4/2001

INHALT

Berichte

Sprache und Liturgie

von Stephan Schmid-Keiser

 

Diesem spannungsvollen Thema widmete sich im letzten Jahr eine Tagung auf Burg Rothenfels am Main. Als Workshop ausgeschrieben, erlebten die über 50 Teilnehmenden aus dem Kreis der Alt-Katholiken, Evangelisch-Lutheraner und Römisch-Katholiken einen gegenseitig bereichernden und gleichzeitig herausfordernden Austausch. Im Gespräch von Liturgiewissenschaft, Systematischer Theologie und zeitgenössischer Literatur sollten «mit Blick auf das gefeierte Mysterium wie die Liturgie feiernden Menschen Erwartungen an die Liturgiesprache formuliert und im Stil einer ÐZukunftswerkstattð theologische Kriterien erarbeitet werden». So die Einladung zu Vortrag und Gespräch, in denen nicht zuletzt der Frage nachgegangen wurde: Was ist und was kann liturgische Sprache «am Rande des Verstummens...?». Diese Kennzeichnung durch den ehemaligen Büchner-Preisträger Paul Celan trug bei zur Klärung darüber, dass eine sensible Hand bzw. Zunge erforderlich ist, liturgische Texte zu schreiben und vorzutragen. Als knapper Gang durch die Tagung versteht sich dieser leicht kommentierende Bericht.

Sprache im Gottesdienst

Benedikt Kranemann, Liturgiewissenschafter in Erfurt, führte in seinen theologisch-ästhetischen Thesen zur Sprache im Gottesdienst aus: Es müsse «das Unfassbare Gottes in der Sprachgestalt zum Ausdruck kommen» und gleichzeitig sei «Liturgie zum Schweigen vor Gott verpflichtet». Was also ist liturgische Sprache? Einen aussagereichen Kernsatz prägte der Literaturwissenschafter und Schriftsteller Wilhelm Gössmann, dessen Überzeugung es ist, dass es letztlich auch bei der Sprache in der Liturgie um Literatur geht: «Sakrale Sprache ist profane Sprache unter dem Anspruch des Glaubens.» Es wurde weiter hervorgehoben, von liturgischer Sprache zu sprechen sei nicht zufrieden stellend. Je schon nämlich verwenden Menschen in Liturgien Wörter, Sprache, in denen Gottesbeziehung zum Ausdruck kommt. Das exakt sakrale Sprechen ist am Verschwimmen. Eindeutiges Sprechen ist der Dogma-Rede eigen; vieldeutiges Sprechen dagegen gehört zur vielfältig-gläubigen Existenz. Vieldeutiges Sprechen ist denn auch literarischer Sprache eigen.
Ein herausragendes Moment war die Begegnung mit Arnold Stadler, Schriftsteller und Büchner-preisträger 1999, der aus solch vielfältig-gläubiger Existenz schreibt. Seine Lesung aus dem Roman «Ein hinreissender Schrottländer» wirkte einerseits erheiternd, war aber auch hilfreich zugleich im Blick auf das, was Stefan Heil an Stadlers Epik mit «Vergegenwärtigung durch klingende Symbolik» bezeichnet hat. Unmittelbar daran anschliessend erhielt man Einblick in Arnold Stadlers Übertragungsversuch von Psalmen. Dazu hatte er selbst geschrieben: «Die Psalmen sind voller Leben, wirklich, nicht buchstäblich. Selten sind Leben und Literatur eine solche Einheit eingegangen. Und deswegen gibt es das Ungefügte, die Abbrüche, den verstörenden Widerspruch.»<1> Am unliebsten sei ihm der Psalm 23, weil «am meisten ausgeschlachtet». Die Meinung war klar: Stadlers Psalmen würden gemeinsamem Sprechen in der Liturgie nicht standhalten. Sie können gleichwohl zu gelegentlichem Vortrag im Gottesdienst dienen. Wie schon ein anderer Versuch für die Gemeinde, den Wilhelm Gössmann neben anderen 1968 vorlegte. Diese sprachliche Fassung ist als Meditationstext erstaunlich zeitlos: «Der Herr ­ der mir vertraut geworden / er lässt mich leben ungehindert frei / er führt mich heran an Quellwasser / ich kann mich dort erquicken / er weist mich auf neue Pfade / ich erfahre viel von der Welt / und geht es durch dunkle Schluchten / ich fürchte kein Unheil / du bist bei mir / neben mir dein nächster Schritt / er bietet mir Schutz.»<2> Ein Text, der nach Erklingen des Psalms 23 ­ persönlich, eben «am Rande des Verstummens» ­ gesprochen werden kann.
Hier setzte Gotthard Fuchs, Theologe aus Wiesbaden, an mit seinen Bemerkungen zum mystischen Sprechen unter dem Leitgedanken des Johannes von Kreuz: «... seitdem gleichsam verstummt...». Leitend waren dabei unter anderen die Sprachwelten der Mystiker und Mystikerinnen: Meister Eckhart, Teresa von Avila, Sören Kierkegaard. Fuchs wies ebenso auf die Problematik, der ein Fridolin Stier bei seiner exegetisch-ausdeutenden Sprache ausgesetzt war und selber ausdrückte: «Mein Problem ist nicht, ob Gott ist; mein Problem beginnt, dass er ist.» So sind neben negativer Theologie, die in beredtem Schweigen endet, die ekstatischen Rufe ­ Lust der Ergriffenheit und Ruf der Not ­ der Sprache im Gottsuchen eigen. In knappen Stichworten zeichnete nach längerem Gespräch eine der gemischten Gruppen auf, wie Sprache sein müsste, die sich dem «Geheimnis» im Raum von Liturgien nähert. Solcherart Sprache müsste sein: geisterfüllt ­ authentisch ­ kontemplativ (Schweigen einbeziehend und zulassend!) ­ bildhaft ­ auf Erfahrungen ansprechend ­ zusammenklingend mit Symbolhandlungen (auch von Musik getragen!) ­ zur «inneren Uhr» der jeweiligen Kultur führend (bezogen auf Anlass mit Menschen in ihrem Kultur-Raum).

