8/2001 | |
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Neue Bücher |
Bald 100 Jahre hat es seinen Dienst getan, das «Lehrbuch der Patrologie»,
das seit 1931 von Berthold Altaner herausgegeben wurde und das als «der
Altaner» zu einem Begriff geworden ist. Jetzt erscheint das «Lehrbuch»
als «Lexikon der antiken christlichen Literatur» mit neuem «Anzug».
Begonnen hat der «Altaner» 1903, als der Bonner Professor Gerhard
Rauschner einen «Grundriss der Patrologie» herausgab und ihm
den Untertitel «Lehrbüchlein für Studenten und Geistliche»
gab. 1910 war aus dem «Lehrbüchlein» bereits ein «Lehrbuch»
geworden, hatte es doch mit zahlreichen Literaturangaben den Beweis eines
Reifeprozesses erbracht. Ab 1921 zeichnete Josef Wittig als Mitredaktor;
damit begann die «Bindestrichtradition», denn das Buch trug
in der 6. und 7. Auflage die Autorenbezeichnung «Rauschen-Wittig».
Bereits 1925 schwappte die Kirchenpolitik in die Edition hinein: Wittig
musste aus der Theologischen Fakultät Breslau ausscheiden. Wegen eines
Beitrages in der Zeitschrift «Hochland», besonders aber wegen
seines zweibändigen Werkes «Leben Jesu in Palästina, Schlesien
und anderswo», kam Wittig erst auf den Index, wurde dann suspendiert
und exkommuniziert; erst 1946 konnte er seine allzu späte Rehabilitierung
durch Pius XII. erleben.
Bereits 1931 war er als neuer Mitredaktor ein anderer Breslauer Professor
in die Herausgabe getreten, Berthold Altaner. Altaner legte 1938 ein neu
konzipiertes und allein von ihm gestaltetes Lehrbuch vor; aus dem «Wittig-Altaner»
war der «Altaner» geworden. In einem Dreierschritt: «LebenSchriftenLehre»
wurden die einzelnen Autoren und anonymen Werke dargestellt. Bis 1960 erschienen
von der «Patrologie», wie das Buch jetzt hiess, sechs Auflagen.
Inzwischen war das Buch erneut in die Unbill der Zeiten hineingeraten, diesmal
nicht der Kirchen-, sondern der Weltpolitik. Bereits 1933 hatte Altaner
zufällig aus der Abendausgabe einer Zeitung vernommen, dass er «wegen
staatsfeindlichen Umtrieben aus seinem Amt als Universitätslehrer entlassen»
sei; einzig die Arbeit an der Patrologie half über die Zwangsemeritierung
hinweg. Der nächste, viel schwerere Schlag erfolgte 1945. Der unaufhaltsame
Vormarsch der Russen erzwang die Räumung Breslaus; Altaner musste auf
Weisung des deutschen Sicherheitsdienstes seine Wirkungsstätte verlassen
und kam in einer wahren Odyssee über Görlitz, Leitmeritz, Prag,
Pilsen in die Oberpfalz. Mitte November 1945 konnte Altaner im total zerstörten
Würzburg nach 12-jähriger Vorlesungspause seine Lehrtätigkeit
wieder aufnehmen. Doch hatte er keine Bibliothek, die war in Breslau
inzwischen zu Wroclaw geworden geblieben; für die Vorbereitungen
seiner ersten Vorlesungen musste ihm ein Klosterspiritual «seine»
Patrologie ausleihen. Mit Hilfe von Freunden aus dem In- und Ausland konnte
er eine bescheidene Privatbibliothek aufbauen, die es ihm erlaubte, weiter
an seiner Patrologie zu arbeiten. In diese Zeit fällt erneut eine kirchenpolitische
Episode: Altaner nahm in einer Aufsehen erregenden Artikelserie Stellung
zur Frage der Definibilität der leiblichen Himmelfahrt Mariens, weil
es ihm wie er schrieb um die «heute doppelt und dreifach
notwendige Zusammenarbeit aller christlichen Bekenntnisse im Existenzkampf
des Christentums» ging.
Im Frühjahr 1959 übergab Altaner sein Handbuch Alfred Stuiber,
der bereits 1960 eine erweiterte Neuauflage herausbrachte; 1966 kam dann
die siebte Auflage als «Altaner-Stuiber» heraus, von der weitere,
unveränderte Auflagen 1978 und 1980 erschienen.
Das Werk, ein «einbändiges, schnell informierendes, die wichtigsten
bibliographischen Angaben hinsichtlich Textausgaben und wissenschaftlicher
Literatur bietendes Werk» wollte «einen ersten Eindruck von
Persönlichkeit und uvre eines Kirchenvaters» vermitteln. Unter
diesem «Gesichtspunkt war der ÐAltanerð für Generationen
von Theologen ein unentbehrliches Buch». Er wurde «zwar kaum
als Ganzes gelesen, aber wie ein Lexikon zur Erstinformation herangezogen».
