11/2001

INHALT

Im Gespräch

Vom Alpha-Kurs zum Alphalive-Kurs

 

 

Unlängst hat in diesen Spalten Leo Tanner den Alphalive-Kurs als Einführung in die «allgemeinen christlichen Glaubensgrundlagen» vorgestellt. Ansprechend seien, so Pfarrer Leo Tanner, vor allem die mit dem Kurs gegebene Gemeinschaftserfahrung und die einfache Einführung in den christlichen Glauben. Auf dieser Basis strebe der Kurs eine Evangelisierung von Christen an, aber auch die Einbeziehung der Kirche fern Stehender.<1>
Wer sich ein Bild über die inhaltlichen Akzente des Alphalive-Kurses machen möchte, wird in dem Artikel auf ein Buch von Nicky Gumbel, dem Leiter des Kurses in der anglikanischen Gründungskirche, hingewiesen, mit dem Titel «Fragen an das Leben».
Das Buch enthält nach den Angaben Leo Tanners die Referate des Kurses. Nach der Lektüre des Buches von Gumbel war ich jedoch sehr verwundert über das, was darin als die Grundlagen des allgemeinen christlichen Glaubens verstanden wird.

Ein dualistisches Welt- und Menschenbild

Das Buch vermittelt ein geradezu monströses, abschreckendes Gottesbild, ein dualistisches Welt- und Menschenbild; dazu wird die Bibel in einen Steinbruch von einzelnen Bibelzitaten verwandelt, die selektiv unmittelbar auf menschliche Lebenssituationen appliziert werden. Exegetische Differenzierungen biblischer Textsorten, der unterschiedliche Lebenshorizont biblischer Autoren im Vergleich zum heutigen spielt in Gumbels Art der Schriftauslegung keine Rolle. Die göttliche Inspiriertheit des Textes genügt dem Autor, dass Gott durch die Bibel uns jederzeit unmittelbar anspricht.
Das dualistische Weltbild spielt bereits am Anfang des Buches eine wichtige Rolle bei der Verortung des christlichen Glaubens heute: Der Christ befindet sich in einer verlorenen, konfusen und dunklen Welt ­ so die Abschnittüberschriften des ersten Kapitels. Er ist nach Gumbel umgeben von Angst, Bosheit und teuflischen Angriffen. Überhaupt befindet sich der Mensch nach den Worten des Autors Zeit seines Lebens auf einem Kriegsschauplatz, und das Buch verwendet die 16 Seiten im Kapitel über «das Böse» vor allem darauf, Strategien gegen die Angriffe des Teufels zu beschreiben: «Solange der Krieg noch nicht vorbei und Satan endgültig vernichtet ist, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Verteidigung intakt ist» (S. 183). Über das ganze Buch verteilt berichtet Gumbel regelmässig von Bekehrungserlebnissen, in denen Menschen in Tränen ausbrechen, ihre Erbärmlichkeit und Sündhaftigkeit erkennen (der Heilige Geist arbeitet vor der Bekehrung in erster Linie daran, uns unsere Sünden vorzuführen [S.139]) und in den Schoss einer christlichen Bibelgruppe flüchten, um von dort ihr weiteres Leben an einzelnen Bibelversen auszurichten, in denen der Autor Antworten auf fast alle Lebenssituationen findet. Wer Christ wird, vollzieht einen «Vereinswechsel» vom «Reich der Finsternis, in dem Satan König ist, ins Reich Gottes» (S. 182).
Es fällt auf, dass Gumbel im Leben von Nichtchristen nichts Gutes erkennen kann, ausser eine sich anbahnende Bekehrung; als grosses Problem taucht daher an verschiedenen Stellen des Buches die religionsverschiedene Ehe auf. In der Regel schaffen es aber die Gläubigen in Gumbels Buch, durch eifriges Gebet die Bekehrung des Andersgläubigen oder -denkenden zu bewirken. Wahre Freundschaften bahnen sich im Buch von Gumbel nur zwischen Christen an. Allerdings erkennt der Autor auch Unterschiede zwischen den Christen, denn in manchen «brennt nur die Zündflamme des Heiligen Geistes, während Menschen, die vom Heiligen Geist erfüllt sind, mit Volldampf loslegen ... Den Unterschied erkennt man sofort.» Denn Gumbel knüpft an den Bericht der Apostelgeschichte an und weiss um eindeutige Merkmale des Wirkens des Heiligen Geistes: körperliche Erschütterungen, spontane Gefühlsregungen wie Umarmungen, stark emotional geprägtes Gotteslob und das so genannte «Zungenreden», das nach Angaben Gumbels um so authentischer ist, je sprachlich unverständlicher es sich äussert. Letzteres ist, so Gumbel, die besondere Auszeichnung für diejenigen, die besonders gut mit dem Heiligen Geist «zusammenarbeiten» (167f.). Die Exklusivität eines solchen Glaubensverständnisses stuft jede andere Praxis des christlichen Glaubens zurück, wie sich in dem Buch ohnehin jeder menschliche Lebensstil, der sich nicht genau auf den vom Autor gezeichneten Wegen bewegt, schnell dem Verdacht der Lauheit und Unvollkommenheit aussetzt.
Dem vor seiner Bekehrung absolut sündigen und verzweifelten Menschen korrespondiert in diesem dualistischen Weltbild, das nur gut und böse, Licht und Finsternis im radikalen Kontrast kennt, eine verblüffende Heilssicherheit des Bekehrten (S. 60, 71). Für einen Bekehrten kann sich nach Auffassung des Autors in der Beziehung zwischen Mensch und Gott nichts Grundlegendes mehr ändern (S. 105). Christsein bedeutet grösste Sicherheit und Gewissheit auf Erden (S. 142f.).

