15-16/2001 | |
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Als Zürcher Beitrag zur Dekade «Solidarität der Kirchen
mit den Frauen» wollte die kirchenrätliche Arbeitsgruppe ein
Frauenschicksal aus den Tagen der Reformation nachzeichnen. Die Wahl fiel
auf Katharina von Zimmern, die letzte Fraumünsteräbtissin. Unter
der Leitung von Irene Gysel haben verschiedene Autorinnen und ein Autor
versucht, sich dieser selbstbewussten und bemerkenswerten Frau aus der Reformationszeit
zu nähern und die spärlichen historischen Quellen zu sichern.<1>
In zusammenhängenden, einander ergänzenden Beiträgen stellt
die Monographie das Leben dieser Frau im Rahmen der Reformationsgeschichte
dar. Roswith Günter aus Rottweil hat aus verwandtschaftlichen Gründen
in jahrelanger Arbeit die Familiengeschichte der Katharina von Zimmern erforscht
und versucht im Band, Licht in ihr «weltliches» Leben zu bringen.
Katharina stammte aus einem verarmten, süddeutschen Adelsgeschlecht,
trat mit 13 Jahren zusammen mit ihrer Schwester Anna ins Fraumünsterstift
ein. Nach der Übergabe des Stifts an die Stadt Zürich im Jahr
1524 heiratete das Fräulein von Zimmern den von der Stadt Zürich
wegen Reisläuferei zum Tode verurteilten Söldnerführer Eberhard
von Reischach. Noch im Alter von über vierzig Jahren gebar Katharina
zwei Kinder. Reischach wurde rehabilitiert, fiel aber 1531 an Zwinglis Seite
in der Schlacht von Kappel. Bis zu ihrem Tod 1547 erhielt Katharina eine
Rente und lebte am Zürcher Neumarkt.
Barbara Helbling, Regine Abegg, Christine Barraud und Eduard Rübel
gehen in der Monographie mit grosser Aufmerksamkeit den Spuren nach, die
Katharina von Zimmern in der Geschichte des Fraumünsters hinterlassen
hat. Christine Christ untersucht das Frauenbild von Humanisten und Reformatoren
und deutet die Gestalt Katharinas aus dieser Perspektive.
Katharina von Zimmern wurde mit 18 Jahren Äbtissin und konnte den Respekt
der Zürcher Bürgerschaft über zwanzig Jahre hin bewahren.
Sie setzte ihre Akzente beim Umbau der Abtei. Auch liess sie die Fraumünsterschule
neu bauen, wohl die renommierteste Einrichtung der Abtei. Katharina selber
war eine gebildete Frau. Die Reformatoren wie auch die Verteidiger des alten
Glaubens trauten ihr die Lektüre ihrer Schriften zu, weil sie ihre
Bildung und ihr Interesse kannten und auf ihr Verständnis hofften.
In der Fraumünsterschule konnten junge Frauen Latein lernen und so
Anschluss an die gelehrte Literatur finden. Diese wie andere Klosterschulen
auch wurde ein Opfer der reformatorischen Schulpolitik. Im reformierten
Zürich war es Frauen für die kommenden zwei Jahrhunderte nicht
mehr möglich, eine öffentliche Schule zu besuchen. Zwingli zeigte
kein Interesse an Mädchenbildung, von einer höheren Frauenbildung
gar nicht zu reden. Die Fraumünsterschule wurde zu einem philologisch-theologischen
Seminar und dann zu einer Lateinschule umgebaut, die fortan den Männern
vorbehalten war.
Katharina von Zimmern fiel die historische Rolle zu, die Abtei aufzulösen.
Zwei Dokumente geben vor allem Aufschluss über ihre Motive zur Übergabe
der Abtei. Obwohl ihr Handlungsspielraum klein war die Aufhebung der
Abtei war beschlossene Sache macht sie allen Lesern bewusst, dass
sie aus eigener Entscheidungsbefugnis und aufgrund eigener Einsicht handelt.
