36/2000 | |
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Kirche in der Welt |
Im August 2000 wurden die Jugendlichen zum Weltjugendtreffen in Rom eingeladen, nach Paris (1997), Manila (1995), Denver (1993), Tschenstochau (1991), Santiago de Compostela (1989), Buenos Aires (1987) und Rom (1985). Für die nötigen Informationen, Anmeldungen und die Reisegruppen wurden in der Schweiz drei eigene Stellen in Zürich, Lausanne und im Tessin errichtet. So zogen aus der deutschen Schweiz etwa 300, rund 500 Romands und 250 Tessiner nach Rom, dazu weitere Gruppen, im Ganzen rund 1500 Schweizer.
Wie schon bei früheren Weltjugendtreffen gab es nicht einfach nur
Massenanlässe, sondern viele Begegnungen in kleinen Gruppen und an
verschiedenen Orten. So wurden die Jugendlichen vom 10.14. August in
die italienischen Diözesen eingeladen. Die Westschweizer zogen nach
Verona, die Tessiner nach Umbrien, die Deutschschweizer nach Montepulciano
und Florenz. Alle berichteten vom liebenswürdigen Empfang in den italienischen
Familien und Pfarreien. Schon dort trafen sie andere Ausländergruppen.
Die Schweizer machten in Montepulciano eindrückliche Ausflüge
nach Assisi, Perugia und Siena. In Florenz wurden die Jugendlichen im einmalig
schönen Baptisterium in die Schätze der christlichen Kunst eingeführt.
In Florenz wirkten grösste italienische Dichter wie Dante, Petrarca
und Boccaccio und die Maler Cimabue, Giotto, Fra Angelico, Masaccio, Lippi,
Botticelli, da Vinci, Michelangelo, Raffael und viele andere. Heute werden
viele Katholiken in Florenz ausgebildet, um in den Kirchen den Touristen
die christliche Kunst zu deuten, damit sie mit der Kunst auch den christlichen
Glauben besser verstehen können. Am Freitag pilgerten die 2000 ausländischen
Jugendlichen auf den Montesenario, wo im 13. Jahrhundert sieben Florentiner
Kaufleute den Servitenorden gründeten, um Gott und den Menschen zu
dienen.
In Florenz konnten die Jugendlichen die weltbekannten Kunstwerke im Markuskloster,
in der Akademie und in den Uffizien mit Gratiseintritt besuchen. Am Sonntagabend
versammelten sich alle mit dem Florentiner Kardinal Silvano Piovanelli im
Dom zu einem vielsprachigen Gottesdienst mit hinreissenden Gesängen.
Der Schlusspunkt war der gemeinsame Auszug mit frohem Gesang, mit Lichtern
und dem Evangelium auf dem grossen Domplatz. So konnte jeder merken, dass
die Frohe Botschaft nicht nur für die Kirche, sondern für die
ganze Welt bestimmt ist. Dorthin haben wir sie zu bringen!
Am 14. August fuhren alle Gruppen in ihren Bussen nach Rom und Umgebung, um die zugewiesenen Quartiere, meistens Massenlager in Pfarreien und Schulhäusern, zu beziehen. Dort feierten sie am 15. August das Muttergottesfest in mehrsprachigen Pfarreigottesdiensten. Am Abend des 15. August begrüsste Papst Johannes Paul II. die herbeigeströmten Jugendlichen, rund 300000 Italiener auf dem Platz der Lateranbasilika, über 400000 Ausländer auf dem Petersplatz. Der Papst nannte die 160 Länder, aus denen die Jugendlichen kommen. Sie machten sich mit ihren Landesfahnen bemerkbar. Dazu wurden sie auch durch alle Teilnehmer mit farbigen Blättern begrüsst: Blau für Europa, Rot für Amerika, Gelb für Asien, Grün für Afrika und Orange für Ozeanien und Australien, die Farben, welche auch im Jubiläumssignet «2000 Jahre Jesus Christus» zu finden sind.
Der Papst erläuterte das Motto des Weltjugendtreffens «Und
das Wort ist Fleisch geworden» und lud alle Jugendlichen ein, sich
Christus zu öffnen und ihm in diesen Tagen persönlich zu begegnen.
Hilfe dazu bot das ansprechende Programm, das jedem Jugendlichen in einer
eleganten Pilgertasche abgegeben wurde. Dort waren neben einem Stadtplan
und Vademekum auch ein anregendes Gebetsbuch, ein Evangelium, eine antike
Öllampe mit Kerze, ein Sonnenhut und zwei schöne farbige Tücher
zu finden, die ebenso als schmuckvolle Erinnerung wie als Halstücher
dienen. Besonders wertvoll war der beigelegte Personalausweis, der freie
Fahrt auf allen Verkehrsmitteln ermöglichte.
