26/2001 | |
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Berichte |
Vor dem geschäftlichen Teil der diesjährigen Generalversammlung
des Vereins Catholica Unio Schweiz (CUS) stellte Diakon Lado Dogdu aus dem
Kloster in Arth die Gemeinschaft der syrischen Christen in der Schweiz vor.
Der Verein CUS bildet die Schweizer Landessektion des internationalen, päpstlich
approbierten Ostkirchenwerkes.
In einem ersten Teil gab Lado Dogdu einen Einblick in Geschichte und Wesen
seiner Kirche. Dabei holte er weit aus und verwies als ihre Vorfahren auf
die durch Inschriften aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. und durch Bibeltexte
(z.B. Dtn 26,5: «Mein Vater war ein heimatloser Aramäer.»)
bekannten aramäischen Volksgruppen, später Stadtstaaten und Königreiche.
Ihre aramäische Sprache war lange Zeit im ganzen Vorderen Orient verbreitet,
auch in Israel. Aramäisch war auch die Muttersprache Jesu und seiner
Jünger; Überbleibsel davon wie «talitha kumi» finden
sich noch im sonst griechisch verfassten Neuen Testament. Für die christlichen
Aramäer bürgerte sich früh die Bezeichnung «Syrer»
ein. Als syrische Kirchensprache und in wenigen Sprachinseln (Tur Abdin
in der Türkei, Maalula in Syrien, Mossul im Irak) ist das Aramäische
heute noch lebendig. Erst durch die arabische Eroberung und die damit verbundene
Islamisierung wurde das Syrische als allgemeine Sprache verdrängt.
Die Christianisierung der Aramäer ging von Antiochien aus und erreichte
früh schon Edessa, das zu Beginn des 3. Jahrhunderts zum Zentrum eines
christlichen Staates und zum Sitz einer bedeutenden theologischen Schule
wurde. Eine grosse Bedeutung für die Christianisierung kommt dem Apostel
Thaddäus und seinem Schüler Aggai zu. Die syrische Kirche wurde
auch vom christlichen Mönchtum stark mitgeprägt. Der Tur Abdin
in der heutigen Türkei war ehemals ein eigentliches Mönchsland.
Das Kloster Zafaran diente dem syrischen Patriarchen während längerer
Zeit auch als Exil. Das Kloster Mor Gabriel ist heute noch Priesterseminar
und ein Zentrum der Pflege der aramäischen Sprache.
Einen grossen Einschnitt brachten die christologischen Auseinandersetzungen
und Kirchenspaltungen im 5. und 6. Jahrhundert sowie die damit verbundene
Verfolgung der syrischen Kirche durch die römischen (byzantinischen)
Kaiser. Durch die erfolgreiche Reorganisation und Konsolidierung unter Jakob
Baradai, Mönch und Bischof, konnte die syrische Kirche dann aber sogar
eine bedeutende Missionstätigkeit entfalten.
Die syrische Kirche akzeptiert die ersten drei ökumenischen Konzilien
und kennt die sieben Sakramente. Ihre Gottesdienste feiern die syrischen
Christen im antiochenischen, westsyrischen Ritus, der direkt in der Jerusalemer
Urgemeinde wurzelt. Die Syrer haben eine reiche Fasten- und Gebetspraxis.
Dazu kommen Marien- und Heiligenfeste. Das Zentrum des kirchlichen Lebens
ist die Eucharistiefeier. Die Liturgiesprache ist aramäisch. Unter
anderem über die Liturgie ist die syrisch-orthodoxe Kirche mit der
syro-malankarischen Kirche in Indien, der syrisch-katholischen Kirche und
den Maroniten (christliche Volksgruppe aus dem Libanon; mit Rom verbunden)
«verwandt». Ökumenisch engagiert sich die syrische Kirche
seit 1960 als Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen. Seit 1971
begegnen die syrische und die römisch-katholische Kirche einander wieder
im mitbrüderlichen Dialog. Bei der Begegnung zwischen Patriarch Ignatius
Zakka I. Iwas und Papst Johannes Paul II. 1984 wurde eine Vereinbarung über
die gegenseitige Sakramentenspendung unterzeichnet. Diese Vereinbarung betrifft
die Sakramente der Beichte, Krankensalbung und Eucharistie und ist vornehmlich
für pastorale Notsituationen gedacht, wo kein Priester der eigenen
Kirche zur Verfügung steht. Seit 1994 ist die syrische Kirche auch
Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz.
Im zweiten Teil seines Vortrags ging Diakon Lado Dogdu auf die Situation
der Syrer in Europa und besonders in der Schweiz ein. Der weitaus grösste
Teil der heute in Europa lebenden syrischen Christen ist aus ihrer Heimat
geflüchtet. In den 1960er Jahren kamen viele Fremdarbeiter aus dem
Tur Abdin. Die Radikalisierung des Islams verstärkte die Auswanderung.
Heute leben nur noch etwa 300 Familien, also rund 1500 Personen im Tur Abdin
(früher rund 600000 Personen). Auch in der fremden Diaspora bemühen
sich die syrischen Christen, ihre Gemeinschaft zu pflegen und Kontakte untereinander
zu behalten und sogar zu fördern.
Die syrisch-orthodoxe Gemeinde in der Schweiz, rund 1000 Familien, wurde
seit 1971 von Deutschland aus betreut. 1976 folgte die Gründung des
Syrervereins, später Syrisch-orthodoxe (Kirch-) Gemeinde genannt. 1982
begann ein neuer Abschnitt: Die syrisch-orthodoxen Christen in der Schweiz
erhielten in Pfarrer Sabo einen eigenen Seelsorger und wurden pastoral selbständig.
Im März 1989 weihte Erzbischof Julius Çiçek zwei neue
Priester. Heute gibt es in der Schweiz vier Priester, mehrere Diakone, Subdiakone
usw. Von entscheidender Bedeutung sind die eigenen Vereine, die die Pflege
der syrischen Kultur und Spiritualität ermöglichen.
Probleme ergeben sich durch die grosse Streuung der Gläubigen in der
Schweiz. Dazu kommen die schleichende Entfremdung der hier aufgewachsenen
Kinder von ihrer eigenen Tradition sowie die Spannungen zwischen westlicher
Kultur und traditioneller Spiritualität, die eng mit der aramäischen
Sprache verbunden ist. Deshalb wird auch ein eigener Religionsunterricht
angestrebt. Dafür bietet sich das Kloster Mor Avgin in Arth (ehemaliges
Kapuzinerkloster) an, wo die syrische Gemeinde in der Schweiz seit 1996
ein geistliches Zentrum aufbaut. Hier leben 24 Mönche und 3 Klosterfrauen.
Für Erzbischof Julius Çiçek ist es so etwas wie der zweite
Bischofssitz; er kommt regelmässig für ein paar Tage hierher.
Die im steten Aufbau befindliche Klosterschule ist für maximal 15 Schüler
eingerichtet, die hier während der Sommerferien in der syrischen Sprache
und ihrem Glauben unterrichtet werden. Ab 2001 ist ein hauptamtlicher Lehrer
für Katechese, Aramäischkurse, Musikunterricht und Erwachsenenbildung
angestellt. Die Internatskosten der Schüler können nur bedingt
von den Familien selber getragen werden. Auch die Betriebskosten der Schule
zwingen zu Sparsamkeit. Viel hängt von Freiwilligenarbeit ab.