Das Gottes- und Jesusbild

Im Horizont eines solchen dualistischen Weltbildes wird Gott vor allem als Konkurrent des Menschen gesehen. Zeichen der Gottesferne ist es nach Gumbel, wenn Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen (S. 255), anstatt sich Gott zu unterwerfen und von ihm führen zu lassen. Sünde ist dementsprechend «Auflehnung gegen Gott» (S. 45). Gumbels Gottesbild definiert sich entsprechend über die Niedrigkeit des Menschen. Dieser lebt damit, sich immer wieder vorzustellen, ständig hinter den Massstäben Gottes zurückzubleiben. Indiz fehlenden Glaubens kann es schon sein, sich für «einen guten Kerl» zu halten oder einfach anständig leben zu wollen (S. 55). Zwischen dem Menschen, der nicht Christ ist, und Gott besteht nach Auffassung Gumbels eine «Trennwand». In diese böse Welt kann Gott schliesslich nur einbrechen, wenn der Einzelne sich bekehrt. Hier spielt für den Autor Jesus die entscheidende Rolle.
Affirmativ zitiert Gumbel einen gewissen C. S. Lewis: «Gott ist in menschlicher Gestalt in dieser vom Feind besetzten Welt gelandet» (S. 43). Wer dieser Feind genau ist, lässt Gumbel erstaunlich offen. Der Statik seines Kontrolleur-Gottes (S. 121) entspricht ein recht flexibles Feindverständnis, analog den vielfältigen Strategien des Teufels. Hier kommt alles und jeder in Frage, der nicht Christ ist und Menschen auf einen falschen Lebensweg bringt.
Auch das Jesus-Bild, das der Autor zeichnet, ist ganz auf die Schlechtigkeit des Menschen abgestellt. Jesus war nach Auffassung Gumbels der «aussergewöhnlichste Mensch», dem man begegnen konnte, weil er zum Beispiel Wasser in Wein verwandelte und «Lunchpakete» vermehrte (S. 35). Er war die Vitalität in Person und die Leute liefen ihm aus «lauter Spass» nach ­ so zitiert Gumbel zustimmend einen gewissen Lordkanzler Hailsham. Ist Gumbel entgangen, dass die Menschen, insbesondere die Apostel, auf dem Weg nach Jerusalem sich zunehmend von ihm distanzierten? Statt die Hinrichtung Jesu als Konsequenz seiner religiösen und politischen Praxis zu deuten, wie es meines Erachtens die Evangelien mit jeweils unterschiedlichen Akzenten nahe legen, erscheinen Kreuzigung und Tod Jesu in Gumbels Konzept völlig isoliert vom Leben Jesu. Sie geniessen jedoch, so der Autor, absolute Priorität im Gedenken Jesu. Auf die Frage, warum Jesus starb, gibt er lediglich als Antwort: Jesus starb als Strafe für unsere Sünden, ein Preis, der Gott entrichtet werden musste als Kosten für unsere Sünden. So einseitig und blutrünstig stellt nicht einmal Anselm von Canterbury,<2> einer der markantesten Theologen der so genanten Satisfaktionslehre, im 11. Jahrhundert Gott dar. Letztlich vermag auch Gumbel nicht zu erklären, warum ausgerechnet dieser Jesus von Nazareth für alle menschlichen Sünden sterben musste.
An fast allen exegetischen und theologischen Überlegungen vorbei erklärt er dann die Auferstehung Jesu. Die Evangelien liest er auch hier, wie auch sonst die biblischen Erzählungen, als eindeutigen historischen Befund. Hoheitstitel Jesu versteht er als explizite Selbstaussagen Jesu, und auch die Auferstehungsberichte begreift er als Anhäufung eindeutiger Indizien für die Auferstehung Jesu, wie zum Beispiel die ordentlich zusammengelegten Tücher im Grab nach Joh 20. Dass es sich nach Meinung vieler neutestamentlicher Exegeten um Zeugnisse gläubiger Christen handelt, die sich in ihrer Ausdrucksform an damals gängigen Darstellungsmustern orientierten, nimmt Gumbel nicht zu Kenntnis. Das Alte Testament schliesslich versteht er unter anderem als die Summe sich erfüllt habender Prophezeiungen über die Person Jesu: «Jesus erfüllte über 300 Prophetien (von unterschiedlichen Menschen über 500 Jahre hinweg), darunter 29, die an einem einzigen Tag in Erfüllung gingen: seinem Todestag.» Dass auch diese «Erfüllungen» nachösterliche Glaubensaussagen von Christen sind und insbesondere von Juden nicht auf Jesus bezogen werden, irritiert den Autor keineswegs. Ob eine solche Bibellektüre allerdings zum Verständnis des Wortes Gottes beiträgt, bezweifle ich.

