49/2001 | |
INHALT | |
Glosse |
Seltsames tut sich im Umfeld jeder politischen Diskussion rings um das
Thema Abtreibung und Fristenregelung. Die harten Deregulierer, die noch
heute einen obligatorischen Mutterschaftsurlaub vehement bekämpfen,
setzen sich mit ähnlicher Vehemenz für den Schutz des ungeborenen
Lebens ein. Grüne Politikerinnen, die jedes Bergtal vor Staudämmen
und jede Alpwiese vor Beschneiungsanlagen schützen wollen, verkünden
in liberaler Fröhlichkeit, dass die Fristenregelung etwas Sinnvolles
sei. Bei keinem politischen Thema der letzten Jahre fand eine derartige,
gerade unanständige ethische Verwirrung der Geister statt wie hier.
Als Teilnehmer an Podien zum Thema muss ich mich bei etwa der Hälfte
der vorgebrachten Argumente als verantwortet denkender und argumentierender
Theologe schlechthin schämen!
Schändlich insbesondere die Argumentation von ansonsten im Sinn der
Botschaft Jesu engagierten Menschen, auch von Kolleginnen und Kollegen,
auch von kirchlichen Verbänden. Es sei wieder einmal Franz Alt zitiert:
«Wir haben wenig Ehrfurcht vor dem Leben. Unsere heutige Wegwerfmentalität
trifft nicht nur Konsumartikel, sie macht selbst vor Mensch und Tier nicht
halt. Albert Schweitzers ÐEhrfurcht vor dem Lebenð war ganzheitlich
gemeint. Alles andere ist eine Selbsttäuschung, die auf mangelnder
Selbsterkenntnis beruht. Mit Atombombenpolitik tötet man ebenso wie
mit Abtreibung ein Stück Leben. Mit jeder Abtreibung töten wir
ein Ebenbild Gottes. Zu unserer Vernichtung brauchen wir Gott schon nicht
mehr, aber wir brauchen ihn zu unserer Rettung...» (Bei Jesus ist
jede Gewalt Sünde!).
Gesucht ist eine Koalition der ethischen Vernunft, eine parteienübergreifende
Gruppe von Menschen, die im Sinne von Schweitzer und Alt argumentieren,
gehe es um Afghanistan oder Fristenregelung. Was unsere Zeit am dringendsten
braucht: Menschen, die gegen jeden Opportunismus resistent sind.