40/2001

INHALT

Berichte

Europa und Solidarität

von Weihbischof Martin Gächter

 

Zu einem freien Austausch zwischen den verschiedensten Pfarreien Europas trafen sich auf Einladung des Colloquiums Europäischer Pfarreien (CEP) vom 8. bis 13. Juli 2001 in Girona (Spanien) über 200 Laien und Seelsorger. Seit 1961 findet alle zwei Jahre ein solches Colloquium statt; dieses Mal war es dem Thema «Europa und Solidarität» gewidmet, der sozialen Dimension des christlichen Glaubens. Die deutsche und die französische Schweiz war mit 20 Teilnehmern und Teilnehmerinnen vertreten. Grosse Gruppen kamen aus Katalonien (Spanien), Belgien, Deutschland, Frankreich, England, Italien, Österreich und Portugal.
Der Soziologe und Pfarrer Marc Feix (Strassburg) wies auf die manchmal verborgene Armut in unserer nächsten Nähe hin, für welche die Christen in den Pfarreien besonders aufmerksam sein sollten.
Prof. Heinrich Pompey, Professor für Caritas-Wissenschaften an der Universität Freiburg i.Br., zeigte die vielen materiellen und geistigen Nöte unserer Zeit auf, welche für die Christen und Kirchen grosse Herausforderungen darstellen. Mehrere Studenten aus postkommunistischen Ländern Osteuropas sprachen in Girona über die soziale Situation in Rumänien, Russland, Ukraine und Ungarn. Sie erzählten, wie im Kommunismus der Staat, nicht der Einzelne, sozial tätig war. Freiwillige gab es damals im Gebiet der Freizeit und des Sportes, nicht aber im Sozialbereich. Nach dem Niedergang des Kommunismus gilt es nun, die soziale Freiwilligenarbeit wie auch die kirchliche Caritas aufzubauen. Daher studieren jetzt auch einige orthodoxe Theologen in Freiburg Caritas-Wissenschaften. Der Ausbau der Caritas ist entscheidend wichtig in der orthodoxen Kirche, die durch ihre starke Pflege der Liturgie bekannt ist. Auch in den westlichen Kirchen ist die Diakonie wichtig. Sie ist mehr als Sozialdienst, sie ist auch grösste Verkündigung, da die christliche Liebe Gott erfahrbar macht. Gott steht ja nicht über dem menschlichen Leiden. Er kommt in unser Leiden. Jesus nimmt das Leid nicht weg, sondern trägt und verwandelt es. Mit Jesus bringen wir in die Diakonie seine Liebe allen Armen, Kranken, Leidenden, Fremden und Ausgestossenen.
Ausgiebig tauschten die Pfarreimitglieder über ihre sozialen Aktionen mit Asylsuchenden, Arbeitslosen, alten Menschen und Ausländern aus.
In den Länderberichten wurden die Erfahrungen der Schweizer mit AD 2000 (Diözesanversammlung des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg) und mit der «Ökumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz» mit grossem Interesse aufgenommen. Die Österreicher berichteten, wie dort in ähnlicher Weise ein «Sozialwort der Kirchen» entsteht, an dem sich 14 christliche Kirchen und Freikirchen in Österreich beteiligen. Aus dem Bistum Hildesheim wurde vom «Pilotprojekt pastorale Räume» aufgrund des Priestermangels berichtet.
Neben den anregenden Vorträgen und Länderberichten sind die vielen Diskussionen und persönlichen Gespräche äusserst anregend. Zum CEP gehört immer auch ein abendlicher Besuch in einer Pfarrei am Ort. Ein geistliches Konzert mit alter Chormusik erklang in der riesigen Kathedrale von Girona. Unvergesslich war auch die eindrückliche Wallfahrt auf den Montserrat.
Viele freuen sich auf das nächste Colloquium der Europäischen Pfarreien, das in zwei Jahren in der Schweiz stattfinden wird, und zwar am 5.­11. Juli 2003 in Freiburg. Das erste Colloquium des CEP hat 1961 in Lausanne stattgefunden. Seither fand es nie mehr in der Schweiz statt. Das Thema für 2003 wird auf demokratischem Wege erst noch gesucht. Das Colloquium wird von Leuten aus verschiedenen Pfarreien Europas («von unten») organisiert, was auf internationaler Ebene nicht immer leicht ist. Sicher brauchen wir fürs nächste CEP vom Juli 2003 in Freiburg noch viele Helferinnen und Helfer aus der katholischen Kirche der Schweiz.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001