9/2001 | |
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1. «Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf» (Mk 10,33).
Mit diesen Worten bittet der Herr die Jünger, mit ihm den Weg zu gehen,
der von Galiläa bis an den Ort der Vollendung seiner Sendung führt.
Dieser Gang nach Jerusalem, den die Evangelisten als den Gipfel des irdischen
Weges Jesu darstellen, ist das Lebensmodell des Christen, der seinem Meister
auf dem Weg des Kreuzes nachfolgt. Auch an die Männer und Frauen von
heute richtet Christus die Einladung, «nach Jerusalem zu gehen».
Mit besonderem Nachdruck ergeht sein Wunsch in der Fastenzeit, einer Zeit
der Gnade für die Umkehr und die Rückkehr zur vollen Gemeinschaft
mit Christus durch die innige Teilnahme am Geheimnis seines Todes und seiner
Auferstehung.
Die Vorbereitung auf Ostern wird so für die Gläubigen zur geistlichen
Gelegenheit tiefer Lebenserneuerung. In der gegenwärtigen Welt gibt
es neben den grossmütigen Zeugen des Evangeliums andere Getaufte, die
den anspruchsvollen Ruf, «nach Jerusalem zu gehen», mit taubem
Widerstand und manchmal mit offener Auflehnung beantworten. Es gibt Situationen,
in denen das Gebet oberflächlich bleibt, so dass Gottes Wort nicht
anrührt. Das Busssakrament erscheint bedeutungslos und die sonntägliche
Eucharistiefeier als lästige Pflicht.
Wie können wir der Einladung, die Jesus auch in dieser österlichen
Busszeit an uns richtet, folgen? Wie können wir eine ernsthafte Wandlung
des Lebens vollziehen? Vor allem bedarf es eines offenen Herzens für
die bewegende Botschaft der Liturgie. Die Zeit des vierzigtägigen Fastens
ist ein Geschenk des gütigen Herrn und eine kostbare Möglichkeit,
ihm durch Einkehr und Hinhören auf seine Eingebungen nahe zu kommen.
2. Es gibt Christen, die auf eine Periode ständiger geistlicher Anstrengung glauben verzichten zu können, da sie die dringliche Auseinandersetzung mit der Wahrheit des Evangeliums nicht spüren. Sie wollen im eigenen Lebensstil nicht gestört werden und sind deshalb versucht, Worte, wie: «Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen» (Lk 6,27), zu entschärfen und auszuhöhlen. Für sie sind solche Imperative schwer anzunehmen und in das Leben umzusetzen; werden sie ernst genommen, so erfordern sie ja eine radikale Umkehr. Indessen sind manche bei Beleidigungen oder Verletzungen versucht, den psychologischen Mechanismen des Selbstmitleids und dem Vergeltungsdrang nachzugeben und die Einladung Jesu zur Feindesliebe zu ignorieren. Doch zeigt der Alltag fortwährend, dass Vergebung und Versöhnung für eine wirkliche persönliche und soziale Erneuerung unerlässlich sind. Dies gilt für die interpersonalen Beziehungen wie für die zwischen Gemeinschaften und Nationen.
3. Die vielen und tragischen Konflikte, die auf der Menschheit
lasten und manchmal auch aus falsch verstandenen religiösen Motiven
entspringen, haben tiefe Furchen des Hasses und der Gewalt zwischen den
Völkern hinterlassen. Manchmal trennen sie auch Gruppen und Seilschaften
einer und derselben Nation. Mit dem schmerzhaften Gefühl der Ohnmacht
steht man nicht selten vor dem Wiederaufleben längst überwunden
geglaubter Kämpfe, und man hat den Eindruck, dass sich gelegentlich
Völker in einer permanenten Spirale der Gewalt drehen, die Opfer über
Opfer kostet ohne eine konkrete Aussicht auf ein Ende. Und die sehnsuchtsvollen
Rufe nach Frieden, die überall laut werden, bleiben unerfüllt:
Der notwendige Entwurf für das ersehnte Einvernehmen scheiterte.
Angesichts dieser beunruhigenden Lage können die Christen nicht gleichgültig
bleiben. So habe ich denn im vor kurzem zu Ende gegangenen Jubiläum
die Vergebungsbitte der Kirche für ihre Söhne und Töchter
an Gott gerichtet. Wir sind uns wohl bewusst, dass die Verfehlungen der
Christen deren makelloses Antlitz leider verdunkelt haben. Doch im Vertrauen
auf die barmherzige Liebe Gottes, der bei Reue das Böse nicht anrechnet,
dürfen wir vertrauensvoll unseren Weg fortsetzen. Die Liebe Gottes
kommt zur Fülle, wenn der undankbare sündige Mensch in Gottes
volle Gemeinschaft wieder aufgenommen wird. In dieser Hinsicht beinhaltet
die «Reinigung des Gewissens» vor allem das Bekenntnis zum göttlichen
Erbarmen, das die Kirche auf ihren verschiedenen Ebenen je neu sich anzueignen
gerufen ist.
