20/2001 | |
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Seit den perfiden Angriffen von Rolf Hochhuth im Jahre 1964 mit seinem Theaterstück «Der Stellvertreter» steht Pius XII. immer wieder im Mittelpunkt von Anschuldigungen. Sein Verhalten während des Zweiten Weltkrieges wurde kritisiert, sein angebliches Schweigen insbesondere zu den Judenverfolgungen durch die Nazis angeprangert.
Papst Paul VI. fasste daher im gleichen Jahr 1964 den Entschluss, die Veröffentlichung der Dokumente des Heiligen Stuhles über den Zweiten Weltkrieg an die Hand zu nehmen. In den Jahren 19651981 veröffentlichte eine Historikergruppe aus dem Jesuitenorden in insgesamt 12 Bänden die «Actes et Documents du Saint-Siège relatifs à la Seconde Guerre mondiale». Der Inhalt dieser Dokumentation, ja sogar deren Existenz ist vielen, die über den Hl. Stuhl während des Zweiten Weltkrieges reden und schreiben, völlig entgangen. Pierre Blet, einer aus der Forschergruppe, hat nun versucht, das Ergebnis dieser langen Arbeit in einem handlichen und gut lesbaren Buch zusammenzufassen. Das Werk erschien 1997 in der Librairie Académique Perrin in Paris und liegt nun in einer deutschen Übersetzung vor.<1>
Die ersten Bemühungen des 1939 gewählten Papstes, der von seinem
Vorgänger Pius XI. gezielt als Nachfolger aufgebaut worden war, galten
von Anfang an der Erhaltung des vom Nationalsozialismus bedrohten Friedens
in Europa. Sie blieben erfolglos, weil Hitler bewusst den Krieg zur Erreichung
seiner verbrecherischen Ziele in Kauf nahm.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 konzentrierte
sich der Papst darauf, Italien mit allen Mitteln aus dem Krieg herauszuhalten.
Die deutsche Westoffensive vom Mai 1940 machte diese Hoffnung zunichte.
Mussolini wollte seinen Anteil an der Beute und trat im Juni 1940 in den
Krieg gegen die Alliierten. Nun drohte Rom in den Bannkreis kriegerischer
Auseinandersetzungen zu geraten. Die Gefahr der Bombardierung der Ewigen
Stadt wurde immer wahrscheinlicher. Pius XII. versuchte alles, um diese
Gefahr abzuwenden. Bis auf die teilweise Zerstörung der Basilika San
Lorenzo fuori le mure und des Friedhofes Campo Verano blieb Rom im Verlaufe
des Krieges unversehrt. Als sich 1944 die Kampfhandlungen Rom näherten,
gelang es den päpstlichen Bemühungen, die Kriegsparteien zu veranlassen,
Rom zur offenen Stadt zu erklären. Wer die Zerstörung des altehrwürdigen
Klosters Monte Cassino erlebt hatte, konnte unschwer die drohende Gefahr
für Rom erahnen. Die Römer betrachten Pius XII. zu Recht als den
eigentlichen Retter der Ewigen Stadt.
Das Schicksal Polens und aller durch den Krieg erfassten Länder beschäftigte den Papst sehr. Seine Politik bestand darin, über den Standpunkten der einzelnen Kriegsparteien zu stehen, Unparteilichkeit an den Tag zu legen und zu versuchen, weder von der einen noch von der andern Seite vereinnahmt zu werden. Während des ganzen Krieges entfaltete der Vatikan eine ausgedehnte karitative Tätigkeit. Die Sorge galt den Kriegsopfern, vor allem den Juden, die im ganzen Einflussbereich des deutschen Reiches in eine schwierige Lage geraten waren. Über die Nuntiaturen unter anderem in Deutschland, Frankreich, der Slowakei, Kroatien, Ungarn, Bulgarien und der Türkei gelang es, mehr oder weniger Einfluss auf die Regierungen zu nehmen und immer wieder zugunsten der Verfolgten zu intervenieren. Das päpstliche Staatssekretariat unter Kardinalstaatssekretär Maglione koordinierte die Initiativen und trieb die Nuntien immer wieder an, das Unmögliche zu wagen, um die Not zu lindern und den Verfolgten zu helfen; das oft in enger Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und den verschiedensten Hilfsorganisationen. Offene Proteste gegen die Naziverbrechen nützten nichts, die Proteste wurden vom deutschen Aussenmisterium nicht einmal mehr entgegengenommen, ja sie schadeten sogar denjenigen, denen man zu Hilfe kommen wollte. Pius XII. hat aus dieser Erkenntnis den Schluss gezogen, nicht zu reden, sondern zu handeln. Im Buche sind verschiedene Dankesbezeugungen von jüdischen Organisationen oder geretteten jüdischen Einzelpersonen aufgeführt. Der israelische Historiker Pinchas Lapide wagt es, die Zahl der durch den Vatikan geretteten Juden auf etwa 850000 zu beziffern.
Der Papst handelte schweigend, diskret, mit dem Risiko, untätig und gleichgültig zu erscheinen. Er sagte, er sei sich bewusst, alles getan zu haben, um den Krieg zu verhindern, die Leiden zu lindern und die Zahl der Opfer zu verringern. Die vorliegenden Dokumente führen zum gleichen Ergebnis. In der Rückschau zu behaupten, Pius XII. hätte mehr leisten können, heisst eindeutig, den Boden der gesicherten Tatsachen zu verlassen und sich im Dickicht der Mutmassungen und der Träume zu verirren.
