37/2001 | |
INHALT | |
Neue Bücher |
Michael Hochschild, Auf der Schwelle in die Zukunft. Den Wandel der Kirche verstehen und mitgestalten, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2001, 127 Seiten.
Wie sähe die Kirche aus, wenn sie nicht in Krise wäre? Diese
Frage ist der Ausgangspunkt von Überlegungen Michael Hochschilds, der
sich als Soziologe mit der Krise der Kirche auseinandersetzt und Wege in
die Zukunft vorschlägt. In 4 Kapiteln greift er heutige Fragen an die
Kirche und ihre Gemeinschaft auf. Der Autor bezeichnet sie als «Kulturbetrachtungen
in christlicher Absicht» (S. 9), die in sich geschlossen sind.
Eingeführt werden die einzelnen Kapitel, die überschrieben sind
als «Metaloge» durch Gespräche unter Jugendlichen. Die
Dialoge sind teilweise theoretisch und wirken befremdend als Aussagen von
jungen Menschen. Dennoch sind es Themen, die alle angehen, die sich mit
der «Kirchenverfassung» zu Beginn des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen.
Die «jugendliche Theorie» ist dem Autor bewusst. Die Dialoge
sind ihm die Einstiege zu Analyse, Entwicklung und Anregungen und wirken
zudem erfrischend und anregend zum eigenen Nachdenken.
Die Kapitel befassen sich mit der Herkunft der gegenwärtigen Kirchenkrise
aus der unbewältigten Vergangenheit des Milieukatholizismus, mit der
veränderten Gesellschaft und dem Abseitsstehen der Kirche, mit der
Glaubensnot und mit dem sozialen Auftrag der Kirche, dessen sie sich neu
bewusst werden soll.
Kritische und hämische Stimmen zur Kirche und ihrer aktuellen Situation
sind heute sattsam bekannt, auch von Soziologen. Das Buch von Michael Hochschild
beschönigt nichts und setzt sich ebenfalls kritisch mit der heutigen
Situation der Kirche auseinander. Wer das Buch liest, spürt deutlich,
dass es dem Autor um die Zukunft der Kirche geht unter dem Blickwinkel
des Soziologen. Deswegen mag die Rückbesinnung auf den Kern der kirchlichen
Sendung und auf den geistigen Inhalt für einige zu kurz kommen. Dabei
ist zu bedenken, dass dies die Aufgabe der Theologen sein sollte. Der Beitrag
des Soziologen, der die Kirche nicht nur als eine «spirituelle Vereinigung»
betrachtet, sondern auch als eine Gemeinschaft von Menschen in ihren sozialen
Bezügen, ist lesenswert und kann das ergänzen, was heute immer
mehr auch in spiritueller Hinsicht angeregt wird.
Michael Sievernich SJ und Johannes Beckermann (Hrsg.), Christen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Entwicklungen und Perspektiven, Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 2000, 117 Seiten.
Die philosophisch-theologische Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main hat in Zusammenarbeit mit dem Cartell Rupert Mayer eine Vorlesungsreihe veranstaltet, die sich interdisziplinär mit der Frage auseinander setzte, wo das Christentum am Beginn des neuen Millenniums steht und welche Herausforderungen auf die Kirchen zukommen. Die Veranstalter konnten ein illustres Team von Führungskräften aus Kirche und Gesellschaft und ausgewiesene Fachleute internationaler Provenienz zur Mitarbeit heranziehen. Der Bischof von Erfurt Joachim Wanke schildert aus kirchlicher Perspektive die Herausforderungen, denen sich Christen in Europa zu stellen haben. Bischof Wanke, der schon unter dem Regime der DDR gewirkt hatte, kennt wie kein zweiter Hoffnungen und Enttäuschungen deutscher Katholiken und weiss, wo ihnen der Schuh drückt. Professor Norbert Walter, in führender Stellung für die Deutsche Bank tätig, untersucht das Verhältnis Wirtschaft und Religion im Zeitalter der Globalisierung. Der Religionssoziologe Michael N. Ebertz untersucht den Wandel im Deutschen Katholizismus, während der polnische Jesuit und Philosoph Adam Zack die Lage des Christentums in Osteuropa thematisiert. Der derzeitige Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung Wolfgang Frühwald macht sich Gedanken über die immer noch kulturprägende Kraft des Christentums. Zum Abschluss referiert der Veranstalter der Reihe, P. Medard Kehl SJ, über Chancen und Aufgaben der Kirche in der Kultur der Moderne.
