29-30/2001

INHALT

Berichte

"Gemeinsamkeit bestätigt, Differenz fordert heraus"

von Daniel Kosch

 

Am Wochenende von Christi Himmelfahrt fand in Batschuns (Vorarlberg) das 1. Bibelsymposium statt. 42 Teilnehmende, vorwiegend Leiterinnen und Leiter von Bibelrunden und Mitarbeitende in der biblischen Erwachsenenbildung nahmen teil. Thema war die religiöse Entwicklung im Erwachsenenalter und deren Bedeutung für die Bibelarbeit. Ziel war ein Konzept gemeinsamen Lernens, das die Verschiedenheit der Teilnehmenden nicht als Störung betrachtet, sondern für die Entwicklung jedes einzelnen Menschen fruchtbar werden lässt.
Verschiedenheit der Teilnehmenden war aber nicht nur Tagungsthema, sondern auch Realität. Wie die Trägerschaft war auch die Kursgruppe zusammengesetzt: Grenzüberschreitend (vorwiegend aus Österreich und der Schweiz), ökumenisch und mit verschiedenen persönlichen und fachlichen Voraussetzungen (Theologen/Theologinnen, Laien, Erwachsenenbildner/Erwachsenenbildnerinnen). Eingeladen hatten die Batschunser Bibelschule, die Bibelpastorale Arbeitsstelle in Zürich, das Bildungshaus Batschuns, die Liechtensteinische Erwachsenenbildung Stein-Egerta und wtb-Deutschschweizer Projekte Erwachsenenbildung. Diese Institutionen sind durch unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit im Bereich biblischer Bildungsarbeit miteinander verknüpft. Und sie nehmen an verschiedenen Orten das Bedürfnis nach qualifizierter Weiterbildung in der Bibelarbeit wahr.

Stufen der religiösen Entwicklung

Am Anfang der Tagung standen zwei Bilder: Mohnblumen in unterschiedlichen Stadien ihrer Entfaltung und eine Wendeltreppe. Eine Bibelrunde oder eine Kursgruppe ist wie ein Mohnblumenfeld: Was bei manchen in voller Blüte steht, ist bei anderen noch im Knospenstadium, während bei Dritten bereits die Früchte sichtbar werden. Und religiöse Entwicklung verläuft stufenweise, aber zugleich so, dass man immer wieder an den gleichen Punkten vorbeikommt, die man aus unterschiedlicher Perspektive wahrnimmt ­ wie eine Wendeltreppe eben. Dem genauer auf die Spur zu kommen, war das Anliegen des ersten Blocks. Barbara Knittel (Theologin und Psychotherapeutin, Feldkirch), Brigitte Schäfer (Theologin und Sozialwissenschafterin, Zürich) und Helga Kohler-Spiegel (Religionspädagogin, Feldkirch) erschlossen das Thema einerseits biographisch-persönlich, anderseits wissenschaftlich-theoretisch. Vorgestellt wurden die Stufen des Selbst und des Glaubens, wie sie James W. Fowler herausgerbeitet hat, und die Stufen der religiösen Entwicklung, wie sie Wolfgang Esser unter dem Titel «Gott reift in uns» aufgezeigt hat. Gemeinsam ist beiden Modellen, dass sie auch im Erwachsenenalter mit einer religiösen Entwicklung rechnen, die an die gesamtmenschliche Entwicklung gebunden, aber auch von Anregungen der Umwelt abhängig ist. Religiöse Bildungsarbeit und auch die gemeinsame Beschäftigung mit der Bibel muss dem unterschiedlichen Entwicklungsstand der Teilnehmenden Rechnung tragen und zugleich das Ziel verfolgen, diese Entwicklungen zu begleiten und zu unterstützen.

