über die realexistierende Kirche im Licht der ostkirchlichen Tradition, Eos Verlag, St. Ottilien 2000.


Anmerkung

1 Ps 39,5.

2 Mk 1,15.

3 Röm 8,22.

4 Joh 3,3.

5 2 Kor 6,2b.

6 Mt 16,3b.

7 Der zurzeit am meisten missbrauchte Begriff ist «Spiritualität».

8 Joh 3,5.

9 Röm 8,24a.

10 2 Kor 6,2.

11 2 Kor 4,16b.

12 Siehe Eph 4,22­24.

13 Eph 1,10; siehe auch Röm 11,36.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001