11/2001 | |
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Neue Bücher |
In seinem ganzen Leben als Theologe, Pfarrer und besorgter Christ in
seiner Christkatholischen Kirche der Schweiz hat Kurt Stalder (19121996)
im Gespräch gelebt, das denn auch immer ein ökumenisches Gespräch
war. Konkret war und bleibt es, auch in meiner persönlichen Erinnerung,
geprägt von seiner gütigen Gesinnung und Einstellung. An den Jahrestagungen
der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft, der er seit der Gründung
auch durch die Jahre ihrer schwindenden und wieder neu zu gewinnenden Aktivität
angehörte und seine Kraft widmete, konnte man ihn unmittelbar bei der
bedächtigen Reflexion und der suchenden genauen Formulierung erleben,
aber auch in seiner freundschaftlichen Teilnahme am theologischen Schaffen
der Kollegen und Kolleginnen, oder an den Stärken und Schwächen
der eigenen Kirchen. Diese Persönlichkeit wird jetzt in dem nach seiner
Krankheit und seinem Tod erstellten Sammelband<1>
lebendig, der Wichtiges nachträgt zur früheren Festschrift mit
seinen eigenen Arbeiten: «Die Wirklichkeit Christi erfahren. Ekklesiologische
Untersuchungen und ihre Bedeutung für die Existenz von Kirche heute»
(1984). Dass neben Professoren der Christkatholischen Fakultät Bern
auch ein Kenner der Sprachtheorien wie Rudolf Engler spezifische Vergleiche
zwischen Stalders und Saussures Sprachtheorie beiträgt, spricht für
die denkerische Offenheit Stalders für philosophische Fragen und Methoden.
Kurt Stalder verdient es, mit seinem Denken und Sprechen und seinen Anstössen
gegenwärtig zu bleiben, für seine Weg- und Gesprächsgefährten,
aber auch für jüngere Theologen/Theologinnen. Eindrücklich
und entdeckenswert ist er auch als Zeuge für die theologische Vitalität,
wie sie von der zahlenmässig kleinen Christkatholischen Kirche gepflegt
wird und mit Gewinn auch von den grösseren Kirchen und Theologien zur
Kenntnis zu nehmen ist.
Verständliche, wirklichkeitsbezogene Verkündigung in bestehender
Kirche: dies ist das Thema, das alle Beiträge bestimmt. Auf erneute
Verkündigung angelegt und geradezu darauf wartend sind schon die Texte
der Bibel, genauer die von ihnen bezeugte Wirklichkeit Gottes, die Wirksamkeit
Christi und des Geistes in den Situationen der Glaubensgemeinschaft Israels
und der Kirche. Dieses geschichtlich bezeugte Handeln ist erneut zu entbinden
auf Situationen und Erfahrungen der Menschen von heute hin, wie umgekehrt
von diesen Erfahrungen die Potenziale der biblischen Texte zu erfragen und
zu erwecken sind. Die biblischen Texte des Alten und Neuen Testamentes sind,
neben den Zeugnissen missionarischer Erstverkündigung, grösstenteils
schon in sich selber Verkündigung in bestehender Gemeinde. So wie sie
von glaubender Tradition her auf damalige neue Situationen hin artikuliert
sind und diese Situationen und Erfahrungen deuten und neu stiften, so stellt
sich der Predigt die gleiche Aufgabe: Sie steht zwischen der Tradition bezeugten
Heils und vor der Erwartung und Notwendigkeit neu zu bezeugenden und zuzusprechenden
Heils.
Für Kurt Stalder war schon von seinem Pfarramt her, aber auch noch
in seiner universitären Lehrtätigkeit die Predigt dieser hermeneutische
Ernstfall. Es macht jetzt aber das Spannende dieser nachgelassenen und für
die Veröffentlichung aufgearbeiteten Aufsätze und Skizzen aus,
dass Stalder dieses praktizierte Verstehen und Verständlichmachen gleichzeitig
mit wissenschaftlicher Reflexion und mit grösster Gründlichkeit
begleitet und flankiert. Bei der Lektüre der Beiträge fährt
man mit ihm auf beiden Spuren: in seiner Aneignung und eigenständigen
Auseinandersetzung mit den Sprachtheorien von Saussure und Gadamer und anderen,
aber nicht weniger durchhörbar in den ausgewählten Textbeispielen
in seinen Predigten im Gottesdienst der Kirche und in den Radiopredigten.