Sehr geschätzt waren am Mittwoch- bis Freitagmorgen die Katechesen,
welche von über 323 Bischöfen und Kardinälen in 32 Sprachen
gehalten wurden. Aus der Schweiz waren Weihbischof Martin Gächter,
Weihbischof Pierre Bürcher und Bischof Amédée Grab dabei.
Auf diese Katechesen folgten angeregte Diskussionen und lebendige Eucharistiefeiern.
Jeder Jugendliche war an einem Tag auch zur grossen Jubiläumswallfahrt
zum Petersdom mit der Heiligen Pforte eingeladen. Auch diese Wallfahrt wurde
mit dem Gebetsheft, mit Bildern und Wortimpulsen sinnvoll gestaltet, was
sich auch in der grossen inneren Sammlung der Jugendlichen ausdrückte,
die in einem grossen Zug von 7 bis 23 Uhr durch den Petersdom gingen, jede
Stunde etwa 20000. Anschliessend wurde im Circo Massimo eine Beichtgelegenheit
mit 360 Beichtstühlen geboten, die von 200000 bis 300000 Jugendlichen
benutzt wurde.
Eindrücklich war auch der grosse Kreuzweg, der vom Kapitol zum Kolosseum
führte. Durch Mitgehen, am Wegrand und an Fernsehschirmen, konnten
400000 Jugendliche diesen Kreuzweg mitbeten, der mit einigen neuen Stationen
(Fusswaschung, letztes Abendmahl, Verrat) wie auch durch die jugendlichen
Zeugnisse vom Leiden in den verschiedenen Ländern alle betroffen machte.
Dieser Weltjugendtag in Rom zeichnete sich durch eine besondere religiöse
Tiefe aus. Da wurden nicht einfach moderne Events geboten, sondern alte
klassische Traditionen der katholischen Kirche wie Katechesen, Wallfahrt,
heilige Pforte, heilige Messe, Beichte, Kreuzweg wurden neu erklärt,
gefällig und überzeugend angeboten. Die Jugendlichen haben sie
überraschend gut angenommen.
Dazu gab es ein reiches Angebot von Jugendanlässen mit Musik, Gesang,
Musicals, Diskussionen, Gebet und Stille, angeboten von verschiedensten
Jugendgruppen, Nationen und Bewegungen.
Rom zeigt sich in diesem Heiligen Jahr so schön und herausgeputzt wie
noch nie. Fassaden von Kirchen und Palästen wurden aufgefrischt, die
Tiberbrücken leuchten im blendenden Weiss. Es gibt neue Unterführungen,
Parkplätze, neu geteerte Strassen.
Die Weltjugendtage wurden auf den Ferragosto Mitte August gelegt, da die
meisten Römer in den Ferien sind und der Verkehr in den engen Römer-Strassen
minim wird. So war mehr Platz da für die grossen Mengen der Jugendlichen
aus aller Welt. Ihnen fiel auf, wie sorgfältig die Italiener dieses
Weltjugendtreffen geplant und vorbereitet haben. Trotz den enorm grossen
Menschenmengen konnten alle Probleme erstaunlich gut bewältigt werden:
der Verkehr, die Verpflegung an 350 mobilen Stellen, die vielen kleinen
Treffen überall in der Stadt und auch die 3 Grossanlässe.
Durch Medienberichte könnte man den falschen Eindruck bekommen, die Weltjugendtage beständen vor allem aus Grossveranstaltungen mit dem Papst. Diese finden während den fünf Tagen nur dreimal für drei Stunden statt: die Eröffnungsfeier am Dienstagabend, die Vigilfeier am Samstagabend und der Schlussgottesdienst am Sonntagmorgen. Dort kamen zuletzt rund 2 Millionen Menschen zusammen, darunter auch 5000 Behinderte, die sorgfältig betreut wurden. Sonst gibt es viele kleine Treffen, wo sich die Jugendlichen aus 160 Nationen einzeln oder in kleinen Gruppen begegnen können. Da wurden viele Gespräche geführt, Freundschaften geschlossen, über die Lebensweise und die Probleme jedes Landes ausgetauscht.