Dem Verlag Schöningh ist zu danken, dass diese Erkenntnisse nun auch einer breiten deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.
1 Pierre Blet, Papst Pius XII. und der Zweite Weltkrieg. Aus den Akten des Vatikans, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2000, 312 Seiten.
Pierre Barret und Jean-Noël Gurgand, Auf dem Weg nach Santiago. In den Spuren der Jakobspilger. Aus dem Französischen (Priez pour nous à Compostelle, Hachette, Paris 1999) übertragen von Arthur Himmelsbach, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2000, 319 S.
Ulrich Wegner, Der Jakobsweg. Auf der Route der Sehnsucht nach Santiago de Compostela, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2000, 264 S.
Santiago de Compostela ist wohl einer der eigenartigsten Pilgerorte.
Seit dem 7. Jahrhundert erzählte eine spanische Legende, der Apostel
Jakobus der Ältere habe in Spanien gepredigt. Zweihundert Jahre später
wusste man aber schon, dass er dort irgendwo in der Nähe der Atlantischen
Küste (Finis terrae) gestorben sei. Und dann entdeckten 830 zwei von
einem Stern geführte Hirten auf einem Feld (campus stellae) einen Steinsarg
mit Reliquien. Vom zehnten bis fünfzehnten Jahrhundert blühte
dann die Wallfahrt des Jakobsweges, begleitet von den Kriegszügen des
heiligen Krieges gegen die spanischen Mauren, die besonders von Südfrankreich
ausgingen. Der heilige Jakobus wurde als Türkentöter (Matamaro)
berühmt. Von England, Frankreich und Deutschland zogen diese Pilgergruppen
des Jakobusweges und beteten schon auf der Reise an verschiedenen Wallfahrtsorten
(Vezelay, Le Puy, Silos, Burgos usw.). Ende des 15. Jahrhunderts ist dann
diese Fusswallfahrt ans «Ende der Welt» erloschen.
Erst in der Zeit nach 1950 ist sie wieder neu erwacht mit verschiedenen
neuen, zum Teil etwas konfusen Motivationen. Entsprechend dem Neuaufschwung
dieser alten Wallfahrt boomt auch die Literatur. Zwei Bücher, beide
beachtenswert, seien speziell gewürdigt. Pierre Barret und Jean-Nöel
Gurgand, «Auf dem Weg nach Santiago. In den Spuren der Jakobspilger».
Die beiden Autoren haben eine Menge von Informationen über die Jakobspilger:
ihre nach Herkunftsländern verschiedenen Reisewege, über die Ausrüstung,
die Dauer des Unternehmens und die auf die Pilger lauernden Gefahren, inklusive
die körperliche und seelische Überforderung. Interessant ist die
Abhandlung über die Motivationen; nicht alle gingen freiwillig, sie
büssten eine Schuld ab, andere reisten anstelle eines anderen, der
sie entschädigen musste. Aus alledem entsteht eine reichhaltige Revue
des Pilgerwesens, der Volksfrömmigkeit, des Aberglaubens und der Medizingeschichte.
Dieses Buch ist rein historisch konzipiert. Es will nicht einen Baedecker
ersetzen.
Repräsentativer erscheint Ulrich Wegner. Sein Buch «Der Jakobsweg.
Auf der Route der Sehnsucht nach Santiago de Compostela» ist ein Bildband
für ganz hohe Ansprüche. Aber auch der Textteil ist gediegen und
umfassend. Die beeindruckenden und in verschwenderischer Fülle dargebotenen
Farbaufnahmen illustrieren den ganzen Camino de Santiago und halten im Vorübergehen
viel Sehenswertes an Kunst, Topographie und Folklore fest. Das Buch lebt
von einer sprühenden Lebendigkeit. Man erfährt auch vieles von
der Last und den Gefahren des Pilgerns, von den Motivationen für eine
so gefahrenreiche Reise und vom Mut des Durchhaltewillens. Mancher Leser
und Betrachter muss da von der Versuchung, die beschwerliche Reise zu wagen,
gepackt werden. Dieser Band hat in den Text viele praktische Ratschläge
eingewoben.
Leo Booth, Wenn Gott zur Droge wird. Missbrauch und Abhängigkeit in der Religion. Schritte zur Befreiung. Aus dem Amerikanischen von Herbert Engel, Kösel Verlag, München 1999, 338 Seiten.
Das Buch macht darauf aufmerksam, dass es Fälle gibt, wo selbst die Religion eine Suchtgefahr darstellt. Das setzt eine absolute, blinde und unkritische Übernahme von religiösen Lehren voraus. Das ist Missbrauch mit dem Namen Gottes. Schlüsselbegriffe sind Angst, Scham, Macht, Kontrolle, zwanghafte Frömmelei, gestörtes Selbstwertgefühl. Religiös Abhängige fühlen sich von Gott verurteilt, also verurteilen sie auch andere, die nicht so denken. Sie erfahren sich als Willküropfer Gottes und missbrauchen andere Menschen als ihre Opfer. Der amerikanische Autor ist katholischer Priester und musste sich selbst von der Droge verkrampfter Religion befreien. Er behandelt eingehend den schwierigen Weg der Befreiung, nicht nur narrativ, sondern mit umfassender Methodik.