4/2001 | |
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Berichte |
Diesem spannungsvollen Thema widmete sich im letzten Jahr eine Tagung auf Burg Rothenfels am Main. Als Workshop ausgeschrieben, erlebten die über 50 Teilnehmenden aus dem Kreis der Alt-Katholiken, Evangelisch-Lutheraner und Römisch-Katholiken einen gegenseitig bereichernden und gleichzeitig herausfordernden Austausch. Im Gespräch von Liturgiewissenschaft, Systematischer Theologie und zeitgenössischer Literatur sollten «mit Blick auf das gefeierte Mysterium wie die Liturgie feiernden Menschen Erwartungen an die Liturgiesprache formuliert und im Stil einer ÐZukunftswerkstattð theologische Kriterien erarbeitet werden». So die Einladung zu Vortrag und Gespräch, in denen nicht zuletzt der Frage nachgegangen wurde: Was ist und was kann liturgische Sprache «am Rande des Verstummens...?». Diese Kennzeichnung durch den ehemaligen Büchner-Preisträger Paul Celan trug bei zur Klärung darüber, dass eine sensible Hand bzw. Zunge erforderlich ist, liturgische Texte zu schreiben und vorzutragen. Als knapper Gang durch die Tagung versteht sich dieser leicht kommentierende Bericht.
Benedikt Kranemann, Liturgiewissenschafter in Erfurt, führte in
seinen theologisch-ästhetischen Thesen zur Sprache im Gottesdienst
aus: Es müsse «das Unfassbare Gottes in der Sprachgestalt zum
Ausdruck kommen» und gleichzeitig sei «Liturgie zum Schweigen
vor Gott verpflichtet». Was also ist liturgische Sprache? Einen aussagereichen
Kernsatz prägte der Literaturwissenschafter und Schriftsteller Wilhelm
Gössmann, dessen Überzeugung es ist, dass es letztlich auch bei
der Sprache in der Liturgie um Literatur geht: «Sakrale Sprache ist
profane Sprache unter dem Anspruch des Glaubens.» Es wurde weiter
hervorgehoben, von liturgischer Sprache zu sprechen sei nicht zufrieden
stellend. Je schon nämlich verwenden Menschen in Liturgien Wörter,
Sprache, in denen Gottesbeziehung zum Ausdruck kommt. Das exakt sakrale
Sprechen ist am Verschwimmen. Eindeutiges Sprechen ist der Dogma-Rede eigen;
vieldeutiges Sprechen dagegen gehört zur vielfältig-gläubigen
Existenz. Vieldeutiges Sprechen ist denn auch literarischer Sprache eigen.
Ein herausragendes Moment war die Begegnung mit Arnold Stadler, Schriftsteller
und Büchner-preisträger 1999, der aus solch vielfältig-gläubiger
Existenz schreibt. Seine Lesung aus dem Roman «Ein hinreissender Schrottländer»
wirkte einerseits erheiternd, war aber auch hilfreich zugleich im Blick
auf das, was Stefan Heil an Stadlers Epik mit «Vergegenwärtigung
durch klingende Symbolik» bezeichnet hat. Unmittelbar daran anschliessend
erhielt man Einblick in Arnold Stadlers Übertragungsversuch von Psalmen.
Dazu hatte er selbst geschrieben: «Die Psalmen sind voller Leben,
wirklich, nicht buchstäblich. Selten sind Leben und Literatur eine
solche Einheit eingegangen. Und deswegen gibt es das Ungefügte, die
Abbrüche, den verstörenden Widerspruch.»<1>
Am unliebsten sei ihm der Psalm 23, weil «am meisten ausgeschlachtet».
Die Meinung war klar: Stadlers Psalmen würden gemeinsamem Sprechen
in der Liturgie nicht standhalten. Sie können gleichwohl zu gelegentlichem
Vortrag im Gottesdienst dienen. Wie schon ein anderer Versuch für die
Gemeinde, den Wilhelm Gössmann neben anderen 1968 vorlegte. Diese sprachliche
Fassung ist als Meditationstext erstaunlich zeitlos: «Der Herr
der mir vertraut geworden / er lässt mich leben ungehindert frei /
er führt mich heran an Quellwasser / ich kann mich dort erquicken /
er weist mich auf neue Pfade / ich erfahre viel von der Welt / und geht
es durch dunkle Schluchten / ich fürchte kein Unheil / du bist bei
mir / neben mir dein nächster Schritt / er bietet mir Schutz.»<2> Ein Text, der nach Erklingen des Psalms
23 persönlich, eben «am Rande des Verstummens»
gesprochen werden kann.