Ihr Entscheid ist ein Gewissensentscheid; sie will ihr Leben nach göttlicher
Ordnung gestalten, das heisst sie will reformatorisch handeln. Katharina
war schon sehr bald nach der Berufung Zwinglis für die Reformation
gewonnen worden. Sie sagt, wenn sie sich nach dem Wunsch des Bischofs, der
Eidgenossenschaft und der eigenen Familie weigere, die Abtei zu übergeben,
dann würde sie «der Stadt Zürich und ihrer Gnaden selber
bald grosse Unruhe und Unglück bringen». Anders als die Reformatoren,
die Spaltung und Unruhe riskierten, ist Katharina von Zimmern dem Frieden
verpflichtet und dürfte mit dazu beigetragen haben, dass die Stadt
vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen bewahrt blieb. Im Unterschied
auch zur masslosen Klosterpolemik der Reformatoren fällt kein Wort
der Kritik an ihrem bisherigen Leben. Dies zeigt die erstaunlich unpolemische
Haltung der Äbtissin, die in einer Zeit des grossen Umbruchs ihren
Weg eigenständig gegangen ist.
1 Irene Gysel, Barbara Helbling (Hrsg.), Zürichs letzte Äbtissin. Katharina von Zimmern, NZZ Verlag, Zürich 1999.
Hanno Helbling, Katharina von Siena. Mystik und Politik, Verlag C.H. Beck, München 2000, 158 S.
Hanno Helbling, bekannt und geschätzt als Konzilsberichterstatter
des Vatikanums II für die NZZ, wirkt nun als Korrespondent seiner Zeitung
in Rom. Dieser Altersposten gibt ihm, wenn es im Vatikan nicht gerade drunter
und drüber geht, Zeit und Musse, Übersetzungen klassischer italienischer
Werke zu edieren und Bücher und Aufsätze zur mittelalterlichen
Geistesgeschichte zu verfassen.
Im italienischen Spätmittelalter muss man auf die Dominikanerin Katharina
Benincasa von Siena aufmerksam werden. Das katholische Italien stellt sie
als Schutzpatronin neben Franziskus von Assisi. Die Vertreterin mittelalterlicher
Frauenmystik war zugleich kirchenpolitisch äusserst aktiv, eigentlich
unverblümt frech. Sie schreibt Briefe an Bischöfe, Kardinäle
und Päpste, aber auch an Stadtpotentaten, Könige und Kaiser. Darin
wagt sie es, unerschrocken zu tadeln und eindringlich zu insistieren. Gemessen
an den Früchten ihrer Zeit ist der Erfolg wohl als mässig zu beurteilen.
Ihr Hauptthema war die Rückkehr der Päpste von Avignon nach Rom
aber dieses Verdienst kann sie nicht allein beanspruchen. Katharina
schrieb für die Reform des Klerus, den Frieden unter den italienischen
Stadtstaaten und die Wiedereroberung des Heiligen Landes. Dabei bestehen
zwischen der Mystik Katharinas und ihrem politischen Aktivismus enge Zusammenhänge.
Und da zeigt sich der äussere Erfolg oft recht dürftig. Hanno
Helbling hat sein Augenmerk auf das Eindringen der Mystik in die politische
Agitation gelenkt.
Gerhard Ludwig Müller, John Henry Newman begegnen, (Zeugen des Glaubens), St. Ulrich Verlag, Augsburg 2000, 176 Seiten.
Gerhard Ludwig Müller ist Professor für Dogmatik an der Universität
München. Der Karl-Lehmann-Schüler gehört als Mitglied der
Internationalen Theologischen Kommission dem Beratergremium der Glaubenskommission
an. Er ist durch das in viele Sprachen übersetzte Studienbuch «Katholische
Dogmatik für Studium und Praxis der Theologie» (1995) bekannt
geworden.
Dieser Dogmatiker bringt die besten Voraussetzungen mit, John Henry Newman,
das grosse theologische Genie in der neueren Kirchengeschichte Englands,
darzustellen. Die äusseren Lebensumstände sind zwar seriös
und umfassend dargestellt, wichtiger aber ist, dass der Autor die motivierenden
theologischen Zusammenhänge in der katholischen und anglikanischen
Kirche in England ausleuchtet. Dabei geht er auch sehr differenziert auf
die verschiedenen Strömungen in der englischen Hochkirche ein, dazu
auch die Religionsgemeinschaft aus dem calvinischen Umfeld. G.L. Müller
behandelt auch eingehend das immense Schrifttum des bedeutendsten katholischen
Autors des 19. Jahrhunderts. Erst sehr spät erhielt Newman durch die
mutige Kardinalsernennung Leos XIII. die verdiente Anerkennung. Diese Anerkennung
wurde ihm aber vom katholischen Episkopat Englands, der in einem defensiven
Fundamentalismus befangen war, verweigert.