51-52/2000 | |
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Kirche in der Welt |
Die politischen Ereignisse auf diesem für Christen, Juden und Muslime
«heiligen Boden» sind seit dem Herbst 2000 dramatisch. Sie haben
unmittelbare Auswirkungen auf das Caritas Baby Hospital (CBH). Das CBH liegt
nahe an der Grenze zu Jerusalem; wohl wegen der Nähe zu Rahels Grab,
heute ein Heiligtum der Juden, gehört es zur Zone C im Westjordanland.
Es liegt also auf dem Territorium von Bethlehem, die Herrschaft über
diese Zone sitzt aber in Jerusalem.
An vielen Tagen und vor allem in vielen Nächten ist die Situation in
der Region kriegsähnlich. Schiessereien sind vor allem in der Nacht
zu hören, verbunden mit dem Knattern der gepanzerten Helikopter, die
auch über das CBH fliegen und ihre «Last» im nahen Beit
Jala, einem christlichen Gebiet, abwerfen. Dieser Schiesslärm lässt
die Leute nicht schlafen, und er ist für das Wohl der Babys und Kinder
im Spital wenig förderlich. Das Personal lebt dauernd in grosser Angst;
es könnte sich ja plötzlich ein Geschoss «verirren»,
wie die Bethlehem Universität es erleben musste. Die Folgen sind nicht
auszudenken. Auch daheim fühlen sich die meisten durch die Schiessereien
unsicher. Wut, Hilflosigkeit, Verbitterung und Verzweiflung kennzeichnen
das Empfinden der Leute in Bethlehem. Im Moment, wo diese Zeilen geschrieben
werden (Anfang Dezember), wagt niemand die Prognose, ob bald ein «schiess-freies
Nebeneinander» möglich wird. Seit Jahren wurden Fakten geschaffen,
vor allem hinsichtlich Landnahme mit Bau von Siedlungen und Strassen, die
realistischerweise nicht korrigiert werden können. Aber gerade das
bleibt bei den «andern» ein Stachel schreiender Ungerechtigkeit,
der endlos weh tut.
In diesem hier angedeuteten Lebenszusammenhang muss der Betrieb des CBH
in den letzten Monaten gesehen werden.
Vorerst eine frohe Feststellung: Nach langer, allzu langer Zeit konnten
die unvermeidlichen Renovations-, Umbau- und Erweiterungsarbeiten vollendet
werden. Auch das Äussere des Spitals und der Umgebung (Eingang, Zufahrt
und Parkplätze) ist ausgeführt. Der Spitalbetrieb konnte also
wieder vollumfänglich aufgenommen werden.
Aber dann kamen die politischen Wirren mit der damit verbundenen Abriegelung
der Grenzen zwischen Bethlehem und Jerusalem; öfters auch von Dörfern
aus der Umgebung von Bethlehem und Hebron. Die kranken Babys konnten an
vielen Tagen gar nicht ins Spital gebracht werden; andere, die sich im Spital
erholten, konnten von den Eltern nicht abgeholt werden. Öfters war
es auch für Angestellte im Spital, auch Ärzte, schwierig, das
Spital zu erreichen, oder nach getaner Arbeit das Spital zu verlassen. So
hatte oft der ganze Betrieb ein ungewolltes Durcheinander. Die Folge ist,
dass die Betten unterbelegt sind, obwohl genügend Kranke auf ein Bett
warten und das Spital sie aufnehmen könnte. Das ist ärgerlich,
weil in dieser Situation viele kranke Babys und Kinder, die dringend Hilfe
bräuchten, die vom CBH auch geleistet werden könnte, keine Hilfe
erhalten.
Bei den Patienten sind nach wie vor ähnliche oder gleiche Krankheitssymptome
festzustellen. Die angeleitete Selbsthilfe zur Verbesserung der Hygiene
und der Ernährung macht wenig Fortschritte. Die politische Unsicherheit,
die Erfahrung, deklassiert zu sein, führt bei der armen Bevölkerung
zu einer Art allgemeiner Depression und lähmt so jede Motivation zur
Selbsthilfe. Im CBH ist dennoch die Mütterschulung ausgebaut worden;
aber wo Angst herrscht, hat Bildung einen schweren Stand.
Gesamthaft darf festgestellt werden, dass das Personal im CBH bei all den
vielen psychologischen Strapazen das Mögliche in der Erfüllung
ihres Auftrages leistet. Erstaunliches leistet das Team des CBH im Dorf
Nahalin. Allen Hindernissen zum Trotz geht es, oft auf Schleichwegen, hartnäckig
an die Arbeit ins Dorf und setzt sich einfach durch. Das Team ist ein kleines
Beispiel, mit welch eisernem Willen die Palästinenser um ihr Land und
Recht kämpfen.
