40/2000 | |
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Wortmeldung |
Seit Jahren ist sie zu vernehmen: die Frage, welche Formen von Kirche
haben eine Überlebenschance? Die Antwort ist meist dieselbe. Zukunft
haben «die alten und neuen geistlichen Bewegungen, die geistlichen
Zentren wie Klöster und Exerzitienhäuser, die Wallfahrt- und Pilgerbewegung,
Familienkreise, die Erfahrung geistlicher Begleitung usw.».
Solches und Ähnliches ist vor allem auch bei grossen Kirchentagen aus
dem Mund von Personen der Kirchenleitung zu vernehmen. Aber auch Theologen
schliessen sich offenbar zunehmend dieser Meinung an. Bezeichnenderweise
stammt denn auch das obige Zitat vom Theologen Thomas Ruckstuhl (SKZ 3334/2000,
S. 483), welcher wiederum auf ähnliche Gedanken von Medard Keel hinweist
(in: «Wohin geht die Kirche?» 1996).
Ich möchte die Richtigkeit dieser Aussagen nicht in Frage stellen.
Hingegen möchte ich darauf hinweisen, dass bei der Aufzählung
all dieser Hoffnungszeichen für die Kirche von morgen eine kirchliche
Grösse fast durchwegs fehlt. Diese Grösse ist die Pfarrei. Jedesmal,
wenn die Pfarrei in einer derartigen Aufzählung fehlt, denke ich mir:
«Einmal mehr werden die Ðalten und neuen Bewegungenð genannt.
Einmal mehr gehört die Pfarrei nicht dazu. Man verspricht sich das
Heil der Kirche von morgen vorrangig von den geistlichen Bewegungen, jedenfalls
nicht vom Leben in den Pfarreien. Wenn es nicht so wäre, würden
die Pfarreien zumindest genannt.»
Ich wüsste gerne, was jene, die die Pfarreien bezüglich unserer
Frage immer wieder beiseite lassen, in Bezug auf die Kirche von morgen von
diesen erwarten? Erwarten sie überhaupt noch etwas von ihnen? Oder
reicht es ihnen, wenn die Pfarreien am Ende nur noch dastehen als pastorale
Dienstleistungsbetriebe und damit als eine «defiziente Form der Kirchlichkeit»
(aaO.)? Oder sollen die Pfarreien gerade darauf setzen und sich daran
freuen?
Sehr geehrter Pfarrer Baechler,
ich bedanke mich für die Zusendung Ihrer Wortmeldung auf meinen Artikel
in der SKZ. Ich glaube, dass Sie zu Recht auf die Sorge um die Pfarrei hinweisen.
Wir würden uns missverstehen, wenn meine Ausführungen als Plädoyer
gegen die Pfarreistruktur ausgelegt würden. Das Gegenteil ist mein
Anliegen. Ich glaube, dass die Pfarreien nach wie vor der primäre Ort
zur Vermittlung der Heilszusage Gottes an die Menschen eines bestimmten
geographischen Raumes sind und dass sich bestimmte Pfarreien zu zentralen
Orten des lebendigen Glaubens profilieren können (zentrale Lage, soziale
Brennpunkte, regionale Bedeutung, Ordensgemeinschaften usw. Gerade auch
M. Kehl stellt übrigens in dem angesprochenen Buch «Wohin geht
die Kirche?» die profilierten Gemeinden an den Anfang solcher Kristallisationspunkte
des christlichen Glaubens in der Zukunft, vgl. 131f.). Aber es wäre
nicht aufrichtig, den grossen Wandel und die strukturellen Veränderungen
zu übersehen, welche die territoriale Pfarreiorganisation schon erfasst
hat und auf Zukunft hin fortschreitend bestimmen wird und zwar nicht
allein wegen des Priestermangels, sondern wegen zahlreicher Modernisierungsfaktoren
wie zum Beispiel erhöhte Mobilität, pragmatisierte Kirchenzugehörigkeit,
personale vor territorialer Bindungen usw. Dies zu übersehen würde
eine gelungene Inkulturation der Gemeindestruktur in die moderne Gesellschaft
verhindern.
Die von mir vorgenommene Unterscheidung zwischen loser Kirchenzugehörigkeit
der «treuen Kirchenfernen» und denjenigen Christen, welche als
aktive Gemeindeangehörige die Glaubensgemeinschaft mittragen, stellt
ja gerade die Pfarreien und ihre Verantwortlichen vor die Frage der Verteilung
ihrer Kräfte und erfordert Schwerpunktsetzung. Dabei scheint es mir
wichtig, nicht auf eine reine Entscheidungskirche hinzuwirken, wo die zweifelnden,
distanzierten und kritischen Menschen keinen Platz mehr finden würden.
Gerade an ihnen muss die Seelsorge ihre diakonische Grösse erweisen
und darf mit gelassener Absichtslosigkeit ruhig ein wenig «pastoraler
Dienstleistungsbetrieb» sein. Andererseits ist dies auf Dauer nur
möglich, wenn die tragenden und den Weg der Glaubensgemeinschaft mitgehenden
Christen genügend gestärkt und genährt sind. Wo es keine
Mitte gibt, kann auf Dauer auch kein Rand mitgeführt werden! Und wer
sich immer nur am Rand aufhält, steht plötzlich selber draussen!
Daher: Betonung der kirchlichen Eigenkultur.
In diesem Zusammenhang taucht nun die Frage auf, wo und wie Pfarreiangehörige
in die Tiefe gehen können, wie in der Pfarrei selber Orte des Austausches
über Glauben und Leben gefördert oder allenfalls geschaffen werden,
etwa in Bibelgruppen, Familienkreisen, Jungendgruppen usw., Orte also, wo
biographienahe Glaubenserfahrung möglich wird. Dass hier viele geistliche
Bewegungen einen Vorsprung in der Anpassung an die Herausforderung der spätmodernen
Gesellschaft und der durch sie hervorgerufenen Sehnsucht nach Gottes- und
Menschenbegegnung haben, ist nicht zu bestreiten. Das ist eine Tatsache,
mit der umzugehen es gerade in den Pfarreien zu lernen gilt. Pfarreien und
geistliche Bewegungen sind meiner Meinung nach je eigene, nicht aufeinander
reduzierbare, aber dennoch komplementäre Sozialgestalten der Kirche,
die sich zu gegenseitiger Entfaltung behilflich sein können. Dass dies
nicht in jedem Fall gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren (und
auch von den einzelnen Bewegungen selber) ab. In Zukunft wird die gegenseitige
Annäherung von Pfarreien und geistlichen Bewegungen meines Erachtens
eine wichtige Aufgabe sein, wobei notgedrungen die Grenzen der jeweiligen
Ortsgemeinde eher relativiert werden.
Sehr geehrter Pfarrer Baechler, ich verstehe Ihren Hinweis auf die Gefahr
der latenten Pfarreivergessenheit und empfinde dies als Ausdruck Ihrer Sorge
um die Realität der Pfarrei, die durch nichts zu ersetzen, aber durch
vieles zu verlebendigen ist. Hier gilt es, das Wort des heiligen Paulus
in die Tat umzusetzen nach dem Grundsatz von Phil 4,8: «Was immer
wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend
heisst und lobenswert ist, darauf seid bedacht» ebenso wie nach 1
Tess 5,21: «Prüfet alles, und behaltet das Gute!».
Ich verbleibe mit diesen kurzen Gedanken zu einem weiten und aktuellen Thema
und grüsse Sie freundlich Thomas Ruckstuhl