38/2001

INHALT

Die Glosse

Wie hast du's mit der Macht, Mutter Kirche?

von Heinz Angehrn

 

Ob die Verfasser der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums wohl gewusst haben, welchen theologischen und historischen Stilbruch sie begingen, als sie unter dem Punkt 18, «Die hierarchische Verfassung der Kirche», von der «heiligen Vollmacht» sprachen, mit der die Amtsträger der Kirche ausgestattet sind? Kann man, darf man in der Kirche Jesu Christi, die unter anderem seinem Wort verpflichtet ist, dass es «bei euch nicht so sein soll» wie in den übrigen politisch-gesellschaftlichen Abläufen (Mk 10,42f. par.), überhaupt davon reden, dass Macht «heilig», also gottgewollt und geisterfüllt, ist? Sollte nicht viel eher bei jedem kirchlichen Reden von der Notwendigkeit struktureller Machtverhältnisse und den durch sie bedingten Unterstellungen und Abhängigkeiten das Schuldbekenntnis angefügt werden, dass dies sicherlich ein Kennzeichen der «sündigen» Kirche der Übergangszeit bis zum Kommen des Reiches Gottes ist?
Noch schlimmer aber: Könnte es nicht sein, dass für viele Kleriker (der hier Schreibende nimmt sich davon nicht aus) diese «heilige Vollmacht» zu einem Kompensationsfaktor für die kirchlich verordnete Ehelosigkeit geworden ist, ihn zumindest aber in diese Versuchung führen könnte?
Schon vor fast 30 Jahren hielt Stephan Pfürtner trocken fest, dass in der Frage des Pflicht- bzw. Zwangszölibats nicht «die Ethik des Evangeliums, sondern Ideologie und Machterhaltung bestimmend sind» und fügte hinzu: «Die Bemühung um den Pflichtzölibat wäre dann ein Ausdruck jener Repression, die mit einem emanzipatorischen Prozess im Bereich der Sexualethik auch die Emanzipation des Menschen überhaupt im kirchlichen Raum verhindern will» (Kirche und Sexualität, Reinbek 1972, Seite 279).
Wehe aber, wenn Opfer zu Tätern werden...


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001