Hier setzte Gotthard Fuchs, Theologe aus Wiesbaden, an mit seinen Bemerkungen
zum mystischen Sprechen unter dem Leitgedanken des Johannes von Kreuz: «...
seitdem gleichsam verstummt...». Leitend waren dabei unter anderen
die Sprachwelten der Mystiker und Mystikerinnen: Meister Eckhart, Teresa
von Avila, Sören Kierkegaard. Fuchs wies ebenso auf die Problematik,
der ein Fridolin Stier bei seiner exegetisch-ausdeutenden Sprache ausgesetzt
war und selber ausdrückte: «Mein Problem ist nicht, ob Gott ist;
mein Problem beginnt, dass er ist.» So sind neben negativer Theologie,
die in beredtem Schweigen endet, die ekstatischen Rufe Lust der Ergriffenheit
und Ruf der Not der Sprache im Gottsuchen eigen. In knappen Stichworten
zeichnete nach längerem Gespräch eine der gemischten Gruppen auf,
wie Sprache sein müsste, die sich dem «Geheimnis» im Raum
von Liturgien nähert. Solcherart Sprache müsste sein: geisterfüllt
authentisch kontemplativ (Schweigen einbeziehend und zulassend!)
bildhaft auf Erfahrungen ansprechend zusammenklingend
mit Symbolhandlungen (auch von Musik getragen!) zur «inneren
Uhr» der jeweiligen Kultur führend (bezogen auf Anlass mit Menschen
in ihrem Kultur-Raum).
Karl-Heinrich Bieritz, evangelischer Liturgiewissenschafter in Rostock,
führte ein in das neue evangelische Gottesdienstbuch, das 1999 veröffentlicht
werden konnte. Es hält eine ausgewogene Grundstruktur für die
evangelischen Gottesdienste bereit und bietet Ausformungsvarianten. Darunter
auch eine jeweilige Gebets-Text-Reihe, die vollumfänglich aus Frauen-Kreisen
beigesteuert sind. Die zweipolige Anlage des gesamten Gottesdienstbuches
ermöglicht die jeweiligen liturgischen Sprechakte. Für den Gottesdienst
notwendig ist nach Bieritz die «inszenatorische Sprache»; eine
sehr eigentümliche Sprache von Poesie, welche den Gottesbezug aller
zur Inszenierung bringen muss. Das Tagesgebet zum 1. Advent beginnt demnach
so: «Brich auf, Christus, in deiner Macht und komm.» So klingt
ein theologischer Massstab an, der letztlich besagt: Betende rechnen damit,
dass Gott wirkungsvoll zuhört. Beter und Beterinnen erinnern Gott an
sein Handeln in der Geschichte und gleichzeitig aktuell an ihre eigene Geschichte.
Schliesslich berichtete Irmgard Pahl, römisch-katholische Liturgiewissenschafterin
in Bochum, aus der Werkstatt der Arbeitsgruppe «Gebetstexte»
des Projekts zur (römisch-katholischen) Messbuchrevision. Im Gespräch
über die Sprachgestalt der lateinischen Orationen und zu den Problemen
der Übertragung in zeitnahe Gebetssprache bekamen die Anwesenden einen
detailreichen wie auch teilweise ernüchternden Einblick in die Mühen
um die Messbuchrevision innerhalb der katholischen Kirche. Ausführliche
Leitlinien für die Revision der Texte des Deutschen Messbuches und
Kriterien für einzelne Textgruppen zeigen, wie hier Filigranarbeit
geleistet wird, die nicht immer und an jeder Stelle genug anerkannt wird.
Die Tatsache, dass in dieser langjährigen Arbeit phasenweise auch Dichter
und Schriftstellende einbezogen werden konnten, verdiente allein schon mehr
Anerkennung.
Durch die ganze Tagung hindurch war auch die Präsenz der Alt-Katholischen
Kirche und ihrer schon länger erfolgten Erneuerungsarbeiten von Gottesdienst-Texten
beispielhaft publiziert in deren neuem Eucharistiebuch spürbar.
Sigisbert und Erentrud Kraft, welche bereits auf Burg Rothenfels zu Fragen
liturgischer Sprache in einer Tagung gearbeitet haben3, brachten ihre ganze
Erfahrung ein. Aus der Schweiz nahmen aktiv, interessiert und kritisch teil:
Susanne Graf-Bawand (Mitglied der Kommission für das neue Evangelisch-Reformierte
Gesangbuch), Anton Thaler (Liturgiewissenschafter und Generalvikar des Bistums
St. Gallen) sowie der Berichterstatter.
Stephan Schmid-Keiser hat im Fach Liturgiewissenschaft in Theologie promoviert.
1 Arnold Stadler, «Die Menschen lügen. Alle» und andere Psalmen. Aus dem Hebräischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Arnold Stadler, Frankfurt a.M./Leipzig 1999, 113. Vgl. auch Stefan Heil, Vergegenwärtigung durch klingende Symbolik. Zur Epik Arnold Stadlers und deren religio- und theopoetischer Relevanz, in: Orientierung 63 (1999) 256261.
2 Wilhelm Gössmann, «Nach Psalm 23», in ders: Wörter suchen Gott. Gebets-Texte. Mit einem religionspädagogischen Nachwort von Günter Stachel (Erwägungen zum Reden von Gott und vor Gott), Einsiedeln/Zürich/Köln 1968, 47.