Die politische Situation wirkt sich für viele wirtschaftlich katastrophal
aus. Viele Menschen aus Bethlehem arbeiten und verdienen ihren Lohn in Israel.
Bei gesperrten Grenzen gibt es in der Familie kein Einkommen höchstens
durch die/den Angestellte/n im CBH. In Bethlehem ruht der Markt weitgehend;
der Tourismus ist an vielen Tagen praktisch gleich null; wer will schon
unter diesen Umständen nach Bethlehem! Weil in manchen Familien noch
ein einziges Mitglied verdient, klagen Leute auch vom Spital, dass sie unter
dem Existenzminimum leben müssen. Die Spitalleitung und der Vorstand
der Kinderhilfe Bethlehem (KHB) nehmen diese Klagen ernst und versuchen
zu helfen; aber Wunder wirken und das ganze Elend auffangen kann die KHB
nicht.
Hinzu kommt der teure Dollar, mit dem in Bethlehem die Löhne berechnet
werden. Bekanntlich ist der Dollar in Deutschland und in der Schweiz recht
teuer geworden. Dies engt den finanziellen Spielraum der KHB sehr ein. Dank
einer sehr vorsichtigen Finanzpolitik seit Jahrzehnten ist es möglich,
auch unter diesen ungünstigen Voraussetzungen in Bethlehem für
das Personal sozial gerechte Löhne auszurichten.
Vom hohen Dollar ist vor allem die Projektarbeit betroffen. Die Hilfe an
bis zu fünfzig Institutionen für Mutter und Kind im «grossen
Heiligen Land» und Beiträge an christliche Schulen müssen
massiv reduziert werden. Denn das CBH ist und bleibt die erste und auf Dauer
angelegte Verpflichtung der KHB; die muss unter allen Umständen durchgehalten
werden. Bei dieser eher traurigen Feststellung soll nicht unerwähnt
bleiben, dass die KHB dank der Mitarbeit bei vielen Projekten im «Orchester»
der vielen christlichen, einheimischen und vom Ausland kommenden Institutionen,
die sich für Hilfe und Bildung einsetzen, eine Stimme ist, die gerne
gehört wurde und auf die man auch in Zukunft hofft.
Die KHB hat in Deutschland, in Liechtenstein, Italien und der Schweiz einen grossen Gönnerkreis, der auch in Zukunft der KHB und damit dem Baby Hospital in Bethlehem die Treue hält. So wird auch im kommenden 3. Jahrtausend die Botschaft von Frieden und Menschenfreundlichkeit, wie sie die Engel bei der Geburt Jesu Christi verkündeten, gerade auch durch das CBH weitergegeben. Der Segen Gottes ruht bei so viel menschlich gutem Willen sichtbar auf dem Werk in Bethlehem. Mit solcher Überzeugung sei zum Voraus allen Einzelnen und allen Pfarreien herzlich gedankt, die an Weihnachten 2000 ihre häusliche und pfarreiliche Krippe verbinden mit der heute lebendigen Krippe in Bethlehem, dem Caritas Baby Hospital.
Pfarrer Robert Füglister prägte in den letzten 22 Jahren die Kinderhilfe Bethlehem (KHB) wesentlich mit während 10 Jahren als Vizepräsident und in den letzten 12 Jahren als Präsident, dem das Wohl der palästinensischen Kinder stets ein prioritäres Anliegen war. An der Generalversammlung vom 28. Juni 2000 gab er die Präsidentschaft an Margrit Zemp-Ineichen weiter; als neuer Vizepräsident unterstützt sie Michael Schweiger, Leiter der Erwachsenenpastoral im Seelsorgeamt des Erzbistums Freiburg i.Br.; als Vertreter des Bistums Basel ist Pfarrer Paul Rutz neu im Vorstand. Weil Pfarrer Robert Füglister noch bis Ende Jahr im Vorstand beratend mitarbeitet, wird er erst an der nächsten Generalversammlung verabschiedet. In seinem nachstehenden kurzen Rückblick fasst er indes bereits das übernächste Jahr ins Auge.
Das Baby Hospital in Bethlehem kann im Jahr 2002 den 50. Geburtstag feiern. Der Rückblick auf die Geschichte des Werkes, vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten, gibt Genugtuung. Es konnte nie allen, aber es konnte vielen, sehr vielen geholfen werden. Und es waren immer sehr viele gute Leute im Heiligen Land und in Europa, die einen Teil ihres Herzens in Bethlehem verwurzelt haben. Gott selber ist es, der mit seinem Segen den Dank spendet. Solche Hoffnung lässt Zuversicht walten, wenn man nach vielen Jahren froher Arbeit die Bühne verlässt.