10/2001

INHALT

Gesangbuch

Markus Jenny zum Gedenken

von Walter Wiesli

 

Ein heutiges konfessionelles Kirchengesangbuch muss auch Gesänge (Texte und Melodien) aus anderen Konfessions- und Kulturbereichen enthalten... Es muss einem christlichen Gesangbuch heute verboten sein, die Auswahl einzig am Massstab der eigenen Tradition zu messen.»<1> Diese markanten Forderungen, anlässlich der Entstehung des «Gotteslob» vor 25 Jahren vom Theologen und Hymnologen Markus Jenny geschrieben, wurden tatsächlich eingelöst. Und dies nicht zuletzt, weil der jüngst verstorbene Pionier Markus Jenny dieses Ziel selber nachhaltig und konsequent verfolgt hat. In der deutschsprachigen Gesangbuchgeschichte der letzten 25 Jahre lässt sich sein prägender Einfluss unschwer aufzeigen. Wer ihn auf diesem Wegstück in persönlicher Verbundenheit begleiten durfte, wird ihn als unbeirrbaren Ökumeniker, Hymnologen und Seelsorger in dankbarer Erinnerung behalten.

Der Ökumene verpflichtet

Man kann sich den heutigen Stand der ökumenischen Gesangbucharbeit in der Schweiz und darüber hinaus ohne Markus Jenny kaum vorstellen. 1971­1978 gründete und leitete er zusammen mit Edwin Nievergelt und Robert Tobler die «Arbeitsgemeinschaft Neues Singen in der Kirche» (NSK) zur Vermittlung und der Erprobung des in 28 Arbeitsmappen und Schallplatten vorgestellten neuen Liedguts. Mitte der Siebzigerjahre erlebten wir Markus Jenny in einer eindrücklichen ökumenischen Zusammenarbeit anlässlich der Schaffung des ökumenischen Jugendgesangbuches «Kumbaya» (1980). Auch an der Neukonzipierung der in 46 Ausgaben erscheinenden Zeitschrift NSK (1986­1998) war Markus Jenny massgeblich mitbeteiligt.
Eines der bedeutenden Instrumente für die ökumenische Singpraxis wurde die «Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut» (AöL), zu deren Mitbegründer Markus 1969 zählte. In diesem Gremium erlebte ich Markus seit 1983 als einen weit über die Landesgrenzen hinaus geachteten Hymnologen und Theologen. Mit seinem profunden Wissen und gelegentlich sehr pointierten Voten prägte er diesen den ganzen deutschen Sprachraum umfassenden Arbeitskreis, dem er bis 1995 angehörte. Einerseits erkannte er als hellsichtiger Ökumeniker die Möglichkeit, «dass es in vielen Fällen möglich ist, in der Struktur des Gebetes oder der Verkündigung über dasselbe Thema gemeinsame Aussagen zu machen, die in der Struktur der dogmatischen Lehre unmöglich sind»<2>. Andererseits war er aber auch davon überzeugt, dass auf Dauer die Verkündigung der christlichen Botschaft unglaubwürdig ist, wenn sie nicht «einträchtig und wie aus einem Munde»<3> ausgerichtet wird. Auf dieses Ziel hin galt es die Erkenntnis zu festigen, «dass im Singen derselben Lieder diesseits und jenseits der Konfessionsgrenze in gleicher Fassung ein starkes Zeugnis der Einheit der Kirche bereits gegeben war, und ... im gemeinsamen Liedgut die Chance (wahrzunehmen), ökumenisches Bewusstsein zu befruchten und zu stärken»<4>. In den drei wegweisenden Veröffentlichungen der AöL ist in Eigenschöpfungen und Bearbeitungen die Handschrift von Markus Jenny deutlich zu erkennen. Es sind dies «Gemeinsame Kirchenlieder» (1973) mit 102 Nummern, «Gesänge zur Bestattung» (1978) mit 63 Nummern und das ökumenische Kinderliederbuch «Leuchte bunter Regenbogen (1983) mit 301 Nummern. Als Folge seiner umfassenden hymnologischen Kenntnisse wurde Markus Jenny zu praktisch allen Grossprojekten der jüngsten Gesangbuchgeschichte im deutschen Sprachraum eingeladen. So war er zusammen mit P. Hubert Sidler 1967­1975 ein massgeblicher Mitgestalter am katholischen Einheitsgesangbuch «Gotteslob» (GL), beratend beteiligte er sich auch an der Entstehung des Evangelischen Gesangbuchs Deutschlands (EG), dessen Stammteil 1993 fertiggestellt war.
Markus Jenny verstand Ökumene als einen gernzüberschreitenden, weltweiten Verbund von Christen. Sein diesbezügliches Bemühen fand mit eigenen Beiträgen einen Niederschlag im KG (KG 1, 231, 312, 596), wie vor allem im mehrsprachigen, Nationen übergreifenden Gesangbuch «Unisono»<5>, dessen Manuskript er 1991 fertig stellte, das aber wegen widriger Umstände erst 1997 erscheinen konnte.
Der glückliche Umstand, dass das reformierte wie das katholische Gesangbuch mehr oder weniger gleichzeitig entstanden (1985/86­1998), legten im inzwischen erfreulich gediehenen ökumenischen Klima eine enge Zusammenarbeit nahe. Sie wurde gewährleistet durch Einsitz je eines Mitglieds in der jeweiligen Schwesterkommission. Und nochmals erwies sich Markus Jenny, der seit Juni 1987 auch Mitglied der katholischen Kommission war, als treibende Kraft. Er verstand es, seine seelsorglichen Erfahrungen aus dem Pfarramt mit hymnologischen Ansprüchen zu verbinden, wobei er die konkreten Gemeinderealitäten nie aus dem Auge verlor. Lieder wanderten teilweise sechsmal zwischen den Kommissionen hin und her ­ nicht selten angestossen vom Bemühen Jennys, schliesslich doch noch eine gemeinsame Fassung zu finden. Ohne sein vorder- und hintergründiges Mittun gäbe aus heute kaum die 238 +Lieder, die künftig Katholiken, Reformierte und Christkatholiken «wie aus eine Munde» singen werden. Unmittelbar nach einer Klausurtagung im November 1991 in Einsiedeln ereilte Markus ein schwerer Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte und an den Rollstuhl fesselte. Doch auch so begleitete er unsere Arbeit noch fast bis zum Schluss. Nach wie vor verfolgte er seine ökumenischen Anliegen zielstrebig und hartnäckig: «Eine regionale Liedökumene ist hier im Entstehen begriffen, die in einer späteren Phase der Gesangbuchentwicklung einmal zu einem gemeinsamen, ökumenischen Gesangbuch-Teil führen könnte.»<6> Von dieser Vision eines künftigen gemeinsamen Gesangbuches war er nicht abzubringen.