Was kann das Buch?

Das Buch und der Alphakurs beanspruchen, wesentliche Fragen des Glaubens zu besprechen und nichts zu tabuisieren. Wer theologische Fragen stellt, wird jedoch mit dem Verdacht konfrontiert, seine Fragen seien nicht ernst gemeint und dienten nur als Ablenkungsmanöver, um von «eigentlichen» Problemen abzulenken (S. 197). Zwei solche theologischen Fragen erwähnt der Autor: Warum lässt Gott uns leiden? Wie steht es mit den anderen Religionen? In der Tat, zwei Fragen, auf die das Buch keine Antwort gibt. Aber mir ist noch kein Mensch begegnet, der gerade diese beiden Fragen nicht ernst gemeint gestellt hätte. Und ich frage mich, wie man mit dem prinzipiellen Verdacht seinem Gesprächspartner gegenüber, vermeintliche Glaubensfragen könnten nicht ernst gemeint sein, Glaubensgespräche führen will.
Nicht erst hier stellt sich mir eine grundsätzliche Anfrage an das von Gumbel und dem Alphakurs proklamierte Glaubensverständnis: Während Gumbel um sich und die von ihm als Christen bezeichneten Menschen herum, die er in seinen insgesamt aus meiner Sicht viel zu engen Glaubenshorizont hinein zu holen versucht, nur Böses und Angriffe des Satans sieht, verstehe ich Seelsorge als Begleitung und Ermutigung von Menschen auf ihrem eigenen persönlichen Glaubensweg, als gemeinsame Suche nach den Spuren Gottes in ihrem Leben, ausgehend von dem Guten und Wertvollen, das jedes Leben ­ auch das nicht explizit christliche ­ mit sich bringt, dieses unterstützend, ohne es vereinnahmen oder «bekehren» zu müssen. In diesem Sinne erweist sich ein Glaubensprojekt wie das der Diözese St. Gallen, «He, was glaubst du?», durch sein Dialogkonzept, wobei die Glaubensgeschichte des anderen erst einmal grundsätzlich bejaht und respektiert wird, als wesentlich offener und konstruktiver in der Diskussion von Glaubens- und Lebensfragen als jener Alphakurs.
Das Gottes- und Menschenbild, das Gumbel vertritt, wirkt abstossend; seine Art, die Bibel zu lesen, halte ich für unseriös. In seiner Weigerung, Standpunkte Andersdenkender oder -gläubiger angemessen zur Sprache zu bringen, ist das Alpha-Kurskonzept in dieser Form alles andere als ökumenisch. Nach der Lektüre des Buches von Gumbel hoffe ich nur, dass möglichst vielen Christen und Nichtchristen die Begegnung mit dieser Auslegungsvariante christlichen Glaubens erspart bleibt.

