17/2001 | |
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1. Der kommende «Weltgebetstag für die geistlichen Berufe», der am 6. Mai 2001 stattfinden wird wenige Monate nach Abschluss des Grossen Heiligen Jahres wird unter dem Motto stehen: «Das Leben als Berufung». Mit dieser Botschaft möchte ich ein wenig dabei verweilen, mit euch über ein zweifelsohne entscheidendes Thema im christlichen Leben nachzudenken. Das Wort «Berufung» charakterisiert sehr gut die Beziehung Gottes zu jedem Menschen in der Freiheit der Liebe, insofern jedes Leben Berufung ist, «weil das Leben eines jeden Menschen von Gott zu irgendeiner Aufgabe bestimmt ist» (Paul VI., Enzyklika «Populorum progressio», 15). Am Ende der Welterschaffung betrachtet Gott den Menschen und sieht, dass sein Schöpfungswerk «sehr gut» ist (vgl. Gen 1,31): er hat ihn «nach seinem Bild und Gleichnis» erschaffen, seinen tätigen Händen hat er alles anvertraut und hat ihn in eine enge Beziehung der Liebe gerufen. «Berufung» ist das Wort, das in das Verständnis der Dynamik der Offenbarung Gottes einführt und auf diese Weise dem Menschen die Wahrheit über sein Dasein erschliesst. «Ein besonderer Wesenszug der Würde des Menschen» lesen wir im Konzilsdokument «Gaudium et spes» «liegt in seiner Berufung zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott ist der Mensch schon von seinem Ursprung her aufgerufen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäss der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt» (Nr. 19). In diesem Dialog der Liebe mit Gott gründet die Möglichkeit eines jeden, in der eigenen Spur des Lebens und entsprechend seiner Eigenschaften zu wachsen. Sie wurden als Geschenk empfangen und sind so imstande, der Geschichte und dem Beziehungsgeflecht des alltäglichen Lebens einen Sinn zu geben und dabei gleichzeitig auf dem Weg zur Fülle des Lebens zu bleiben.
2. Das Leben als Berufung aufzufassen, schenkt innere Freiheit und weckt
zusammen mit der Ablehnung eines passiven, langweiligen und banalen
Lebens im Einzelnen die Sehnsucht nach Zukunft. Das Leben erhält
so den Wert einer «empfangenen Gabe, die von ihrer Natur her danach
strebt, selbst wieder geschenkte Gabe zu werden» (Dokument «Neue
Berufungen für ein neues Europa», 1998, 16b). Der Mensch zeigt,
dass er aus dem Geist wiedergeboren ist (vgl. Joh 3,35), wenn er lernt,
dem Weg des neuen Gebotes zu folgen: «Liebt einander, so wie ich euch
geliebt habe» (Joh 15,12). Man kann gewissermassen davon sprechen,
dass die Liebe die DNS der Kinder Gottes ist; sie ist «der heilige
Ruf», mit dem wir von Gott gerufen sind «aus eigenem Entschluss
und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt
wurde; jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus
Jesus offenbart» (2 Tim 1,910).
Am Beginn eines jeden Berufungswegs steht der Emmanuel, der Gott-mit-uns.
Er offenbart uns, dass wir unser Leben nicht allein bauen, weil inmitten
der Verwicklungen unseres Lebens Gott da ist und mit uns geht und weil er,
wenn wir es auch wollen, mit jedem von uns eine wunderbare, einzigartige
und nicht wiederholbare Liebesgeschichte vorhat, die gleichzeitig im Einklang
mit der Menschheit und mit allem steht. Die Anwesenheit Gottes in der eigenen
Geschichte zu entdecken, sich nicht mehr als Waisen fühlen, sondern
zu wissen, einen Vater zu haben, dem man sich vollends anvertrauen kann:
das ist der grosse Wendepunkt, der den bloss menschlichen Horizont aufreisst
und den Menschen verstehen lässt wie «Gaudium et spes»
es ausdrückt , dass er sich, «der auf Erden die einzige
von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch
die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann» (Nr.
24). Diese Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils enthalten das Geheimnis
der christlichen Existenz sowie jeder echten menschlichen Verwirklichung.
3. Heute muss sich diese christliche Lesart des Daseins mit einigen besonderen
Kennzeichen der westlichen Kultur auseinandersetzen, in denen Gott aus dem
täglichen Leben praktisch verdrängt ist. Gerade deshalb braucht
es eine gemeinsame Anstrengung der ganzen christlichen Gemeinschaft, um
«das Leben wieder zu evangelisieren». Diese grundlegende pastorale
Anstrengung erfordert das Zeugnis von Männern und Frauen, die die Fruchtbarkeit
eines Lebens sichtbar machen, das in Gott seine Quelle hat, aus der Gelehrsamkeit
gegenüber dem Handeln des Geistes seine Kraft schöpft und in der
Gemeinschaft mit Christus und seiner Kirche die Gewähr eines authentischen
Sinnes für die täglichen Mühen findet. Es ist notwendig,
dass jeder in der christlichen Gemeinschaft seine persönliche Berufung
entdeckt und darauf rückhaltlos antwortet. Jedes Leben ist Berufung
und jeder Gläubige ist eingeladen, am Aufbau der Kirche mitzuwirken.
