45/2001 | |
INHALT | |
Neue Bücher |
Einer der besten Wege, dem abstumpfenden Jargon kirchlicher Binnensprache,
dem routinier-ten Repetieren überkommener Theologumena zu entkommen,
Glauben wieder neu mit Weltlichkeit zu vermitteln, ist die Auseinandersetzung
mit der Spracharbeit der Dichter. Dies umso mehr, wenn die scheinbar so
vertrauten, oft zur Floskelhaftigkeit abgeschliffenen und verharmlosten
Texte der Bibel durch Schriftsteller eine zeitgenössische Neuvergegenwärtigung
erfahren. Wenn deren aktualisierende Fort- und Weiterschreibung der Bibel
statt bloss ausmalender Bebilderung des ohnehin schon Bekannten einen wirklich
neuen Zugang zum Buch der Bücher eröffnet. Anschaulich wird dies
in dem jüngst erschienenen Werkbuch mit «Gedichten zur Bibel»
für Schule und Gemeinde des Religionspädagogen Georg Langenhorst<1>. Aus der deutschsprachigen Literatur
des 20. Jahrhunderts bietet es eine originelle, auch bislang eher unbekannt
gebliebene literarische Zeugnisse enthaltende Textauswahl von je zwei Gedichten
zu über dreissig biblisch-religiösen Figuren und Themen des Alten
und Neuen Testaments von Adam und Eva über Abraham, Mose und Mirjam,
Rut, David und Jona, Hiob und Kohelet bis hin zur Gestalt Jesu von Nazaret,
den Deutungen seiner Herkunft, Passion und Auferweckung. Die überaus
gelungene Mischung von methodisch-didaktischer Reflexion, kurz gefassten
Autoreninformationen und Textinterpretationen sowie vielfältigen Anregungen
zum praktischen Einsatz in Religionsunterricht und Erwachsenenbildung macht
es zu einem vorzüglichen Praxisbuch, das aus der Fülle thematisch
vergleichbarer Textanthologien deutlich herausragt.
Ein neuer Auswahlband von Gedichten Rudolf Otto Wiemers (19051997)
führt eindringlich vor Augen, wie sehr diesem bekannten Autor christlich-religiöser
Lyrik mit seinem unnachgiebigen Fragemut von grübelnder Frische stets
an einem ungeschminkten Reden mit Gott gelegen war. Neben bislang noch unveröffentlichten
Texten aus dem Nachlass zeigen dies vor allem Wiemers hier neu zugänglich
gemachte «Ungewaschene Gebete»<2>.
Was können Prediger in der Schule der Dichter lernen, fragt der Pastoraltheologe
Erich Garhammer in seinem material- und perspektivenreichen Predigthandbuch
«Am Tropf der Worte Literarisch predigen»<3>.
Über religiös-theologische Spuren in der modernen Literatur sucht
Garhammer einen neuen, geistig-geistlichen Ansatz kirchlicher Verkündigung,
um im Zusammenlesen von Heiliger Schrift und Literatur den Reichtum der
Bibel zeitgemäss und erfahrungsnah zu erschliessen. «Den Himmel
auf die Erde holen» wollen auch die drei evangelischen Autoren des
gleichnamigen Modellbuchs für die Gestaltung von Literaturgottesdiensten<4>, das die Literatur der Gegenwart mit
den Geschichten der Bibel und dem christlichen Glauben ins Gespräch
bringen will. Dass Dichter dabei nicht kirchlich-religiös vereinnahmt,
Literatur nicht katechetisch-homiletisch verzweckt, zum ornamentalen Zitat,
als «Aufhänger» oder zur blossen Illustration missbraucht
werden darf, vielmehr eine eigene Stimme spricht, in ihren Geschichten eine
eigene Sicht von Gott und der Welt entfaltet, ist dabei unerlässliche
Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog. Gerade weil das, was Schriftstellerinnen
und Schriftsteller über Gott und die Welt, über Lieben und Hassen,
Leben und Tod schreiben, oft heftig mit dem konkurriert, was sonntags gewöhnlich
gepredigt wird, ist die Literatur womöglich ein Schritt zu einem offeneren,
ehrlicheren Selbstverständnis. Geht doch die Differenz zwischen «Glaube»
und «Welt» oft mitten durch uns selbst hindurch. Von dem schriftstellerischen
Bewusstsein für die Grenzen alles Sag- und Wissbaren, für die
menschliche Sprachmacht und Sprachohnmacht können Predigende lernen,
dass sie, wenn sie von Gott sprechen, nicht zu vollmundig vom letzten Geheimnis
reden können. Gerade die Indirektheit und Gebrochenheit, mit der religiöse
Fragen vielfach im Raum der Literatur begegnen, stellt ein heilsames Korrektiv
gegen die Gefahr theologisch-professioneller Überdeutlichkeit dar.