Das besonders Wertvolle und Bleibende dieser Weltjugendtreffen besteht darin, dass die Jugendlichen aufhören, Nationalisten zu sein und sich besser zu fühlen als die andern. Sie entdecken da die andern Nationen, ihre Lebensweise, ihre Lieder und Lebensfreude. Den ganzen Tag grüssen sich die Jugendlichen der verschiedenen Sprachen mit freundlichem Winken. Wenn sich heute viele Sorgen machen über den zunehmenden Nationalismus und Rechtsradikalismus bei jungen Menschen, kann man bei den Weltjugendtreffen genau das Gegenteil erleben: Da wächst die Freude am Ausländer. Da wird Fremdenangst überwunden. Eine weltweite Geschwisterlichkeit wächst im Geiste Jesu Christi und seiner Kirche. Da gibt es keine Gewalt, keine Hooligans und Rowdys wie an gewissen Sport- und Pop-Anlässen. Da gibt es keine Drogen und Sex-Exzesse, sondern eine friedliche, lustige, aufgestellte und aussichtsvolle Jugend! Ja, die gibt es eben immer noch.
Die Jugendlichen kommen besonders wegen den andern Jugendlichen zum Weltjugendtreffen.
Sie wollen diese grosse Gemeinschaft und den Frieden unter so verschiedenartigen
Menschen erleben. Sie wünschen sich auch eine bessere Zukunft dieser
Welt, auf die unser Papst immer hinweist. Dabei setzt der Papst sein besonderes
Vertrauen auf die Jugendlichen, die ja diese bessere Zukunft suchen und
aufbauen möchten.
Daher sind die Jugendlichen unserem Papst Johannes Paul II. so dankbar,
dass er sie zu diesen Treffen einlädt. Sie lieben den Papst, auch wenn
sie nicht alle seine Worte befolgen. Sie lieben den Heiligen Vater eben
genauso wie ihre Eltern, deren gute Ratschläge sie auch nicht immer
befolgen, ohne damit den Eltern ihre Liebe zu kündigen! Es ist unzutreffend,
diese Jugendlichen als Papst-Fans oder als konservativ zu bezeichnen. Sie
sind ganz unterschiedlich: oft kritisch, aber auch neugierig. Einige sind
kirchenfremd, andere in der Kirche engagiert, mehr in den Pfarreien als
in neuen Bewegungen oder konservativen Gruppen.
Sie benutzen diese Tage, um sich im Glauben zu vertiefen, um Gott zu
erfahren und miteinander darüber zu reden. Schöne Gelegenheiten
dazu sind die Schlussfeiern am Samstagabend und am Sonntagmorgen. Viele
konnten sie am Fernsehen verfolgen und dabei feststellen, dass das keineswegs
nur Papstshows waren. Viele Jugendliche drücken dabei ihre eigenen
Erfahrungen, Wünsche und Gebete aus. Viele Priester und 600 Bischöfe
konzelebrieren in neu kreierten, farbenfrohen Messgewändern. Eindrückliche
Lieder werden gesungen.
Die Jugendlichen nehmen grosse Strapazen auf sich, um nach langen Fussmärschen
in glühender Hitze nach Tor Vergata zu kommen. Ein afrikanischer Bischof,
dem ich sagte, hier sei es ja so heiss wie in Afrika, meinte: «So
heiss ist es in Afrika nicht, nur in der Wüste!» So waren viele
dankbar, dass die Feuerwehr mit ihren Schläuchen das Wasser diesmal
über die Menschenmenge spritzte. Genügend Wasserflaschen, aber
auch Sanitäter und Schattenzelte waren bereit, um den an Hitze Leidenden
beizustehen.
Italiener, die bei uns in der Schweiz leben, kamen diesmal nicht zum Weltjugendtreffen
nach Rom. Am Ferragosto gehe man ans Meer, nicht nach Rom! Das tun höchstens
die Verrückten! Alle «Verrückten», die am Weltjugendtreffen
waren, kehrten trotz aller Strapazen mit grosser Begeisterung heim. Sie
haben viele andere Jugendliche erlebt, grossen Frieden, eine Freude, die
von Gott kommt. Sie haben die Liebe Jesu erlebt, der schon seit 2000 Jahren
als «Immanuel» (Gott mit uns) auf dieser Erde wirkt. Sie freuen
sich auf das nächste Weltjugendtreffen 2002 in Toronto.
Martin Gächter, Weihbischof im Bistum Basel, nimmt in der Bischofskonferenz eine besondere Verantwortung für die Bereiche Geistliche Gemeinschaften, Jugend, Laienapostolat und Geistliche Bewegungen wahr.