4. Der einzige Weg zum Frieden ist die Vergebung. Vergebung zu
gewähren und zu erlangen, ermöglicht eine neue Qualität der
Beziehungen zwischen den Menschen. Sie durchbricht die Spirale von Hass
und Rache sowie die Ketten des Bösen, welche die Herzen der Betroffenen
fesseln. Für die Nationen auf der Suche nach Versöhnung und für
alle, die ein friedliches Zusammenleben zwischen den Individuen und den
Völkern ersehnen, gibt es nur den Weg der gewährten und erlangten
Verzeihung. Welch reiche, heilbringende Lehre enthalten die Worte des Herrn:
«Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit
ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne
aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über
Gerechte und Ungerechte» (Mt 5,4445)! Die Liebe zu dem, der uns
beleidigt hat, entwaffnet den Gegner und vermag auch ein Kampffeld in einen
Ort solidarischer Zusammenarbeit umzuwandeln.
Die zitierte Herausforderung des Herrn meint die einzelnen Personen, die
Gemeinschaften, die Völker und die ganze Menschheit. Sie richtet sich
in besonderer Weise an die Familien. Nicht leicht ist es, zu Vergebung und
Versöhnung umzukehren. Sich zu versöhnen scheint bereits schwierig,
wenn am Ursprung die eigene Schuld steht. Wenn die Schuld beim anderen liegt,
kann die Versöhnung sogar als törichte Verdemütigung angesehen
werden. Nur der Weg innerer Erneuerung gibt die Kraft, einen solchen Schritt
zu wagen; es bedarf des demütigen Gehorsams gegenüber dem Gebot
Christi. Sein Wort lässt keinen Zweifel zu: Nicht nur wer die Feindschaft
verursacht, sondern auch wer sie erleidet, soll die Versöhnung suchen
(vgl. Mt 5,2324). Der Christ muss dem Frieden nachjagen, auch mit dem,
der ihn zu Unrecht gekränkt und geschlagen hat. Der Herr selbst hat
so gehandelt. Er erwartet, dass der Jünger ihm nachfolgt und so an
der Erlösung des Bruders und der Schwester mitwirkt.
In unserer Zeit erweist sich die Vergebung immer mehr als notwendige Dimension
für eine wirkliche soziale Erneuerung und für die Festigung des
Friedens in der Welt. Die Kirche verkündigt Vergebung und Feindesliebe.
Innerhalb des geistlichen Erbes der Menschheit stiftet sie bewusst eine
neue Weise der Beziehungen mit anderen ein sehr schwieriges, aber
von Hoffnung erfülltes Unterfangen. Sie vertraut dabei auf die Hilfe
des Herrn, der den nie verlässt, der zu ihm in Bedrängnis seine
Zuflucht nimmt.
5. «Die Liebe trägt das Böse nicht nach»
(1 Kor 13,5). Mit dieser Aussage aus dem ersten Korintherbrief erinnert
der Hl. Paulus an die Vergebung als eine der vornehmsten Formen der Liebe.
Die Fastenzeit ist besonders geeignet, den Rang dieser Wahrheit zu künden.
Durch das Sakrament der Versöhnung schenkt uns der Vater in Christus
seine Vergebung, und diese drängt uns, eine Liebe zu leben, die andere
nicht als Feinde, sondern als Geschwister betrachtet.
Möge diese Zeit der Busse und der Versöhnung die Gläubigen
ermutigen, offen für alle Dimensionen des Menschseins in echter Liebe
zu denken und zu handeln. Diese innere Haltung lässt sie die Früchte
des Geistes (vgl. Gal 2,22) tragen.
Sie lässt auch mit neuem Herzen den Bedürftigen materiell helfen.
Ein mit Gott und dem Nächsten versöhntes Herz ist freigiebig.
Der Beitrag zur Fastenkollekte beschränkt sich demnach nicht darauf,
etwas vom Überfluss zu geben und das eigene Gewissen zu beruhigen,
sondern sich in solidarischer Sorge der Not der Welt anzunehmen. Der Anblick
von Schmerzen und Leiden so vieler Menschen drängt dazu, wenigstens
einen Teil der eigenen Güter mit denen zu teilen, die in Not sind.
Und das Fastenopfer ist noch wertvoller, wenn der Geber befreit ist von
Groll oder von Gefühllosigkeit, die die Gemeinschaft mit Gott und den
Nächsten behindern und die Zwiespalt säen. Die Welt erwartet von
den Christen ein authentisches Zeugnis der Gemeinschaft und der Solidarität.
In dieser Hinsicht sind die Worte des Hl. Apostels Johannes erhellend: «Wenn
jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschliesst, den
er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben?» (1 Joh
3,17)
Brüder und Schwestern! Der griechische Prediger Johannes Chrysostomus
vermerkt bei der Erklärung von Jesu Weg nach Jerusalem, dass Christus
die Jünger nicht im Ungewissen lässt über die Kämpfe
und Opfer, die sie erwarteten. Er hebt die Schwierigkeiten hervor, das eigene
«Ich» hintanzusetzen. Möglich sei es dem, der auf die Hilfe
Gottes zähle, die uns «durch die Gemeinschaft mit der Person
Christi» (PG 58, 619s) gewährt wird.
So möchten, das ist meine Bitte, Sie alle in dieser Fastenzeit den
Herrn in einem vertrauensvollen Gebet suchen, auf dass er jedem einzelnen
die Erfahrung seines Erbarmens schenke. Diese Gabe seiner Nähe hilft
uns, die Liebe Christi anzunehmen und diese auf immer freudigere und grosszügigere
Weise zu leben: «Sie lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt
das Böse nicht nach: Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern
freut sich an der Wahrheit» (1 Kor 13,56).
Für den Weg der Fastenzeit erflehe ich der Gemeinschaft aller Gläubigen
den Schutz der Mutter der Barmherzigkeit und erteile von Herzen den Apostolischen
Segen.