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4/2000
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I, II, III usf.
Wir sind in Nr. 46/1999 (Das Dritte Testament) auf einen atemberaubenden
Parcours in Semiotik (Lehre von Zeichensystemen) mitgenommen worden. Wir
lernen zum Beispiel erstens , dass «Heilige Schriften»
nicht von einer dazu befugten Instanz als solche definiert werden, sondern
von jeder Gruppe aus allen vorhandenen sonstigen Texten ausgewählt
werden, die dadurch «eine ermächtigende Autorität»
bekommen. Nicht neu, aber in diesem Zusammenhang aufschlussreich ist
zweitens , dass es nicht nur sprachliche Texte gibt, sondern auch zum
Beispiel körperliche; so kann denn «der Körper... nach allen
Regeln der Grammatik gelesen werden wie ein Text», und so werden dann
wiederum beliebig ausgewählte (Frauen-)Körper «Heilige
Schriften». Weiter haben wir es drittens beim so genannten
Neuen Testament «literarhistorisch betrachtet» «mit
einem Kommentar zum Alten oder Ersten zu tun, der nach wie vor Muttertext
bleibt». Natürlich sind auch Bilder solche Zeichen, und so zeigen
denn viertens «die Heiligenfiguren in den untersten Registern
der vollständig ausgemalten orthodoxen Kirchen, auf der Höhe der
Gläubigen», wie die Biblische Heilsgeschichte «an die kirchliche
Basis und in die Gegenwart hinein» geholt werden.
Vielleicht wird es gut sein, einmal das orthodoxe Bildprogramm, wie es sich
im Laufe der Zeiten und quer über die Welt verschieden entfaltet hat,
genauer anzusehen, dann ergibt sich nämlich überhaupt kein Beleg
für die oben stehende Behauptung: die «Heiligenfiguren»
(sind Figuren der Heiligen ganz oder ausschnittweise gemeint,
oder Ereignisse aus der Heilsgeschichte, oder Christus usw.?). Die findet
man über die ganzen Wände bis hoch oben und in den Absiden, auf
Säulen und Kuppeln verstreut, und der Sinn der ganzen (relativ!) «vollständig
ausgemalten orthodoxen Kirchen» ist nicht das Herunterholen auf die
Basis, sondern das Heraufholen der Gläubigen in die Göttlichen
Geheimnisse hinein: Wort, Bild, Musik usw. tragen vereint dazu bei. Wenn
man schon fremde Texte (hier ein Bildprogramm) vorlegt, sollte man eben
die entsprechende Grammatik kennen, und diese wird nach wie vor tradiert
und nicht jeweils neu erfunden; zuständig für diese Grammatik
ist die Orthodoxe Kirche.
Das NT als Kommentar des AT, etwa so, wie nach Whitehead alle abendländische
Philosophiegeschichte nur aus Fussnoten zu Platon besteht? Aus Angst, in
den alten heillosen Antijudaismus zu verfallen, wagt man gar nicht mehr
Christ zu sein und erklärt das AT zur Norm und nicht den menschgewordenen
Logos (womit das Wort und die Sprache einen Primat vor allen anderen «Texten»
beibehält!). (Um Missverständnisse zu vermeiden, darf ich darauf
hinweisen, dass ich als Gymnasiast und Hebräisch-Lernender einmal den
Synagogengottesdienst besuchte und mich vom Rabbiner in einer Sonderlektion
so gründlich aufklären liess, dass mir kein Schimmer von Antijudaismus
bleiben konnte ganz abgesehen vom Studium der einschlägigen Literatur
seither.)
So wenig es nach dem Alten und Neuen Testament noch ein Post-Neues Testament
gibt, ist die Zählung nach Erstem und Zweitem Testament nach vorne
offen, so dass man Körper, Bilder, Geschichten usw. zu Drittem (und
warum nicht fröhlich weiterzählend) Testament erklären kann;
Testament heisst Bund, und es geht dort um Bundesschlüsse zwischen
Gott und den Menschen. Was wir glücklicherweise neu gelernt haben,
ist, dass der Alte Bund durch den Neuen nicht aufgehoben ist. Was nach dem
AT und NT die gewiss zusammen gesehen werden müssen geschieht,
ist Gottes Heilshandeln an den Menschen, vornehmlich durch und in der Kirche.
Man wird die Offenbarung im engeren Sinne davon unterscheiden, so gut wie
man Heilige sorgfältig von Gott unterscheiden wird (wir beten sie ja
nicht an, obwohl man uns das immer wieder unterschiebt). Gott ist zwar Mensch
geworden, damit wir Gott werden, aber nicht im Wesen, sondern durch gnadenhaft
geschenkte Teilhabe, sagen uns die Orthodoxen.
Aber dass nun gar der Druck, Vertrieb und Kauf nur des Neuen Testamentes
(oder gar einer einzelnen biblischen Schrift) als «Eklektizismus»
getadelt wird, schlägt dem Fass den Boden aus. In jedem Buch der Bibel
kann ich Gott begegnen, und für den Christen gilt nach wie vor
ohne Verachtung des Alten Testamentes das Neue Testament als wegweisend.
Manchmal ist ja der Kommentar erhellender als der «Muttertext».
Iso Baumer
© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000