49/2001

INHALT

Glosse

Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein...

von Heinz Angehrn

 

Seltsames tut sich im Umfeld jeder politischen Diskussion rings um das Thema Abtreibung und Fristenregelung. Die harten Deregulierer, die noch heute einen obligatorischen Mutterschaftsurlaub vehement bekämpfen, setzen sich mit ähnlicher Vehemenz für den Schutz des ungeborenen Lebens ein. Grüne Politikerinnen, die jedes Bergtal vor Staudämmen und jede Alpwiese vor Beschneiungsanlagen schützen wollen, verkünden in liberaler Fröhlichkeit, dass die Fristenregelung etwas Sinnvolles sei. Bei keinem politischen Thema der letzten Jahre fand eine derartige, gerade unanständige ethische Verwirrung der Geister statt wie hier. Als Teilnehmer an Podien zum Thema muss ich mich bei etwa der Hälfte der vorgebrachten Argumente als verantwortet denkender und argumentierender Theologe schlechthin schämen!
Schändlich insbesondere die Argumentation von ansonsten im Sinn der Botschaft Jesu engagierten Menschen, auch von Kolleginnen und Kollegen, auch von kirchlichen Verbänden. Es sei wieder einmal Franz Alt zitiert: «Wir haben wenig Ehrfurcht vor dem Leben. Unsere heutige Wegwerfmentalität trifft nicht nur Konsumartikel, sie macht selbst vor Mensch und Tier nicht halt. Albert Schweitzers ÐEhrfurcht vor dem Lebenð war ganzheitlich gemeint. Alles andere ist eine Selbsttäuschung, die auf mangelnder Selbsterkenntnis beruht. Mit Atombombenpolitik tötet man ebenso wie mit Abtreibung ein Stück Leben. Mit jeder Abtreibung töten wir ein Ebenbild Gottes. Zu unserer Vernichtung brauchen wir Gott schon nicht mehr, aber wir brauchen ihn zu unserer Rettung...» (Bei Jesus ist jede Gewalt Sünde!).
Gesucht ist eine Koalition der ethischen Vernunft, eine parteienübergreifende Gruppe von Menschen, die im Sinne von Schweitzer und Alt argumentieren, gehe es um Afghanistan oder Fristenregelung. Was unsere Zeit am dringendsten braucht: Menschen, die gegen jeden Opportunismus resistent sind.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001