Literatur als Seh- und Wahrnehmungsschule für die Erschliessung spiritueller
Erfahrungen: darum geht es dem Theologen, Germanisten und Meditationslehrer
Peter Wild. In seinen beiden neuen Übungsbüchern<5>
knüpft er denn ganz bewusst an die sensible Sprache dichterischer Texte
an, in denen die wichtigsten Aussagen oft zwischen oder hinter den Worten
stehen. Sie leiten nicht nur dazu an, aus den sprachlichen Handhaben Gottes
heraus in ein echtes Schweigen hineinzufinden. Darüber hinaus eröffnen
spirituell aufmerksame Autorinnen und Autoren überraschende Zugänge
zu entscheidenden Lebenserfahrungen, die uns in der Hektik, Routine und
Komplexität des Alltags oft nicht mehr gelingen wollen. Zu einer neuen
Wachheit und Aufmerksamkeit für die sprachlich nur schwer zu erfassenden
Geheimnisse und offenen Fragen des Lebens, die unter der erstickenden Decke
vorgegebener, nicht mehr durch Erfahrung gefüllter Sprache, die uns
tagtäglich zugemutet wird, verstellt werden. Was unverbrauchte dichterische
Texte, die allgemein gültige Antworten und Gewissheiten auf eine letztlich
nicht mehr formulierbare, nur im eigenen Erleben greifbare Wahrheit hin
aufbrechen, nur umso wichtiger macht.
Der promovierte Theologe Christoph Gellner ist Leiter des Instituts für kirchliche Weiterbildung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (IFOK).
1 Georg Langenhorst, Gedichte zur Bibel. Texte, Interpretationen, Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde, Kösel Verlag München 2001.
2 Rudolf Otto Wiemer, Der Augenblick ist noch nicht vorüber. Ausgewählte Gedichte, Kreuz Verlag Stuttgart 2001.
3 E. Garhammer, Am Tropf der Worte Literarisch predigen, Bonifatius Verlag, Paderborn 2000.
4 Johann Hinrich Claussen, Thies Gundlach, Peter Stolt, Den Himmel auf die Erde holen. Literaturgottesdienste, Kreuz Verlag, Stuttgart 2001.
5 Peter Wild, Vom aufgeräumten Wesen. Zehn Meditationsübungen, Verlag am Eschbach, Eschbach 2000; ders., Finde die Stille. Spiritualität im Alltag. Ein Übungsbuch, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 2000.
Iso Baumer, Glaubenszeugnisse algerischer Christen. Ein Beitrag zur interreligiösen Verständigung, Kanisius Verlag, Freiburg i.Ü. 2001, 126 Seiten.
Der islamische Fundamentalismus ist in den vergangenen Jahren immer wieder
in die Schlagzeilen geraten und hat die Begegnung von Christen und Muslimen
in unserem Land schwer belastet. Es bleibt aber eine Tatsache, dass der
Islam in der Schweiz auch in Zukunft präsent sein wird. Es kann deshalb
nicht angehen, dass die gegenwärtig über 300000 Muslime an den
Rand des sozialen und des religiösen Lebens gedrängt werden; ihre
Präsenz ist eine Herausforderung zur zukünftigen Gestaltung der
Gesellschaft.
Der Autor zeigt im vorliegenden Buch die geschichtlichen und sozialen Hintergründe
auf, die den Boden für den Islamismus vorbereitet haben. Er führt
aber auch Beispiele von Muslimen an, welche ein anderes Bild des Islam vermitteln:
Muslime, die sich zusammen mit Christen für die Vision eines friedlichen
Zusammenlebens einsetzen. Obwohl sich das Buch anhand von Beispielen aus
Algerien mit dem Islam auseinandersetzt, beschränkt es sich dennoch
nicht auf diese Religion.
Bedeutsam sind deshalb die «vier Weisen, anderen Religionen zu begegnen»,
in denen Dialog- und Begegnungsformen aufgezeigt werden. Allerdings darf
dabei nicht allein auf offizielle Begegnungen zur interreligiösen Verständigung
hingewiesen werden, sondern deutlich muss auch der «Dialog im Alltag»,
die Begegnung im Quartier, am Arbeitsplatz usw. herausgestellt werden.
Eindrücklich sind die in den Text eingestreuten Gebete und Meditationen,
die Einblick geben in das Denken und Fühlen der getöteten Trappistenmönche.
Iso Baumer hat sein Buch vor dem 11. September 2001 geschrieben. Durch die
schrecklichen Ereignisse in den USA und durch den Krieg gegen das Taliban-Regime
in Afghanistan erhält es besondere Aktualität. Das Buch kann in
dieser Zeit hilfreich sein für neue Wege der interreligiösen Verständigung.