Gottesdienstbücher

Karl-Heinrich Bieritz, evangelischer Liturgiewissenschafter in Rostock, führte ein in das neue evangelische Gottesdienstbuch, das 1999 veröffentlicht werden konnte. Es hält eine ausgewogene Grundstruktur für die evangelischen Gottesdienste bereit und bietet Ausformungsvarianten. Darunter auch eine jeweilige Gebets-Text-Reihe, die vollumfänglich aus Frauen-Kreisen beigesteuert sind. Die zweipolige Anlage des gesamten Gottesdienstbuches ermöglicht die jeweiligen liturgischen Sprechakte. Für den Gottesdienst notwendig ist nach Bieritz die «inszenatorische Sprache»; eine sehr eigentümliche Sprache von Poesie, welche den Gottesbezug aller zur Inszenierung bringen muss. Das Tagesgebet zum 1. Advent beginnt demnach so: «Brich auf, Christus, in deiner Macht und komm.» So klingt ein theologischer Massstab an, der letztlich besagt: Betende rechnen damit, dass Gott wirkungsvoll zuhört. Beter und Beterinnen erinnern Gott an sein Handeln in der Geschichte und gleichzeitig aktuell an ihre eigene Geschichte.
Schliesslich berichtete Irmgard Pahl, römisch-katholische Liturgiewissenschafterin in Bochum, aus der Werkstatt der Arbeitsgruppe «Gebetstexte» des Projekts zur (römisch-katholischen) Messbuchrevision. Im Gespräch über die Sprachgestalt der lateinischen Orationen und zu den Problemen der Übertragung in zeitnahe Gebetssprache bekamen die Anwesenden einen detailreichen wie auch teilweise ernüchternden Einblick in die Mühen um die Messbuchrevision innerhalb der katholischen Kirche. Ausführliche Leitlinien für die Revision der Texte des Deutschen Messbuches und Kriterien für einzelne Textgruppen zeigen, wie hier Filigranarbeit geleistet wird, die nicht immer und an jeder Stelle genug anerkannt wird. Die Tatsache, dass in dieser langjährigen Arbeit phasenweise auch Dichter und Schriftstellende einbezogen werden konnten, verdiente allein schon mehr Anerkennung.
Durch die ganze Tagung hindurch war auch die Präsenz der Alt-Katholischen Kirche und ihrer schon länger erfolgten Erneuerungsarbeiten von Gottesdienst-Texten ­ beispielhaft publiziert in deren neuem Eucharistiebuch ­ spürbar. Sigisbert und Erentrud Kraft, welche bereits auf Burg Rothenfels zu Fragen liturgischer Sprache in einer Tagung gearbeitet haben3, brachten ihre ganze Erfahrung ein. Aus der Schweiz nahmen aktiv, interessiert und kritisch teil: Susanne Graf-Bawand (Mitglied der Kommission für das neue Evangelisch-Reformierte Gesangbuch), Anton Thaler (Liturgiewissenschafter und Generalvikar des Bistums St. Gallen) sowie der Berichterstatter.

 

Stephan Schmid-Keiser hat im Fach Liturgiewissenschaft in Theologie promoviert.


Anmerkungen

1 Arnold Stadler, «Die Menschen lügen. Alle» und andere Psalmen. Aus dem Hebräischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Arnold Stadler, Frankfurt a.M./Leipzig 1999, 113. Vgl. auch Stefan Heil, Vergegenwärtigung durch klingende Symbolik. Zur Epik Arnold Stadlers und deren religio- und theopoetischer Relevanz, in: Orientierung 63 (1999) 256­261.

2 Wilhelm Gössmann, «Nach Psalm 23», in ders: Wörter suchen Gott. Gebets-Texte. Mit einem religionspädagogischen Nachwort von Günter Stachel (Erwägungen zum Reden von Gott und vor Gott), Einsiedeln/Zürich/Köln 1968, 47.