Am «Weltgebetstag für die geistlichen Berufe» ist unsere
Aufmerksamkeit jedoch in besonderer Weise auf die dringende Not an geweihten
Dienern sowie an Menschen, die bereit sind, Christus auf dem anspruchsvollen
Weg des geweihten Lebens im Versprechen der evangelischen Räte zu folgen,
gerichtet.
Es braucht geweihte Diener, die «die bleibende Garantie der sakramentalen
Präsenz Christi, des Erlösers, zu allen Zeiten und an allen Orten»
sein sollen («Christifideles laici», Nr. 55) und durch die Verkündigung
des Worts sowie die Feier der Eucharistie und der Sakramente die christlichen
Gemeinden auf den Wegen des ewigen Lebens führen.
Es braucht Männer und Frauen, die mit ihrem Zeugnis «in den Getauften
das Bewusstsein für die wesentlichen Werte des Evangeliums lebendig»
halten und «im Bewusstsein des Gottesvolkes das Bedürfnis aufbrechen»
lassen, «mit der Heiligkeit des Lebens auf die durch den Heiligen
Geist in die Herzen ausgegossene Liebe Gottes zu antworten, indem sich in
der Haltung die sakramentale Weihe widerspiegelt, die durch Gottes Wirken
in der Taufe und in der Firmung oder in der Weihe erfolgt ist» («Vita
consecrata», Nr. 33). Möge der Heilige Geist überreich Berufungen
der besonderen Weihe wecken, damit sie im christlichen Volk eine immer selbstlosere
Hingabe an das Evangelium fördern und allen das Verständnis für
den Sinn des Daseins als Widerschein der Schönheit und Heiligkeit Gottes
erleichtern.
4. Meine Gedanken wenden sich nun an die vielen jungen Menschen, die
nach Werten dürsten und oft nicht in der Lage sind, den Weg zu finden,
der dorthin führt. Ja, nur Christus ist der Weg, die Wahrheit und das
Leben. Und deshalb ist es notwendig, sie die Erfahrung machen zu lassen,
dem Herrn zu begegnen, und ihnen zu helfen, zu ihm eine tiefe Beziehung
aufzubauen. Jesus muss in ihre Welt eintreten, ihre Geschichte in die Hand
nehmen und ihr Herz öffnen, damit sie ihn immer besser kennen lernen,
wenn sie ihm Schritt für Schritt auf den Spuren seiner Liebe folgen.
Ich denke dabei an die wichtige Rolle der Hirten des Gottesvolkes. Ihnen
rufe ich die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils ins Gedächtnis:
«Als ersten muss es darum den Priestern sehr am Herzen liegen, durch
ihren Dienst am Wort und das Zeugnis ihres eigenen Lebens, das den Geist
des Dienens und die wahre österliche Freude offenbar macht, den Gläubigen
die Erhabenheit und Notwendigkeit des Priestertums vor Augen zu stellen.
... Dafür ist eine sorgfältige und kluge geistliche Führung
von grösstem Nutzen. ... Doch darf man von diesem Ruf des Herrn durchaus
nicht erwarten, dass er auf ausserordentliche Weise den zukünftigen
Priestern zu Ohren gelangt. Er ist vielmehr aus Zeichen zu ersehen und zu
beurteilen, durch die auch sonst der Wille Gottes einsichtigen Christen
im täglichen Leben kund wird; diese Zeichen müssen die Priester
aufmerksam beachten» («Presbyterorum ordinis», Nr. 11).
Ich denke weiterhin an die Männer und Frauen des geweihten Lebens,
die gerufen sind, dafür Zeugnis zu geben, dass unsere einzige Hoffnung
in Christus ist. Nur von ihm her ist es möglich, die Kraft zu beziehen,
sich im eigenen Leben so zu entscheiden, wie er sich entschieden hat. Nur
mit ihm ist es möglich, der tiefen Not der Menschheit nach Heil zu
begegnen. Möge Präsenz und Dienst der Ordensleute Herz und Sinn
der jungen Menschen auftun für die Horizonte gotterfüllter Hoffnung
und sie zur Demut und Selbstlosigkeit des Liebens und Dienens anleiten.
Die kirchliche und kulturelle Bedeutsamkeit ihres geweihten Lebens übertrage
sich immer besser in spezielle pastorale Angebote, die dazu dienlich sind,
die jungen Männer und Frauen vorzubereiten, den Ruf des Herrn zu vernehmen
sowie in der Freiheit des Geistes selbstlos und mutig zu antworten.