Diese Charakterisierung stammt von den beiden Herausgebern des «neuen»
Altaner: Siegmar Döpp, Professor für Klassische Philologie an
der Universität Göttingen, und Wilhelm Geerlings, Professor für
Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie an der
Universität Bochum. Sie haben damit auch die Linie angegeben, die wegleitend
dafür war, dem Buch einen neuen Anzug zu schneidern: «die neuen
Herausgeber haben sich entschlossen, mit der historisch-genetischen Darstellung
des ÐAltanerð zu brechen und dessen lexikalische Nutzung in ein
konsequent aufgebautes Lexikon umzusetzen».<1>
Da aber heute kaum ein einzelner Forscher die gesamte christliche Literatur
überblicken kann, wurden für die einzelnen Artikel Spezialisten
herangezogen; besonders «die Erforschung der orientalischen Nationalliteraturen
(hat) eine Vielzahl neuer Erkenntnisse hervorgebracht». Doch «für
den Übergang zu einer konsequent literaturwissenschaftlichen und gattungsgeschichtlichen
Darstellung der christlichen Literatur fehlen die Vorarbeiten», bemerken
die Herausgeber. «In dieser Situation schien es den Herausgebern angebracht,
neben den prosographischen Artikeln auch solche zu Fragen der literarischen
Gattungen, Schulen und Sprachen aufzunehmen.» In der Regel «wurde
darauf verzichtet, bei den einzelnen Schriftstellern theologische Lehrinhalte
anzuführen». Ob diese totale Abnabelung von der Dogmen- und Kirchengeschichte
dem «neuen» Altaner wohl bekommt, wage ich zu bezweifeln. Man
hat zudem den Eindruck, dass nicht alle Autoren sich sklavisch an diese
Vorgabe der Herausgeber gehalten haben. Vom literaturgeschichtlichen Standpunkt
bringt dieses «Lexikon» sicher das heutige Wissen über
Leben und Werke der Kirchenschriftsteller der ersten christlichen Jahrhunderte
kurz und knapp zur Darstellung. Für den Theologen bleiben traditionelle
Werke, wie jenes von Quasten, de Berardino oder die beiden Taschenbücher
von Campenhausens über die griechischen und lateinischen Kirchenväter
von Bedeutung, weil die Kirchenväter für ihn die «privilegierten
Zeugen des Glaubens und der Tradition der Kirche» sind und die Kenntnis
der «Lebens- und Denkwelt», aus der heraus sie ihre Werke geschrieben
haben, für ihre Einordnung von Bedeutung ist.
1 Lexikon der antiken christlichen Literatur. Herausgegeben von Siegmar Döpp und Wilhelm Geerlings unter Mitarbeit von Peter Bruns, Georg Röwekamp und Matthias Skeb OSB, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 1998, 22000, 652 Seiten.
Die Spracharbeit zeitgenössischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen
als Brücke zu neuer religiöser Wahrnehmungs- und Sprachfähigkeit
gegen den drohenden Wirklichkeitsverlust kirchlichen Redens. Darum geht
es in den Luzerner Abendgesprächen über Literatur und Religion,
die vom Institut für Weiterbildung (IFOK) und vom Katechetischen Institut
der Theologischen Fakultät Luzern als Fortbildung angeboten werden.
Die vier Abende finden jeweils mittwochs von 17.15 bis 19 Uhr im Universitätsgebäude
(Pfistergasse 20) statt.
9. Mai Dr. Arnold Stadler (Germanist und Schriftsteller): «Die Menschen
lügen. alle.» Die Psalmen in einer Sprache, die lebt.
16. Mai Prof. Dr. Dorothee Sölle (Theologin und Schriftstellerin):
«Das Eis der Seele spalten». Theopoesie in sprachloser Zeit.
30. Mai Dr. Christoph Gellner (Dozent für Theologie und Literatur):
«Vielleicht hält sich Gott einige Dichter...». Was von
Gegenwartsschriftstellern und -schriftstellerinnen theologisch zu lernen
ist.
6. Juni Peter Wild (Theologe, Germanist und Meditationsleiter): Weder Verkündigung
noch Schweigen. Werner Lutz, Magdalena Rüetschi und Philippe Jacottel
spirituell gelesen.
