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31-32/2001
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Die christlichen Wurzeln Europas
Auf seiner Jubiläumspilgerfahrt nach Griechenland, Syrien und
Malta begegnete Papst Johannes Paul II. in Athen auch Seiner Seligkeit Christódoulos,
orthodoxer Erzbischof von Athen und Primas von ganz Griechenland; bei ihrer
Begegnung vor der Bema des Areopags wurde ihre im folgenden dokumentierte
«Gemeinsame Erklärung über die christlichen Wurzeln Europas»
verlesen.
Wir, Papst Johannes Paul II., Bischof von Rom, und Christódoulos,
Erzbischof von Athen und Primas von ganz Griechenland, vor dem Bema [Podium]
des Areopags stehend, von dem aus der hl. Paulus, der grosse Völkerapostel,
«berufen zum Apostel, auserwählt, das Evangelium Gottes zu verkünden»
(Röm 1,1), den Athenern den einen wahren Gott, Vater, Sohn und Heiliger
Geist, verkündigte und sie zu Glauben und Umkehr aufrief, erklären
hiermit:
- Wir danken dem Herrn für unsere Begegnung und das gemeinsame Gespräch
hier in der berühmten Stadt Athen, am Primatssitz der Apostolischen
Orthodoxen Kirche Griechenlands.
- Wir wiederholen mit vereinter Stimme und einmütigem Herzen die
Worte des Völkerapostels: «Ich ermahne euch aber, Brüder,
im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig, und duldet
keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung»
(1 Kor 1,10). Wir erheben unsere Gebete, damit die gesamte christliche
Welt diese Ermahnung annehme, so dass der Frieden zu «allen, die
den Namen Jesu Christi, unseres Herrn anrufen» (1 Kor 1,2), gelangen
möge. Wir verurteilen jegliche Form von Gewaltanwendung, Proselytismus
und Fanatismus im Namen der Religion. Wir sind fest davon überzeugt,
dass die Beziehungen zwischen den Christen in all ihren Erscheinungsformen
von Ehrlichkeit, Klugheit und Kenntnis der in Frage stehenden Probleme
gekennzeichnet sein sollen.
- Wir stellen fest, dass die soziale und wissenschaftliche Entwicklung
des Menschen nicht begleitet war von einer tiefer gehenden Suche nach der
Bedeutung und dem Wert des Lebens, das immer ein Geschenk Gottes ist, und
ebenso wenig von einer dementsprechenden Anerkennung der einzigartigen
Würde des Menschen, der als Abbild und Gleichnis des Schöpfers
erschaffen ist. Ausserdem ist die wirtschaftliche und technische Entwicklung
nicht für die ganze Menschheit auf gleiche Weise erreichbar, sondern
sie wird nur einem kleinen Teil von ihr zuteil. Des Weiteren hat das Anwachsen
des Lebensstandards nicht dazu geführt, dass die Herzen der Menschen
für ihre Nächsten, die Hunger leiden und bedürftig sind,
geöffnet werden. Wir sind dazu aufgerufen, uns dafür einzusetzen,
dass Gerechtigkeit herrschen möge, dass den Bedürftigen geholfen
und den Leidenden die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei
wir uns immer die Worte des hl. Paulus vor Augen halten sollen: «Das
Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken; es ist Gerechtigkeit, Friede
und Freude im Heiligen Geist» (Röm 14,17).
- Es erfüllt uns mit Schrecken, zu sehen, dass Kriege, Massaker,
Folterungen und Martyrium eine fürchterliche alltägliche Wirklichkeit
für Millionen unserer Brüder bedeuten. Wir nehmen uns selbst
in die Verantwortung, für den Frieden auf der ganzen Erde, für
den Respekt vor dem Leben und der Menschenwürde und für die Solidarität
gegenüber all jenen, die in einer Notlage sind, zu kämpfen. Es
bereitet uns grosse Freude, unsere Stimme mit den vielen Stimmen auf der
ganzen Welt zu vereinen, die anlässlich der im Jahr 2004 in
Griechenland stattfindenden Olympischen Spiele ihrer Hoffnung Ausdruck
verliehen haben, dass die antike griechische Tradition des Olympischen
Friedens wieder zum Leben erweckt werden könne, derzufolge alle Kriege
eingestellt und Terrorismus und Gewalt ein Ende finden mussten.
- Wir verfolgen aufmerksam und mit Besorgnis die so genannte Globalisierung.
Wir hoffen, dass sie gute Früchte hervorbringen wird. Auf jeden Fall
möchten wir betonen, dass ihre Frucht unzureichend sein wird, wenn
sie sich nicht in voller Ehrlichkeit und Wirksamkeit durch das auszeichnet,
was man als eine «Globalisierung der Geschwisterlichkeit» in
Christus bezeichnen könnte.
- Wir freuen uns über den Erfolg und Fortschritt der Europäischen
Union. Die Einheit der europäischen Welt in einem zivilen Gefüge,
bei dem ihre Völker ihr nationales Selbstbewusstsein, ihre Traditionen
und ihre Identität nicht verlieren, war die Vision ihrer Pioniere.
Die sich abzeichnende Tendenz, bestimmte europäische Länder in
säkulare Staaten ohne jegliche Beziehung zur Religion zu verwandeln,
bedeutet einen Rückschritt und die Verneinung ihres spirituellen Erbes.
Wir sind dazu gerufen, unsere Bemühungen zu verstärken, so dass
die Einigung Europas vollendet werden kann. Wir müssen alles in unserer
Macht Stehende tun, dass die christlichen Wurzeln Europas und seine christliche
Seele unversehrt bewahrt bleiben.
Mit dieser gemeinsamen Erklärung wünschen wir, Papst Johannes
Paul II., Bischof von Rom, und Christódoulos, Erzbischof von Athen
und Primas von ganz Griechenland, dass «unser Gott und Vater und Jesus,
unser Herr, unsere Schritte lenken mögen, auf dass wir wachsen und
reich werden in der Liebe zueinander und zu allen Menschen, damit unsere
Herzen gefestigt seien und heilig vor unserem Gott und Vater, wenn Jesus,
unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt» (vgl. 1 Thess 3,1113).
Amen.
© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001