45/2001

INHALT

Neue Bücher

Religiöse Sprachlehrer

von Christoph Gellner

 

Einer der besten Wege, dem abstumpfenden Jargon kirchlicher Binnensprache, dem routinier-ten Repetieren überkommener Theologumena zu entkommen, Glauben wieder neu mit Weltlichkeit zu vermitteln, ist die Auseinandersetzung mit der Spracharbeit der Dichter. Dies umso mehr, wenn die scheinbar so vertrauten, oft zur Floskelhaftigkeit abgeschliffenen und verharmlosten Texte der Bibel durch Schriftsteller eine zeitgenössische Neuvergegenwärtigung erfahren. Wenn deren aktualisierende Fort- und Weiterschreibung der Bibel statt bloss ausmalender Bebilderung des ohnehin schon Bekannten einen wirklich neuen Zugang zum Buch der Bücher eröffnet. Anschaulich wird dies in dem jüngst erschienenen Werkbuch mit «Gedichten zur Bibel» für Schule und Gemeinde des Religionspädagogen Georg Langenhorst<1>. Aus der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts bietet es eine originelle, auch bislang eher unbekannt gebliebene literarische Zeugnisse enthaltende Textauswahl von je zwei Gedichten zu über dreissig biblisch-religiösen Figuren und Themen des Alten und Neuen Testaments von Adam und Eva über Abraham, Mose und Mirjam, Rut, David und Jona, Hiob und Kohelet bis hin zur Gestalt Jesu von Nazaret, den Deutungen seiner Herkunft, Passion und Auferweckung. Die überaus gelungene Mischung von methodisch-didaktischer Reflexion, kurz gefassten Autoreninformationen und Textinterpretationen sowie vielfältigen Anregungen zum praktischen Einsatz in Religionsunterricht und Erwachsenenbildung macht es zu einem vorzüglichen Praxisbuch, das aus der Fülle thematisch vergleichbarer Textanthologien deutlich herausragt.
Ein neuer Auswahlband von Gedichten Rudolf Otto Wiemers (1905­1997) führt eindringlich vor Augen, wie sehr diesem bekannten Autor christlich-religiöser Lyrik mit seinem unnachgiebigen Fragemut von grübelnder Frische stets an einem ungeschminkten Reden mit Gott gelegen war. Neben bislang noch unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass zeigen dies vor allem Wiemers hier neu zugänglich gemachte «Ungewaschene Gebete»<2>.
Was können Prediger in der Schule der Dichter lernen, fragt der Pastoraltheologe Erich Garhammer in seinem material- und perspektivenreichen Predigthandbuch «Am Tropf der Worte ­ Literarisch predigen»<3>. Über religiös-theologische Spuren in der modernen Literatur sucht Garhammer einen neuen, geistig-geistlichen Ansatz kirchlicher Verkündigung, um im Zusammenlesen von Heiliger Schrift und Literatur den Reichtum der Bibel zeitgemäss und erfahrungsnah zu erschliessen. «Den Himmel auf die Erde holen» wollen auch die drei evangelischen Autoren des gleichnamigen Modellbuchs für die Gestaltung von Literaturgottesdiensten<4>, das die Literatur der Gegenwart mit den Geschichten der Bibel und dem christlichen Glauben ins Gespräch bringen will. Dass Dichter dabei nicht kirchlich-religiös vereinnahmt, Literatur nicht katechetisch-homiletisch verzweckt, zum ornamentalen Zitat, als «Aufhänger» oder zur blossen Illustration missbraucht werden darf, vielmehr eine eigene Stimme spricht, in ihren Geschichten eine eigene Sicht von Gott und der Welt entfaltet, ist dabei unerlässliche Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog. Gerade weil das, was Schriftstellerinnen und Schriftsteller über Gott und die Welt, über Lieben und Hassen, Leben und Tod schreiben, oft heftig mit dem konkurriert, was sonntags gewöhnlich gepredigt wird, ist die Literatur womöglich ein Schritt zu einem offeneren, ehrlicheren Selbstverständnis. Geht doch die Differenz zwischen «Glaube» und «Welt» oft mitten durch uns selbst hindurch. Von dem schriftstellerischen Bewusstsein für die Grenzen alles Sag- und Wissbaren, für die menschliche Sprachmacht und Sprachohnmacht können Predigende lernen, dass sie, wenn sie von Gott sprechen, nicht zu vollmundig vom letzten Geheimnis reden können. Gerade die Indirektheit und Gebrochenheit, mit der religiöse Fragen vielfach im Raum der Literatur begegnen, stellt ein heilsames Korrektiv gegen die Gefahr theologisch-professioneller Überdeutlichkeit dar.
Literatur als Seh- und Wahrnehmungsschule für die Erschliessung spiritueller Erfahrungen: darum geht es dem Theologen, Germanisten und Meditationslehrer Peter Wild. In seinen beiden neuen Übungsbüchern<5> knüpft er denn ganz bewusst an die sensible Sprache dichterischer Texte an, in denen die wichtigsten Aussagen oft zwischen oder hinter den Worten stehen. Sie leiten nicht nur dazu an, aus den sprachlichen Handhaben Gottes heraus in ein echtes Schweigen hineinzufinden. Darüber hinaus eröffnen spirituell aufmerksame Autorinnen und Autoren überraschende Zugänge zu entscheidenden Lebenserfahrungen, die uns in der Hektik, Routine und Komplexität des Alltags oft nicht mehr gelingen wollen. Zu einer neuen Wachheit und Aufmerksamkeit für die sprachlich nur schwer zu erfassenden Geheimnisse und offenen Fragen des Lebens, die unter der erstickenden Decke vorgegebener, nicht mehr durch Erfahrung gefüllter Sprache, die uns tagtäglich zugemutet wird, verstellt werden. Was unverbrauchte dichterische Texte, die allgemein gültige Antworten und Gewissheiten auf eine letztlich nicht mehr formulierbare, nur im eigenen Erleben greifbare Wahrheit hin aufbrechen, nur umso wichtiger macht.

