33-34/2001

INHALT

Berichte

Heute aus der Kraft des Anfangs wirken

von Rolf Weibel

 

Die Vertiefung der Identität der Kongregation der Schwestern vom Heiligen Kreuz zu Menzingen durch ein prozesshaftes und gemeinsames Suchen hatte sich das Generalkapitel vorgenommen, das vom 2. Juli bis 3. August 2001 im Mutterhaus 52 Delegierte der 2300 Schwestern in den 13 Provinzen zusammengeführt hatte. Dieses gemeinsame Suchen führte zur grossen Freude der Kapitularinnen zu einer einstimmig verabschiedeten Botschaft an die Mitglieder der Kongregation; der Abschluss des Kapitels war mit der Wahl der neuen Generalleitung insofern überraschend, als es zu nur einer Wiederwahl kam.
Im Anschluss an das Generalkapitel stand die bisherige und die neue Generalleitung den Medien Red und Antwort. Zunächst skizzierte Sr. M. Emmanuela Okle den Ablauf der vierwöchigen Arbeit. Zuerst stellte die vom letzten Generalkapitel beschlossene Historische Kommission ihre Forschungen über die Gründungszeit und das Leben und Wirken der ersten Schwestern vor; unterstützt wurde sie dabei von Prof. Carlo Moos. Dass dieses Generalkapitel am Gründungsort mit der Grabstätte der Gründerin Mutter Bernarda Heimgartner (1822­1863) abgehalten wurde, erwies sich vor allem für die Schwestern aus Übersee als eine besondere Erfahrung. In einem weiteren Schritt berichteten die Provinzoberinnen, wie sie die vier Dimensionen des Menzinger Charismas ­ Sendung, Gemeinschaft, Gelübde, Spiritualität ­ in ihrem jeweiligen Kontext umsetzen; darüber wurde ein Austausch gepflegt. Im nächsten und längsten Abschnitt hatten sechs Arbeitsgruppen je ein Thema der vier Dimensionen zu vertiefen, das Gründungscharisma in die heutige Zeit zu übertragen und eine Botschaft an die Schwestern zu formulieren; dabei wurde das Kapitel von Prof. Walter Kirchschläger beraten. Anschliessend wurden die 61 dem Generalkapitel eingereichten Voten beraten. Fragen des Charismas und der Spiritualität waren zum Teil bereits in der Botschaft berücksichtigt worden, Strukturfragen und Satzungsänderungen wurden beraten; wo es um geringfügige Anpassungen ging, wurden diese vorgenommen, ansonsten als Vorarbeit für eine spätere Satzungsänderung besprochen. Abgeschlossen wurde das Generalkapitel mit der Wahl der Generaloberin und der fünf Generalrätinnen, die als Generalleitung ihr Amt am 14. Januar 2002 in Luzern übernehmen werden.<1>

Eine Vision für die Zukunft

Die heutige Standortbestimmung der Schwestern vom Heiligen Kreuz, ihre Vision der Zukunft ergebe sich aus dem Dialog zwischen der Vision der Gründungszeit und den Herausforderungen der heutigen Zeit, betonte Sr. Finbarr Coffey, die noch amtierende Generaloberin. Die Vision der Gründungszeit, die von der Gründerin gelebten Werte, sei ein Geist der Offenheit zur Welt und die Überzeugung: das Leben hat das letzte Wort. Mit Mutter Bernarda Heimgartner glauben die Schwestern vom Heiligen Kreuz an die Bildungs-, Entwicklungs- und Glaubensfähigkeit des Menschen, trotz der säkularisierten Welt. Deshalb konzentriere sich die Kongregation auf die Entwicklung des Menschen; die Zielgruppen seien vor allem benachteiligte Jugendliche, Frauen und Familien. Über das Leben dürfe indes nicht nur gesprochen werden, es müsse gelebt werden ­ wie sich die Identität nur entdecken lasse, «wenn wir auf dem Weg sind». So gelte es, die gemeinsame Identität als Kongregation ­ ihr Institut sei eine Kongregation und nicht eine Föderation ­ und ihre Inkulturation in den Provinzen zusammenzuhalten. Sei in den 1970er- und 1980er-Jahren das Lokale sehr und das Gemeinsame wenig betont worden, hätten die 1990er-Jahre zur Erkenntnis geführt, dass die Inkulturation viel komplexer sei und dass die Einheit der Vielfalt diene.

