1/2001 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Liebe Seelsorgerinnen und Seelsorger
Unser Geburtstag erinnert uns individuell, der Jahresanfang gemeinsam
an die Jahre unseres Lebens. Wir nehmen dauernd etwas von unserer Zukunft
in uns auf, um es an die Vergangenheit weiterzugeben. Dabei geht manches
oberflächlich an uns vorüber, anderes prägt uns zu dem, was
wir jetzt sind. Manches versinkt in Vergangenheit, anderes bleibt uns deutlich
in Erinnerung.
Unter verschiedensten prägenden Erinnerungen meines Lebens findet sich
ein Gespräch. Es fand vor zirka 30 Jahren statt. In einem Kreis von
Priestern diskutierten wir über die Lage der Kirche im Anschluss an
das Zweite Vatikanische Konzil. Da sagte mir ein Mitbruder: «Du diskutierst
sachlich und objektiv. Was du sagst, ist gekonnt, aber wenig persönlich.»
Diese Bemerkung hat mir damals keine besondere Freude bereitet, sie hat
mich aber durch die Jahre hindurch verfolgt. Neben anderen Erfahrungen wurde
mir dieses Gespräch hilfreich für die Deutung unseres Verhaltens,
wie zum Beispiel in der Einschätzung von Analysen und gegenüber
der Glaubenslehre.
In den letzten Jahrzehnten ist uns immer deutlicher bewusst geworden,
dass wir in unserem begrenzten Erfahrungsbereich nur Teile des Wandels von
Gesellschaft und Kirche wahrnehmen können. Umfragen und Erhebungen
weiten unseren Horizont aus und erlauben wertvolle Analysen. Mit Hilfe theologischer
Überlegungen und verschiedener Theorien wie zum Beispiel des New Public
Management werden Vorschläge ausgearbeitet, wie die Kirche heute besonders
gut wirken, wie sie ihren «Marktanteil» halten könne. Manche
Prognose fällt pessimistisch aus und fördert Resignation. Solche
Anregungen sind hilfreich und werden auch weiterhin hilfreich sein. Eine
Voraussetzung für derartige Analysen und Ausarbeitung von Strategien
ist es, dass der Autor versucht, sich auf eine rein objektive Position zurückzuziehen.
Im Idealfall steht er gleichsam unberührt auf einem Berg, von dem aus
er Gesellschaft und Kirche beobachtet, um von höherer Warte aus Vorschläge
für die Weiterentwicklung geben zu können.
In Erinnerung an das zitierte Wort müssen wir uns aber fragen: Was
geschieht, wenn sich immer mehr Glieder der Kirche auf die höhere Warte
begeben, um den anderen sagen zu können, was eigentlich geschehen müsste?
Ist der Kirche nicht besser gedient, wenn wir uns persönlich mit ihr
als Volk Gottes unterwegs identifizieren? Dies verändert unsere Sicht.
Wir erfahren uns dann als Glaubende auf dem Weg in die Zukunft, angeführt
von Jesus, dem Auferstandenen. Wir rechnen damit, dass die Kraft des Heiligen
Geistes auch im 21. Jahrhundert nicht nachlassen wird. Unsere Jahre werden
zum Teil der Heils- und Weltgeschichte. Persönliche Überzeugung
drängt uns, unsere Kräfte mit grosser Zuversicht in den Dienst
der Kirche zu stellen. Wir brauchen Ziele und Strategien. Aber was werden
diese erreichen, wenn wir nicht voll Hoffnung unser Licht leuchten lassen
und andere anstecken?
Jemand hat die heutige Situation der Kirche verglichen mit Architekten,
welche grosse Linien überlegen, und mit Maurern, die mit ihrer Kraft
und ihrem Schweiss Städte bauen. Er hat gesagt:
Ich habe das Gefühl, in der Kirche gibt es viele Architekten und wenige
Maurer.
Kirche ist Glaubensgemeinschaft. Das Gemeinsame des Glaubens der Kirche
unterwegs bedarf formulierter Texte, der Glaubensbekenntnisse, der Glaubenslehre.
Wir können uns mit einem System von Texten von einem möglichst
unabhängigen, objektiven Standpunkt aus befassen. Wir können diese
Sätze im Gesamt der Religionen oder Wissenschaften platzieren, wir
können uns intellektuell mit ihnen als interessantem Sachgebiet auseinandersetzen,
wir können darin ein Feld persönlicher Profilierung oder vielleicht
auch Rechthaberei sehen. Als Seelsorger könnten wir sie rein beruflich
weiterreichen als Sätze aus dem Katechismus der Katholischen Kirche.
Täten wir dies, wären wir Gelehrten ähnlich, welche im Besitz
von Wahrheiten sind, die sie je nach Bedarf auswählen und
an interessierte Kunden weitergeben.
In Erinnerung an den oben zitierten Satz müssen wir uns fragen: Was
wird mit der Kirche geschehen, wenn wir nur gleichsam in verschiedenen Jahrhunderten
tiefgefrorene Wahrheiten weiterreichen würden? Die Menschen erwarten
zu Recht unser persönliches Zeugnis. Dies setzt voraus, dass wir Jesus,
das Mensch gewordene Wort Gottes, lieben. In unserer Nähe zu Jesus
werden abstrakte Wahrheiten gleichsam aufgetaut und begegnen durch uns Menschen,
im Sinn des menschgewordenen Wortes Gottes. Je mehr wir dies persönlich
erfahren, desto verantwortungsbewusster werden wir mit Glaubenslehren umgehen.
Anstatt zu meinen, Gott theologisch im Griff zu haben, werden wir vor allem
staunen und dankbar am Wachsen seines Reiches teilnehmen.
Liebe Seelsorgerinnen und Seelsorger
Zu Beginn des neuen Jahres wünsche ich Ihnen den Mut, Jesus in seiner Kirche persönlich nahe zu sein, und die Kraft, wegen Enttäuschungen durch sich selbst und durch andere oder anderes nicht zu resignieren. Der Heilige Geist Gottes schenke Ihnen Liebe und Freude.