Detailprogramm, Informationen und Anmeldung: IFOK (Institut für Weiterbildung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern), Abendweg 1, 6006 Luzern, Telefon 041-4194820, Fax 041-4194821, E-Mail ifok@unilu.ch
Joachim Köhler, Geschichte Last oder Befreiung. Ausgewählte Vorträge und Aufsätze. Herausgegeben von Rainer Bendel unter Mitarbeit von Christoph Holzapfel und Christian Handschuh, Schwabenverlag, Ostfildern 2000, 250 S.
Der Tübinger Kirchenhistoriker Joachim Köhler hat von 1965 bis zu seiner Emeritierung eine stattliche Reihe historischer Arbeiten geschaffen und zu einem grossen Teil in Fachzeitschriften publiziert. Diese Arbeiten haben zwei Schwerpunkte: Schlesien Köhlers Heimat, und dann immer intensiver, mutiger und kompetenter: Württemberg, die Diözese Rottenburg-Stuttgart und ihr rühriger Geschichtsverein. Joachim Köhler ist in all diesen Arbeiten ein kritischer Forscher und Denker, der gängige Ansichten hinterfragt und sie in neue Zusammenhänge stellt. Die Herausgeber dieses Bandes, Rainer und Lydia Bendel, edieren ausgewählte Vorträge und Aufsätze des Jubilars. Joachim Köhler hat auch für wenig spektakuläre Gelegenheitsarbeiten sorgfältig recherchiert. Ihre Fragestellungen sind heute durchwegs aktuell. Da geht es um mittelalterliche Legenden und ihren jeweiligen Stellenwert. Er stellt Bonifatius, den Apostel der Deutschen, und Wolfgang, den Bischof von Regensburg, in Frage, indem er die Motive der zeitgenössischen Legendenschreiber unter die Lupe nimmt. Er bewundert Franz von Assisi als den unbequemen Kritiker. Dann folgt eine subtile Studie über Heinrich Seuse, den Mystiker im Wettstreit von Weltverantwortung und Weltflucht. Köhler analysiert auch die heutige Kirchensituation und die Schwierigkeiten vieler, sich mit Neuem auseinander zu setzen. So zeigt der heute emeritierte Tübinger, dass die Geschichte, besonders die Kirchengeschichte, wenn man sie kritisch hinterfragt, viel aktueller ist, als man gemeinhin annimmt.
Joachim Köhn, Beobachter des Vaticanum I. Die römischen Tagebücher des P. Georg Ulber OSB, (Quellen und Studien zur neueren Theologiegeschichte, Band 4), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2000, 424 Seiten.
Der Einsiedler P. Georg Ulber wirkte während des Ersten Vaticanums
als Sekretär und beratender Theologe seines Abtes Heinrich Schmid (18011874;
seit 1841 Abt des Stiftes). Als Abbas nullius und zugleich als Präses
der Schweizerischen Benediktiner-Kongregation hatte Abt Heinrich Sitz und
Stimme im Konzil. P. Georg Ulber war zugleich auch theologischer Berater
des Weihbischofs von Chur, Caspar Willi, der auch Mönch von Einsiedeln
war. Er wird 1877 die Nachfolge des Bischofs Nikolaus Franz Florentini antreten.
P. Georg Ulber führte über die Zeit seiner Tätigkeit als
Sekretär ein Tagebuch. Zwar konnte er an den Konzilsberatungen nicht
teilnehmen, er referiert über die Gespräche mit seinem Abt, dem
Weihbischof und anderen gelegentlichen Informanten. Dazu hatte er auch Einsicht
in die vorbereitenden Konzilstexte. Die Kontakte zu nationalen Bischofskonferenzen
blieben private Treffen ausgenommen spärlich. Die Bischöfe
waren nicht so organisiert wie auf dem Vaticanum II. Die Fronten in der
Unfehlbarkeitsfrage verliefen mitten durch die Nationalitäten. Selbst
unter den Benediktinern, die zu den Konzilsvätern gehörten, gab
es Differenzen und Animositäten. Die italienischen Cassinenser und
Sublacenser mochten sich nicht riechen.
Die zwei Benediktiner Konzilsväter aus Einsiedeln waren über die
Unfehlbarkeitsvorlage nicht begeistert. Sie mussten ahnen, dass das in der
konfessionell gespaltenen und politisch polarisierten Schweiz zu Komplikationen
führen werde. Schliesslich hofften sie auf die Weisheit der Mehrheit
und den Heiligen Geist. Abt Heinrich Schmid hatte zur Debatte zwar ein vermittelndes
Eintretensvotum vorbereitet. Er kam nicht zum Einsatz, da die Debatte vorzeitig
beendet wurde. Der Abt war unter den 44 Geprellten.
P. Georg blieb während den Sitzungen der Konzilsväter viel Zeit,
Rom zu erkunden. Darüber gibt es viele interessante Erfahrungen über
das päpstliche Rom und den Kirchenstaat, der in den letzten Zügen
lag.