Der Hymnologe

Aus der Biographie von Markus Jenny scheint immer wieder sein grosses Lebensthema durch: das Lob Gottes im Lied. Grund dafür war zunächst sein seelsorgerliches Bemühen, doch den Sucher und Frager Jenny führte dies zwangsläufig zum tieferen Erforschen der Sache. Dies dokumentierte im Rahmen der Bestattungsfeier Prof. Franz Prassl, Graz<7>, auf eindrückliche Weise. Das Forum für die wissenschaftliche Arbeit mit dem Lied wurde ihm die «Internationale Arbeitsgemeinschaft für Hymnologie» (IAH), als deren Pionier er seit der Gründungszeit 1959 gelten kann. 1959­1967 leitete er das IAH-Sekretariat, 1967­1985 prägte er als Präsident massgeblich deren weitere Geschicke. Die in der IAH geleistete Arbeit war keine Schreibtischwissenschaft. Sie führte immer wieder geradewegs in die praxisorientierte Reflexion der AöL und an die Basis, wo sie sich zu bewähren hatte. Markus Jenny und seine Mitstreiter verstanden ihre Arbeit als «international, interdisziplinär, ökumenisch und praxisrelevant»<8>. Um diese Ansprüche zu sichern, bemühte sich Markus Jenny zeitlebens, Hymnologie als eine akademisch anerkannte Disziplin in Lehre und Forschung zu etablieren. Schwergewichtig beschäftigt sich sein wissenschaftliches Schaffen mit den deutschschweizerischen Kirchengesangbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts, mit Zwinglis Stellung zur Gottesdienstmusik, mit kritischen Ausgaben von Luthers und Zwinglis Liedern und mit den Abendmahlliturgien der elsässischen und schweizerischen Reformatoren. Sein letztes grosses Werk «Gottesdienst feiern»<9> konnte er unter vielfältiger Beihilfe seiner Gattin Marguerie mit Aufwand letzter Kräfte noch im Manuskript vollenden.

