15-16/2001 | |
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Das Dokument |
1. An dem Tag, da der Herr Jesus der Kirche die Eucharistie geschenkt
und mit ihr unser Priestertum eingesetzt hat, kann ich nicht umhin, an euch
wie es nun schon Tradition ist ein freundschaftliches, ja ich
möchte sagen, vertrauliches Wort zu richten und damit den Wunsch zu
verbinden, Dank und Lob mit euch zu teilen.
Lauda Sion, Salvatorem, lauda ducem et pastorem, in hymnis et canticis!
Wahrlich gross ist das Geheimnis, dessen Diener wir geworden sind: Geheimnis
einer grenzenlosen Liebe, denn «da er die Seinen, die in der Welt
waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung» (Joh
13,1); Geheimnis der Einheit, die sich aus den Quellen des trinitarischen
Lebens auf uns ergiesst, um uns «eins» zu machen in der Gabe
des Geistes (vgl. Joh 17); Geheimnis der göttlichen diakonia, die das
fleischgewordene Wort seinem Geschöpf die Füsse waschen lässt
und damit im Dienst den hohen Weg jeder echten Beziehung der Menschen untereinander
aufzeigt: «Wie ich gehandelt habe, so sollt auch ihr handeln...»
(vgl. Joh 13,15). Wir sind in besonderer Weise Zeugen und Diener dieses
grossen Geheimnisses geworden.
2. Dieser Gründonnerstag ist der erste nach dem Grossen Jubiläum.
Die Erfahrung, die wir zweitausend Jahre nach der Geburt Jesu mit unseren
Gemeinden bei der Feier der Barmherzigkeit gemacht haben, wird nun zum Ansporn,
den Weg weiterzugehen. Duc in altum! Der Herr fordert uns auf, seinem Wort
zu trauen und wieder auf den See hinauszufahren. Beherzigen wir die Erfahrung
des Jubiläumsjahres und setzen wir das engagierte Zeugnis für
das Evangelium mit der Begeisterung fort, die in uns die Betrachtung des
Antlitzes Christi weckt!
Denn wie ich in dem Apostolischen Schreiben «Novo millennio ineunte»
unterstrichen habe, müssen wir wieder von ihm ausgehen, um uns in ihm
mit dem Seufzen des Geistes, «das wir nicht in Worte fassen können»
(Röm 8,26), der Umarmung des Vaters zu öffnen: «Abba, Vater!»
(Gal 4,6). Wir müssen wieder von ihm ausgehen, um die Quelle und tiefe
Logik unserer Brüderlichkeit neu zu entdecken: «Wie ich euch
geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben» (Joh 13,34).
3. Ich möchte heute jedem von euch danken für alles, was ihr
während des Jubiläumsjahres getan habt, damit das Volk, das eurer
Sorge anvertraut ist, möglichst tief in die Heilsgegenwart des auferstandenen
Herrn eindringe. Ich denke in diesem Augenblick auch an die Arbeit, die
ihr tagtäglich leistet: eine oft verborgene Arbeit, die zwar keine
Schlagzeilen macht, aber das Reich Gottes in die Gewissen der Menschen eindringen
lässt. Ich spreche euch meine Bewunderung aus für diesen unaufdringlichen,
beharrlichen, kreativen Dienst, wenn er auch manchmal durchtränkt ist
von jenen Tränen der Seele, die nur Gott sieht und «in seinem
Krug sammelt» (vgl. Ps 56,9). Er ist ein Dienst, der umso mehr Achtung
verdient, je stärker er den Widerstand einer weithin säkularisierten
Umgebung zu spüren bekommt, die das Wirken des Priesters der Anfechtung
von Erschöpfung und Entmutigung aussetzt. Ihr wisst es wohl: In den
Augen Gottes ist dieser tägliche Einsatz wertvoll.