Karl Lehmann, Es ist Zeit an Gott zu denken. Ein Gespräch mit Jürgen Hoeren, Herder Spektrum 5054, Freiburg i.Br. 2000, 192 Seiten.
Jürgen Hoeren, Ressortleiter Kulturelles Wort/Aktuelle Kultur am
SWR 2 Baden-Baden, hatte Gelegenheit, mit dem Vorsitzenden der Deutschen
Bischofskonferenz, Karl Lehmann, ausgedehnte Gespräche zu führen.
Der vorliegende Band gibt Gelegenheit, den Bischof von Mainz näher
kennen zu lernen, seine Herkunft aus dem Hohenzollerischen Sigmaringen,
wo er am Gymnasium von einem überragenden Deutschlehrer nachhaltig
geprägt wurde. Er gibt Rechenschaft über die theologische Ausbildung
in Freiburg im Breisgau und an der Gregoriana in Rom. Intensive theologische
Kontakte vermittelte dann die Konzilsvorbereitung und die Konzilszeit mit
Karl Rahner, Yves Congar, Henri de Lubac usw.
Doch steht das Biographische eher am Rande. Das eigentliche Thema sind die
Probleme der katholischen Kirche in Deutschland und die Zukunft von Religion
und Kirche. Karl Lehmann muss zu vielen heissen Eisen Stellung nehmen, und
er tut es mit der ihm gründlichen Art, Probleme anzugehen. Der journalistische
Gesprächspartner hat auch keine Hemmungen, bohrend nachzufragen. Die
diskutierten Probleme bilden eine grosse, bunte Palette wie etwa Schwangerenberatung,
Homosexualität, Zölibat, Frauenordination, Probleme von Kirche
und Staat, Sterbehilfe. Die Darlegungen des Bischofs von Mainz sind für
das Verständnis deutscher Kirchenprobleme sehr aufschlussreich und
können Vorurteile aus unserer helvetischen Optik ins rechte Licht stellen.
Franco Cardini, Europa und der Islam. Geschichte eines Missverständnisses, (Aus dem italienischen Original «Europa e Islam. Storia di un Malinteso», Rom 1999), Verlag C.H. Beck, München 2000, 308 S.
Der Islam klopft erneut an die Pforten Europas, und seine Vertreter können
nicht übersehen werden. Das Berührungsphänomen hat eine jahrhundertealte
Tradition. Seit dem 7./8. Jahrhundert sind Moslems in Europa und kontrollieren
das Mittelländische Meer. Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert war
das Osmanische Reich die den Islam beherrschende Macht. Heute wie ehedem
besteht die Gefahr, dass der Westen den Islam zu wenig kennt und versteht.
Das europäische Christentum überschätzt den Einfluss seiner
Stellung in Europa. Anderseits ist das Erscheinungsbild des Islam für
den Europäer exotisch. Immer noch werden Vorstellungen aus dem Mittelalter
tradiert. Dazu kommt die fatale Verallgemeinerung, die im gesamten Islam
einen starren Block sieht, der keine Nuancen aufweist.
Franco Cardini ist Professor für mittelalterliche Geschichte in Florenz.
Schwerpunkte seiner Forschung sind Jerusalem und die Kreuzzüge, Päpste
und Kaiser im Hochmittelalter.