Agenda "Leistungsvereinbarungen"

von Robert Lendi

 

Mit einigen Neumitgliedern versammelte sich die Pastoralplanungskommission (PPK) der Schweizer Bischofskonferenz am 16./17. November 2000 im Centre de Congrès La Longeraie bei Morges. Etwas überraschend wurde der langjährige Präsident und während etlichen Jahren Délégué épiscopal von Genf, Jean-Paul de Sury, aus gesundheitlichen Gründen von der Bischofskonferenz nicht mehr für eine weitere Amtsdauer bestätigt. Die PPK verliert in ihm einen stets sehr umsichtigen, weisen und engagierten Präsidenten. Er ist heute in der ausländerreichen Pfarrei Meyrin (GE) tätig. Die Moderation der Sitzung übernahm Claudia Mennen, Arbeitsstelle Gemeindeaufbau und Liturgie in Wettingen.
Neu in der PPK sind Gabriele Manetsch-Sacher für die Römisch-katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ); Sr. Wilma Fraefel, Provinzrätin der Menzinger Schwestern und mit Sozial- und Bildungsaufgaben betraut in Horw; Brigitte Fuchs, Professorin für Religionspädagogik und Kerygmatik, Freiburg; Anette Mayer Gebhardt, Verantwortliche des «Bureau Santé» in Genf, und der neue Sekretär der Bischofskonferenz, Agnell Rickenmann. Während der letzten Amtsperiode stiess Lilo Durussel, Responsable catéchèse de l'adolescense Lausanne, Cheseaux s. Lausanne, neu zur PPK.

Tagungsthematik

Schwerpunktmässig beschäftigte sich die Pastoralplanungskommission in Morges mit dem von der Gemischten Expertenkommission Fastenopfer/Römisch-katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) initiierten Vorhaben, in den nächsten Jahren sukzessive alle von Fastenopfer und der RKZ mitfinanzierten Stellen auf Leistungsvereinbarungen umzustellen. Für sie alle sollen nach den Leitideen des New-Public-Management Leistungspläne über jeweils mehrere Jahre ausgearbeitet werden.
In einem Zielvereinbarungsprozess einigen sich die kirchlichen Auftraggeber und die kirchlichen Dienstleistungserbringer auf wirkungsorientierte Zielvorgaben, auf ein Globalbudget, projektorientierte Arbeitsgestaltung, hohe Qualitätssicherung sowie ständiges Controlling über Leistungsevaluation.
Die PPK plädierte dafür, vorerst praktische Erfahrungen zu sammeln und die sich stellenden Probleme Schritt für Schritt einer Lösung zuzuführen. Im Verlaufe der Arbeit wird sich zeigen müssen, welche Elemente sich bewähren und zu einer wirkungsvolleren Erfüllung der anstehenden Aufgaben auf sprachregionaler und nationaler Ebene beitragen können.
Unter diesen neuen Gesichtspunkten bei der Mitfinanzierung liess sich die PPK vorerst einmal damit konfrontieren, was dieses neue Leistungsvereinbarungsdenken für einige Institutionen wie die Bibelpastorale Arbeitsstelle, die Ministrantenpastoral und das Centre catholique de Radio et Télévision bedeuten würde. Der dabei auftauchende Begriff «Controlling» sollte nicht als Kontrolle missverstanden, sondern als Wirkungsorientierung gedeutet werden. Die entsprechenden Begleitgremien sollten dabei nicht Kontrolle, sondern wirksam fördernde Begleitung und Beurteilung der mitfinanzierten kirchlichen Institutionen leisten und garantieren.

Weitere Informationen

Die PPK konnte durch ihren Sekretär Alfred Dubach über einige auch unter der Verantwortung der PPK laufenden Aktivitäten berichten. So führte das PPK-Sekretariat am 27./28. Oktober ebenfalls in La Longeraie die 16. Interdiözesane Koordination (IKO) zum Thema «Freiwilligenarbeit in der Kirche» durch. Ferner liegt ein nach Umfragen bei schweizerischen Räten, Kommissionen und Einzelpersonen zusammengestelltes «Inventar der vordringlichen Problemstellungen in der katholischen Kirche Schweiz» vor. Ebenso stehen die Themen fest, welche die PPK an ihren Plenarversammlungen in den Jahren 2000­2003 beschäftigen werden.
In einer ortsbezogenen Begleitveranstaltung berichteten die Seelsorger der Equipe pastorale d'Echallens und informierten die PPK über die Zusammenarbeit und die Arbeitsaufteilung ihrer Seelsorgearbeit. Vor allem Mitarbeiter in deutschschweizerischen Seelsorgeeinheiten überrascht immer wieder die spontane und unkomplizierte pastorale Zusammenarbeit in der Romandie.

 

Der promovierte Theologe Robert Lendi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schweizerischen Pastoraltheologischen Instituts (SPI), St. Gallen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001