45/2001 | |
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Aus Anlass des 1700-jährigen Jubiläums der Verkündigung
des Christentums als Religon Armeniens sind wir Papst Johannes Paul
II., Bischof von Rom und Oberhirte der katholischen Kirche, und Karekin
II., Oberster Patriarch und Katholikus aller Armenier zusammengekommen,
und voll Freude danken wir Gott für die Gelegenheit, erneut im gemeinsamen
Gebet seinen allerheiligsten Namen zu preisen. Gelobt sei die Heiligste
Dreifaltigkeit Vater, Sohn und Heiliger Geist jetzt und in Ewigkeit.
Während wir dieses wunderbare Ereignis feiern, gedenken wir voll Ehrfurcht,
Dankbarkeit und Liebe eines grossen Zeugen unseres Herrn Jesus Christus
des hl. Gregorius des Erleuchters sowie seiner Mitarbeiter und
Nachfolger. Sie erleuchteten nicht nur die Bevölkerung Armeniens, sondern
auch andere Völker der benachbarten kaukasischen Staaten. Dank ihres
Zeugnisses, ihrer Hingabe und ihres Beispiels wurde das armenische Volk
im Jahr 301 n. Chr. vom Licht Gottes erfüllt und wandte sich in aufrichtiger
Gesinnung Christus zu, denn er ist die Wahrheit, das Leben und der Weg der
Erlösung.
Die Armenier verehrten Gott als ihren Vater, bekannten sich zu Christus
als ihrem Herrn und riefen den heilig machenden Geist an; sie liebten die
apostolische Weltkirche wir ihre Mutter. Das oberste Gebot Christi, Gott
über alles und den Nächsten wie uns selbst zu lieben, wurde zur
Lebenseinstellung der Armenier jener frühen Zeiten. Ihr fester Glaube
gab ihnen die Kraft, die Wahrheit zu bezeugen und notfalls auch den Tod
anzunehmen, um am ewigen Leben teilzuhaben. Somit wurde das Martyrium aus
Liebe zu Christus zum grossen Erbe zahlreicher Generationen von Armeniern.
Das wertvollste Gut, das eine Generation an die nächste weitergeben
konnte, war die Treue zum Evangelium, damit die Jugend kraft der Gnade des
Heiligen Geistes zu ebenso entschlossenen Zeugen der Wahrheit werden konnte
wie ihre Vorfahren. Die Ermordung von anderthalb Millionen armenischen Christen
ist das, was generell als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts
bezeichnet wird, und die spätere Vernichtung von Tausenden von Menschenleben
unter dem ehemaligen totalitären Regime sind Tragödien, die in
der Erinnerung der heutigen Generation noch immer lebendig sind. Diese sinnlos
niedergemetzelten Unschuldigen sind nicht heilig gesprochen worden, aber
viele von ihnen waren mit Sicherheit Bekenner und Märtyrer im Namen
Christi. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen und die Gläubigen
bestärken, niemals die Bedeutung ihres Opfers aus den Augen zu verlieren.
Wir danken Gott dafür, dass das Christentum in Armenien all die Not
und das Leid der vergangenen siebzehn Jahrhunderte überlebt hat und
die armenische Kirche nun fähig ist, ihren Auftrag zu erfüllen
und die Frohe Botschaft in der modernen armenischen Republik wie auch in
allen nahen und fernen Gebieten zu verkünden, in denen armenische Gemeinschaften
leben.
Wie damals, in den Tagen König Tradats und Gregorios des Erleuchters,
ist Armenien heute wieder ein freies Land. In den vergangenen zehn Jahren
wurde den Bürgern der jungen Republik das Recht auf Religionsfreiheit
zuerkannt. In Armenien wie auch in der Diaspora sind neue armenische Institutionen
errichtet, Kirchen gebaut, Vereinigungen und Schulen gegründet worden.
In all dem erkennen wir die liebevolle Hand Gottes, dessen Wundertaten stets
erkennbar waren in der Geschichte einer kleinen Nation, die aufgrund ihres
christlichen Glaubens ihre besondere Identität bewahren konnte. Durch
seinen Glauben und seine Kirche entwickelte das armenische Volk eine einzigartige
christliche Kultur, die in der Tat eine höchst wertvolle Bereicherung
für das Christentum als Ganzes ist.
Das Beispiel des christlichen Armenien bezeugt, dass der Glaube an Christus
Hoffnung für jede auch noch so aussichtslose menschliche Situation
bringt. Möge das heilbringende Licht des christlichen Glaubens für
die Schwachen und auch für die Starken leuchten, für die hoch
entwickelten und die entwicklungsbedürftigen Nationen dieser Welt.
Vor allem heute erfordert die komplexe Problematik der internationalen Situation
die Entscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Finsternis und Licht,
Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Wahrheit und Lüge. Aktuelle Fragen
im rechtlichen, politischen, wissenschaftlichen und familiären Bereich
berühren die eigentliche Bedeutung der Menschheit und ihre Berufung.
Sie rufen die heutige Christenheit ebenso wie die Märtyrer vergangener
Zeiten auf, Zeugen der Wahrheit zu sein, auch auf die Gefahr hin, einen
hohen Preis dafür zu zahlen.
Dieses Zeugnis wäre umso überzeugender, wenn alle Jünger
Christi gemeinsam den einen Glauben bekennen und die Wunden der Trennung
heilen könnten. Möge der Heilige Geist die Christenheit, ja alle
Menschen guten Willens auf den Weg der Versöhnung und Brüderlichkeit
führen. Hier, in Etschmiadzin, geloben wir erneut, durch unser Gebet
und unseren Einsatz bald die Gemeinschaft aller Mitglieder der treuen Herde
Christi in aufrichtiger Achtung unserer jeweiligen heiligen Traditionen
zu verwirklichen.
Mit Gottes Hilfe werden wir nichts ohne Liebe tun, denn «da uns eine
solche Wolke von Zeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln
der Sünde abwerfen. Lasst uns mit Ausdauer in den Wettkampf laufen,
der uns aufgetragen ist» (Hebr 12,1).
Wir bestärken unsere Gläubigen, unablässig zu beten, damit
der Heilige Geist uns alle mit Weisheit und Mut erfülle wie die heiligen
Märtyrer in jedem Zeitalter und überall in der Welt, damit auch
wir Christus folgen, denn er ist der Weg, die Weisheit und das Leben.