27-28/2001

INHALT

Berichte

Ökumene in Luzern

von Rolf Weibel

 

In Luzern wurde der Theologe Otto Karrer zu einem der führenden römisch-katholischen Ökumeniker des deutschen Sprachraums ­ nicht ohne starke Anfeindung von seiten einzelner Luzerner Priester und Theologen. Er hätte sich zweifelsohne gefreut, wenn das Ökumenische Institut Luzern schon zu seinen Lebzeiten hätte gegründet werden können. Seine Arbeit aufgenommen hat es am 30. Oktober 1999, getragen von einer Stiftung, die die römisch-katholische Landeskirche, die evangelisch-reformierte Kantonalkirche, die christkatholische Kirchgemeinde und der Kanton Luzern 1998 gegründet hatten. Durch einen Kooperationsvertrag ist das Institut mit der Theologischen Fakultät der Universität Luzern verbunden. Unterstützt wird die Institutsleitung neben dem Stiftungsrat, dessen Vorsitz zwischen den drei Landeskirchen abwechselt, durch einen Institutsrat, in dem noch weitere in der Schweiz wirkende Kirchen vertreten sind. Ideell und auch finanziell unterstützt wird das Institut durch den Ökumenischen Förderverein Luzern, der vor Jahresfrist gegründet wurde und der deshalb seine erste Jahresversammlung durchführen konnte. Dieser Förderverein unterstützt allerdings nicht nur das Institut, sondern auch die praktische ökumenische Arbeit in den Pfarreien, Kirchgemeinden, Sprengeln und politischen Gemeinden.<1> Anderseits ist dem Institut sehr daran gelegen, nicht nur wissenschaftlich tätig zu sein, sondern auch als Ort des Dialogs Akzeptanz zu finden und sich vor Ort zu profilieren. Deshalb haben der Förderverein und das Institut auch gemeinsam eine schriftliche Befragung zu Bedürfnissen und Erwartungen im Bereich der Ökumene durchgeführt.
Vollständig ausgewertet ist diese Befragung noch nicht, so dass an der Jahresversammlung darüber erst summarisch orientiert werden konnte.
Im thematischen Teil der Versammlung legte der Institutsleiter Wolfgang Müller, als Vertreter des Lehrstuhls Dogmatik ist er es allerdings erst «kommissarisch», einen «Rückblick und Vorblick» vor. Das Ökumenische Institut möchte Ansprechpartner für ökumenische Fragen sein und hat deshalb das «Büro Ökumene» eingerichtet; diese Kontakt- und Informationsstelle ist jeweils mittwochs von 9 bis 12 Uhr geöffnet (Gibraltarstrasse 3, Büro 108/109). Unter dem Titel «Forum Ökumene» führt das Institut viermal im Jahr eine für alle Interessierten offene Abendveranstaltung zu ökumenisch relevanten Themen durch. Die eher wissenschaftliche Veranstaltung, mit der das Institut gegen aussen tritt, ist das «Ökumenische Symposium». Das zweite wird am 12. September 2001 zur Spannung «Ökumene des Kopfes ­ Ökumene des Bauches» stattfinden, das erste wurde zur Eröffnung des Instituts 1999 zum Thema «Konfessionelle Identität und Kirchengemeinschaft» durchgeführt.
Aus dieser Veranstaltung ist auch die erste Publikation, ein Sammelband hervorgegangen.<2> Drei Aufsätze gehen auf Referate der Tagung zurück: der kirchengeschichtliche Beitrag von Markus Ries (Katholische Einheitshoffnung und Entkonfessionalisierung) sowie die systematischen Beiträge des reformierten Theologen Klauspeter Blaser (Resistenz und Konvergenz. Zur Gesprächskultur reformierter Ekklesiologie) und des christkatholischen Theologen Urs von Arx (Identität und Differenz. Elemente einer christkatholischen Ekklesiologie und Einheitsvision). Für die Publikation steuerten der erste Leiter und der erste wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts je einen Beitrag bei: Helmut Hoping zur ökumenischen Zukunft des Papstamtes (Einheit der Kirchen und Petrusdienst) und Jan-Heiner Tück zum Zweiten Vatikanischen Konzil und der ökumenischen Öffnung der römisch-katholischen Kirche (Abschied von der Rückkehr-Ökumene). Ein von Matthias Mühl und Jan-Heiner Tück erfasster bibliographischer Überblick über die ersten Stellungnahmen zur Erklärung «Dominus Iesus», der es vornehmlich um die konfessionelle Identität geht, schliessen den Band ab.
Wolfgang Müller möchte das Begonnene fortführen und das Durchgeführte dann auch auswerten. Weitere Pläne werden sich nicht zuletzt aus der Umfrage ergeben. Sie hat ein Bedürfnis nach Modellen für ökumenische Gottesdienste zu Tage gebracht; in Zusammenarbeit mit dem nun in Luzern domizilierten Liturgischen Institut und Fachleuten der anderen Kirchen sollte diesem Wunsch entsprochen werden können. In Zusammenarbeit mit dem Förderverein sollen auch besondere Angebote für die Hauptamtlichen in den Kirchen überlegt werden. Und schliesslich sollen Möglichkeiten des interreligiösen Gesprächs ­ auf Anregung aus dem Mitgliederkreis in Zusammenarbeit mit der Forschergruppe des Romero Hauses ­ abgeklärt werden.