Gleichzeitig möchte ich mich zur Stimme Christi machen, der uns aufruft,
unsere Beziehung zu ihm immer mehr zu stärken. «Ich stehe vor
der Tür und klopfe an» (Offb 3,20). Als Verkündiger Christi
sind wir vor allem eingeladen, in enger Vertrautheit mit ihm zu leben: Man
kann den anderen nicht geben, was wir selber nicht haben! Es gibt einen
Durst nach Christus, der sich trotz vieler gegenteiliger Erscheinungen auch
in unserer modernen Gesellschaft zeigt, der unter den Widersprüchen
neuer Spiritualitätsformen zum Vorschein kommt, der sogar dann sichtbar
wird, wenn bei den grossen ethischen Kernfragen das Zeugnis der Kirche zum
Zeichen des Widerspruchs wird. Dieser mehr oder weniger bewusste
Durst nach Christus lässt sich nicht mit leeren Worten stillen. Nur
echte Zeugen können das rettende Wort glaubwürdig ausstrahlen.
4. Im Apostolischen Schreiben «Novo millennio ineunte» habe
ich gesagt, dass das wahre Erbe des Grossen Jubiläums die Erfahrung
einer intensiveren Begegnung mit Jesus Christus ist. Unter den vielen Sichtweisen
dieser Begegnung möchte ich heute für diese Überlegung die
sakramentale Versöhnung auswählen: Das ist übrigens ein Aspekt,
der auch deshalb im Mittelpunkt des Jubiläumsjahres stand, weil er
eng mit dem Geschenk des Ablasses zusammenhängt.
Ich bin sicher, dass auch ihr in den Ortskirchen damit Erfahrungen gemacht
habt. Hier in Rom war der bemerkenswerte Zustrom von Menschen zum Sakrament
der Barmherzigkeit gewiss eines der auffälligsten Phänomene des
Jubiläums. Auch Laien, die es beobachtet haben, waren davon beeindruckt.
Die Beichtstühle in Sankt Peter ebenso wie in den anderen Basiliken
wurden geradezu «bestürmt» von den Pilgern, die sich oft
in langen Schlangen anstellen und geduldig warten mussten, bis sie an der
Reihe waren. Besonders bezeichnend war das Interesse, das die Jugendlichen
in der wunderbaren Woche ihres Jubiläums für dieses Sakrament
zeigten.
5. Ihr wisst nur zu gut, dass dieses Sakrament in den vergangenen Jahrzehnten
aus verschiedenen Gründen eine gewisse Krise zu verzeichnen hatte.
Um ihr zu begegnen, wurde im Jahr 1984 eine Bischofssynode abgehalten, deren
Schlussfolgerungen in das Nachsynodale Apostolische Schreiben «Reconciliatio
et paenitentia» eingeflossen sind.
Es wäre naiv zu glauben, dass allein der verstärkte Empfang des
Sakramentes der Vergebung im Jubiläumsjahr der Beweis für eine
nunmehr eingetretene Tendenzwende sei. Dennoch handelte es sich um ein ermutigendes
Signal. Es drängt uns zu der Erkenntnis, dass man die tiefgründigen
Bedürfnisse des menschlichen Geistes, auf die Gottes Heilsplan Antwort
gibt, von vorübergehenden Krisen nicht auslöschen kann. Dieses
Zeichen des Jubiläums muss man als eine Weisung von oben aufgreifen
und zum Anlass machen, mit neuem Mut den Sinn und die Praxis dieses Sakraments
wieder vorzustellen.
6. Aber ich will nicht so sehr bei der pastoralen Problematik verweilen.
Der Gründonnerstag als eigentlicher Tag unserer Berufung ruft uns dazu
auf, vor allem über unser «Sein» und insbesondere über
unseren Weg der Heiligkeit nachzudenken. Daraus entspringt dann auch der
apostolische Eifer.
Wenn wir also auf Christus beim Letzten Abendmahl blicken, der sich zum
«gebrochenen Brot» für uns machte und sich in demütigem
Dienst zu den Füssen der Apostel niederbeugte, müssen wir da nicht
angesichts der Grösse der empfangenen Gabe dasselbe Gefühl von
Unwürdigkeit empfinden wie Petrus? «Niemals sollst du mir die
Füsse waschen!» (Joh 13,8). Petrus hatte unrecht, die Geste Christi
zurückzuweisen. Aber er hatte recht, sich ihrer unwürdig zu fühlen.