Bernd Ruhe

 

... behaltet das Gute

«Prüft alles, und behaltet das Gute» (1 Thess 5,21). Diesem Rat des Paulus folgend, beschäftigte ich mich mit dem Buch von Nicky Gumbel «Fragen an das Leben». Dabei verstehe ich und teile ich vieles von der Kritik von Bernd Ruhe. Das Buch ist geprägt von einer von uns verschiedenen sprachlichen und kirchlichen Kultur. Mit meinem katholischen Herzen und meiner Theologie habe ich mit vielem, was drin steht oder wie es drin steht, Mühe und würde es so nicht sagen. Wer auch immer Referate der Glaubensverkündigung gibt ­ wesentlich ist nicht der schriftliche Text, sondern die Person, die referiert. Ihr Zeugnis ist gefragt und sie verantwortet den Inhalt.
Doch in meinem Suchen nach Modellen und Wegen, wie der Kirche und dem Christentum fern Stehende die Heilskraft des Evangeliums erfahren können, überzeugte mich das Alphalive-Kursmodell. (An anderen, eventuell besseren Wegen und Modellen der Glaubensweitergabe bin ich sehr interessiert.) Deshalb habe ich mit anderen katholischen Theologen sämtliche Referate überarbeitet und teilweise neu gemacht. Das Ziel war es, sie in unsere katholische Kultur und Theologie sowie in eine angepasstere Sprache zu übersetzen. Aus dieser Arbeit ist nun eine «Werkmappe für Katholiken» entstanden.
Darin heisst es unter anderem in der Einleitung: «Fragen an das Leben» und nicht «Fragen an die Theologie» heisst das Buch mit den Referaten von Nicky Gumbel. Es geht also um Fragen, die das Leben betreffen. Welche Fragen die Gäste (so werden die Kursteilnehmenden offiziell bezeichnet) haben, können wir nicht wissen. Der Kirche und dem Glauben fern Stehende haben oft ganz andere Fragen als jene, welche kirchliche Insider bewegen. Beim Alphalive-Kurs geht es um diese Menschen und ihre Fragen.
Eine Folge davon ist, dass wir zwar die gelernte Theologie im Hinterkopf haben, aber die Gäste jetzt in diesem Kurs nicht mit für uns interessanten theologischen Einsichten beglücken ­ besser gesagt ­ belasten. Das kann sich unter anderem im Bibelverständnis zeigen. Theologisch Gebildete wissen, dass die Evangelien nachösterlich gefärbt sind, die biblischen Texte eine Wirkungsgeschichte haben, neutestamentliche Texte Glaubensaussagen der Gemeinde sind und vieles mehr.
Solche theologischen Erkenntnisse sind hilfreich zum Verstehen der Bibel. Sie können den Intellekt nähren, jedoch nicht das Herz. Das Herz nährt sich von einer Beziehung: von Jesus Christus. Seine Bedeutung offenbart sich vor allem in den Ich-bin-Worten.
Das Ziel des Alphalive-Kurses ist nicht Wissensvermittlung und somit eine ausgewogene, rundum abgesicherte Lehre. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Gäste am Ende nur einiges und Bruchstückhaftes von den Referaten mitbekommen haben.
Das Ziel ist vielmehr Glaubenserweckung. So ist es unsere Aufgabe, mitzuhelfen, dass der Funke im Herzen der Gäste springt und diese sich für die Nachfolge Jesus Christi entscheiden.
Aus diesem Grunde sind die Referate sprachlich einfach, humorvoll und mit Geschichten und Erfahrungen versehen. Verstand, Gemüt und Wille wollen angesprochen werden.

Leo Tanner


Anmerkungen

1 SKZ 4/2001, S. 50f.

2 Denn während bei Anselm (Cur deus homo?) die Satisfaktion, die Gott ­ als er noch ein Feudalherr war (M. Clevenot) ­ vom Menschen für die ihm durch die Sünde zugefügte Beleidigung verlangt, und die dieser nicht zu leisten vermag, noch Reflex menschlicher Grösse und Freiheit war, bleibt in dem kleinlich-kapitalistischen, nichtsdestotrotz blutrünstigen Kostenkalkül Gumbels angesichts der Erbärmlichkeit des Menschen von jener menschlichen Würde und Freiheit nicht mehr viel übrig, was den Tod Jesu in der Theologie Gumbels übrigens umso unsinniger erscheinen lässt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001