1/2001

INHALT

Neue Bücher

Volksfrömmigkeit in der Schweiz

Ernst Halter/Dominik Wunderlin, Volksfrömmigkeit in der Schweiz. Mit acht Fotoreportagen von Giorgio von Arb, Offizin Verlag, Zürich 1999, 547 Seiten.

Zu einer Zeit, in der die Nachteile einer fortschreitenden Technisierung und Rationalisierung des Menschen und seiner Umwelt immer spürbarer werden, ist die Suche nach grösserer Lebensqualität durchaus verständlich. In diesem Kontext kann man auch das steigende Interesse an religiösem Brauchtum, an Vertrauen gebundenen Heilspraktiken und das weite, schwer fassbare Gebiet der Esoterik sehen. Kommt dazu, dass nach einer nicht von allen verstandenen und auch nicht immer glücklich propagierten Liturgiereform die populäre Frömmigkeitspraxis neuen Auftrieb erhält ­ zur Freude von Car-Unternehmen, die sich auf diese Frömmigkeitsformen direkt einrichten.
Der umfangreiche Band bietet eine Sammlung von Aufsätzen, die im Zusammenhang mit der Volksfrömmigkeit in der Schweiz stehen. Über religiöses Brauchtum im Jahreslauf einer katholischen Pfarrgemeinde in der Innerschweiz berichtet der emeritierte Pfarrer von Kerns, Karl Imfeld. Wie überall im Bereich der Volksfrömmigkeit erscheint da Allgemeingültiges im Gewand des Lokalkolorits. Paul Hugger knüpft seine Untersuchungen an den Lebenslauf des Menschen: Geburt und Taufe (auch der Umgang mit dem Tod ungetaufter Kinder); Initiationsriten im Jugendalter (Erstkommunion, Firmung, Konfirmation); dann die Fülle des Lebens (Verlobung und Hochzeit, Primiz und Ordensprofess). Es folgt das reiche Brauchtum im Zusammenhang mit dem Sterben (Versehgang, Totenwache, Bestattung, Grabpflege).
Speziellen Formen der Volksfrömmigkeit sind eigene Studien gewidmet: marianische Frömmigkeit (F.T. Schallberger), Wallfahren und Pilgerwesen (P. Hugger). Von Paul Hugger stammt auch die Abhandlung «Der Eremit. Eine Leitfigur in der katholischen Frömmigkeit». Er wird ergänzt von Pirmin Meier mit seiner Studie «Schweizer Dorfheilige in der Verehrung des Volkes». Der Bruder-Klausen-Biograph Pirmin Meier stellt den Landesvater als Helfer in den letzten Dingen vor. Von Pirmin Meier stammt auch die Präsentation des Vaters Wolf von Rippertschwand, «ein katholischer Pietist und Luzerner Volksheiliger».
Weitere Themen bieten das religiöse Theater, Heiliggrab, Wallfahrtsumritte, Schlachtjahrzeiten, Klosterarbeiten von zarten Frauenhänden.
Auch die protestantische Volksfrömmigkeit in kirchlichen und ausserkirchlichen Formen wird thematisiert. Der Band enthält auch Überlegungen zur Jugendreligiosität in den achtziger Jahren. Ferner wird Volksfrömmigkeit mit Neuheidentum konfrontiert.
Die acht Fotoreportagen sind eine willkommene Bereicherung. Wir sind dem Autorenteam dankbar, dass sie sich an ein so reiches und unerschöpfliches Thema herangewagt haben. Es ist zu hoffen, dass interessierte Lokalhistoriker zu Forschungen angeregt werden. Das Thema ist ja unerschöpflich, und hier ist nun besonders die Lokalgeschichte gefordert.

Leo Ettlin


Pilgerreisen

Norbert Ohler, Pilgerstab und Jakobsmuschel. Wallfahrten in Mittelalter und Neuzeit, Artemis & Winkler, Düsseldorf und Zürich 2000, 272 Seiten.

Der Autor, Professor für Geschichte an der Universität Freiburg i.Br., betrachtet die Wallfahrten vom Frühen Christentum über das reisefreudige Mittelalter und die Krise der Reformation und Gegenreformation bis in die Neuzeit und Gegenwart, wo besonders Marienwallfahrtsorte als Reiseziel von Pilgern geschätzt sind, die sich in ihren vollklimatisierten Autocars keine Vorstellung mehr machen können von der Pilgermühsal von einst.
Norbert Ohler hat auf dem Gebiet der Sozial- und Kulturgeschichte des Mittelalters einen Namen von europäischem Rang. Das Vorgängerbuch «Reisen im Mittelalter» war in Fachkreisen ein anerkanntes Werk. In seinem neuen Reisebuch spezialisiert sich die Darstellung auf die religiös motivierte Pilgerschaft, spannt aber den zeitlichen Bogen vom Beginn der Peregrinatio bis in unsere reisefreudige Gegenwart. Dabei stellt der Sozialhistoriker das soziale und kulturelle Umfeld vor. Er schöpft aus einem reichen Fundus an Überlieferungen, Epen und frommen Anekdoten. Auf diese Weise wird die Pilgerschaft wieder konkret und lebendig. Man erfährt hier viel über die Infrastruktur dieser Pilgerreisen: die Almosen und die Hospize, Gefahren von Räubern und Schwindlern, die Not der Geprellten, Unfälle und Krankheiten. Wer einst Geschichte als mit Daten reich befrachtete Herrscherpolitik erfahren hat, findet in diesem hochinteressanten Buch das Umfeld zum Verständnis eines Phänomens, das die Kirchengeschichte geprägt und zum Teil auch belastet hat.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001