An diesem Tag, dem Tag der Liebe schlechthin, kommt es darauf an, dass wir
die Gnade des Priestertums als ein Übermass an Barmherzigkeit empfinden.
Barmherzigkeit ist das absolute Ungeschuldetsein, mit dem Gott uns erwählt
hat: «Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt»
(Joh 15,16).
Barmherzigkeit ist das Entgegenkommen, mit dem er uns beruft, an seiner
Stelle zu handeln, obwohl er weiss, dass wir Sünder sind.
Barmherzigkeit ist die Vergebung, die er uns niemals verweigert, so wie
er sie Petrus nach der Verleugnung nicht verwehrt hat. Auch für uns
gilt die Beteuerung, wonach «im Himmel mehr Freude herrschen wird
über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig
Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren» (Lk 15,7).
7. Entdecken wir also wieder unsere Berufung als «Geheimnis der
Barmherzigkeit». Im Evangelium stossen wir darauf, dass Petrus gerade
mit dieser geistlichen Haltung sein besonderes Amt empfängt. Seine
Geschichte ist Vorbild für alle, die in den verschiedenen Graden des
Weihesakramentes den apostolischen Auftrag empfangen haben.
Unsere Gedanken kehren zurück zum wunderbaren Fischfang, wie er im
Lukasevangelium (5,111) beschrieben ist. Jesus verlangt von Petrus
einen Akt des Vertrauens in sein Wort, als er ihn auffordert, zum Fischfang
auf den See hinauszufahren. Eine menschlich befremdliche Forderung: Wie
soll er ihm glauben, nachdem er eine schlaflose Nacht voller Mühen,
aber letztlich ergebnislos damit verbracht hat, die Netze auszuwerfen? Aber
der nochmalige Versuch «auf Jesu Wort hin» ändert alles.
Die Fische gehen in solchen Mengen in die Netze, dass diese zu zerreissen
drohen. Das Wort enthüllt seine Macht. Darüber erhebt sich Staunen,
aber zugleich auch Furcht und Schrecken, wie wenn man plötzlich von
einem intensiven Lichtstrahl getroffen würde, der alle eigenen Grenzen
freilegt. Petrus ruft aus: «Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder»
(Lk 5,8). Aber kaum hat er sein Bekenntnis zu Ende gesprochen, da wird die
Barmherzigkeit des Meisters für ihn zum Anfang eines neuen Lebens:
«Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen»
(Lk 5,10). Der «Fischer» wird zum Diener der Barmherzigkeit.
Der einst Fische fing, wird nun zum «Menschenfischer»!
8. Das ist ein grosses Geheimnis, liebe Priester: Christus hatte keine Angst, seine Diener unter den Sündern auszuwählen. Ist das nicht unsere Erfahrung? Wieder trifft es Petrus, dem dies in dem ergreifenden Gespräch mit Jesus nach der Auferstehung noch lebendiger bewusst wird. Bevor ihm der Meister das Hirtenamt überträgt, stellt er ihm die peinliche Frage: «Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?» (Joh 21,15). Der Angesprochene ist derjenige, der ihn einige Tage zuvor dreimal verleugnet hat. Man versteht gut den demütigen Ton seiner Antwort: «Herr, du weisst alles; du weisst, dass ich dich liebhabe» (ebd., Vers 17). Auf Grund dieser Liebe in Erfahrung der eigenen Schwäche, einer ebenso bange wie vertrauensvoll eingestandenen Liebe, erhält Petrus das Amt: «Weide meine Lämmer», «Weide meine Schafe» (ebd., Verse 15.16.17). Auf Grund dieser Liebe, noch gestärkt vom Feuer an Pfingsten, wird Petrus das empfangene Amt erfüllen können.