Nur wird man beim Spurwechsel von hermeneutischer Analyse und Reflexion
zur konkreten situationsbezogenen Predigt keinesfalls von einer «homiletischen
Schmalspur» reden dürfen. Höchstens wird der Leser/die Leserin
den Zugang und Einstieg von der je eigenen Nähe her wählen. Mehr
als einmal hält sich Stalder nicht sklavisch an die vorher von ihm
entwickelte Sprach- und Verstehenstheorie, aber gerade so wirkt die Predigt
als praktische und korrigierende Verifikation der Methode.
Wohltuend ist bei Stalder mehr als bei anderen theoretischen und praktischen
theologischen Hermeneutikern die konkrete Kirche als ein Resonanzraum hör-
und spürbar, wo er in höchst menschlichen Erfahrungen und Situationen
eine verborgene Heilsfrage aufspürt und von daher den biblischen Text
zu neuem Sprechen befreit.
Für mich sind die Beiträge in der Mitte des Bandes zum Ausgangspunkt
geworden: «Begründung der Predigt in bestehender Gemeinde. Repetitorium
zur Homiletik (151186), und «Das Hauptproblem der Homiletik»
(187206). Von da aus lässt sich vorstossen zu den stärker
theoretischen Thesen: «Sprache und Verstehen von Texten», aber
auch zu seiner «Rechenschaft über die systematischen Voraussetzungen».
Es entspricht den dialogischen und sokratischen Charismen von Kurt Stalder,
wenn die Herausgeber bei der Redigierung der Vorlesungsnachschrift auch
die Zwischenfragen der Hörer/Hörerinnen und die «aus dem
Stand» versuchten Antworten des Theologen und Lehrers Stalder mit
aufgenommen haben.
Hilfreich sind dem Band beigegeben: eine Bibliografie seiner Veröffentlichungen,
die vielfältige Mitarbeit in ökumenischen Kommissionen in der
Schweiz und in Europa. In der Ansprache beim Trauergottesdienst in der christkatholischen
St. Peter- und Paulskirche Bern, im Curriculum Vitae und in einigen Würdigungen
finden sich weitere kennzeichnende Züge dieses Theologen. Ich fühlte
mich dabei an eigene Begegnungen mit diesem gründlich denkenden und
in seinem Sprechen mit sich und dem Partner geduldigen Theologen und Christen
erinnert und noch immer angerührt.
Eine Arbeitshilfe zum Bistumsprojekt «Als Getaufte leben»
dürfte über das Bistum Basel hinaus von Interesse sein: eine Mappe
mit katechetischen Impulsen für die Unter-, Mittel- und Oberstufe,
die von der Katechetischen Arbeitsstelle Solothurn ausgearbeitet wurde.
Bezogen werden kann diese Katechetische Mappe zum Preis von Fr. 15.
über: Bistum Basel, «Als Getaufte leben», Postfach 216,
4501 Solothurn, E-Mail fortbildung@bistum-basel.ch
1 Kurt Stalder, Sprache und Erkenntnis der Wirklichkeit Gottes.
Texte zu einigen wissenschaftstheoretischen und systematischen Voraussetzungen
für die exegetische und homiletische Arbeit. Herausgegeben von Urs
von Arx unter Mitarbeit von Kurt Schori und Rudolf Engler.
Mit einem Geleitwort von Heinrich Stirnimann OP, Universitätsverlag,
Freiburg/Schweiz 2000, 486 Seiten.
Wolfgang Beinert, Das Christentum. Atem der Freiheit, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2000, 320 S.
Wolfgang Beinert, emeritierter Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte
der Universität Regensburg, gibt in diesem Band einen Überblick
über 2000 Jahre Christentum. Der Dogmatiker behandelt zuerst den Stifter
Jesus Christus von Nazareth. Dann folgt der 2000-jährige Weg des Christentums
von einer Kirche in der Welt zur Weltkirche. Der Autor setzt die wichtigsten
Markierungspunkte und zeigt, welch dichtes, komplexes, vielschichtiges und
umfassendes Gefüge das historische Christentum bietet die Kirche
der Sünder, die zugleich Kirche der Heiligen ist. In einem zweiten
Teil geht es in den Abschnitten Glauben, Handeln, Feiern um die Wahrheitssuche
im Leben des Christen. Der Glaube wird für unsere Zeit und ihre Problematik
meisterhaft aktualisiert. Der Abschnitt Handeln behandelt die Fragen der
Normfindung woher kommen die Normen des Lebens? Diese Normsuche ist
nie abgeschlossen. Immer wieder stellen sich neue Probleme (Atomkraft, Internet,
das auch Kinderporno verbreitet). Der dritte Teil befasst sich mit der Frömmigkeit,
der Liturgie und den heiligen Zeiten. Im letzten Abschnitt stellt Beinert
Erfahrung und Glauben gegenüber. Er visiert das Christsein im Bereich
der Religionen und wagt sogar einen positiven Blick in die Zukunft.