Anmerkungen

1 Anmeldungen für die Mitgliedschaft im Förderverein können an die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts gerichtet werden: Nicola Ottiger, Gibraltarstrasse 3, Postfach 7763, 6000 Luzern 7, E-Mail oekumene@unilu.ch

2 Helmut Hoping (Hrsg.) unter Mitarbeit von Jan-Heiner Tück, Konfessionelle Identität und Kirchengemeinschaft. Mit einem bibliographischen Anhang zu «Dominus Iesus», Lit Verlag, Münster 2000, 146 Seiten.


Ökumene in der Bewährung

von Erich Bryner

 

Die Zukunft heisst Zusammenarbeit», erklärte Prof. Dr. Viorel Ionita, Sekretär der Abteilung «Kirchen im Dialog» der «Konferenz Europäischer Kirchen» (KEK) in seinem Vortrag «Kirchen und Ökumene in Rumänien» an der sehr gut besuchten Jahrestagung des Institutes «Glaube in der 2. Welt» vom 12. Mai 2001 im katholischen Pfarreizentrum Liebfrauen in Zürich. Die einzige Alternative zur Ökumene, wie sie heute bestehe, sei eine bessere Ökumene. Allerdings befinde sich Rumänien in vieler Hinsicht in einer speziellen Lage.
Noch immer sind die leidvollen Jahrzehnte der kommunistischen Diktatur für das Land und seine Kirchen eine starke Belastung. Viele Kirchenverantwortliche betrachteten damals auch jenen Staat als von Gott gewollt, wurden zutiefst enttäuscht und waren bestrebt, die Pastoral zu retten. Eine politische Theologie und prophetische Stimmen fehlten. Die Fragen der Kollaboration der Kirchen mit den Staatssicherheitsbehörden (Securitate) sind heute noch weitgehend ungeklärt. Die Geschichte jener vier Jahrzehnte muss neu geschrieben werden. Jede Kirche ist dabei von ihren eigenen Voraussetzungen zu beurteilen.
Im damaligen Rumänien gab es eine eindrucksvolle «Ökumene hinter Gittern». Ihr steht die heutige «Ökumene in der Freiheit» gegenüber. Auf die politische Wende von 1989, auf die man nicht gefasst war und die in einzelnen Aspekten immer noch umstritten ist, folgten viele radikale, emotionale, extreme Einstellungen, auch antiökumenische. Drei kirchliche Institutionen sind zutiefst ökumenisch gestaltet: das Hilfswerk AIDRom, die interkonfessionelle Bibelgesellschaft und die rumänische Kommission für vergleichende Kirchengeschichte, deren Sekretär Ionita ist. Im theologischen Gespräch wünschte sich der Referent mehr Mut und Entschlossenheit. Ein erster Schritt in der ökumenischen Begegnung, das gegenseitige Sich-Kennenlernen, sei vollzogen. «Jetzt müssen wir einen weiteren Schritt wagen, aber wir wagen ihn nicht.»
14 Kirchen und Religionen sind vom Staat als «Kultusgemeinschaften» anerkannt; daneben gibt es rund 700 religiöse Vereinigungen. Der Entwurf zu einem neuen Religionsgesetz wurde nach knapp 10-jähriger Vorarbeit im Februar 2000 von der Regierung wieder zurückgezogen, so dass im Prinzip immer noch das Gesetz von 1948 gültig ist.
Zu den grössten Problemen, denen die Kirchen im heutigen Rumänien gegenüber stehen, gehöre die Säkularisierung des Alltagslebens, erklärte Prof. Dr. Janos Molnar, Alttestamentler am Theologischen Institut Cluj/Klausenburg aus der Sicht der reformierten Kirche im anschliessenden Podiumsgespräch. Die Ursachen der Säkularisierung seien andere als im Westen. Der Staatsmarxismus habe tiefe Spuren hinterlassen, die für die Kirchen und ihre Spiritualität grosse Herausforderungen darstellen, die sie nur gemeinsam lösen könnten.
Dass grosse Chancen in diesem Land im Grenzgebiet zwischen West und Ost enthalten seien, betonte der reformierte Schweizer Theologe Dr. Martin Hauser, der seit 1995 als ordentlicher Professor für ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Bukarest tätig ist und dazu im Auftrag der UNESCO über interkulturelle und interreligiöse Beziehungen lehrt. In seinem Schlusswort appellierte er leidenschaftlich, Rumänien nicht zu vergessen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001