9. Und entsteht nicht auch die Berufung des Paulus in einer Erfahrung der Barmherzigkeit? Keiner hat wie er die Ungeschuldetheit der Wahl Christi empfunden. Seine Vergangenheit als verbissener Verfolger der Kirche wird ihm immer auf der Seele brennen: «Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe» (1 Kor 15,9). Und dennoch wird diese Erinnerung keineswegs seine Begeisterung schwächen, sondern ihn immer wieder beflügeln. Je mehr er von der Barmherzigkeit umfangen wurde, desto mehr fühlt er das Bedürfnis, sie zu bezeugen und auszustrahlen. Die «Stimme», die ihn auf dem Weg nach Damaskus erreicht, führt ihn zum Herzen des Evangeliums und lässt ihn dieses als barmherzige Liebe des Vaters entdecken, der in Christus die Welt mit sich versöhnt. Auf dieser Grundlage wird Paulus auch den apostolischen Dienst als Dienst der Versöhnung verstehen: «Aber das alles kommt von Gott, der in Christus die Welt mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute» (2 Kor 5,1819).
10. Die Zeugnisse von Petrus und Paulus, liebe Priester, enthalten für
uns wertvolle Hinweise. Sie fordern uns auf, mit einem Gefühl unendlicher
Dankbarkeit das Geschenk des Dienstamtes zu leben: Wir haben nichts verdient,
alles ist Gnade! Zugleich veranlasst uns die Erfahrung der beiden Apostel,
uns der Barmherzigkeit Gottes zu überlassen, um in ehrlicher Reue unsere
Schwächen bei ihm abzuladen und mit seiner Gnade unseren Weg der Heiligkeit
wieder aufzunehmen. In «Novo millennio ineunte» habe ich auf
das Bemühen um Heiligkeit als den Hauptpunkt einer klugen pastoralen
«Planung» hingewiesen. Es ist die grundlegende Verpflichtung
aller Gläubigen; um wieviel mehr muss es das also für uns sein
(vgl. Nrn. 3031)!
Zu diesem Zweck ist es wichtig, dass wir das Sakrament der Versöhnung
als grundlegendes Mittel unserer Heiligung wieder entdecken. An einen priesterlichen
Mitbruder herantreten, um ihn um jene Absolution zu bitten, die wir selbst
so oft unseren Gläubigen erteilen, das lässt uns die grosse und
tröstliche Wahrheit erleben, dass wir, noch ehe wir Amtsträger
sind, Glieder eines einzigen Volkes sind, eines Volkes von «Erlösten».
Was Augustinus von seiner bischöflichen Aufgabe sagte, gilt auch für
den priesterlichen Dienst: «Auch wenn es mich erschreckt, für
euch da zu sein, so tröstet es mich, mit euch zu sein. Für euch
bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ ... Jener ist der Name für
eine Gefahr, dieser für die Rettung» (Sermones, 340,1). Es ist
schön, unsere Sünden bekennen zu können und wie Balsam das
Wort zu vernehmen, das uns mit Barmherzigkeit überströmt und auf
den Weg zurückbringt. Nur wer die Zärtlichkeit der Umarmung des
Vaters gespürt hat, wie sie das Evangelium im Gleichnis vom verlorenen
Sohn beschreibt «er fiel ihm um den Hals und küsste ihn»
(Lk 15,20) , vermag dieselbe Herzlichkeit an die anderen weiterzugeben,
wenn er vom Empfänger der Vergebung zu ihrem Ausspender wird.
11. So lasst uns an diesem heiligen Tag Christus bitten, dass er uns
helfe, die Schönheit dieses Sakramentes für uns selbst in Fülle
neu zu entdecken. War es nicht Jesus selbst, der Petrus bei dieser Entdeckung
half? «Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir»
(Joh 13,8). Sicher, Jesus bezog sich hier nicht direkt auf das Sakrament
der Versöhnung, aber er zielte es gleichsam an, indem er auf jenen
Reinigungsprozess anspielte, den sein Erlösungstod und der sakramentale
Heilsplan, der auf die einzelnen angewandt wird, einleiten sollte.
Greifen wir, liebe Priester, regelmässig zu diesem Sakrament, damit
der Herr ständig unser Herz reinigen kann, indem er uns würdiger
macht für die Geheimnisse, die wir feiern. Da wir berufen sind, das
Antlitz des Guten Hirten zu verkörpern und somit das Herz Christi selbst
zu haben, müssen wir uns mehr als andere die inständige Anrufung
des Psalmisten zu eigen machen: «Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist!» (Ps 51,12). Das
für jedes christliche Dasein unverzichtbare Sakrament der Versöhnung
erweist sich auch als Hilfe, Orientierung und Medizin des priesterlichen
Lebens.