5. Ich wende mich nun an Euch, liebe christliche Eltern, um Euch zu ermuntern,
Eueren Kindern beizustehen. Lasst sie angesichts der grossen Entscheidungen
im Heranwachsen und Jugendalter nicht allein. Helft ihnen, sich nicht von
der mühseligen Suche nach Wohlstand überwältigen zu lassen
und führt sie zur authentischen Freude, der Freude im Geist. Lasst
in ihren Herzen, die so oft von Angst vor der Zukunft heimgesucht sind,
die befreiende Freude des Glaubens widerhallen. Erzieht sie, wie mein verehrter
Vorgänger, der Diener Gottes Paul VI. schrieb, «ganz schlicht
die vielfachen Anlässe für den Menschen zur Freude zu verkosten,
welche der Schöpfer schon auf unseren Weg gelegt hat: überschäumende
Freude über das Dasein und das Leben; Freude der lauteren und geheiligten
Liebe; Freude, die Frieden schenkt, über die Natur und die Stille;
manchmal herbe, aber echte Freude über gut geleistete Arbeit; Freude
und Genugtuung über die Erfüllung einer Pflicht; die lichte und
klare Freude des Reinen, des Dienenden und dessen, der brüderlich Anteil
nimmt; die anfordernde Freude des Opfers» («Gaudete in Domino»,
Nr. I).
Das Wirken der Familie soll unterstützt werden von dem der Katecheten,
Religionslehrer und kirchlichen Mitarbeiter, die in besonderer Weise aufgerufen
sind, in den jungen Menschen den Sinn für Berufung zu wecken. Ihre
Aufgabe ist es, die jungen Generationen anzuleiten, den Plan Gottes mit
ihnen zu entdecken, indem sie in ihnen die Bereitschaft wecken, das eigene
Leben, wenn Gott ruft, zu einem Geschenk für seine Sendung werden zu
lassen. Dies geschieht durch schrittweise Entscheidungen, die auf das volle
«Ja» vorbereiten, kraft dessen das ganze Leben in den Dienst
des Evangeliums gestellt wird. Liebe Katecheten, Lehrer und kirchlichen
Mitarbeiter, um dies zu erreichen, helft den Euch anvertrauten Kindern,
den Blick nach oben zu richten, um von der dauernden Versuchung zu Kompromissen
loszukommen. Erzieht sie zum Vertrauen auf den Gott, der ihr Vater ist und
die ausserordentliche Grösse seiner Liebe darin zeigt, dass er jedem
eine persönliche Aufgabe im Dienst der grossen Sendung anvertraut,
«das Angesicht der Erde zu erneuern».
6. In der Apostelgeschichte lesen wir von den ersten Christen: «Sie
hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen
des Brotes und an den Gebeten» (Apg 2,42). Jede brüderliche Begegnung
mit dem Wort Gottes ist ein Glücksmoment für die Berufung. Die
Beschäftigung mit der Heiligen Schrift hilft, den Stil und die Gesten
verstehen zu lernen, mit denen Gott erwählt, beruft, erzieht und an
seiner Liebe teilnehmen lässt.
Die Feier der Eucharistie und das Gebet lassen die Worte Jesu besser verstehen:
«Die Ernte ist gross, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also
den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden» (Mt
9,3738; vgl. Lk 10,2). Im Gebet um Berufungen lernen wir die Welt,
die Nöte des Lebens und die Sehnsucht jedes Menschen nach Heil von
der Weisheit des Evangeliums her betrachten. Dadurch erleben wir auch die
Liebe und das Mitleid Christi mit der Menschheit. In der Nachahmung des
Beispiels der Jungfrau haben wir die Gnade sagen zu können: «Ich
bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast» (Lk 1,38).
Ich lade alle ein, mit mir inständig den Herrn zu bitten, dass es nicht an Arbeitern für seine Ernte fehle:
Heiliger Vater, immerwährender Quell des Seins und der Liebe, der
du im lebendigen Menschen den Glanz deiner Herrlichkeit offenbarst und der
du in sein Herz den Keim deines Rufes legst: lass nicht zu, dass irgendjemand
durch unsere Nachlässigkeit dieses Geschenk nicht wahrnimmt oder wieder
verliert, sondern dass alle voller Selbstlosigkeit den Weg gehen können,
auf dem deine Liebe Wirklichkeit wird.
Herr Jesus, der du auf deiner Pilgerschaft auf den Strassen Palästinas
die Apostel erwählt und berufen hast, du hast ihnen die Aufgabe anvertraut,
das Evangelium zu verkünden, den Gläubigen gute Hirten zu sein
und den Gottesdienst zu feiern: lass es in deiner Kirche auch heute nicht
an zahlreichen heiligen Priestern fehlen, die allen die Erlösungsgaben
deines Todes und deiner Auferstehung bringen.
Heiliger Geist, der du die Kirche durch die ständige Ausgiessung deiner
Gaben heiligst: schenke den Herzen der zum Ordensleben Berufenen eine feste
und innige Leidenschaft für dein Reich, damit sie ihr Leben mit einem
selbstlosen und unbedingten Ja in den Dienst des Evangeliums stellen.
Heiligste Jungfrau, die du dich selbst ohne Zögern dem Allmächtigen
für die Verwirklichung seines Heilsplans zur Verfügung gestellt
hast: lass die Herzen der jungen Menschen Vertrauen fassen, damit es immer
eifrige Hirten gebe, die das christliche Volk auf dem Weg des Lebens führen,
und gottgeweihte Seelen, die in Keuschheit, Armut und Gehorsam Zeugnis geben
für die befreiende Gegenwart deines auferstandenen Sohnes. Amen.