6/2000

INHALT

Wortmeldung

Schwule Seelsorger

Der Beitrag «Kirche und schwule Seelsorger» (SKZ 4/2000) hat zahlreiche Wortmeldungen und Reaktionen ausgelöst. Der Leser/Die Leserin der SKZ ­ allerdings nicht der Boulevardpresse ­ wusste diesen Beitrag in den grösseren Zusammenhang einzuordnen oder hätte diese Möglichkeit gehabt. Denn einerseits haben wir bereits verschiedene Beiträge zum Thema Homosexualität veröffentlicht und werden wir weitere veröffentlichen; bevor wir jedoch einen weiteren «sachverständigen», «objektiven» Beitrag veröffentlichten, wollten wir einen Betroffenen zu Wort kommen lassen. Weil wir gleichzeitig eine Folge von Beiträgen zum Themenkreis «Kirchliche Berufe» veröffentlichen, gaben wir einem betroffenen Seelsorger das Wort: Der Leser/Die Leserin sollte so zur Kenntnis nehmen können, was ein Betroffener zum Thema zu sagen hat, auch wenn er/sie es anders sagen würde, auch wenn er/sie etwas anderes sagen würde. In einigen Reaktionen wurde dies verstanden und begrüsst, dass einmal nicht über die Homosexualität geschrieben wurde, sondern ein Schwuler selber schreiben konnte. Andere erklärten, durch diese Publikation habe die SKZ sie enttäuscht oder der Beitrag habe sie verletzt; seine Absicht war aber gegenteilig. Wenige setzten zu einem sachlichen Gespräch an, darunter der Abt von Engelberg mit der folgenden Wortmeldung. Redaktion

Mit Normen umgehen

Das Thema und das Problem der Homosexualität im Umfeld der Seelsorge ist gewiss aktuell und wichtig für die Kirche. Es gibt viele offene Fragen, die diskutiert werden müssen. Auch die Psychologie ist weit davon entfernt, eine einheitliche Meinung zur Homosexualität zu haben. In der psychologischen Praxis erscheint Homosexualität oft im Zusammenhang mit persönlichen Entwicklungsproblemen.
Der Artikel von Gianfranco Christen spricht die Homosexualität von Seelsorgern an, kommt dann allerdings im zweiten Teil als Rechtfertigungsschrift daher, ja sogar als Propaganda für die homosexuelle Lebensform und -praxis, die nicht auf Polemik gegen die recht zurückhaltenden Verlautbarungen des kirchlichen Lehramtes verzichtet und bezeichnenderweise «Wünsche» des Autors an die Kirche apodiktisch als «Müssen» formuliert.
Wer den christlichen Glauben ernst nimmt und aus ihm seine Lebensorientierung zu gewinnen sucht, wird diesen Artikel und die Art und Weise, wie er in einem «amtlichen kirchlichen Organ» mit grösster Selbstverständlichkeit publiziert wird, bedauern, da er Verwirrung stiftet und ein Problem verwischt.
Im Sinn des Evangeliums bemüht sich die Kirche um Zurückhaltung und Toleranz in den Fragen der Homosexualität. Die Gemeinschaft der Kirche ist durch Jesus Christus ermächtigt, mit Geboten und Normen wie Christus selbst umzugehen, das heisst, Lasten zu lösen, Ängste abzubauen und auf Strafandrohungen zu verzichten, aber sie wird nicht Gebote, die in der Heiligen Schrift und in der Lehre und Tradition der Kirche klar als geltende Norm bezeugt sind, beiseite schieben und ins Gegenteil umkehren können, wie es der Autor in seiner Beurteilung der Homosexualität tut und von der Kirche fordert.
In diesem Zusammenhang ist sehr wohl zu bedenken, dass die Ur-Versuchung auch heute wirksam ist, dass der Mensch wie Gott sein und selbst darüber befinden will, was recht und unrecht, gut und schlecht ist, und sich dadurch in die grösstmögliche Distanz zu Gott stellt.

Abt Berchtold Müller

 

Sich der «anderen» Seite annehmen

Seit dem Erscheinen der Presseartikel über «Reto A.» liegt ein unversandter, sehr persönlicher Brief an unseren Bischof Kurt Koch auf meinem Tisch. Schon bald wusste ich, dass ich diesen nie abschicken würde. Welchem Ziel sollte es dienen!? Seit Jahren warte ich auf Bearbeitung vielfältigster Themen, darunter die Homosexualität nur eines darstellt. Was seit dreissig Jahren thematisch im gesamtgesellschaftlichen Kontext schon fast politisches Profil erhalten hat, dem hat sich die Kirche bisher scheinbar enthalten. Da ist die Enthaltsamkeit nun tatsächlich zur Untugend verkommen!
Umso bedeutsamer und erfreulicher ist die Feststellung, dass die SKZ einem Autoren die Plattform für seine Gedanken und Recherchen zum «Schwulsein» in den Kreisen von Seelsorgern zur Verfügung stellt. Verunsicherung ist eine Erscheinungsform hüben wie drüben. Ich bin froh, dass zwar nicht die Bischofskonferenz, aber doch zumindest ihr amtliches Organ, die SKZ sich auch der «anderen» Seite annimmt und so Vertrauen statt Vertrauensentzug ermöglicht.
Herrn Gianfranco Christen gratuliere ich zum sensiblen Umgang mit seiner persönlichen Wahrhaftigkeit.

Eleonora Knöpfel-Meile


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000