12. So ist es für den Priester, der die freudige Erfahrung der sakramentalen
Versöhnung in Fülle macht, ganz selbstverständlich, an die
Brüder die Worte des Paulus zu wiederholen: «Wir sind also Gesandte
an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi
Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!» (2 Kor 5,20).
Die Krise des Sakraments der Versöhnung, auf die ich zuvor hingewiesen
habe, hängt von mannigfachen Faktoren ab: angefangen vom Schwinden
des Sündenbewusstseins bis hin zu der geringen Wahrnehmung des sakramentalen
Heilsplanes, mit dem Gott uns rettet; doch wir müssen vielleicht zugeben,
dass sich manchmal auch ein gewisses Nachlassen unserer Begeisterung oder
unserer Verfügbarkeit bei der Ausübung dieses anspruchsvollen
und schwierigen Dienstes zum Schaden des Sakraments ausgewirkt haben mag.
Es gilt hingegen mehr denn je, das Sakrament dem Volk Gottes neu zu erschliessen.
Man muss mit Festigkeit und Überzeugung aufzeigen, dass das Busssakrament
der normale Weg ist, um die Vergebung und den Erlass der nach der Taufe
begangenen schweren Sünden zu erlangen. Das Sakrament muss auf die
bestmögliche Weise, in den liturgisch vorgesehenen Formen, vollzogen
werden, damit es seine volle Gestalt als Feier der göttlichen Barmherzigkeit
bewahre.
13. Das Vertrauen auf die Möglichkeit, dass dieses Sakrament wieder
neu geschätzt und praktiziert wird, können wir auf Grund der Tatsache
zurückgewinnen, dass sich obgleich unter vielen Widersprüchen
in vielen Bereichen der Gesellschaft nicht nur ein neues Bedürfnis
nach Spiritualität abzeichnet, sondern auch das lebhafte Verlangen
nach zwischenmenschlicher Begegnung, das sich bei vielen Menschen als Reaktion
auf eine anonyme Massengesellschaft durchsetzt, die den Einzelnen häufig
zu innerer Isolation verurteilt auch dann, wenn sie ihn in einen Strudel
funktionaler Beziehungen hineinzieht. Sicher darf die sakramentale Beichte
nicht mit einer praktischen menschlichen Hilfe oder einer psychologischen
Therapie verwechselt werden. Man soll jedoch den Umstand nicht unterschätzen,
dass das Sakrament der Versöhnung, wenn es recht gelebt wird, mit Sicherheit
eine «humanisierende» Rolle spielt, die sich gut mit seinem
vorrangigen Wert der Versöhnung mit Gott und mit der Kirche verbindet.
Wichtig ist, dass auch in dieser Situation der Diener der Versöhnung
seine Aufgabe gut erfüllt. Seine Fähigkeit zur Annahme, zum Zuhören,
zum Dialog und seine stetige Verfügbarkeit sind wesentliche Elemente,
damit der Dienst der Versöhnung in seinem ganzen Wert deutlich werden
kann. Die getreue und rückhaltlose Verkündigung der radikalen
Ansprüche des Wortes Gottes muss den Umgang Jesu mit den Sündern
nachahmen und immer mit grossem Verständnis und Taktgefühl einhergehen.
14. Sodann gilt es, der liturgischen Gestaltung des Sakramentes die notwendige
Bedeutung zu geben. Das Sakrament steht in der Logik der Communio, die das
Wesen der Kirche kennzeichnet. Man begreift die Sünde nicht bis zum
Letzten, wenn man sie nur als «Privatangelegenheit» versteht
und vergisst, dass sie unvermeidlich die ganze Gemeinschaft berührt
und den Stand ihrer Heiligkeit sinken lässt. Umso mehr ist das Angebot
der Vergebung Ausdruck eines Geheimnisses übernatürlicher Solidarität,
deren sakramentale Logik auf der tiefen Einheit beruht, die zwischen Christus,
dem Haupt, und seinen Gliedern besteht.