Der Seelsorger

Trotz intensiver Zusammenarbeit und manchen gemeinsamen Reisen zu AöL-Sitzungen ins Ausland fragte ich mich lange: Wer ist Markus eigentlich, was bewegt ihn im Letzten. Er sprach kaum je über sich selber, auch nicht über die Manuskripte, über denen er jeweils sass. Mitte der Achtzigerjahre ergab sich eine intensive Zusammenarbeit mit seiner Gattin Marguerite Jenny-Loeliger, als wir das ganze Liederbuch Kumbaya auf Tonkassetten aufnahmen. Auf langen Aufnahmereisen sprach Marguerite oft und gern über die Pfarrerjahre in Saas GR (1950­1956), über die Jahre in Weinfelden (1956­1963), in Zürich (1963­1973) und schliesslich in Ligerz (1973­1989), dem schönen Alterssitz, der ja schliesslich für uns Gesangbuchmacher ein lieb gewordenes Absteigequartier wurde. Leise Zwischentöne liessen ahnen, dass es für die Mutter nicht einfach war, sieben Kinder zu betreuen, während der Vater zurückgezogen in seiner Pfarrstube über Handschriften und Kodizes brütete. Es war bereits zu Lebzeiten allen Freunden klar, dass das Werk von Markus nicht zu würdigen war, ohne dabei auch seiner Gattin zu gedenken. Marguerite respektierte und unterstützte die Arbeit, die er sich mit eiserner Energie abrang. Die pfarramtliche Arbeit sollte unter seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nicht leiden, vorab nicht die Gottesdienste. Sie waren ihm Herzenssache. Wenn in der Kommissionsarbeit sein «Eifer für das Haus» Gottes (Ps 69,10) eine Diskussion dezidiert zum Abbruch brachte, ging es nicht selten um Gottesdienstfragen. Es hat uns in der katholischen Gesangbucharbeit beeindruckt, mit welcher Achtung, Behutsamkeit und Sympathie er mit unsern Gottesdienstformen umging. Offensichtlich «in eigener Sache» versuchte er auch im Rollstuhl, an möglichst allen Sitzungen teilzunehmen ­ herbeigefahren durch die Gattin oder eine Enkelin ­ um an wichtigen Entscheiden beratend mitzuwirken. Zwar noch immer hellwach, aber in seinen Reaktionen und Äusserungen langsamer, schien sich in seinem Wesen etwas zu verändern. In langsamen und bedächtigen Sätzen glichen manche Beiträge eher tiefsinnigen Kurzmeditationen als Sachreferenzen. Ich erinnere mich an diebezügliche Äusserungen über Gerhardt- oder Klepper-Texte. Er sprach auch nach 1998 gern von «unserm blauen Buch», das er nicht nur seinem achtmaligen Aufscheinen im Quellenverzeichnis wegen auch als das seine betrachtete. Zurecht sah er im ersten KG-Lied «Gott hat das erste Wort», dessen Textübertragung von ihm stammt, ein ökumenisches Signal. Nach Aussagen seines Sohnes Simon starb er beim Hören dieses Liedes: Gott hat das letzte Wort... Gott steht an Anbeginn und er wird alles enden... Den Schluss seines Artikels zum zwanzigjährigen Bestehen der AöL betrachten wir, seine Freunde, als ein verpflichtendes Vermächtnis: «Das Anliegen der AöL, das die zwanzig Jahre ihres bisherigen Arbeitens und Wirkens bestimmt hat, muss weiterhin wach und wirksam bleiben in unsern Kirchen bis an den Tag, da wir keiner Gesangbücher und Liedfassungen mehr bedürfen werden, weil «keiner mehr seinen Bruder belehren und sagen wird: Erkenne den Herrn! Denn sie alle, klein und gross, werden mich erkennen» (Jeremia 31,34; Hebräer 8,11)»<10>.

 

Der Musikwissenschaftler Walter Wiesli war Sekretär der Katholischen Gesangbuchkommission.


Anmerkungen

Die Lebensdaten von Markus Jenny: 1. Juni 1924 bis 22. Januar 2001.

1 Markus Jenny, Die ökumenische Bedeutung des «Gotteslob», in: Theologie und Glaube 1/1976, S. 71.

2 Edmund Schlink, Ökumenische Dogmatik, Göttingen 1983, Vorwort (S. VI).

3 Röm 15,6.

4 Markus Jenny, Eine hochbedeutsame zwanzigjährige ökumenische Arbeit, in: Quatember, Vierteljahreshefte für Erneuerung und Einheit der Kirche, Heft 3/1990, S. 164 (Lutherisches Verlagshaus, Hannover).

5 Unisono. Ökumenische mehrsprachige Lieder der Christenheit, Manumedia-Zeitpunkt, Graz 1997.

6 Vgl. Anm. 3, S. 168.

7 Ordinarius für Gregorianik und kirchenmusikalische Werkkunde an der Universität Graz, derzeit Präsident der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Hymnologie (IAH).

8 Franz Prassl am 29.1.2001.

9 Gottesdienst feiern. Ökumenischer Leitfaden für die Ausbildung und Praxis der Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker und für die Hand aller, die an der Gottesdienstgestaltung aktiv beteiligt sind.

10 Vgl.Anm. 3, S. 167.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001