 

Der promovierte Theologe Christoph Gellner ist Leiter des Instituts für kirchliche Weiterbildung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (IFOK).


Anmerkungen

1 Georg Langenhorst, Gedichte zur Bibel. Texte, Interpretationen, Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde, Kösel Verlag München 2001.

2 Rudolf Otto Wiemer, Der Augenblick ist noch nicht vorüber. Ausgewählte Gedichte, Kreuz Verlag Stuttgart 2001.

3 E. Garhammer, Am Tropf der Worte ­ Literarisch predigen, Bonifatius Verlag, Paderborn 2000.

4 Johann Hinrich Claussen, Thies Gundlach, Peter Stolt, Den Himmel auf die Erde holen. Literaturgottesdienste, Kreuz Verlag, Stuttgart 2001.

5 Peter Wild, Vom aufgeräumten Wesen. Zehn Meditationsübungen, Verlag am Eschbach, Eschbach 2000; ders., Finde die Stille. Spiritualität im Alltag. Ein Übungsbuch, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 2000.


Zur interreligiösen Verständigung

 

Iso Baumer, Glaubenszeugnisse algerischer Christen. Ein Beitrag zur interreligiösen Verständigung, Kanisius Verlag, Freiburg i.Ü. 2001, 126 Seiten.

Der islamische Fundamentalismus ist in den vergangenen Jahren immer wieder in die Schlagzeilen geraten und hat die Begegnung von Christen und Muslimen in unserem Land schwer belastet. Es bleibt aber eine Tatsache, dass der Islam in der Schweiz auch in Zukunft präsent sein wird. Es kann deshalb nicht angehen, dass die gegenwärtig über 300000 Muslime an den Rand des sozialen und des religiösen Lebens gedrängt werden; ihre Präsenz ist eine Herausforderung zur zukünftigen Gestaltung der Gesellschaft.
Der Autor zeigt im vorliegenden Buch die geschichtlichen und sozialen Hintergründe auf, die den Boden für den Islamismus vorbereitet haben. Er führt aber auch Beispiele von Muslimen an, welche ein anderes Bild des Islam vermitteln: Muslime, die sich zusammen mit Christen für die Vision eines friedlichen Zusammenlebens einsetzen. Obwohl sich das Buch anhand von Beispielen aus Algerien mit dem Islam auseinandersetzt, beschränkt es sich dennoch nicht auf diese Religion.
Bedeutsam sind deshalb die «vier Weisen, anderen Religionen zu begegnen», in denen Dialog- und Begegnungsformen aufgezeigt werden. Allerdings darf dabei nicht allein auf offizielle Begegnungen zur interreligiösen Verständigung hingewiesen werden, sondern deutlich muss auch der «Dialog im Alltag», die Begegnung im Quartier, am Arbeitsplatz usw. herausgestellt werden.
Eindrücklich sind die in den Text eingestreuten Gebete und Meditationen, die Einblick geben in das Denken und Fühlen der getöteten Trappistenmönche.
Iso Baumer hat sein Buch vor dem 11. September 2001 geschrieben. Durch die schrecklichen Ereignisse in den USA und durch den Krieg gegen das Taliban-Regime in Afghanistan erhält es besondere Aktualität. Das Buch kann in dieser Zeit hilfreich sein für neue Wege der interreligiösen Verständigung.

Urs Köppel


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001