Die Wiederentdeckung dieses «gemeinschaftlichen» Aspekts des
Sakramentes auch durch Bussgottesdienste mit der Gemeinde, die mit der persönlichen
Beichte und der Einzelabsolution schliessen, ist von grosser Bedeutung,
weil sie den Gläubigen ermöglicht, die doppelte Dimension der
Versöhnung besser wahrzunehmen, und sie stärker verpflichtet,
ihren Weg der Busse in seiner ganzen erneuernden Fülle zu leben.
15. Da ist noch das Grundproblem einer Katechese über das moralische
Bewusstsein und über die Sünde, die die Forderungen des Evangeliums
in ihrer Radikalität klarer bewusst machen soll. Es gibt leider eine
Tendenz zur Minimalisierung, die das Sakrament daran hindert, alle erstrebenswerten
Früchte zu erbringen. Für viele Gläubige wird die Wahrnehmung
der Sünde nicht am Evangelium gemessen, sondern an den «Gemeinplätzen»,
an der soziologischen «Normalität», die zu der Meinung
verleitet, nicht besonders verantwortlich zu sein für Dinge, die «alle
tun», umso mehr, wenn sie staatlicherseits legalisiert sind.
Die Evangelisierung des dritten Jahrtausends muss der Dringlichkeit einer
lebendigen, vollständigen und anspruchsvollen Darbietung der Botschaft
des Evangeliums Rechnung tragen. Das Christentum, das es zu bewahren gilt,
kann sich nicht auf ein mittelmässiges Bemühen um Rechtschaffenheit
nach soziologischen Kriterien beschränken, sondern muss ein echtes
Streben nach Heiligkeit sein. Wir müssen mit neuer Begeisterung das
V. Kapitel aus «Lumen gentium» wieder lesen, das von der universalen
Berufung zur Heiligkeit handelt. Christsein heisst, ein «Geschenk»
heiligmachender Gnade empfangen, das seine Umsetzung im «Bemühen»
um persönliche Entsprechung im täglichen Leben erfahren muss.
Nicht von ungefähr habe ich in diesen Jahren versucht, auf breitester
Ebene die Anerkennung der Heiligkeit in allen Bereichen, in denen sie zu
Tage tritt, zu fördern, damit allen Christen vielfältige Modelle
der Heiligkeit angeboten werden können und sich alle daran erinnern,
persönlich zu jenem Ziel berufen zu sein.
16. Schreiten wir, liebe Brüder im Priesteramt, in der Freude unseres
Dienstes voran im Wissen darum, dass wir den an unserer Seite haben, der
uns gerufen hat und der uns nicht verlässt. Die Gewissheit seiner Gegenwart
stütze und tröste uns.
Am Gründonnerstag spüren wir noch lebendiger seine Gegenwart,
da wir uns in die ergreifende Betrachtung der Stunde versetzen, in der Jesus
im Abendmahlssaal sich uns im Zeichen von Brot und Wein hingibt und damit
das Kreuzesopfer sakramental vorwegnimmt. Im vergangenen Jahr habe ich euch
anlässlich meines Besuches im Heiligen Land aus dem Abendmahlssaal
geschrieben. Wie könnte ich jenen ergreifenden Augenblick vergessen?
Ich lasse ihn heute wieder lebendig werden, nicht ohne Traurigkeit wegen
der Leiden, in denen sich das Land Christi nach wie vor befindet.
Unsere geistliche Begegnung zum Gründonnerstag findet noch immer dort
statt im Abendmahlssaal, während wir vereint um die Bischöfe
in den Kathedralen der ganzen Welt das Mysterium vom Leib und Blut Christi
leben und uns voll Dankbarkeit der Ursprünge unseres Priestertums erinnern.
In der Freude über das unermessliche Geschenk, das wir alle gemeinsam
empfangen haben, umarme ich euch und segne euch.
Aus dem Vatikan, am 25. März, dem vierten Fastensonntag des Jahres
2001, im 23. Jahr meines Pontifikates.