Mit einigen Neumitgliedern versammelte sich die Pastoralplanungskommission
(PPK) der Schweizer Bischofskonferenz am 16./17. November 2000 im Centre
de Congrès La Longeraie bei Morges. Etwas überraschend wurde
der langjährige Präsident und während etlichen Jahren Délégué
épiscopal von Genf, Jean-Paul de Sury, aus gesundheitlichen Gründen
von der Bischofskonferenz nicht mehr für eine weitere Amtsdauer bestätigt.
Die PPK verliert in ihm einen stets sehr umsichtigen, weisen und engagierten
Präsidenten. Er ist heute in der ausländerreichen Pfarrei Meyrin
(GE) tätig. Die Moderation der Sitzung übernahm Claudia Mennen,
Arbeitsstelle Gemeindeaufbau und Liturgie in Wettingen.
Neu in der PPK sind Gabriele Manetsch-Sacher für die Römisch-katholische
Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ); Sr. Wilma Fraefel, Provinzrätin
der Menzinger Schwestern und mit Sozial- und Bildungsaufgaben betraut in
Horw; Brigitte Fuchs, Professorin für Religionspädagogik und Kerygmatik,
Freiburg; Anette Mayer Gebhardt, Verantwortliche des «Bureau Santé»
in Genf, und der neue Sekretär der Bischofskonferenz, Agnell Rickenmann.
Während der letzten Amtsperiode stiess Lilo Durussel, Responsable catéchèse
de l'adolescense Lausanne, Cheseaux s. Lausanne, neu zur PPK.
Schwerpunktmässig beschäftigte sich die Pastoralplanungskommission
in Morges mit dem von der Gemischten Expertenkommission Fastenopfer/Römisch-katholischen
Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) initiierten Vorhaben, in den nächsten
Jahren sukzessive alle von Fastenopfer und der RKZ mitfinanzierten Stellen
auf Leistungsvereinbarungen umzustellen. Für sie alle sollen nach den
Leitideen des New-Public-Management Leistungspläne über jeweils
mehrere Jahre ausgearbeitet werden.
In einem Zielvereinbarungsprozess einigen sich die kirchlichen Auftraggeber
und die kirchlichen Dienstleistungserbringer auf wirkungsorientierte Zielvorgaben,
auf ein Globalbudget, projektorientierte Arbeitsgestaltung, hohe Qualitätssicherung
sowie ständiges Controlling über Leistungsevaluation.
Die PPK plädierte dafür, vorerst praktische Erfahrungen zu sammeln
und die sich stellenden Probleme Schritt für Schritt einer Lösung
zuzuführen. Im Verlaufe der Arbeit wird sich zeigen müssen, welche
Elemente sich bewähren und zu einer wirkungsvolleren Erfüllung
der anstehenden Aufgaben auf sprachregionaler und nationaler Ebene beitragen
können.
Unter diesen neuen Gesichtspunkten bei der Mitfinanzierung liess sich die
PPK vorerst einmal damit konfrontieren, was dieses neue Leistungsvereinbarungsdenken
für einige Institutionen wie die Bibelpastorale Arbeitsstelle, die
Ministrantenpastoral und das Centre catholique de Radio et Télévision
bedeuten würde. Der dabei auftauchende Begriff «Controlling»
sollte nicht als Kontrolle missverstanden, sondern als Wirkungsorientierung
gedeutet werden. Die entsprechenden Begleitgremien sollten dabei nicht Kontrolle,
sondern wirksam fördernde Begleitung und Beurteilung der mitfinanzierten
kirchlichen Institutionen leisten und garantieren.
Die PPK konnte durch ihren Sekretär Alfred Dubach über einige
auch unter der Verantwortung der PPK laufenden Aktivitäten berichten.
So führte das PPK-Sekretariat am 27./28. Oktober ebenfalls in La Longeraie
die 16. Interdiözesane Koordination (IKO) zum Thema «Freiwilligenarbeit
in der Kirche» durch. Ferner liegt ein nach Umfragen bei schweizerischen
Räten, Kommissionen und Einzelpersonen zusammengestelltes «Inventar
der vordringlichen Problemstellungen in der katholischen Kirche Schweiz»
vor. Ebenso stehen die Themen fest, welche die PPK an ihren Plenarversammlungen
in den Jahren 20002003 beschäftigen werden.
In einer ortsbezogenen Begleitveranstaltung berichteten die Seelsorger der
Equipe pastorale d'Echallens und informierten die PPK über die Zusammenarbeit
und die Arbeitsaufteilung ihrer Seelsorgearbeit. Vor allem Mitarbeiter in
deutschschweizerischen Seelsorgeeinheiten überrascht immer wieder die
spontane und unkomplizierte pastorale Zusammenarbeit in der Romandie.
Der promovierte Theologe Robert Lendi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schweizerischen Pastoraltheologischen Instituts (SPI), St. Gallen.