Bernarda Heimgartner in vier Kontinenten

Stellungnahmen aus vier Kontinenten veranschaulichten sodann die Möglichkeit, das gemeinsame Sein und Wollen in unterschiedlichen Zusammenhängen zu verwirklichen. Die Gesellschaft Lateinamerikas gleiche in vielem der Gesellschaft der Gründungszeit, stellte Sr. Maria Regis Simonyi fest. Heute sei Lateinamerika auf der Suche nach Wegen der Entwicklung und leide dieser Kontinent unter ungerechten sozialen Strukturen. Das einzige Mittel dagegen sei die Bildung; die ganzheitliche Förderung des Menschen als Hauptanliegen der Kongregation sei für die Schwestern in Lateinamerika deshalb eine Freude. Vor 100 Jahren sind die ersten Menzinger Schwestern in Chile angekommen; als Dank dafür werde Ende Jahr in Peru ein Projekt begonnen, mit dem 80000 Kindern und Jugendlichen durch eine ganzheitliche Erziehung Zugang zu besseren Lebensverhältnissen ermöglicht werden soll.
Auch in Asien sind die Menzinger Schwestern seit bald 100 Jahren tätig: seit 1906 in Indien und seit 1930 in Sri Lanka. Nach Sri Lanka seien die Schwestern, die Pionierschwestern gekommen, um in den öffentlichen Spitälern zu arbeiten, weil die Frauen in Kerala keinen Dienst an den Kranken ausüben wollten. Ihr Beispiel ermöglichte den Aufbau der ersten Pflegerinnenschule. Heute beschäftigen sich die Schwestern vor allem mit Menschen, die in ihrer Entwicklung benachteiligt sind, unter anderem auch mit Kriegsopfern. Für die Schwestern in Sri Lanka und Indien ist das wichtigste Bedürfnis in der heutigen Zeit die Ermächtigung der Frauen.
Nach Afrika kamen die Menzinger Schwestern vor 118 Jahren; heute haben sie in fünf Staaten südlich des Äquators Niederlassungen, die zu vier Provinzen gruppiert sind: Kap, Lesotho, Südafrika und Sambia. Die Schwestern sind, wie Sr. Maria Chiedza Mutasa orientierte, auf ganz verschiedenen Arbeitsfeldern tätig: Erziehung, Gesundheitspflege, Gemeinwesen- und Sozialarbeit, kirchlicher Dienst, Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, Flüchtlingshilfe... In allen Tätigkeitsgebieten gehe es um das eine Ziel: die ganzheitliche Entfaltung im Geist des Evangeliums, die Entfaltung der einzelnen Menschen, der Familien und Gemeinschaften. Zugute kommen soll der Einsatz der Schwestern besonders den Besitzlosen, Benachteiligten, Unterdrückten ­ den Randgruppen. Dabei wollen sie mit anderen nationalen und internationalen sowie mit kirchlichen Organisationen und Glaubensgemeinschaften, welche die gleichen Ziele verfolgen, zusammenarbeiten.
Die Oberin der Schweizer Provinz und gewählte Generaloberin Sr. Anne Roch zeigte sich erfreut, dass das Kapitel für alle Provinzen in der ganzen Welt eine gleiche Zielsetzung und Ausrichtung erarbeiten konnte. In der Schweiz, dem Gründungsort der Kongregation, die Verbindung mit der ganzen Welt erlebt zu haben, sei für die Kapitularinnen eine starke Erfahrung, Bei allen Unterschieden der Mentalitäten, Kulturen, Bedürfnissen und religiösen Sprachen die Einheit zu spüren, sei ein Erlebnis von Kirche im Kleinen, führte sie aus. Zugleich betonte sie die Eigenständigkeit der überseeischen Provinzen. «Die Schwestern aus der Dritten Welt wollen ihre Probleme selbständig lösen. Wir haben auch von ihnen zu lernen, tolerant und offen zu sein für ihre Arbeitsweise und ihre Eigenart. Wir müssen warten können.»
In Europa wollen sich die Schwestern auf Schwerpunkte konzentrieren: sie wollen den Menschen durch ihre Werte, ihren Glauben und ihre Spiritualität begegnen und dabei besonders Menschen, die auf der Suche nach Spiritualität und Lebenssinn sind, erreichen und unterstützen ­ in den Pfarreien, aber auch ausserhalb der Kirche; sie wollen ihre Gemeinschaften für Frauen, die nach Orientierung suchen, öffnen, und ihre Mitarbeit in Organisationen und Vereinen, die sich für mehr Gerechtigkeit und gegen Ausbeutung von Mensch und Natur einsetzen, intensivieren. In Italien setzen sich die Menzinger Schwestern namentlich mit einem Projekt in Mailand für die Integration von Immigrantenkindern ein; in Deutschland wollen sie Schwestern für den pastoralen Dienst ausbilden lassen sowie Angebote für junge Frauen zur Berufsbildung machen, und in der Schweiz wollen sie ihre Arbeit in gleichgesinnten Frauenorganisationen wie dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund intensivieren.


Anmerkung

1 Als Generaloberin wurde die Schweizer Provinzoberin Sr. Anne Roch gewählt, als Generalrätinnen Sr. Edith Altschäffl (Provinz Deutschland), Sr. Adalberta Drosdowski (Provinz Südafrika), Sr. Telma Manickanamparambil (Provinz Südindien), Sr. Victorine James (Provinz Sri Lanka), und Sr. Maria Regis Simonyi (noch Oberin der Provinz Lateinamerika).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001