Man kann dieses Buch nur bewundern, wie der emeritierte Theologe in einer
umfassenden Zusammenschau alle Bereiche der Theologie überblickt. Dabei
ist seine Diktion nie oberflächlich banalisierend. Überall steht
ihm ein differenziertes Fachwissen zur Verfügung, die souveräne
Kenntnis eines Fachmannes, der die Ernte einer akademischen Laufbahn zusammenträgt.
Miloslaw Kardinal Vlk, «Also avanti!» Christentum und Kirche im Gegenwind der Zeit. Dietlinde Assmus im Gespräch mit dem Erzbischof von Prag, Benno Verlag, Leipzig 1999, 220 Seiten.
Der Kardinal-Erzbischof Miloslaw Vlk von Prag geniesst in Ost und West
des christlichen Europa ausserordentliche Sympathien. Das kann an seinem
für die Untergrundkirche der ehemaligen Tschechoslowakei typischen
Werdegang liegen: die Verfolgung und der Untergrund seit den Fünfzigerjahren.
Seine Karriere führt vom Fensterputzer in Prag, wo er zehn Jahre lang
als Geistlicher mit Berufsverbot tätig war, zum führenden Wegweiser
für die Kirche in Tschechien und zum Präsidenten des Rates der
Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE).
Der Fensterputzer hatte seinerzeit den Kontakt mit der Kirche im Untergrund
gesucht. Auf diesem Wege kam er in engen Kontakt mit einer kleinen Gruppe
der Fokolargemeinschaft. Diese Bewegung wird seine priesterliche Spiritualität
stark prägen.
Dietlinde Assmus, die dieses Buch organisiert hat, gehört auch zum
Kreis von Chiara Lubich. Miloslaw Vlk steht aber über jeden Verdacht,
sich von dieser Bewegung in seinen Entscheiden beeinflussen zu lassen. In
diesem Interviewbuch geht es aber nicht in erster Linie um den Werdegang
eines Bischofs aus dem Untergrund kommunistischer Isolation. Die Fragegespräche
erkunden den pastorellen und theologischen Standpunkt des Erzbischofs von
Prag. Miloslaw Vlk ist hier ein geduldiger Beantworter von bisweilen sehr
privaten und persönlichen Fragen. Seine Ausführungen sind aufschlussreich,
bekunden einen guten Kenner der differenzierten pastorellen Situation in
Ost- und Westeuropa und zeigen eine auffallende persönliche Reife und
Güte, die aus einer lang erprobten leidvollen Erfahrung kommt.
Michael Langer, Anselm Bilgeri, Das Geheimnis erfahren. Mit Abt Odilo durch das Jahr. Ein Kalenderbuch. In Zusammenarbeit mit Andreas Renz und Angelika Schludi, Kösel Verlag, München 2000, 430 Seiten.
Mitten in der Stadt München, im königlichen Bezirk, stehen die Repräsentationsbauten des romantischen Wittelsbachers Ludwig I., geprägt von den philhellenischen Träumen des für die griechische Antike eingenommenen Königs. Dazu gehört auch die überdimensionierte Basilika St. Bonifaz, ein immenser Monumentalbau. Zur Monumentalabtei in der Hauptstadt gehört das idyllische Kloster Andechs, der «heilige Berg», Marienwallfahrtsort, Grab der heiligen Hedwig von Schlesien aus dem Hause Andechs-Meranien und Tante der heiligen Elisabeth von Thüringen. Andechs, im Naherholungsgebiet von München (Andechser Bier!) zieht viele ernst fromme und wohl noch mehr fröhlich durstige Pilger an. Ganz anders ist St. Bonifaz, die Abtei in der Stadt. Sie hat eine bedeutende religiöse, spirituelle Ausstrahlungskraft. Heute steht dafür besonders Abt Odilo Lechner, ein im katholischen München hoch geschätzter Mann, ein Führer vieler Seelen, geistlicher Schriftsteller mit Tiefgang und reich an literarischer Belesenheit und Humanität. Zu seinem 70. Geburtstag haben akademische Freunde und Mitbrüder ein Jahreslesebuch mit kurzen Abschnitten aus dem reichen Schrifttum des Abtes von St. Bonifaz zusammengetragen. Das Buch ist Ausdruck seiner geistigen Weite.