Abschied und Erinnerung

Im mittleren Teil der Tagung standen biblische Texte im Vordergrund. Anhand der Erzählung von Christi Himmelfahrt zeigte Daniel Kosch (Theologe, Zürich) auf, dass die Verarbeitung des überraschenden und gewaltsamen Todes eine extreme Herausforderung darstellt, die starke religiöse Reaktionen provoziert. Solche Reaktionen gibt es auch ausserhalb des «religiösen Bereichs». Dass zum Beispiel um die unter dramatischen Umständen ums Leben gekommenen Idole Elvis Presley und Lady Diana ein eigentlicher «Kult» entstand, deutet darauf hin, dass es ein kollektives Bedürfnis nach Verarbeitung solcher Zäsur-Erfahrungen gibt.
Die Botschaft der Himmelfahrtserzählung, die den Abschied vom gekreuzigten Jesus verarbeitet, lautet: Um solche dramatischen Entwicklungsschritte gut zu bewältigen, ist beides wichtig: Der Abschied und die Erinnerung. Die Freundinnen und Freunde Jesu sollen von seiner irdischen Gegenwart Abschied nehmen (und nicht «in den Himmel starren») und zugleich die Erinnerung an Galiläa und das befreiende Handeln des Mannes aus Nazaret bewahren. Abschied und Erinnerung gehören zusammen, während das eine ohne das andere krank macht: Erinnerung ohne Abschied führt zur Fixierung und Abschied ohne Erinnerung führt zur Verdrängung.

Lernfähig, aber unbelehrbar

Im letzten Drittel stand die Bibelarbeit in vielfältigen Gruppen im Vordergrund. Mit Hilfe von Ansätzen der konstruktivistischen Pädagogik machte Brigitte Schäfer deutlich, dass traditionelle Lernkonzepte aus dem Schulbereich in der Erwachsenenbildung zu Schwierigkeiten führen, weil sie die Verschiedenheit der Teilnehmenden als Störung betrachtet und weil die Idee gemeinsamer Lernziele der Realität nicht angemessen ist. Lerngruppen arbeiten zwar miteinander und entwickeln bis zu einem bestimmten Grad eine gemeinsame Problemsicht, aber jede/jeder arbeitet sich auf unterschiedlichem individuellen Stand an seinem/ihren Thema ab. Prägnant formuliert: «Der Mensch ist lernfähig, aber unbelehrbar».
Je nach Situation haben die Einzelnen auf ihrem Lernweg unterschiedliche Bedürfnisse: Wer einen neuen Entwicklungsschritt hinter sich hat, ein neues Deutungsmodell ausprobiert und noch Unsicherheit verspürt, braucht Bestätigung. Wer spürt, dass das Bisherige nicht mehr passt und vor einem weiteren Entwicklungsschritt steht, braucht Herausforderung. In diesem Zusammenhang ist ein weiteres Motto zu beachten: «Gemeinsamkeit bestätigt, Differenz fordert heraus».
Für Leitende in der Bibel- und Bildungsarbeit ergeben sich daraus anspruchsvolle Aufgaben:

Praktische Konsequenzen

Am Ende stand die Frage nach der praktischen Umsetzung. Robert Büchel (Erwachsenenbildner, Schaan) regte dazu an, nächste Schritte ganz konkret zu planen und auf das Symposium Rückmeldungen zu geben. Ganz spontan wurden Handlungsschritte beschlossen: Einige gründeten vor Ort das Kernteam einer neuen Bibelrunde, andere nahmen sich vor, ganz gezielt neue Leitungsformen zu entwickeln, wieder andere wünschten sich Supervisionsmöglichkeiten für Leitenden in der Bibelarbeit um Krisen- und Konfliktsituationen bearbeiten zu können.
Sehr viele Teilnehmende freuten sich über die gut besuchte Tagung und lobten neben der inhaltlichen Qualität insbesondere die grenzüberschreitende und ökumenische Begegnung. Das Leitungsteam hat deshalb für den 9.­11. Mai 2002 bereits ein Zweites Batschunser Symposion ins Auge gefasst ­ erneut am Wochenende von Christi Himmelfahrt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001